Das Meer – für die einen wild und unberechenbar für „Die Frau vom Meer“ ein Ort ungestillter Sehnsüchte

Vom 15.-28.8.2018 gastierte im Wiener Volksliedwerk im 16. Wiener Gemeindebezirk das „Armes Theater Wien“ mit dem Schauspiel „Die Frau vom Meer“ von Henrik Ibsen.

Das Stück selbst wurde von Krista Pauer bearbeitet und verläuft jetzt etwas anders. Vor allem wurde dem Stück ein neues Ende gegeben, sodass der Zuschauer sich und seiner Phantasie überlassen bleibt, um das Gesehene für sich selbst zu einem Ende zu bringen. Erhard Pauer hatte wieder in bewährter Manier die Regie übernommen und einmal mehr blieben sie ihrem Grundsatz treu keine Rolle über die andere zu stellen.

Man befindet sich in Balestrand in Norwegen. Ein Künstler, Ballested begrüßt die Gäste. Sofort fühlt man sich wirklich nach Norwegen versetzt und denkt im Geiste schon nach, was man wohl als nächste unternehmen soll. Ein Besuch im Gletschermuseum oder doch eine Fjordtour? „Das Meer tut allen gut“ verkündet er immer wieder sehr eindrücklich, aber am Besten und kostengünstigsten übersteht man den Urlaub mit der Fjordcard, mit der es viele Vergünstigungen gibt. Klaus Fischer wirkte mit seiner Art und seinem Auftreten wirklich wie ein Überlebenskünstler. Er versuchte mit dem Anpreisen „seiner“ Attraktionen vom menschlichen Drama, das sich vor dem Publikum abspielte abzulenken.

Man lernt die Wangels kennen. Dr. Wangel hat zwei Kinder (Bolette und Hilde) und eine Frau – Ellida. Diese ist aber nicht die Mutter der zwei Mädchen und da beginnen auch schon die Probleme. Ellida, die von den Inseln und nicht vom Festland stammt hat sich in ihrem neuen zuhause nie wohl gefühlt und auch nie eine Beziehung zu den Mädchen aufbauen können. Zu ihrem Ehemann auch nicht so recht. Aris Sas in der Rolle des Dr. Wangel, der nicht so ganz mit der Familiensituation umzugehen weiß, spielte zum ersten Mal einen Vater. Er selbst war wohl am meisten erstaunt, wie schnell er sich in diese Rolle hineinversetzen konnte. Vor allem seine Sprechweise hatte er dem älteren Charakter gut angeglichen. Ob er Ellida wirklich geliebt hat, noch immer liebt oder wie sie ihm vorwirft, nur eine Ersatzmutter für die Kinder wollte, darf der geschätzte Zuseher selbst entscheiden. Vermutlich von allem ein wenig. Krista Pauer spielte Ellida, die in der Familie Wangel nie richtig angekommen ist. Dazu tragen auch die Kinder bei, die offenbar noch immer den Geburtstag der leiblichen Mutter begehen. Pauer war eine Ellida, die man nicht von Anfang an zuordnen konnte. In jedem Fall wirkte sie verwirrt und durcheinander. Man könnte meinen, sie hat alles, ist aber doch lieber am Meer. Dort kann sie offenbar ungestillte Sehnsüchte besser kompensieren. Pauer hatte ein wunderschönes Spitzenkleid an. Der Stoff unter der Spitze war blau, so konnte man bestens andeuten, dass sie oft im Wasser war oder einfach dass Wasser ihr Lebenselixier ist. Dadurch, dass Ellidas ab und an etwas seltsam auf ihren Mann wirkte, wollte dieser ihr eine Freude machen und holte den alten Hauslehrer der Mädchen Arnholm ins Haus. Wie man im Lauf der Handlung erfährt, gab es offenbar einmal etwas zwischen den beiden, aber es war wohl doch eher einseitig. Daniel Ruben Rüb verkörperte Arnholm, der von Anfang an glaubt wegen Bolette gerufen worden zu sein und machte eben dieser schöne Augen. Bolette ist das ruhigere Mädchen und sie hat Großes vor. Sie möchte weg von ihrer Heimat, die Welt sehen, studieren, einzig und allein das Geld fehlt. Cornelia Mooswalder zeigte wunderbar eine Tochter mit Pflichtbewusstsein, denn dieses hält sie noch zuhause. Oft wirkt sie allerdings auch traurig und in sich gekehrt, weil sie dadurch ihre Träume hintenanstellen muss. Auch will sie Schwester Hilde nicht allein lassen, da diese jünger ist als sie und einen Mutterersatz braucht. Celina dos Santos gab die etwas aufmüpfige Hilde, die sich nach Liebe und Aufmerksamkeit sehnt und beides nicht von der Stiefmutter erhält und somit gut und gern auf diese verzichten kann. Dass Ellida ein Geheimnis in sich trägt, merkt man, als ihr ein Kurgast Lyngstrand (Florian Sebastian Fitz) von seinem Schiffbruch erzählt und darin ein amerikanischer Seemann vorkommt, der möglicherweise ertrunken ist. Über diesen erfährt Ellida etwas, was zur Änderung ihres Verhaltens führt. War noch eben alles langweilig und öd, so ist sie nunmehr aufgeregt und die Vergangenheit holt sie ein. Wangel merkt, dass seine Frau sich zu ändern beginnt und er stellt sie zur Rede. Ellida hatte offenbar vor der Heirat eine kurze, aber heftige Affäre mit eben diesem Seemann, der noch dazu möglicherweise ein Mörder ist. Sie hat das Gefühl, dass eine nennen wir es „Seeverlobung“ (ein Ring des jeweils anderen wurde miteinander verbunden und ins Meer geworfen) sie für immer an den anderen gebunden hat. Daher kommt auch diese innere Unruhe, die Pauer mit jeder Faser ihres Körpers verinnerlicht hatte. Sie glaubt, dass er immer noch am Leben ist und zu ihr zurückkehrt. Für ihn will sie sich auch von der Familie „befreien“ und zurück auf die Inseln gehen. Zusätzlich ist es auch eine Belastung für ihre Ehe gewesen, dass das Kind, das sie verloren hat offenbar nicht von Wangel, sondern diesem Seemann war und in Wangel nach dieser Offenbarung innerlich doch etwas zerbricht. Sie beginnt sogar Geister zu sehen. Als Lyngstrand auch anfängt genau diese Person zu sehen, stellt sich der Zuschauer natürlich Fragen „kann ein Geist von zwei Personen gleichzeitig gesehen werden?“, „ist es überhaupt ein Geist oder realer Mensch?“ oder will man Ellida mit der Sichtung nur beruhigen? Bolette hat das Theater satt und ihr Freiheitsdrang überwiegt. Auch wenn ihr im Endeffekt nichts anders übrigbleibt, als Arnholm zu heiraten. Der sieht nur sein zukünftiges Glück. Mooswalder zeigt, wie Bolette versucht, die Tatsache, dass sie zukünftig einen Mann an der Seite hat auszublenden. Wangel will nicht, dass seine Frau geht, lässt ihr aber die Entscheidung selbst über.

