In der Grazer Oper darf geküsst werden!

…nämlich in Cole Porters Hitmusical „Kiss me, Kate! Am 20.10.2018 war die Premiere im wunderschönen Opernhaus in Graz. Das Stück ist in jedem Monat an ausgewählten Tagen (nähere Infos siehe Spielplan unter https://www.oper-graz.com/spielplan/kalender/) bis zum 11.5.2019 zu sehen.

Die Grazer Philharmoniker ließen unter der musikalischen Leitung von Marcus Merkel die eingängigen Songs von Porter zum Leben erwachen und sorgten für jede Menge musikalischen Schwung. Leider konnte Regisseur Lee Blakeley diese Inszenierung nicht mehr miterleben, da er überraschend 2017 verstorben war. Aber er hätte sicher mit dem Resultat des Grazer Ensembles seine wahre Freude gehabt. Man bediente sich der deutschen Fassung von Günter Neumann, in einer Neubearbeitung von Peter Lund. Die Dialoge waren in deutscher Sprache, die Songs hatte man im englischen Original belassen. Die Kostüme (Brigitte Reiffenstuel) keine Shakespearemode im Tudorstil, sondern der italienischen Mode zu Kriegsende angepasst, waren ein Hingucker. Man sah viele Petticoats und vor allem die eleganten Outfits beim großen Finale waren wunderschön anzusehen. Die Choreographie (Nick Winston) war besonders für das Ensemble oftmals schweißtreibend und es war nicht verwunderlich, als sie bei „Too darn hot“, wirklich ins Schwitzen gerieten. Oft konnte man die Bühne (Charles Edwards) in ihrer ganzen Tiefe bewundern, befand man sich in den Garderoben von Lilli Vanessi und Fred Graham wähnte man sich in einem überdimensionalen Puppenhaus, blitzschnell konnte man aber auch die verschiebbaren Teile drehen und man war auf der Straße vor einer Backsteinmauer. Alles war sehr flexibel, Umbauten und Szenenwechsel gingen schnell ineinander und es wurde nie langweilig, wobei gutes Sitzfleisch war bei einer Dauer von rund drei Stunden schon von Nöten.

„Kiss me, Kate“ ist ein Stück im Stück, das Liebesverwirrungen aufzuwarten hat und bei dem es viele Hürden zu überwinden gilt, bis die Richtigen zueinander finden. Im Ford’s Theater in Baltimore laufen die Endproben zu Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“. Fred Graham ist Regisseur und Darsteller des Petruchio und hat die Katharina (Kate) mit seiner Ex-Frau Lilli Vanessi besetzt. Beide tun so, als hätten sie miteinander abgeschlossen, aber die Wahrheit liegt woanders. Für die Bianca im Stück hatte man Lois Lane engagiert. Dass Lane die neue Affäre von Fred werden soll ist für eine Zusammenarbeit mit der Ex nicht gerade förderlich. Auch Lois Freund Bill Calhoun wurde engagiert, dieser hat aber mehr das Glücksspiel im Sinn und hat seinen jüngsten Schuldschein auf Fred Graham ausstellen lassen. Das war nicht so klug, denn zwei Ganoven tauchen in Freds Garderobe auf und verlangen das Geld. Kurz davor hatte sich Fred mit Lilli an ihre gemeinsame Zeit erinnert, es war zwar nicht alles „wunderbar“, trotzdem werden sie von der Vergangenheit eingeholt und es kommt zum Kuss. Als Vanessi dann noch einen Blumenstrauß bekommt und glaubt, dass dieser von Fred ist, schwebt sie auf Wolke 7.

Das Stück von Shakespeare beginnt. Baptista lässt seine Tochter Bianca nicht eher heiraten, bevor seine ältere Tochter Katharina unter die Haube gekommen ist. Diese ist allerdings nicht besonders gut auf Männer zu sprechen und so sieht es für Bianca schlecht aus. Petruchio bietet sich als Freier an (und lässt sich auch ordentlich was bezahlen) und freit um Katharina. Dann wird es etwas laut und wild auf der Bühne, denn … Kate hat die Karte zum Blumenstrauß gelesen und herausgefunden, dass dieser eigentlich für Lois bestimmt war und ist ordentlich in Rage. Beide schenken sich auf der Bühne nichts und agieren nicht nur mit Worten. Im Endeffekt legt Fred Lilli sogar auf einen Tisch und verprügelt ihr den Allerwertesten. Vanessis Reaktion ist verständlich, sie will sofort abreisen und ihren Verlobten Harrison Howell heiraten. Graham sieht seine Produktion scheitern, wenn die Hauptdarstellerin weg ist und hat einen Plan. Er gibt gegenüber den Ganoven zu den Schuldschein unterschrieben zu haben, hat das Geld aber erst am Ende der Woche nach Vollendung der Shows. Da Vanessi gehen will, müssen die Ganoven alles in ihrer Macht stehende tun, um sie zum Bleiben zu „überreden“. Gesagt getan. Zunächst schmieren sie ihr als Fans jede Menge Honigs um’s Maul, als das nichts nützt, wird die Pistole gezückt und von da an ist eine Flucht sinnlos. Es geht wieder ins Stück im Stück, dort findet die Hochzeit zwischen Katharina und Petruchio statt und zwar mit jeder Menge italienischer Köstlichkeiten. Petruchio hat es outfitmässig nicht ganz so schlimm erwischt wie das liebe Kätchen, denn dieses sieht fast schon selbst aus wie ihre eigene Hochzeitstorte mit jeder Menge Mascherln. Zu guter Letzt wird Katharina fast schon mit vorgehaltener Pistole zum Hochzeitskuss gezwungen, den sie aber vehement und in den höchsten Tönen ablehnt. Was dann passiert, damit hat wohl niemand im Publikum gerechnet, denn das liebe Kätchen landet dank der Ganoven mit dem Gesicht in der Hochzeitstorte und hat nun die weiße schaumige Verzierung im Gesicht kleben. Wenn das nicht der perfekte Moment für die Pause wäre… und natürlich kam diese dann auch.

