“Der Medicus” – ein Musical, das beeindruckt

Fast jedem ist die Geschichte des jungen Rob Cole, der seinen Weg sucht und findet, ein Begriff. Noah Gordons Buch “Der Medicus” ist aus der Welt der Literatur nicht mehr wegzudenken und der Stoff des Buchs befügelt und berührt jeden auf eine ganze eigene Weise.

Der Weg vom Buch zum Musical

Buch, Kinofilm, TV-Zweiteiler und Musical – “Der Medicus” ist eine Erfolgsgeschichte, in jeglicher Hinsicht. Noah Gordons Buch erweckte die Geschichte zum Leben; die filmischen Umsetzungen machten ihm alle Ehre und die Musicaladaption wurde nach ihre Uraufführung 2016 gefeiert und umjubelt.

Komponist und Autor Dennis Martin nahm die ehrenvolle und spannende Aufgabe an und setze das Epos für die Bühne um. Kein leichtes Unterfangen, den um den Weg des Rob Cole in Gänze zu erzählen würde jeden Rahmen einen Abendshow sprengen. Die Umsetzung erfordert Fingerspitzengefühl, nicht nur bei den Kürzungen sondern auch bei der musikalischen Komponente. Nur allzu leicht könnte man in den düsteren Zeiten des Epos in der Schwere einer Wagneroper verschwinden und sich dann in der lebensfrohen Stadt Isfahan in einem grellen Disneymusical wiederzufinden. Beides wäre dem Stück nicht bekommen.

Dennis Martin hat die Gratwanderung geschafft und ein Werk kreiert, das durch seine Nachdenklichkeit und Tiefe aber auch durch Mut und Lebensfreude besticht und musikalisch eine große Bandbreite an ungehörten Melodien serviert. Erfrischend, gerade jetzt, während der Trend zum Recycling von Popsongs driftet.

Zeitloses Epos

“Der Medicus” erzählt von dem jungen Engländer Rob Cole, der nach einigen Schicksalsschlägen seine Bestimmung sucht und findet: er will Medicus werden. Doch die Bestimmung bedeutet für ihn einen schweren Weg, denn Geheimnisse der Medizin findet er im Abendland nicht. Entschlossen macht er sich auf den Weg nach Persien. Dort gibt er sich als Jude aus, weil er als Christ nicht an der Madrasa studieren darf. Und letztendlich findet er neben seiner Bestimmung auch seine große Liebe.

Die Geschichte hat die Themen, die wichtig sind: Ehrgeiz, Träume, Liebe und das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen. Und gerade im letzten Punkt ist das Musical aktuell, ohne mit dem vordergründigen plakativen Zeigefinger auf die Themen der Gegenwart. Theater haben gleichwohl eine gewisse Verpflichtung, auf aktuelle Themen hinzuweisen, doch tun sie dies momentan auf eine Weise, die zur Übersättigung und damit zur Ignoranz führt. Im “Medicus” wird das Thema als Teil der Geschichte behandelt, ganz gleich ob Buch, Film oder Musical. Es geht also auch unaufdringlicher und kommt dennoch bei den Menschen an – bei denen die zuhören wollen, alle anderen sind so oder so taub dafür.

Farben- und facettenreiche Inszenierung

An dem Gelingen einer Inszenierung haben viele Hände Anteil. In diesem Fall entstand unter der gekonnten Regie von Holger Hauer aus dem Stück mit Liedtexten und Libretto von Wolfgang AdenbergDennis Martin und Christoph Jilo ein Gesamtkunstwerk, das das Lob zu Recht verdient hat.

Für die Choreografie zeichnet Kim Duddy verantwortlich, die dafür sorgte, daß sich Hauptdarsteller und Ensemble passend zur Szenerie und Stimmung durch die Show tanzten. Hier war nichts überdreht, wenn es nicht sein sollte und nichts zu ernst, wenn die Stimmung ausgelassen war.

