Wenn sich „Das Land des Lächelns“ plötzlich in Bad Ischl befindet

Am 4.8.2018 kam zu Beginn der Vorstellung Intendant Thomas Enzinger auf die Bühne des Kongress- und Theaterhauses Bad Ischl (Oberösterreich). Normalweise bedeutet so etwas nichts Gutes. Hier war das Gegenteil der Fall. Zum besucherfreundlichen Service zählt nämlich eine persönliche Begrüßung vor jeder Vorstellung. Er hieß alle willkommen, gab einen Einblick in die aktuelle Saison und rührte auch schon kräftig die Werbetrommel für die nächste.

Wolfgang Dosch war für die Regie zuständig. Die Hauptcharaktere wurden gut herausgearbeitet und es zeigte sich, dass man Tradition nicht nur kritisieren darf und dass man über fremde Ansichten und Kulturen nachdenken und sich damit auseinandersetzen sollte, bevor man sie verurteilt. Die Ausstattung stammte von Toto. Besonders die chinesischen Kleider der Damen waren ein Hingucker. Ungewohnt war der Anblick einer weiblichen Dirigentin. Daniela Musca hatte diese Aufgabe übernommen und war vielleicht mitunter die einzige, die Lächeln durfte.

Operetten sind prinzipiell lustig, Operetten haben immer ein Happy End und alle kriegen einander, mindestens ein, meist aber sogar mehrere Paare. Wenn man unter dieser Annahme die Operette „Das Land des Lächelns“ besucht hat, hatte man definitiv die falschen Vorstellungen. Denn es gibt sie offenbar doch, die ernste Operette, wo am Ende nicht alle einer gemeinsamen Zukunft entgegenblicken. Aber der Reihe nach.

Ein besonderer Einfall war das Vertanzen der Ouvertüre. Melanie Oster und Nicolas Lugstein stellten Lisa und den Prinzen, also das Liebespaar Nr. 1, dar. Beide in weißen Outfits zeigten sie tänzerisch die Verbindung der beiden Charaktere. Während des Stücks hatten sie immer wieder ähnliche Auftritte. Eine dritte Tänzerin, Nicole Eckenigk, hatte ein dunkles chinesisches Gewand an, hell geschminktes Gesicht und ebenso hell gefärbte Haare, die streng in einem Knoten nach hinten gehalten wurden. Man könnte ihre Tanzrolle als „Tradition“ beschreiben. Immer wenn sie erschien, gab es eine Entscheidung für den Prinzen zu treffen oder sie trat mahnend in Erscheinung, meist auch von düsteren Klängen begleitet. Auf jeden Fall war diese stille Rolle ein Hingucker, da sie viel mit ihrem Tanz zu erzählen hatte.

Im 1. Akt befindet man sich in Wien, genauer gesagt in der Villa des Graf Ferdinand Lichtenfels (Bernhard Teufls Erscheinungsbild erinnerte etwas an Kaiser Franz Josef). Dessen Tochter Lisa (Alexandra Reinprecht) hat gerade als Reiterin ein Rennen gewonnen und alle finden „Hoch soll sie leben“. Viele Herren sind anwesend und Lisa philosophiert über die Liebe „Gern gern wär‘ ich verliebt“. Gustl (Peter Kratochvil) der mehr als nur ein Auge auf sie geworfen hat würde ihr auch gerne gratulieren, doch er hat das Nachsehen, zumal eine schöne Buddhastatue des Prinzen Suo-Chong eintrifft, mit der dieser gratulieren möchte. Gustl wagt den großen Schritt und hält um Lisas Hand an. Kratochvil wirkte süß schüchtern, ging sogar auf die Knie und musste zerknirscht klein beigeben, als Lisa nur lapidar meinte „Freunderl mach‘ dir nix d‘raus“. Er hat die Vermutung, dass der Prinz dahintersteckt und warnt sie. Bei „Immer nur lächeln, niemals vergnügt“ gibt Thomas Blondelle, gekonnt einen tiefen Einblick in die Seele seines Charakters, des Prinzen Sou-Chong. Um ihm einen asiatischen touch zu verleihen wurden seine Augenpartien entsprechend betont und passend zu seiner Rolle enthielt er sich jeglicher freundlicher Regung. Man kann regelrecht spüren, welche Last auf seinen Schultern liegt und wie sehr es an ihm zehrt, dass er sich niemandem anvertrauen kann und immer alles in sich hineinfressen muss. Suo-Chong und Lisa kommen sich bei einem Tässchen Tee näher („Bei einem Tee à deux“) und dieses Getränk scheint wie ein Aphrodisiakum für beide zu wirken. Die Damen der High Society wollen dann vom Prinzen wissen, wie man in China das Herz einer Frau erobert. Er besingt die Tradition „Von Apfelblüten einen Kranz“. Die Damenwelt schmilzt hinweg, doch als Lisa dazustößt, merkt man, dass er im Geiste schon für sie einen entsprechenden Kranz geflochten hat. Der Sekretär des Prinzen erscheint und bringt die Kunde, dass Suo-Chong sofort abreisen muss, da er in China zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Lisa ist sehr traurig, die „Tradition“ in Person der Tänzerin erscheint mit dunklen Klängen. Lisa würde mit dem Prinzen bis ans Ende der Welt gehen. Vom Prinzen fallen die drei wichtigen Worte und mit einem Kuss beider wird man in die Pause verabschiedet.

