VIVID Grand Show, eine Liebeserklärung an das Leben

Eigentlich müsste die Kritik zur neuen Show im Friedrichstadt-Palast in Berlin vollkommen ohne Worte sein, denn auch noch Tage nach dem Gesehenen ist man einfach sprachlos. Was auf jeden Fall klar ist, dass ein zweiter Besuch unumgänglich ist, da man so viel geboten bekommt, dass man diese Masse an Eindrücken gar nicht auf einmal verarbeiten kann.

Die offizielle Premiere fand am 11.10.2018 statt. Nur zwei Tage danach durften wir uns von der Nachfolgeproduktion von „THE ONE Grand Show“ überzeugen.

Das große Kreativteam befand sich verteilt auf fünf Zeitzonen in 15 Städten. Dass hier einiges an Koordinationsarbeit zu leisten war, ist klar. Autorin und Regisseurin ist Krista Monson aus Las Vegas, Co-Autor & Co-Regisseur Oliver Hoppmann, Berlin, das Kostümdesign lag in den Händen von Stefano Canulli, Rom, der es mit seinen Kreationen schaffte die Schönheiten der Natur auf den Körpern der TänzerInnen auf die Bühne zu zaubern. Besonderes Augenmerk legte man auf den Kopfschmuck, der einen oft ins Staunen versetzte. Kopfschmuckmacher und Design Direktor war Philip Treacy, der schon viele berühmte Persönlichkeiten wie Lady Gaga, Madonna, Oprah Winfrey oder sogar die Queen selbst gut behütet hat.

Von außen ist das Gebäude schon beeindruckend, auch die Foyers laden zum Staunen ein. Aus diesem kommt man auch nicht heraus, wenn man die größte Theaterbühne der Welt mit 2.200m² Bühnenfläche (zusätzlich können weitere 700m² bespielt werden) vor sich sieht. Knapp 1900 Personen finden Platz. Wenn man diesen nicht sofort findet, dann kann es sogar passieren, dass einem Andreas Bieber selbst den Weg dorthin beschreibt, denn inkognito (zwar geschminkt, aber in dunkler Uniform und mit den eigentlichen Billeteuren zu verwechseln) taucht er hier und dort in den Gängen schon vor Beginn der Show auf.

Um 19:30 war es dann soweit und man kann mitverfolgen wie ein junger Mensch, R’eye, in eine Art Mensch-Maschine, eine Androidin, verwandelt wird und versucht aus einem Umfeld, dass ihn zu bestimmen droht wieder zu entfliehen.

