Was macht … ein Zirkusdirektor?

Es vergeht kaum eine Woche, in der der Cirkus Pikard nicht in den österreichischen Printmedien vertreten ist, deshalb haben wir bei Alexander Schneller, dem jungen Zirkusdirektor nachgefragt, was ihm das Leben im und für einen Zirkus bedeutet.

Hier ein Auszug aus der Geschichte des Unternehmens aus dessen Homepage: Die Urgroßeltern und Großeltern der Familie Schneller und der Familie Picard waren bereits Artisten, Komödianten oder Kunstreiter und durch ihren Beruf immer auf Wanderschaft. Jenö Schneller, der Vater von Ernö Schneller, heiratete Olympia Picard (daher kommt auch der Zirkusname Pikard) und die beiden führten die Tradition in den 30er Jahren mit einem eigenen Zirkus weiter, in welchem Ernö und seine Geschwister aufwuchsen. Die Zirkusfamilie hatte natürlich auch unter dem 2. Weltkrieg arg zu leiden, trotzdem fingen sie nach Kriegsende wieder mit ihrem Zirkus an. Zu dieser Zeit befand sich die Familie in Ungarn. Später wurde all ihr Besitz, bis auf ein paar Zirkuswägen und zwei Pferde, verstaatlicht. Ernö Schneller war mit seinen beiden Brüdern ca. 10 Jahre als Artist für den Staat Ungarn tätig, als er sich entschloss, das Land, in dem er aufwuchs, zu verlassen und als Jongleur in der “freien Welt” aufzutreten. Aber immer wollte er seinen eigenen Zirkus haben, denn seine Kindheit hatte er nur in bester Erinnerung. Seine Kinder sollten auch im Zirkus aufwachsen. Die Umstände wollten es, daß Ernö Schneller sich relativ spät entschloss, einen Zirkus zu gründen und 1989 war es endlich so weit. CIRCUS PIKARD war wieder zum Leben erwacht. Ernö hat sich seinen Traum erfüllt. Im Oktober 2004 verstarb Hr. Dir. Ernö Schneller unerwartet während eines Gastspiels in Krems.

Alexander, der einzige Sohn von Ernö und Elisabeth Schneller hat das Amt des Zirkusdirektors übernommen. Er ist aber auch Vollblutartist und sucht immer wieder neue Herausforderungen. Seine große Stärke ist das Jonglieren und er tritt auch hauptsächlich als Jongleur auf. Er arbeitet aber auch an Akrobatiknummern am Boden und in der Luft, was jede Menge Körperbeherrschung erfordert. Auch führt er gerne Tierdressuren vor und auch das Moderieren gibt er als eine seiner Stärken an. Gibt es Grenzen für ihn? „Künstlerische Grenzen ziehe ich nicht, sondern entwickle mich gerne weiter. Es gibt jedoch viele Disziplinen, die ich nicht beherrsche und das passt auch ganz gut so.“

Schneller kann die geflügelte Redensart „Ein Leben für den Zirkus“ nur bestätigen. Er liebt es am Zirkusplatz zu sein, vor allem das Flair ist für ihn unglaublich schön und er hofft, dass er sein Leben lang diesen Beruf ausüben können wird. Die Zirkusluft hat Schneller schon von klein auf geatmet und er wollte immer mit dem Zirkus verbunden bleiben. Er sieht sich selbst eher als Mann der Tat und ist weniger begeistert jeden Tag hinter einem Bildschirm sitzen zu müssen. Wäre er nicht beim Zirkus gelandet, wäre er sicherlich im Bereich Eventmanagement und im Bereich Bühnentechnik tätig.

Relativ jung musste Schneller in die Fußstapfen seines Vaters treten und das Amt des Zirkusdirektors übernehmen. Wie war das so für ihn wollten wir wissen. „Zum Glück wollte ich immer schon Direktor werden und hatte mit 17 Jahren schon ein gewisses Grundwissen mitgebracht. Trotzdem musste ich mir sehr sehr viel lernen, aneignen und Erfahrungen sammeln, um mit 27 tatsächlich der Zirkusdirektor werden zu können.“

Schneller steht als Zirkusdirektor nicht nur in der Manege und begrüßt, wie man vielleicht meinen möchte das Publikum. Er arbeitet einerseits selbst als Artist in der Manege, andererseits ist er vor der Show an der Kassa, in der Pause beim Snackstand, als Mann im Back Office für diverse organisatorische Dinge zuständig. Jeden Handgriff kann er selbst machen und er gibt auch zu, dass er sehr gerne ordentlich eingesetzt ist. „Schließlich sollte man als Chef auch wissen, was an Arbeitspensum auch zumutbar und gut über gewisse Zeiträume zu machen ist. Dazu kommt noch, dass er mindestens vier Mal, besser sechs Mal die Woche für 2-3 Stunden auch noch trainiert, um für seine Showeinlagen fit zu sein.

Jedes Jahr wird an einer neuen Show gefeilt, die dann auch einem entsprechenden Motto unterliegt. So heißt es z.B. dieses Jahr “Darf`s a bisserl mehr sein”? Wir haben nachgefragt – wer denkt sich neue Nummern aus und ist für die Zusammenstellung des Programms verantwortlich? Auch diese Tätigkeiten obliegen Alexander Schneller, er ist Regisseur und Ideengeber in Personalunion. Die Grundidee und das Motto steuert er auch bei, aber natürlich nimmt er auch sehr gerne von seiner Familie Änderungs- und Verbesserungsvorschläge an.