Nach dem Opener des zweiten Aktes „Too Darn Hot“ sieht man die zwei Bösewichte, wie sie sich verkleidet ins Stück eingeschlichen haben, um auf Vanessi aufzupassen. Petruchio versucht sich indessen weiterhin an Kätchens Zähmung, indem er ihr nichts zu essen gibt und Hochzeitsgeschenke zerreißt. Dann erscheint Howell, um seine Verlobte mitzunehmen. Howell war offenbar auch ein Verflossener von Lois und Bill ist sogleich eifersüchtig. Fred hat Howell den Floh ins Ohr gesetzt, dass Vanessi etwas eigenartig reagieren wird und genauso geschieht es. Sie spricht von Ganoven und Pistolen und dass sie festgehalten wird. Lilli findet das Ganze bald nicht mehr lustig und Fred setzt noch eins drauf, als er ihr in Aussicht stellt, wie es bald mit Harrison, der um einiges älter als Lilli ist, aussehen wird, wenn die beiden heiraten. Vanessis Gesicht verfällt zusehends, da Graham nicht so ganz unrecht hat. Das kurze Gastspiel der Ganoven endet abrupt. Ihr Chef wurde kaltgemacht und somit haben sie nichts mehr bei Fred zu tun. Gehen darf auch Lilli, Fred findet wieder nicht die richtigen Worte, um sie zum Bleiben zu bewegen. Die Ganoven landen „unabsichtlich“ vorm Publikum und geben einen der bekanntesten Songs des Stücks zum Besten „Brush up your Shakespeare“. Das Finale von „Der Widerspenstigen Zähmung“ ist angebrochen – die Heirat von Bianca und Lucentio. Das ganze Ensemble ist da, nur Petruchio allein, denn er hat ja Katharina/Lilli gehen lassen. Doch plötzlich kommt Lilli Vanessi im Straßenoutfit auf die Bühne, sie schlüpft, wenn auch nur charakterlich in ihre Rolle der Kate und verspricht sich zu bessern. Zumindest lässt sie Fred in dem Glauben, das Publikum bekam überkreuzte Finger und ein Augenzwinkern zu sehen. Somit sind alle vereint, wie es sein soll und das Finale „Kiss me, Kate“ kann mit Glitzerregen von oben über die Bühne gehen.

 

Lilli Vanessi ist eine Frau, die eigentlich nur geliebt werden möchte und wurde von Katja Berg verkörpert. Als sie sehr verklärt „So in love“ zum Besten gibt, weiß man, da ist noch ein großer Rest an romantischen Gefühlen für Fred. Zu dem Zeitpunkt muss sie nur als Katharina die Furie bei „I hate men“ heraushängen lassen. Trotz angefressenem Blick entbehrte diese Szene nicht einer gewissen Komik, da ihre Mimik und Gestik einfach nur zum Schmunzeln waren. So richtig drehte sie dann auf, als sie die Karte beim Blumenstrauß gelesen hatte und herausfand, dass dieser nicht für sie bestimmt war. Mehr hatte Fred nicht gebraucht. Berg brüllte was das Zeug hielt, schlug um sich und war auch sonst fast nicht mehr zu bremsen. Ein Temperamentbündel par excellence, das ihrer Wut ordentlich freien Lauf ließ. Ihr letztes Lied „I am ashamed that women are so simple“ ist fast schon eine Liebeserklärung an die Männerwelt, aber natürlich wäre es nicht Vanessi, wenn sie sich nicht ein kleines Hintertürchen freihalten würde.