Nach der Pause befindet man sich in China. Das Bühnenbild ist in Rottönen gehalten, ebenso die Kleidung der TänzerInnen und des Chors. Durch Tschang, seinen Onkel, erhält Suo-Chong die gelbe Jacke verliehen, die höchste Auszeichnung des Landes. Claudiu Sola war eine sehr mächtige und respekteinflößende Erscheinung und das nicht nur dank seiner geschminkten Glatze. Seinem Tschang nahm man es wirklich ab, dass mit ihm nicht zu spaßen ist. Als der Prinz die Jacke angelegt bekommt, merkt man Darsteller Blondelle an, wie sich sein Charakter gerade fühlt, nämlich wie ein Gefangener in einer zweiten Haut. Auch als er sich zum Schein artig bedankt, ist er alles andere als bei der Sache.

Als Tschang eine bevorstehende Vermählung andeutet hofft Sou-Chong dieser Tradition doch irgendwie noch entgehen zu können. Dann lernt man Mi (Verena Barth-Jurca), die Schwester des Prinzen kennen. Barth-Jurca hüpft begeistert in ihrem Tennisoutfit herum, bis sie vom Onkel deshalb gerügt wird. Ihrer neuen Freundin Lisa erzählt sie bei „Im Salon zur blau‘n Pagode“ dass sie manche Traditionen langweilig findet und sie auch gerne die große Liebe finden würde. Sie besteht darauf auch Gefühle haben zu dürfen und Barth-Jurca zeigt eine springlebendige, offene junge Chinesin, mit einem entzückenden Tanzstil, an dem der grantige Onkel sicher auch Gefallen gefunden hätte – wohl eher nicht!

Ihrer gegenseitigen Liebe versichern sich Lisa und der Prinz bei „Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt?“, dass diese bald darauf auf eine harte Probe gestellt wird, ahnen sie noch nicht. Gustl hat sich auf eigenen Wunsch als Militärattaché nach China versetzen lassen, um bei Lisa nach dem rechten zu sehen. Kratochvil hat sichtlich Spaß an dieser Szene. Als eingefleischter Wiener ist Gustl mit der chinesischen Sprache auf Kriegsfuss, sehr zur Erheiterung des Publikums. Auch die Hitze und die Gelsen machen ihm zu schaffen. Auch dass eine typisch österreichische Süßigkeit mit Schokolade die Hitze nicht heil überstanden hat, sorgt nicht für gute Laune bei ihm. Auch macht ihm der Oberneunuch (Seungmo Jeong) mit seiner Beharrlichkeit zu schaffen. Dieser ist schon seit 30 Jahren in dieser Funktion, stammt aus einem Eunuchengeschlecht und darf niemanden in den Damentrakt einlassen. Sehr witzig, dass Gustl und der Eunuch sich mit Händen und Füßen verständigen müssen, aber im Endeffekt doch das Bestechungsgeld von Gustl für sich spricht. Tschang will ihn nicht zu Lisa lassen, denn für ihn existiert diese nicht. Diese Aussage stimmt den sonst so fröhlichen Wiener nachdenklich. Dann trifft Gustl auf Mi und ist von ihrer Erscheinung verzaubert. Sie tut das, was eigentlich verpönt ist, nämlich mehr als nur lächeln, ist kess, fröhlich und einfach nur zum süß finden. Zwischen beiden entwickelt sich rasch „Meine Liebe, deine Liebe“, auch wenn sie nicht so recht mit ihren Gefühlen umzugehen wissen.

