Was macht … ein Regisseur?

Es vergeht kaum ein Monat, da liest man, dass Gil Mehmert schon wieder etwas Neues inszeniert. Vor allem im Bereich Musical ist er sehr aktiv und Stücke wie „Wahnsinn“, „Priscilla – Königin der Wüste“, „Sunset Boulevard“, „Evita“, „Hair“… standen schon unter seiner Regie. Wie entschließt man sich aber dazu Regisseur zu werden? Was für eine Ausbildung ist nötig? Wie lange kann es dauern, bis sich der Erfolg einstellt und und und … das alles und noch mehr haben wir bei Regisseur Gil Mehmert nachgefragt und ihn zum großen Interview gebeten.

Gleich zu Beginn wollten wir u.a. wissen, wie es zu dem Entschluss kam diese Laufbahn einzuschlagen. „Ich habe mich schon in frühester Jugend zu allen Varianten von Bühnengeschehen und Musik hingezogen gefühlt, insbesondere auch zur Verbindung beider Elemente. Dann habe ich mich aber zunächst ganz auf die Musik konzentriert und ein Studium der klassischen Gitarre begonnen. Im Zusammenhang mit einer größeren Krise stieß ich auf den Studiengang Musiktheater-Regie an der Münchner Hochschule für Musik und Theater, den seinerzeit der große Theatermann August Everding neu ausgerichtet hatte. Darin sah ich die Summe meiner künstlerischen Interessen vereinigt und habe mich intensiv auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet. Aus diesem Studiengang ist dann im weiteren Verlauf die Bayerische Theaterakademie hervorgegangen.“ Mehmert definiert den Begriff Musiktheater nicht nur als Oper, sondern versteht darunter alle Formen des Geschichtenerzählens mit Musik und richtete danach auch sein Studium aus.

Wie steinig war der Weg nach der Ausbildung bis heute und welche Tipps hat Gil Mehmert für angehende Regisseure parat? Mehmert ist ein studierter Diplom-Regisseur, findest es aber wichtig, dass jeder seinen eigenen Weg geht und sich selbst ausbildet. Oft ist gerade der nicht-akademische Weg spannend. Mehmerts Weg hat erst so richtig nach dem Studium begonnen. Zu Beginn der 90er blickt er zurück „war einem Theaterintendanten nichts ferner, als einen jungen Diplom-Regisseur zu engagieren“. Betreffend die jüngeren Regisseure findet er, dass sich die Situation heute geändert hat. Es heißt ja so schön „vom Tellerwäscher bis zum …“. Mehmert musste sich zunächst zwei Jahre als Nachttelefonist im Hotel Bayerischer Hof verdingen und irgendwie durch kleine selbstfinanzierte Projekte und hohe Schulden versuchen, etwas Vorzeigbares auf die Beine zu stellen, was als Referenz-Produktion gelten konnte. „Das war eine harte Zeit“ denkt er zurück. „Man kann sicher einiges im Studium lernen, aber wie man durch das Leben geht und was man sich für Fertigkeiten aneignet, steht selten auf dem Zeugnis.“ Mehmerts Tipps „Es ist nützlich viel zu sehen und viel zu lesen. Regie selbst lernt man am besten durch‘s Regieführen. Hilfreich kann es auch sein, wenn man ein Instrument beherrscht und den Vorgang des Regieführens wie ein Musiker aufbaut – vom einfachen zum komplizierten. Man sollte erstmal mit Schauspielern an Monologen arbeiten, bevor man ein komplexes Werk mit vielen Beteiligten inszenieren will…“

Oft kommt es vor, dass ein Musicaldarsteller von der Bühne hinter die Bühne ins Regiefach wechselt. Wie sieht das Gil Mehmert? Kann Regie führen „jeder“? „Um es ganz hart zu sagen: man kommt im Musical als Ahnungsloser recht weit. Hat man einen Top-Ausstatter, einen super Choreographen und einen guten Cast, dann ist ja schon viel da. Der Interpretations-Spielraum im Musical ist klein, die Spielweise muss nicht, wie beim Schauspiel jedes Mal neu definiert werden, die Darsteller selbst sind oft engagiert und pflegeleicht. Es steht alles im Buch und wenn man das ordentlich vom Blatt auf die Bühne überträgt, entsteht sogar oft genug etwas Vorzeigbares. Wie sehr allerdings professionelle Darsteller unter dieser Dilettanten-Regie leiden, steht auf einem anderen Blatt. Das größte Problem ist meist, dass es keine Vision gibt, was erzählt werden soll, keine Schauspieler-Führung und keinen dramaturgischen Ansatz. Abgesehen von der unsicheren Menschenführung. Man sollte für sich genau wissen, warum man Regie führen will, was man mitteilen möchte, warum man sich anmaßt, anderen zu sagen, was sie machen sollen. Viele Menschen können während einer Produktion besser schlafen, wenn das geklärt ist.

