Murder Ballad … wozu Gefühle verleiten können

Am 6.10.2018 gelangte das Off-Broadway Musical „Murder Ballad“ in der Sargfabrik im 14. Wiener Bezirk zu seiner österreichischen Erstaufführung. Konzept und Buch stammen von Julia Jordan, die Musik ist von Juliana Nash. Man bediente sich in Wien der deutschen Übersetzung von Holger Hauer, die durchaus gelungen war. Lediglich das Buch selbst wies an einigen Stellen Ungereimtheiten auf, die aber eine Nachfrage bei den Akteuren bereinigten konnten, aber dazu später. Die Regie dieses 4 Personen-Stücks führte Benedikt Karasek.

Als Sandra Bell das Stück das erste Mal gesehen hatte, ließ es sie nicht mehr los und sie wollte es unbedingt auf die Bühne bringen. Sie sammelte ein Team um sich, es gab eine erfolgreiche crowdfunding Kampagne und schon konnte es losgehen. Hört sich jetzt nicht so spektakulär an, aber es steckte auf jeden Fall viel Arbeit dahinter, um dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Kleine Kammermusicals, noch dazu solche, die man nicht kennt, haben es prinzipiell schwerer.

Für das Stück selbst waren vier Darsteller nötig. Diese hatte man mit Markus Neugebauer (Tom), Linda Koprowski (Sara), Michael Konicek (Michael) und Sandra Bell (Erzählerin) gefunden. Eine vierköpfige Band, unter der musikalischen Leitung von Ronald G. Sedlacek hatte ebenfalls auf der kleinen Bühne Platz gefunden.

Als einzige Requisiten verwendete man acht schwarz bzw. weiße Hocker, die übereinander getürmt die Bar darstellten, nebeneinander u.a. die Wohnungseinrichtung oder bei aufgeklapptem Deckel wurden sie zum Kinderbett.

So war der Platz auch schon um einiges dezimiert, aber wer große Tanzszenen suchte, war ohnehin fehl am Platz. In dem Stück ging es eher um die ganz großen Gefühle. Liebe, Hass, Vergebung, Vertrauen, Wut… wurden in diesem speziellen Musical nur mit Hilfe von Songs dargestellt. Das Stück dauerte 75 Minuten und es gab keine einzige Sprechsequenz, alles wurde gesungen.

Im qualitativ hochwertigen Programmheft gab es eine Songliste, die einem sehr half, das Gesehene irgendwie zu trennen. Man hätte auch meinen können, es wäre ein einziger nie enden wollender Song. Zum Nachsingen eignen sich die zum Großteil sehr rockigen Lieder wenig, ob etwas im Ohr bleibt, ist auch fraglich. Was man allerdings behält ist der Inhalt und einen Einblick in die Charaktere, denn beides wurde sehr gut von dem Quartett transportiert.

