Was macht … ein künstlerischer Leiter?

Seit 1.5.2017 ist Michael Lakner nunmehr künstlerischer Leiter der Bühne Baden. Die Spielzeit 2018/2019 unter dem Motto „Freiheit und Gefangenschaft“ steht vor der Tür. Ein Grund mehr um uns in einem Portrait zu fragen, was denn eigentlich so alles ein künstlerischer Leiter macht, wie es ihn nach Baden verschlagen hat und was ihm alles an seinem Beruf Spaß macht.

Viele Jahre lang brachte man Lakner mit dem Lehár Festival in Bad Ischl in Verbindung. Wir wollten wissen, wie er zu seiner neuen Arbeitsstelle in Baden gekommen ist. Die Antwort, so Lakner ist „ganz einfach: Ich hatte nach 14 Jahren, in denen ich das Festival zu einer vielbeachteten, führenden und breit aufgestellten Institution gemacht hatte (wir waren ja sogar als „Bestes Opernhaus des Jahres“ nominiert und haben uns in der Fachwelt einen ausgezeichneten Ruf als elitäres Festival erarbeitet), wieder Lust auf etwas Neues. Es korreliert nicht mit meinem Wesen, mich auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Mein Sternzeichen Zwilling sorgt eher für Ruhe- und Rastlosigkeit!“ Auch fehlte ihm bald die Abwechslung im Repertoire. So wurden z.B. „Die Lustige Witwe“ und „Die Fledermaus“ zwei Mal auf den Spielplan gesetzt. Lakner ist aber bekannt dafür, dass er immer die unausgetretenen Pfade sucht und gerne verschollene Schätze des Genres ans Tageslicht fördert. In dem Zusammenhang hebt er auch die cpo als tollen künstlerischen Partner hervor. „Mit dieser CD-Firma haben wir in meiner Zeit mehr als zehn Produktionen an Randrepertoire produziert und auf Schallträger veröffentlichen können.“ Eine neue Leidenschaft erwachte in ihm, als er sein Regiedebüt mit dem Musical „Gigi“ gab und einen riesigen Publikums- und Presseerfolg verbuchen konnte. Doch noch zusätzlich den Regisseur zu seiner anspruchsvollen und arbeitsintseniven Tätigkeit als Intendant, Geschäftsführer und Marketingchef unterzubringen war sehr schwer. Die Vakanz an der Bühne Baden passte somit genau in seine künstlerische Entwicklung hinein und so entschloss er sich nach dem Motto „back to the roots“ sich wieder auf seine künstlerische Kernkompetenz zu besinnen. Lakner: „Ich kann jetzt meiner Regielust hier in Baden in paradiesischer Weise frönen. Es ist ein Geschenk, für Meisterwerke wie „Fidelio“ oder „Showboat“ Fassungen zu erarbeiten und sie inszenieren zu dürfen.“

Welche Mutter hört nicht irgendwelche Berufswünsche ihrer Kinder. „Mama ich will ein Theaterintendant werden“ – dieser wird sicher ganz selten genannt und es ist oft ein langer Weg, bis man seinen Beruf als solchen bezeichnen kann. Wir haben auch hier nachgefragt und erfuhren, dass in Michael Lakners Leben oft der Zufall Regie geführt hat. „Eigentlich wollte ich als Liedbegleiter die Podien der Welt erobern. Eine Zeit lang hat mich auch der Film sehr interessiert, also das Agieren im Film. Da ich aber zu Beginn meines Berufslebens als promovierter Jurist und ausgebildeter Musiker durch Zufall in einer Künstleragentur gelandet bin, hat das Schicksal es gewollt, dass ich dann anschließend zunächst zehn Jahre lang als künstlerischer Betriebsdirektor an der Grazer Oper (1991 – 2001) tätig war. Damit war mein Weg als Kulturmanager eigentlich vorgezeichnet. Nach einem dreijährigen Auslandsgastspiel als Operndirektor am renommierten Theater Basel, wo ich die Möglichkeit hatte, mit Regiegrößen wie Herbert Wernicke, Claus Guth und Karin Beier zu arbeiten, wollte ich gerne nach Österreich zurück. Da traf es sich gut, dass gerade die Stelle als Intendant und Geschäftsführer bei den Operettenfestspielen in Bad Ischl ausgeschrieben wurde.“ Er sah darin die große Chance dem Festival ein neues Profil bzw. eine neue dramaturgische Ausrichtung zu geben und hat es dann auch gleich zum „Lehár Festival Bad Ischl“ umbenannt. „Es war in der Tat ein langer Weg; und er war mir nicht in die Wiege gelegt.“