Marieza Kuhnke stellt die junge R’eye dar, die von ihrem Vater (Jimmy Slonina) getrennt wird. Geschickt wird sie durch Devi-Ananda Dahm, die größere R’eye ausgetauscht. Durch die Gänge des Saales mitten durch das Publikum marschieren dann die Androiden auf die Bühne, R’eye bekommt einen Helm aufgesetzt und ehe man es sich versieht wird sie auch zu einem ferngesteuerten Wesen. Mit dem eingängigen Song „Binary World“ (den man sich auch sehr gut in einer Disco vorstellen kann) lernt man auch Androidonna, die Königin der AndroidInnen kennen. Die US-Amerikanerin Glacéia Henderson ist aufgrund ihres Outfits und ihrer Stimme eine außerordentliche Erscheinung. Sie trägt einen schwarzen Body mit vielen Glitzereffekten hat an ihren Armen äußerst gefährlich wirkende metallische Teile und sieht dank ihres Hutes, der offenbar die Augen darstellt wirklich wie ein Insekt aus. Der Song wird mit einer unglaublichen Stimmgewalt dargeboten, die AndroidInnen sind 1a synchron und im Endeffekt wirkt das Szenario so, als ob Androidonna auf einer Kommandobrücke ihre Untertanen dirigiert. R’eye wirkt willenlos, hat einen roboterartigen Gang und begreift noch immer nicht, was mit ihr passiert. Auch ihr Vater sucht sie noch immer. Der Guru (Mehmet Yilmaz) zeigt R’eye mittels seiner Ebru Malkunst wie sie versuchen kann ihrer jetzigen Existenzform zu entfliehen. Mit seiner Malerei zeichnet er ihr einen Weg auf dem sie flüchten kann wie Dorothy einst auf dem goldgelben Ziegelsteinweg in die Smaragdstadt. In VIVID ist es die Flora und Fauna des Dschungels, die sie überrascht. Andreas Bieber alias „The Entertainer“ in der Show stellt in „Jungle Extravaganza“ die Bewohner vor. Ebenfalls ein ohrwurmträchtiger Song mit tollen Beats, zu dem sich die TänzerInnen dem Publikum in den unglaublichsten Kostümen präsentieren. Blumenmädchen, Schmetterlinge, Grasmenschen, diverse Tierarten und als Schlangen passend das Kontorsions-Quartett „Troupe Ayasgalan“. Man weiß gar nicht wohin man schauen soll, denn aus allen Ecken kommen immer neue Lebewesen auf die Bühne. Unglaublich und besonders süß waren die Frösche, die auf Grashalmen befindlichen Reifen herumturnten, einfach unglaublich, was man alles auf die Bühne zaubern kann. Dann erscheint das Glamour Girl (Sarah Manesse) im sexy silbernen Fransenkleid und es ist nur logisch, dass die Frösche gemäß ihrem Song „Sway“ auch brav hin und her schwingen. In der Night Garden Sequenz wird es ein weiteres Mal magisch. Blümchen, die aussehen wie Stiefmütterchen umtanzen eine leuchtende Seerose. Von oben herab an einer Stange schwebt Artem Lyubanevych. Die Stange wird inmitten der Blume festgesteckt und ergibt so perfekt den Stempel der Blume. Artem ist ein Muskelmann wie aus dem Bilderbuch und zeigte einen beeindruckenden Aerial Pole Act. Danach kommt eine Einlage, die man bei einer Friedrichstadt-Palast Revue wohl nicht erwartet hatte…Slonina sucht noch immer seine Tochter und lieferte sich mit einem Blümchen ein kleines Tanzduell. Dass das keine normale Nummer werden wird, wird immer klarer. Er ist eindeutig der Mann der 1000 Posen und belustigte mit Moonwalk und Breakdance. So ganz ist nicht ersichtlich warum sich der Papa so verhält, allerdings heißt sein Rollenname auch „Explorer“ und offenbar muss diese Figur sich selbst erst entdecken und macht dafür alles Mögliche. Auf seiner Entdeckungstour macht er auch im Publikum Halt und hat sich eine Dame auserkoren, die er sogar mit auf die Bühne nimmt. Dort wird diese Stück für Stück verkleidet (Brille, Boa) und zu „She’s like the wind“ von Slonina ordentlich gefordert. Das Ganze endet in einem Showdown, die Dame aus dem Publikum – Hut ab vor ihrer Leistung – eben noch nichtsahnend im Publikum und dann so etwas – legt sie eine Saxophoneinlage hin, während ihr „Bühnenpartner“ sich seines Hemdes und der Hose entledigt und im kessen Tüllröckchen dort steht. An einer Discokugel wird er angehängt und entschwebt mit ein wenig Nippelgate über den Köpfen des Publikums nach außen. Eine sehr lustige Einlage, die vollkommen outstanding ist und mit der niemand gerechnet hat, vor allem, weil sie so ganz anders ist als alles andere.