Und hier gibt es in der Inszenierung einen neuen Schluss, denn es wird nicht aufgeklärt, ob es einen Geist gibt oder nicht, sondern Ellida verlässt einfach den Raum und das Licht wird ausgemacht. Somit gibt es ein open end und jeder kann sich selbst eines denken. Falls jemand wissen will, wie Ibsen das Ganze beendet hat, dann sollte man einfach sein Werk nachlesen. Und damit hätte auch schon das „Armes Theater Wien“ ein Ziel erreicht, nämlich, dass man sich mehr mit Literatur beschäftigt.

Zerrissenheit, Zukunftsängste und mit der Vergangenheit nicht abschließen können sind zentrale Themen in diesem Stück. Fast jeder Charakter hat sein eigenes Päckchen zu tragen.
Krista Pauer als in der Vergangenheit festsitzende Ellida, muss alle vor den Kopf stoßen, um mit ihrer Wahnvorstellung – ihr Geliebter kommt zurück – leben zu können. Aris Sas’ Wangel liebt zwar Ellida, aber er hat nicht immer die Kraft ihr Handeln zu verstehen, zumal er auch an seine beiden Töchter denken muss. Cornelia Mooswalder alias Bolette hat Träume und ändert ihr Leben, indem sie einer Heirat zustimmt. Sie hofft fernab der Familie Glück zu finden. In jedem Fall merkte man Mooswalder den gehörigen Schrecken an, den ihr die Frage aller Fragen dennoch einjagte. Celina dos Santos als ungestüme Hilde hatte sichtlich mit ihrer Lebenssituation zu kämpfen und wer weiß, vielleicht, wenn das Stück weitergegangen wäre, hätte sie sich auch wen zur Flucht geangelt. Arnholm wurde von Daniel Ruben Rüb gespielt. Auch wenn es oft „alter Hauslehrer“ hieß – so alt, wie man sich diesen vielleicht vorstellt, war der Darsteller natürlich nicht. Amüsant war es, wenn er sich einredete in Bolette verliebt zu sein und ihr linkisch einen Antrag macht. Florian Sebastian Fitz als lebensbejahender Möchtegernbildhauer hat noch Großes vor, trotz Druck auf der Brust und wird so richtig träumerisch, wenn er von seinem zukünftigen Lebenswerk vorschwärmt. Klaus Fischer als Faktotum Ballested würde man glatt ein Bild abkaufen, das er bei sich trägt, auch ohne die tote Meerfrau, die noch fehlt. Bei der Auswahl der Darsteller hatte man auch zum Teil professionelle Sänger engagiert und so war es fast schon ein logischer Schachzug auch ein kleines Liedchen einzubauen.

Mooswalder und dos Santos interpretierten an verschiedenen Stellen Auszüge aus „Make you feel my love“ von Bob Dylan, das man u.a. von Billy Joel, Garth Brooks oder zuletzt Adele kennt. Der Clou an der Sache war aber, dass sie es auf norwegisch zum Besten gaben. Als Vorlage diente die Version von Ingebjørg Bratland (Fordi Eg Elskar Deg). Auch ans Klavier durfte u.a. Fitz und so gab es neben dem eigentlichen Schauspiel ab und an ein paar kleine Töne zur Auflockerung.

Und wieder hat es das „Armes Theater Wien“ getan, nämlich gezeigt, dass es nicht arm ist, sondern reich an Einfällen, vor allem, wie man ein Theaterstück ohne große Bühne und Hilfsmittel auf die Beine stellt.

Man darf gespannt sein, für welches Stück sich das Team rund um Erhard und Krista Pauer beim nächsten Mal entscheiden wird.

Quelle: Andrea Martin

 

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