Marc Lamberty gab die Doppelrolle des Fred Graham/Petruchio. Er ist eigentlich kein Kostverächter was das weibliche Geschlecht betrifft, so denkt er z.B. bei „Where is the life that late I led? sehnsüchtig an seine vergangenen Eroberungen (sehr witzig gemacht, da das weibliche Ensemble als Missenparade mitwirkte) zurück. Trotzdem war die Anziehungskraft zwischen Fred und Lilli unübersehbar, wenn sie aufeinanderstießen. Der gemeinsame Titel „Wunderbar“ war sehr harmonisch und ein gewisses spannungsgeladenes Knistern lag in der Luft. Lamberty war sowohl ein Fred, als auch ein Petruchio, der sich für unwiderstehlich hält und der bei nichts und niemandem sei es Frau oder Ganove eine Widerrede duldet. Sein Einzug in Padua mit „I’ve come to wive it wealthily in Padua“ ist genauso gelungen wie „Where ist he life that late I led“, ein großes Solo von ihm, bei dem er sogar von Amor getroffen wird, nur es dauert noch etwas, bis der Pfeil auch wirklich bis zum Herzen durchdringt. Obwohl er ein wenig Macho war, wurde er doch auch zum Weichei, nämlich dann als er glaubte von Lilli eine gebrochene Rippe kassiert zu haben, dem aber nicht so war.

Bettina Mönch gab als Lois Lane/Bianca ein kesses Blondinchen, das wusste, was es will. Den Männern zeigte sie immer nur ihre beste Seite (wie gut, dass es keine schlechten von ihr gibt) und vor allem bei „Always true to you (in my fashion)“ (hat man auch noch Tage nach dem Theaterbesuch im Ohr) präsentierte sie sich sexy im Unterkleid und Strapsen und alles andere als schüchtern. Mit raffinierten Gesten und Blicken gab sie unumwunden zu, dass sie jedem auf ihre eigene Art und Weise treu sein kann und dass sie aus jeder ihrer Liebschaften nur Vorteile zu ziehen weiß. Auch bei „Tom, Dick or Harry“ freute sie sich als Lois über die Männerauswahl und ließ sie als ihre Marionetten aufmarschieren. Lois hat es offenbar nicht gerne, wenn sich jemand daneben benimmt, deshalb wird auch Bill mit „Why can’t you behave“ ordentlich zurechtgewiesen.

Steven Armin Novak hatte in jedem Fall bei der Verteilung der männlichen Rollen etwas das Nachsehen. Bill Calhoun/Lucentio sind nicht die ergiebigsten Charaktere. Bei „Bianca“ darf Bill jedoch für Lois eine steppende Liebeserklärung abliefern, die findet‘s gut und er bekommt den verdienten Kuss. Witzig, dass zu Anfang ein Wischmopp seine Angebetete darstellte.

Martin Fournier und Sven Fliege gaben das Ganovenpärchen, das größtenteils im Nadelstreif und Trenchcoat unterwegs war. Außer sie spielten im Stück mit, dann sahen sie gewöhnungsbedürftig aus, vor allem Fourniers Bärtchen war gewagt. Fliege sorgte oft für Lacher, nämlich dann wenn er immer wieder in Tränen ausbrach und zum Taschentuch greifen musste, da er doch niemanden etwas zuleide tun wollte. Sehr humorig ihr gemeinsamer Auftritt, zunächst händchenhaltend bei ihrer Shakespeare Lektion im zweiten Teil, bei dem sie immer wieder mit neuen Outfits überraschten.

Als Vanessis Garderobiere Hattie stand Andrea Huber auf der Bühne. Sie hatte bei „Another Op’nin, Another show“ die Leadstimme übernommen und auch bei Cedric Lee Bradley’s Song wagte sie sich unter die Tänzerinnen.

Dank Cedric Lee Bradley’s Paul hielt zu Beginn des zweiten Aktes bei „Too darn hot“ der Jazz auf der Bühne Einzug. Die Ensembledamen umgarnten ihn in züchtiger Unterwäsche und man bekam eine humorige, aber auch passend zum Titel schweißtreibende Choreo zu sehen. Leider hatte Bradley oft Mikroprobleme, die er aber gekonnt überspielte und doppelt soviel Gas gab.

Gerhard Balluch gab den heiratswilligen Harrison Howell, den man auf ganz einfache Art und Weise, nämlich durch’s Reden, ermüden und zum Einschlafen bringen konnte.

In weiteren Rollen zu sehen waren: Ivan Oreščanin (Ralph, Inspizient) und Götz Zemann (Harry Trevor/Baptista).

Ensemble:
Paul Csitkovics, Lukas Schwedeck, Andrew Cummings, Rico Salathe, Calum Flynn, Alfred Haidacher, Adam Cooper, Nigel Watson, Martin Enenkel, Angelika Ratej, Ulrike Ahrens, Elisabeth Blutsch, Kimberly Bolen, Kim Lemmenmeier, Karina Rapley, Carolin Schönemann, Lysanne Van der Sijs

Quelle: Andrea Martin
(c) Werner Kmetitsch

 

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