Die Welt ist weit mehr als nur schwarz und weiß

Dann ändert sich wieder die Kulisse und es entsteht eine silberne Spiegelwelt. Man bekommt eine starke Tanzsequenz zu sehen, in der vor allem die Männer ihre durchtrainierten Oberkörper präsentieren. Dann sieht man auch R’eye wieder. Genauer gesagt drei Stadien. Die kleine, eine bereits und eine komplett verwandelte. Magisch schweben alle drei über der Bühne und ein toller Lichteffekt lenkt ein wenig von den einmarschierenden Girls ab. Was dann kommt ist natürlich schon legendär für den Friedrichstadt-Palast und läutet auch gleichzeitig das Finale vor der Pause sein. In hautengen schwarzen Ganzkörperbodies, nur das Gesicht ist frei, sehen die Ladies mit ihrer Kopfbedeckung, einem speziellen „Lichthelm“, unglaublich toll aus. Dann bekommt man natürlich eine Beinakrobatik vom Feinsten zu sehen, zu 100% synchron und auf dem Ton, ein Wahnsinnshingucker. Schon das Zusehen lässt das Publikum einen Muskelkater bekommen. Die Kickline vervollkommnet sich, als dann auch noch die Leuchtkörper auf den Hüten in den Farben des Regensbogens die Bühne kurzfristig in ein Farbenmeer verwandeln. Die letzte Musiknummer nennt sich „Stay“ und wird wieder sehr eindrucksvoll von Henderson dargeboten. Auch Bieber und Menasse dürfen gesanglich mitmischen und R’eye schwebt in einem Käfig über der Bühne.

Zügellos und ohne Tabus

Alle haben sich die Pause redlich verdient, das Publikum, um das Gesehene etwas verdauen zu können, das Ensemble um sich für den zweiten Teil frisch zu machen, denn auch der hat es in sich. Bieber nimmt seine Rolle gleich nach Ende der Pause sehr ernst. Er geht durch’s Publikum, sucht Kontakt mit dem ein oder anderen und fragt nach den Phantasien des Publikums. Andreas Bieber hat die meiste Zeit ein weißes Outfit mit einem im wahrsten Sinn des Wortes schrägen Hut und Plateauhighheels. Während er auf der einen Seite nach einem Publikums“opfer“ Ausschau hält, hat Jimmy Slonina auf der anderen Seite dieselbe Aufgabe. Bieber findet in einer Frau die Passende für sein Vorhaben, Slonina hat sich einen „Toyboy“ (O-Ton Slonina) für eben diese ausgesucht. Beide werden nach oben auf die linke Seite in ein rosa Bett verfrachtet und sehen sich die folgende Nummer „Funhouse“ von ebendort an. „Funhouse“, bei dem Andreas Bieber die Leadstimme singt ist eine sehr frivole, frei- und anzügige Nummer und alles durfte, aber nichts musste sein. Die Kulisse „das Funhouse“ bildet ein riesengroßer Hut, mit viel Bling Bling, der mehrere Fensterchen hat, in denen es hoch her geht. Es gibt heiße Schattenspielchen, viel frisches Obst, sexy Dirndlgirls, etwas andere Hütchenspieler und vieles mehr. Zum „Celestial Song“ vom Glamour Girl zeigen Kristina Vorobeva & Rustem Osmanov als „Duo Sky Angels“ einen sogenannten „Iron Jaw Act“. Dieser soll R’eye, die auch zusieht zeigen was man mit gegenseitigem Vertrauen alles schaffen kann. Nur an Bändern hängen sie von oben herab und vollführen die unglaublichsten akrobatischen Figuren ohne Netz und doppelten Boden. Auch die Technik „Zahnhang“ wird bei ihnen angewandt. Ein Artist, bei den beiden ist es wohlgemerkt nicht nur der Mann, verwendet ein spezielles Mundstück, mit dem der jeweils andere gehalten wird und Tricks abliefert. Beide sehen sehr ästhetisch bei ihrer Showeinlage aus und sobald sie das vorhin erwähnte Mundstück verwendet würde man am liebsten „tu’s nicht“ rufen, aber natürlich klappt alles, was die beiden zeigen. Auf der Bühne entsteht sodann eine fast schon höllische Atmosphäre: ein offenes Loch, riesige stachelbewehrte Trommeln, gefallene Engel (OMG was für Schuhe, wenn man etwas, worauf man nicht gehen kann, als Schuhe bezeichnen kann) und interessante Akrobatik an Seilen. Das alles passiert rund um R’eye, die laut Programmheft in die Tiefen ihrer Seele entführt wird. Begleitet wird die Szene von Andreas Bieber, der den Titel „Danger Boys“ in deutscher Sprache zum Besten gibt erinnert auch als Solokünstler an die Band Rammstein, da der Song sehr energiegeladen und fast schon aggressiv ist. Raus aus den höllischen Gefilden sieht R’eye dank dem Glamour Girl die „Beauty of the breakdown“. Erneut kann man sagen, dass es sich hier um einen absolut discotauglichen Song handelt, der das Glamour Girl einmal außerhalb von Swing zeigt. R’eye stößt in Androidonnas „Glaspalast“ (auf Deutsch von Henderson gesungen) auf eine verletzliche Königin, die sich ihrer „Stacheln“ entledigt hat. Sie hat gemerkt, dass sich das Mädchen einen Teil ihrer Seele aufbewahrt hat und erzählt ihr die eigene Geschichte. Auch sie hatte einmal die Wahl zwischen der Binären Welt und der Welt der Freiheit und manchmal schon die Entscheidung bereut. Sie gibt R’eye frei und lässt sie dorthin gehen, wo alles begann.