Durch das Stück selbst führt die Erzählerin. Sie hat als einzige keinen Namen im Stück bekommen, deshalb misst man ihr vielleicht keine so große Bedeutung bei und sieht sie nur als Randfigur, aber es soll alles anders kommen… Man lernt Sara und Tom kennen. Er ist eher der wilde, rockige, unstete Typ. Nach 3jähriger Beziehung verbindet beide offenbar nur mehr eine Art Hassliebe. Sara trifft zufällig Michael. Ein bieder wirkender junger Mann, der aber ein offenes Ohr für die junge Frau hat und so ihr Herz gewinnt. Sara entscheidet sich für Sicherheit, heiratet Michael, bekommt ein Kind (nach einiger Zeit hat der gute Zuhörer sogar kurzfristig das Gefühl, die beiden hätten drei Kinder, allerdings handelte es sich bei den drei erwähnten Namen um die Namen ein und desselben Kindes, hier könnte man auf den Namen, der am öftersten fällt – „Frankie“ – reduzieren) und sie haben ein Haus. Tom hat scheinbar eine Bar und ist auch sonst kein Kind von Traurigkeit. Beim Ehepaar hat sich offenbar der Alltag eingeschlichen, es kommt zu Streitigkeiten, oft nur wegen Kleinigkeiten. Sara denkt immer öfters an Tom. Sie beschließt ihn in der Bar aufzusuchen. Aus einem gemeinsamen Rückblick in die Vergangenheit wird eine heiße Affäre. Doch irgendwann will Sara einen Schlussstrich ziehen und das Ganze beenden. Tom ist dagegen und will sie nicht gehen lassen. Im Park stößt das Trio aufeinander. Tom konfrontiert Michael unumwunden mit der Wahrheit. Michael ist stinksauer, er hatte ja bereits etwas geahnt. Etwas undurchsichtig die Szene als Michael Sara und Tom in einer sehr verfänglichen Situation ertappt und Linda im Endeffekt sogar Tom mit einem Baseballschläger niederschlägt, nur dass dieser im nächsten Augenblick wieder aufsteht. Hier handelte es sich offenbar um Michaels persönliche Alptraumszene. Diese scheint allerdings Realität zu werden, als Sara und Michael Tom in der Bar aufsuchen, den Baseballschläger griffbereit. Doch Michael ist kein Mörder. Sara bittet ihn um Verzeihung und beide verlassen gemeinsam den Raum. Jetzt könnte eigentlich das Stück zu Ende sein, doch warum heißt es dann „Murder Ballad“? Plötzlich schnappt sich die Erzählerin, die ja zwischendurch auch schon die Freundin von Tom gespielt hat den Baseballschläger und dreht durch. Sie erschlägt Tom, denn er hatte eine Affäre zu viel. Rückblickend kann man das Stück als Art Geständnis einer offenbar unbeteiligten vierten betrachten, die ihr Verhalten rechtfertigen will, in dem sie dem Publikum die Story aus ihrer Sicht schildert.

Hut ab vor dem Darstellerquartett, das ohne Punkt und Komma durchrockte und es schaffte, die Story glaubwürdig, sofern es das Buch zuließ, zu interpretieren.

Am bekanntesten von den vier ist Markus Neugebauer, den man auch ohne Zweifel der Rockschiene zuordnet. Allein das äußere Erscheinungsbild passte perfekt zu der Rolle und in seinen Songs lag eine Kraft, die ihresgleichen suchte. Vor allem „Sara“ war ein Solo, das sich gewaschen hatte und sind wir mal ehrlich, wer kann so einer Liebeserklärung widerstehen?

Linda Koprowski ist eine Sara mit vielen Emotionen, die sie bei beiden Bühnenpartnern zeigen kann. Bei Tom ist es wilde Zügellosigkeit, die sie den Alltag vergessen lässt, bei Michael ist es das zarte Pflänzchen der Liebe, das wächst, allerdings verliert es im Lauf der Zeit den Halt in der Erde. Dank Koprowski kann man Sara’s Achterbahn der Gefühle gut verstehen.

Michael Konicek, der zufällig auch im Stück Michael heißt, ist der Ruhepol im Musical und eigentlich hat man ihn gar nicht als Rocker am Schirm. Bis… ja bis er über die Affäre aufgeklärt wird. Er wird megasauer und bei der Reprise von „Langsam, ganz langsam“ spiegelt sich die Wut im Gesang wider. Er rastet regelrecht aus und auch die Mimik verändert sich. Mit seinem Ausbruch am Ende hat Konicek definitiv für einen Überraschungsmoment gesorgt, nach dem Motto „stille Wasser sind tief“.

Sandra Bell ist bis auf ihre Erzählsequenzen die Beobachterin im Hintergrund und kommentiert die Ereignisse. Als sie Sara den Baseballschläger in die Hand drückt, möchte man meinen schon die spätere Mörderin zu kennen. Der Gefühlsausbruch der Erzählerin am Ende muss man erst durchschauen. In dem Moment ist sie nicht mehr „nur“ die Erzählerin, sondern Tom’s Freundin, die mit ihm auf ihre Art Schluss macht.

Nach 75 durchgespielten Minuten können alle aufatmen. Das Publikum ist ob der Energie des Oktetts (Sänger und Musiker) begeistert und spendete sofort standing ovations. Man sollte eben auch unbekannten, kleinen Stücken eine Chance geben gesehen und gehört zu werden, vor allem, wenn sie so realistisch sind wie dieses.

weitere Infos unter: www.murderballad.at

(c) Andrea Martin
Quelle: Andrea Martin

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