In dem wandlungsfähigen und unaufdringlichen Bühnenbild von Christopgh Weyers kamen die wunderbaren Kostüme, die Uli Kremer entworfen hat, zur Geltung, erst recht mit dem Lichtdesign von Pia Virolainen, die es verstand, die richtige Stimmung zur richtigen Zeit zu erzeugen.

Große Stimmen, Leidenschaft und Können

Mit musikalischer Unterstützung durch die Kölner Symphoniker, dirigiert von Inga Hilsberg, schenkte das Ensemble dem Publikum einen Abend, der durch Qualität und Inhalt mehr als nur einen Eindruck hinterließ.

Für die Hauptrolle des Rob Cole konnte Patrick Stanke gewonnen werden. Mit seiner Erfahrung, seiner Schauspielkunst und vor allem seiner ausdrucksstarken Stimme erweckte er die Romanfigur zum Leben. Man litt und freute sich mit ihm und fieberte seinem Erfolg entgegen. Neben ihm in der Hauptrolle der Mary Cullen spielte Barbara Obermeier, die ihm in nichts nachstand. Sie verkörperte die Rolle der zukünftigen Ehefrau eines Medicus mit Gefühl und Leidenschaft.

Der Medizinerstab in Persien wurde hauptsächlich von Reinhard Brussmann als Ibn Sina, Christian Schöne als Karim und Kristian Lucas als Mirdin Askari verkörpert. Sie alle boten dem Publikum durch Qualität und Überzeugungskraft höchstes Niveau. Reinhard Brussmann mimte den persischen Arzt aller Ärzte mit der erforderlichen Würde und Weitsicht ohne dabei zu übertreiben. Die Rollen der beiden Freunde Robs, Karim und Mirdin wurden von den Darstellern authentisch und hervorragend verkörpert.

In der Doppelrolle des Baders und des Quandrasseh konnte man Sebastian Lohse erleben. Wandlungsfähig zwischen dem etwas ruppigen aber liebenswerten Bader und dem mürrischen und herrischen Quandrasseh stellte er beide so unterschiedlichen Charaktere überzeugend dar.

In kleineren Rollen, aber nicht weniger wichtig und nicht weniger hervorragend, durfte man Sharon Rupa als Fara (Mirdins Frau), Caroline Zins als Robs Mutter und Leon von Leeuwenberg als Cullen (Vater von Mary) und Großwesir erleben. Sie alle erfüllten ihre Rollen mit Leben und verhalfen der Geschichte zu ihrer Dynamik.

Auch die Darsteller der Kindern, Colin Badura ( als junger Rob und Samuel), Josephine Härle ( als Anne Mary, eine Schwester Robs) sowie Tita Engelschalk (als Claire, ebenfalls eine Schwester Robs) spielten ihre Rollen professionell und überzeugend.

Natürlich seien auch die Mitglieder des Ensembles genannt, die durch kleinere Rollen sowie Tänzen den Rahmen und den Hintergrund schufen, durch die ein Stück erst ein Ganzes wird. Ihnen allen sei hier ein Lob ausgesprochen, denn die Darbietung ließ keine Wünsche offen.

Mit dabei waren: Larissa Windegger, Michelle Tönnies, Denise Obedekah, Tara Randell, Nicole Sydow, Thomas Christ, Martin Enenkel, Steven Seale, Michael Beck, Denys Magda, Farid Halim, Martin Ruppel, Andreas Nützl, Andrea Viggiano, Marjeta Urch, Stephan R. Przywara, John Baldoz,Sascha Laue, Jörg Alt, Torsten Paul

Ganz gleich ob große oder kleine Rolle, jeder trug seinen Teil zum Gelingen der Preview am 8. November 2018 im Deutschen Theater München bei – die Standing Ovations sprachen Bände – und so darf man sicher sein, daß auch die weitere Termine das Publikum überzeugen werden.

Weitere Informationen

Spieltermine zwischen dem 08. bis 25. November 2018. Mehr Informationen zu Terminen und Tickets gibt es auf der Webseite des Theaters.  (ab)

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