„Life is waiting for you“

Dann kommt es zum Showdown in akrobatischer Hinsicht. In Windeseile (woher kamen die so schnell?) war alles bereit für den „Double Wheels of Steel Act“. Vier Herren die zur „The Navas Troupe“ (Ray und Rony Navas, William Torres und Jesse Brandao Lima) haben ihre ganz speziellen Zweiräder mit im Gepäck. Die Artistik auf ihren Double Wheels of Steel wurde extra für die Show kreiert. Nur kurz sehen sie ein wenig aus wie Hamster im Laufrad, denn kaum dass eine gewisse Geschwindigkeit erreicht wird, wird es atemberaubend und man vergisst fast den Mund zu schließen. Ungesichert machen sie Salti in den Rädern, bewegen sie immer schneller, klettern auf das Außenrad, lassen alles wie einen Spaziergang wirken. Es wird Seil gesprungen, sogar blind, es wird sogar von einem Rad zum anderen gesprungen. Man kann in der Kürze gar nicht alles begreifen, was man dargeboten bekommt, so schnell passiert alles. Der Beifall und Jubel des Publikums ist in jedem Fall enorm und das Quartett war wirklich unglaublich.

Geschickt wird während des Songs „Nirvana of Color“ vom Umbau abgelenkt. Das Finale nähert sich, diverse Charaktere der Show, Schmetterlinge, AndroidInnen, Blumen finden sich auf der Bühne wieder vereint. R’eye ist noch immer eine Androidin, hat sich aber damit abgefunden und weiß, dass dieses Stadium nicht eintönig sein muss, sie muss nur das Richtige aus ihrem Leben machen. Sie trifft auf ihren Vater und Devi-Ananda Dahm darf auch endlich zum Mikro greifen und singen. In „Vivid“ besingt sie auf Deutsch mit sehr schöner Stimme, dass sie erst jetzt durch diese ganzen Erfahrungen, die sie gemacht hat, weiß, wer sie ist und dass sie sich verändert hat. Und eines weiß sie, sie hat noch viel vor im Leben!

Das Grande Finale ist angebrochen. Die Bühne füllt sich mit dem Ensemble, SängerInnen, TänzerInnen, Akrobaten allesamt vereint und zwei Songs werden bei Megapartystimmung nochmals zum Besten gegeben. Beim Schlussfinale darf das Publikum (davon wurde es am Anfang in Kenntnis gesetzt) auch filmen und fotografieren, was sich viele nicht zweimal sagen ließen, damit man ja auch bildliche Beweise für sein Hiersein liefern konnte. Wer auch die Musik gut fand, für den hatte man auch schon vorgesorgt und man konnte sich für knappe EUR 15,– fast alle der Songs auf CD mit nachhause nehmen.

Gratulation zu einer oppulenten, magischen, phantastischen, eindrucksvollen und spektakulären Produktion, die einfach nur Lust auf mehr macht.

Hier ein Trailer zur Einstimmung:
https://youtu.be/3GddmhHu4Ck

(c) Brinkhoff/Moegenburg
Quelle: Andrea Martin

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