Lakner hat an der Uni in Wien als Jurist promoviert, an der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst (Klavier, Tonsatz, Orchesterdirigieren, Gesang) und am Konservatorium der Stadt Wien (Liedbegleitung) studiert. Wikipedia schreibt noch zusätzlich, dass er auch noch eine Gesangs- und Schauspielausbildung hat. Das klingt fast so, als ob er gerne auf der Bühne oder zumindest gern im Orchestergraben gestanden wäre. Wie kam es dennoch zum Entschluss im Hintergrund die Fäden ziehen zu wollen? „Ganz ehrlich gesagt bin ich während des zweijährigen Dirigierstudiums (bei keinem Geringeren als Karl Österreicher!) draufgekommen, dass ich im Partiturspiel nicht das große Ass bin. Ich habe während meiner Musik-Studien dann für mich beschlossen, dass mich die Liedbegleitung am meisten interessiert. Die verschieden anderen Studien haben mir aber ein sehr breites Wissen darüber, wie Musiktheater funktioniert, verschafft. Dafür bin ich sehr dankbar. Dadurch kann mir heute in keinem Bereich meines vielseitigen Berufes jemand ein X für ein U vormachen. Die Entscheidung, im Hintergrund die Fäden zu ziehen, kam, wie schon eingangs ausgeführt, eher auf mich zu, als dass ich diese pro-aktiv herbeigeführt hätte. Das ist mir einfach so passiert.“

Somit muss man jetzt nicht unbedingt eine bestimmte Ausbildung haben, denn man kann, so Lakner, sehr wohl in der Theaterlandschaft beobachten, dass sich unter den heutigen Intendanten sowohl ausgebildete Kulturmanager, Pianisten (Markus Hinterhäuser) Schauspieler, Dramaturgen, Regisseure oder Dirigenten befinden. „Das Um und Auf ist, dass man immer seine Augen und Ohren für die neuesten ästhetischen Strömungen offenhält.“

Die Bühne Baden bedient ja viele Genres, es steht nicht nur Musical, Operette, sondern auch Oper, Schauspiel, kleine Kammerkonzerte, Kindertheater uvam auf dem Spielplan. Natürlich interessierte uns auch, wie die Programmfindung für eine Saison abläuft und wie lange die Vorlaufzeit ist, bis die Programmpräsentation stattfinden kann. „Ich bin ein großer Fan von langfristiger Disposition, das habe ich noch aus meiner Zeit als Betriebsdirektor im Blut. Im optimalen Falle nehme ich mir für eine Produktion zwei Jahre Vorbereitungszeit – egal, ob ich selbst oder jemand anders Regie macht, denn aus dieser langen zeitlichen Distanz heraus kann ich den dramaturgischen Bogen, der mir für das betreffende Werk vorschwebt, perfekt gestalten. Außerdem bekommt man so früh dann auch noch die besten SängerInnen und Leading Teams, die man sich für die Erarbeitung der in Aussicht genommenen Werke vorstellt.“

Jede Saison bekommt als erstes von Lakner selbst ein Spielzeitthema verpasst und um dieses herum werden dann die passenden Titel aus Oper, Operette, Musical und Familienmusical (Anm.: um die Weihnachtszeit herum) gruppiert. Die Werke sucht er alleine aus, zumal sie eben auch zum Saisonmotto passen müssen. Lakner fügt hinzu: „Das Motto hat immer einen gesellschaftspolitischen Schwerpunkt zum Inhalt, der für unser Leben Relevanz hat. Ich finde, dass Kunst und Kultur zwar auf der einen Seite Unterhaltung bieten sollen, andererseits aber auch dazu dienen müssen, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Also mit dem nötigen Augenzwinkern und mit Witz und Ironie den Besucher/die Besucherin auch zu Reflexion anregen sollten.“