Könnte Gil Mehmert eigentlich auch switchen und selbst auf einer Bühne stehen oder wäre das etwas, was ihn gar nicht reizt? „Nach jahrelangem Mitfiebern und innerlichem Mitspielen kann man recht gut spontan etwas vormachen. Ich habe da bestimmt ein recht großes Repertoire an Farben, Brüchen und Komik drauf, aber Lust daran wochenlang zu proben, hätte ich wohl nicht. Vor allem kann ich nicht singen, um beim Musical zu bleiben.“

In vielen Kritiken steht der Regisseur nur mit einem Satz so nebenbei erwähnt „Regie führte XY“. Wie wichtig ist die Regie für ein Stück und was ist eine gute Regie? Mehmert könnte zu diesen grundlegenden Fragen allein sehr viel sagen, hier dennoch eine Kurzfassung: Die Regie ist sehr wichtig, wenn jemand alle Departements führen und bereichern kann. Sie ist besonders gut, wenn als Gesamtkunstwerk am Ende eine Aufführung dabei entsteht, die vielmehr ist als die Summe ihrer Einzelteile.“

Stellt man sich spontan die Frage, was ein Regisseur so alles macht, scheint es klar zu sein. Denkt man aber genauer darüber nach, ist man sich vielleicht nicht mehr so sicher. Wir haben deshalb diese Frage gleich weitergegeben: „Mancher macht alles und gibt auch die Anstöße für Ausstattung, Choreographie, Licht, eine eigene Fassung etc. und mancher macht wenig und es funktioniert mitunter auch, weil dann die anderen dieses Vakuum füllen. Den anderen diesen Raum zu geben ist ja auch eine Fähigkeit. Vom General über Fußballtrainer bis Klassensprecher und Flugbegleiter gibt es alle Varianten des Regieführens. Der Regisseur hat im besten Fall eine Vision und gibt vor in welche Richtung es gehen soll. Aber im Grunde definiert sich das Gefüge immer von allein innerhalb einer Konstellation. Da ergibt sich automatisch das Recht des „künstlerisch“ Stärkeren. Wenn aber ein/e Kollege/in über eine/n Regisseur/in als erstes anführt, was er/sie doch für ein lieber und netter Mensch sei, dann verheißt das zumeist nichts Gutes über die Kompetenzen als Regisseur/in …“

Natürlich darf ein Regisseur auch „lieb und nett“ sein, welche persönlichen Voraussetzungen sind für diesen Beruf aber besonders wichtig? Mehmert: „Leidenschaft für das Genre und den vorliegenden Stoff, hohe Auffassungsgabe, rhetorische Fähigkeiten, Menschenführung und stahlharte Nerven.“

Das Wichtigste für Gil Mehmert beim Regie führen ist: „Eine Idee von der Kunst und eine Idee vom Leben zu haben und zusammenzubringen – und letztlich von dieser Kunst dann auch leben zu können!“

Schauspieler und Sänger haben Auditions, wie kommt eigentlich ein Regisseur zu seinen Engagements? „Am besten ist es, wenn es irgendwann von selbst läuft“, verrät Gil Mehmert, „dann wird man einfach angerufen. Bestimmt gibt es Internet-Seiten und Netzwerke, aber man bewirbt sich im Prinzip immer mit seiner Arbeit, die dann auch noch jemand gesehen haben muss. Bewerbungsschreiben nützen wenig. Man wächst über die Jahre in eine Szene hinein, bekommt Kontakte und sammelt Referenzen.“