Viele machen Urlaub mit Wohnwagen, für die Familie Schneller ist der Wohnwagen das ganze Jahr über das zuhause. Romantisch, wie man sich das vielleicht auf den ersten Blick vorstellt ist das aber nicht immer. Schneller: „Es ist nicht vergleichbar mit einer Wohnung, denn es ist viel weniger Komfort da. Man muss sich um Wasser, Strom, Gas, Heizen und den Transport kümmern. Es ist nicht so wie in einer Wohnung oder einem Haus, wo grundsätzliche Dinge automatisch immer funktionieren.“

Der niederösterreichische Zirkus ist seit 2015 nur mehr im Heimatbundesland unterwegs. Der Hauptgrund ist das zahlreiche, treue Stammpublikum. Bis zu 25 Tourneeorte stehen pro Saison (März bis November) am Reiseplan. 480 Personen finden im Zelt Platz. Absagen einer Vorstellung kann es geben, allerdings nur bei höherer Gewalt, sprich bei Sturmböen über 80 km/h oder sintflutartigem Regen. Dezember bis Februar ist die Winterpause, in der die Familie aber alles andere als untätig in ihren Wägen herumsitzt. 36 Pickerl für den Fuhrpark sind zu machen, vieles wird erneuert und neu erschaffen für die kommende Saison, Werbung muss fertiggestellt werden, die nächste Tournee fixiert uvam. Zur Weihnachtszeit sowie in der Ballsaison und auch im Fasching sind sie sogar bei vielen Events, Feiern und Veranstaltungen künstlerisch und/oder dekorativ mit eingebunden.

Vielleicht haben viele das Bild vor Augen, dass ein Zirkus nicht mehr zeitgemäß ist und dass es die wenigen schwer haben zu überleben. Wir haben Alexander Schneller danach gefragt und so einiges mehr über den Cirkus Pikard erfahren. „Wir können nicht nur gut überleben, sondern sind seit 29 Jahren ein florierender Betrieb der einige Arbeitsplätze geschaffen hat und erhält. Mit einer Sitzplatzanzahl von 480 Personen sehe ich uns nicht als kleinen Zirkus. Es gibt nur einen tschechischen Betrieb der durch Österreich reist, der eine höhere Sitzplatzanzahl vorzuweisen hat. Wir besitzen drei wunderschöne, unterschiedliche Zirkuszelte und haben diese für Zirkus-Shows, Workshops, Konzerte, Firmenveranstaltungen und vieles mehr immer wieder im Einsatz.

Schade findet es Schneller, dass es viel zu viele Zirkusse in Österreich gibt, im Moment 21 an der Zahl. Viele leider auch mit eher niveauloser Qualität. „Schade, denn der größte Feind vom Zirkus ist schlechter Zirkus. Unser Geheimrezept lautet: Qualität besteht. Wir müssen auch nicht um unsere Existenz kämpfen, in keinster Weise. Man muss sich nur zu behaupten wissen.“

Im Circus Pikard gibt es auch Ponys, Tauben, Hunde und Katzen. Alle sind artgerecht in Stallungen bzw. die Haustiere sogar bei ihren Besitzern im Wohnwagen untergebracht. Langweilig wird ihnen nicht, denn sie haben immer Beschäftigung, wie Training, die tägliche Pflege und eben die regelmäßig stattfindenden Auftritte.

Neben dem „normalen“ Zirkusprogramm gibt es auch ab und zu specials wie Auftritte von Travestiekünstlern oder MusicalsängerInnen. Wie kommt es zu solchen Kooperationen wollten wir vom Chef persönlich wissen: „Ich habe großen Respekt vor Künstlern aller Art und fühle mich sehr wohl in ihrem Umfeld. Es gibt viele Anfragen, doch nicht jede Show funktioniert dann auch – im Endeffekt entscheidet die persönliche Sympathie.“

Freizeit im Zirkus ist rar gesät, die „passiert einfach“ lässt uns Schneller wissen. „Als Chef ist man 24/7 verantwortlich und auch vor Ort. Wenn ich wegfahre, dann im Winter, zu anderen Zirkussen in Europa, oder in die Therme- oder beides :-)“

Die Frage nach dem Tagesablauf an Showtagen bzw. auch an showfreien Tagen lässt sich schnell klären: „An Showtagen dreht sich alles um die Show, vorher und nachher. An spielfreien Tagen dreht sich alles darum bis zur Show alles fertig aufgebaut und eingerichtet zu haben.“ Und auch wenn diese Arbeit sehr zeitintensiv ist, es wird für Alexander Schneller kein „Schluss, Ende, der Circus Pikard hört auf“ geben. „Ich lebe, um Pikard zu machen. Ich mache nicht Pikard, um zu leben.“

Mit dem Lebensmotto „Spare, lerne, leiste was, dann hast du, kannst du, bist du was“ von Alexander Schneller möchten wir unsere Vorstellungsrunde beschließen und ihm und seiner Familie alles Gute und noch viele viele Jahre staunende treue Besucher und wunderbare Zirkusvorstellungen und Projekte wünschen.

Quelle: Andrea Martin

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!