Einen Großteil seiner Zeit verbringt Lakner doch in Baden und den drei Spielstätten der Bühne Baden (Stadttheater, Sommerarena, Max Reinhardt Foyer). Wir wollten wissen, was er an Baden und den drei doch sehr unterschiedlichen Bühnen mag. „An Baden selbst mag ich die kleinstädtische Atmosphäre, die an allen Ecken an die große Vergangenheit als imperialer Kurort erinnert und die daneben lukullische Möglichkeiten bietet, z.B. kann man auf Schritt und Tritt in einen Heurigen hineinstolpern. Das Faktum, dass wir über drei Spielstätten verfügen, bietet uns die einmalige Chance zu genauer Ausrichtung der einzelnen Spielorte. Das Stadttheater steht uns vor allem im Winter für die ganze Bandbreite von Oper und Operetten über Musical bis hin zum Familienmusical zur Verfügung. Das Max-Reinhardt-Foyer bietet – ebenfalls im Winter – Kleinkunst, Kabarett und Kammermusik, die in Baden enorm nachgefragt wird. Die Sommerarena – wie der Name schon sagt – steht für sommerlich leichte Operettenkost. Welche Stadt kann sich schon glücklich schätzen, ein solches Jugendstiljuwel in ihrem Herzen zu beheimaten, wo an lauen Sommerabenden bei geöffnetem Glasdach ein Fest für Augen und Ohren geboten wird.“

Da sind sie auch schon gefallen, die Stichwörter für unsere nächste Frage. In Baden werden soviele Genres bedient, wie groß muss das Verständnis für „Theater“ im Allgemeinen sein? Lakner wurde schon als heranwachsender Knabe mit den Viren von Oper, Operette und Musical infiziert. Seine Eltern hatten nur zwei Schallplatten, „Die lustige Witwe“ und „La Bohème“, diese beiden haben seine Passion für das Musiktheater geprägt. Wie ging es dann weiter? „Ich habe ab dem zwölften Lebensjahr quasi auf dem Stehplatz der Wiener Staatsoper „gelebt“. Die Begegnung mit Filmen wie „Funny Girl“ und „Goodbye, Mr. Chips“, haben dann aber auch meine Faszination für das Musical ausgelöst. Deshalb gibt es für mich keine Unterschiede, was die Behandlung der Gattungen betrifft, sie sind für mich absolut gleichwertig. Es gibt in allen Gattungen gute und schlechte Stücke. Die aktive Auseinandersetzung mit Musik am Klavier war mir sehr hilfreich beim generellen Eintauchen in das Parallel-Universum des Musiktheaters und dabei, meine eigenen Standards zu bestimmen.“

Michael Lakners Beruf ist mit Sicherheit nicht einfach, als Endresultat muss die Auslastung stimmen und sowohl das Publikum wie auch die Kritiker zufrieden sein. Davor bedarf es aber jeder Menge Arbeit. Was ist für den künstlerischen Leiter aus Leidenschaft aber die größte Herausforderung in diesem Zusammenhang? „Da ich mich gleich zu Beginn meiner Intendanz entschlossen habe, an der Bühne Baden noch eine 9. Produktion auf die Bühne zu wuchten, bedeutet das schon einmal mehr Arbeitsaufwand für alle Abteilungen. Weiters ist es unumgänglich, zu einem gewissen Stichtag für alle Produktionen die Leading Teams und die Besetzungen zusammengetrommelt zu haben, um dann den von mir neu ins Leben gerufenen Gesamtjahresspielplan mit all seinen Facetten dem Publikum und der Presse vorstellen zu können. Da wir im Sommer teilweise gezwungen sind, Premieren im Zweiwochen-Takt herauszubringen und im Winter jeden Monat eine Neuinszenierung herauskommt, ist die zeitliche Ressourcenknappheit – Chor und Ballett sind ja immer erst nach der Premiere in die bereits für die nächste Produktion laufenden Proben integrierbar, was zwangsläufig zu ziemlich knappen Proben-Szenarien für diese Kollektive führt – die größte Herausforderung. Denn wir bieten ja daneben auch sehr viele Orchesterkonzerte an, die auch minutiös geplant und vorbereitet sein wollen.“