Gustl erzählt Lisa wie sehr Wien sie vermisst und berichtet von der bevorstehenden Mehrfachhochzeit von Sou-Chang. Doch Lisa kann nicht glauben, was er da aufgeschnappt hat. Tschang erinnert Sou-Chong an seine Heiratspflichten. Dieser will aber die alten Gesetze und Traditionen nach Konfuzius missachten. Er ist der Verzweiflung nahe, denn nach dem Gesetz ist Lisa nur seine Sklavin und Mätresse. In „Dein ist mein ganzes Herz“ singt er sich all seinen Kummer von der Seele und gesteht sich seine Liebe zu Lisa ein. Eine sehr eindrucksvolle Leistung von Blondelle. Lisa stellt ihn zur Rede, doch noch bevor er versichern kann, dass ihm die Zeremonie nichts bedeutet holt ihn die Tradition Chinas ein. In einer feierlichen Handlung werden ihm die Frauen, die er ehelichen soll quasi vorgeworfen. Danach schafft es Suo-Chong zum ersten Mal Emotionen zu zeigen. Leider keine freudigen, sondern Tränen. Er streift seine Fesseln – die Jacke ab und bricht zusammen. Lisa sieht ein, dass sie sich in der falschen Welt befindet und will wieder nach Wien. Reinprecht stellt die um ihre Gefühle betrogene Frau sehr glaubwürdig dar und man kann ihr nachempfinden, dass sie sich nur als einzige Ehefrau im fremden Land wohlfühlen kann. Doch dann poltert der Prinz und befiehlt ihr zu bleiben. Ob Suo-Chong sie damit absichtlich von sich stoßen will oder in dem Moment wirklich verärgert ist, lässt sich schwer sagen. Vermutlich ersteres, da er Lisa den Abschied leichter machen will, in dem sie im Streit von ihm geht. Es fallen böse Worte wie „du musst mir gehorchen“, „ich bin dein Herr“ oder „du bist nur eine Sache“. Lisa zeigt sich sehr entsetzt ob dieses zweiten Gesichts und will nur mehr weg. Auch Sou-Chong erkennt sich selbst nicht mehr und ist offenbar nicht mehr Herr seiner selbst. Lisa wird sogar gegen ihren Willen im Palast festgehalten.

Mi hilft Gustl die Flucht mit Lisa vorzubereiten, auch wenn sie gerne mit ihm zusammenbleiben würde. Suo-Chong lässt die beiden schlussendlich ziehen, lässt Lisa aber noch wissen, dass er sie liebt. Niemals mehr werden weder der Prinz, noch seine Schwester ihre Liebsten wiedersehen. Sie geben einander Halt und Trost. Das fortwährende Lächeln geht für beide weiter „doch wie’s drin aussieht, geht niemand was an“.

Leider geht das Stück für die vier Hauptdarsteller nicht gut aus. Alle vier wussten aber in ihren Rollen zu überzeugen und hauchten ihnen wunderbar Leben ein.

Thomas Blondelle als verliebter aber schlussendlich doch der Tradition ergebener Prinz zeigte einen stark zerrissenen Charakter. Alexandra Reinprecht’s Lisa ist kein unerfahrenes Ding, sondern eine reife Frau, die letztendlich leider einsehen muss, dass manchmal Liebe allein doch nicht glücklich macht. Verena Barth-Jurca ist eine fröhliche, aufgeschlossene Mi, die wunderbar versucht sich aus ihren Zwängen zu befreien und ist über jede Sekunde, in der ihr das gelingt, dankbar. Peter Kratochvil ist einerseits der Mann mit den Wiener Schmäh, der immer zu Scherzen aufgelegt ist, zeigt aber auch seine verletzliche Seite, wenn es um Liebesdinge geht.

Im Grund stemmen nur diese vier Personen die Handlung und das Publikum zeigte sich am Tag der besuchten Vorstellung außerordentlich begeistert und konnte am Ende zumindest den Darstellern für einen interessanten Abend dankbar entgegenlächeln.

Quelle: Andrea Martin

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