Das anspruchsvollste Projekt von Mehmert war bis dato „Das Wunder von Bern“, was die Gesamt-Anforderung angeht. Inhaltlich anspruchsvoll oder anspruchsvoller waren aber eher komplexe und dramatische Stoffe im neuen Musiktheater, etwa die zeitgenössische Oper „Radek“. Auf die Frage nach dem „schönsten“ Projekt wollte er sich nicht festlegen, da es einfach zuviele schon während seiner Laufbahn gab. „Am tollsten ist es jedoch immer, wenn sich die aktuelle Arbeit als das schönste Projekt anfühlt, weil es gerade jetzt im Leben und mit tollen Menschen zusammen stattfindet.“

Bevorzugt Gil Mehmert irgendein Genre und hat er irgendetwas vielleicht sogar noch nie gemacht? „Ich habe alles gemacht und liebe alle Genres. Am wichtigsten sind die Künstler mit denen man ein Projekt zusammen machen kann. Wenn da alles stimmt und man sich inspiriert, ist es egal in welchem Genre man eine Geschichte zusammen erarbeitet. Jedes hat seine Eigenheiten. Beim Film ist es eigentlich am schönsten in aller einsamer Zweisamkeit mit einem tollen Cutter im Schneideraum den Film zu montieren.“

Das Mehmert ein absoluter Teamplayer ist, konnten wir schon heraushören, das geht auch aus der nächsten Antwort hervor, nämlich als wir wissen wollten, ob er gerne einmal an einem bestimmten Ort inszenieren möchte. „Der Ort und das Stück alleine machen es nicht aus. Das Team beeinflusst die Arbeit mehr. Ich könnte mir jetzt zum Beispiel das Westend wünschen, aber das ist doch eher unwahrscheinlich, wenn ich es nicht selbst aktiv forciere und sonstwas in Bewegung setze, um da zu landen.“

Regisseure werden manchmal vor große Herausforderungen gestellt, was war bisher die größte für Gil Mehmert? „In drei Probentagen vor Ort und mit nur wenig Vorlauf eine Riesen-Gala über das Ruhrgebiet bei der Internationalen Tourismus Börse (ITB) 2009 in Berlin rauszuhauen. Das fällt mir spontan als prägend erschöpfendes Erlebnis ein. Aber es gibt noch viele andere anekdotenreiche Produktionen…“

Wie lange vor der Premiere eines Stücks hat der Regisseur im Durchschnitt mit dem Prozess zu tun? Eine Frage, die nicht ganz einfach zu beantworten ist, denn natürlich ist nicht jedes Projekt gleich. „Der Vorlauf im Theater ist optimalerweise etwa eineinhalb bis zwei Jahre. Da geht es los mit dem Einlesen und Recherchieren, der Erarbeitung des Regie- und Bühnen-Konzeptes und dem Erstellen einer Fassung. Die Auditions finden meist etwa neun Monate vorher statt und natürlich ist man da nicht nur dabei, sondern (mit-)entscheidend. Im Theater selbst gibt es etwa ein halbes Jahr vor Probenbeginn eine Bauprobe und Werkstättenbesprechungen. Es gibt aber manchmal auch Projekte, die plötzlich entstehen und die ganz schnell losgehen müssen oder auch Produktionen wie große neue Musicals oder Filmprojekte, die über einen viel längeren Zeitraum entwickelt werden und manchmal leider auch unterwegs eingehen.

Jeder Mensch drückt seiner Arbeit einen bestimmten Stempel auf. Gibt es Merkmale, die für die Regieführung von Gil Mehmert charakteristisch sind? „Ich hoffe! Im besten Fall ist ein komplexes Räderwerk entstanden, in dem Darstellung, aber auch alle anderen Zutaten bis zum kleinsten Requisit zu einem Kosmos verschmelzen. Nicht selten werden meine Übergänge zwischen den Szenen gelobt. Wenn es dem großen Ganzen gedient hat, soll mir das Recht sein. Wenn es nur das ist, wäre es mir zu wenig. Und ich möchte immer überraschen. Mit einem Vorgang, einer Szene, einer besonderen Auflösung.“

Herzlichen Dank an Gil Mehmert, der uns interessante Einblicke in den Beruf des Regisseurs gewährt hat. Wir wünschen ihm ganz viele erfüllende Projekte und ein immer überraschtes Publikum.

Quelle: Andrea Martin
(c) Brinkhoff/Mögenburg

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