Für jeden Beruf braucht man gewisse Eigenschaften, die einem selbst den Beruf erleichtern, aber auch den KollegInnen. Wie sieht es hier beim künstlerischen Leiter aus? Lakner vergleicht den Beruf gern mit der Politik. Ein Intendant muss sowohl ein guter Innen- als auch ein guter Außenpolitiker sein. „Zur Innenpolitik gehört ein Gefühl dafür, wie man mit Menschen umgeht. Das gilt für das gesamte Personal des Hauses. Bei den KünstlerInnen ist vornehmlich Fingerspitzengefühl gefragt, um deren Arbeit im sehr extrovertierten Bereich der künstlerischen Entäußerung zu respektieren und wertzuschätzen. Aber auch die Fähigkeit, KünstlerInnen auf ihrem Weg der künstlerischen Entwicklung zu begleiten und zu fördern, darf nicht unterschätzt werden.
Zur Außenpolitik gehört ein Gespür dazu, was das Publikum mag, aber auch, in welcher Weise man es zu innovativen oder experimentellen Versuchen im Musiktheaterbereich verführen kann. Deswegen versuche ich bei meiner Spielplanung die Gratwanderung zwischen populären Hits einerseits und Mut zum kalkulierten Risiko bei unbekannten Werken andererseits. Und den Spagat zwischen historisierenden und innovativeren, zeitgeistigen Interpretationen.“

Damit man einen Beruf gerne ausübt, ist es wichtig, dass dieser einem Spaß macht. Was findet Michael Lakner am schönsten und gibt es vielleicht sogar etwas, was ihm nicht soviel Freude bereitet? „Auditions, um junge Talente zu finden, gehören nach wie vor zu meinen Lieblingstätigkeiten. Aber auch das Herumreisen, um sich bei Kolleginnen und Kollegen als Inspirationsquelle Theateraufführungen anzuschauen, gefällt mir. Man kann nämlich auch aus nicht so gelungenen Produktionen lernen und so jeden Theaterabend dann doch für sich selbst durch genaue Analyse zu einer positiven Erfahrung machen. Eigentlich gibt es nichts, was mir keine Freude bereitet. Ich finde es ein absolutes Privileg, im Theater arbeiten zu dürfen.“

Eine fixe geregelte Arbeitszeit gibt es für Lakner allerdings nicht. Die Wochenenden sind fast nie frei, wenn er nicht gerade im eigenen Haus eine Vorstellung besucht, so ist er irgendwo anders unterwegs, um Theateraufführungen zu sehen. Flexibilität ist gefragt, aber diese hat er sich auch immer gewünscht, da er sich von seiner Persönlichkeitsstruktur her eher als einen Freigeist bezeichnet.

Trotzdem muss es doch auch einmal die Möglichkeit zur Entspannung außerhalb der Theaterwelt geben. Lakner hat uns auch sein Rezept zum Relaxen verraten: „Neben Schwimmen und Wandern im Sommer sind Lesen, Klavierspielen und Musikhören meine Regenerationsmethoden.“ Er ist aber auch ständig unterwegs, um sich an den diversen Orten Impressionen zu holen, junge Bühnentalente, aber auch interessante neue Regisseure und Ausstatter zu entdecken. Fazit von Michael Lakner: „Was für ein herrlicher Beruf!“

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch. Mögen die Ideen niemals ausgehen und sie noch ganz viele erfüllende Momente im Beruf genießen können.

(c) Foto Hofer, Bad Ischl
Quelle: Andrea Martin

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