Hells Bells – Kann der Besuch der Sommerspiele Melk eine Sünde sein?

In diesem Sommer hat sich das Team rund um die Sommerspiele in Melk sowohl im Theaterstück „Luzifer“ von Bernhard Aichner als auch der Musikrevue „Hells Bells – der Teufel hat den Schnaps gemacht“ von Rita Sereinig und Alexander Hauer für das Böse im Menschen entschieden, das in diversen Formen auf die Bühne gebracht wird. Wir besuchten die Musikrevue am 7.7. und ließen uns von einer bombastischen Aufführung verführen – ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Die Sommerspiele Melk sind Gottseidank vom Wetter unabhängig, da alle ein Dach über dem Kopf haben. Lediglich auf die Naturkulisse hinter der Bühne – das Stift Melk – hat man einen einmaligen Ausblick, da dieser Teil offen ist. Betritt man das Hauptgebäude der zeltartigen Landschaft so fällt einem natürlich das außergewöhnliche Bühnenbild (Daniel Sommergruber) gleich auf. Eine düstere Landschaft aus Autoteilen war geschaffen worden, für einen Autofriedhof definitiv aber zu lebendig. Überall gab es noch zusätzliche Accessoires, die mit einem Blick gar nicht alle erfasst werden konnten und die zum Teil auf die einzelnen Charaktere abgestimmt waren. Die Farben weinrot, grün und eierschalenfarben dominierten in der Kulisse. Die 7köpfige Band der einsamen Herzen war im hinteren Teil der Bühne in einer Art überdimensionaler Wohnwagen perfekt in die Landschaft integriert und auch sie trugen alle Outfits, die zu dem Ensemble passte.

Die Kostüme der SängerInnen hatten etwas von Recyclemode, sehr passend zur Zeit und Location in der das Ganze spielt. Laut Programmbuch befindet man sich in einer postapokalyptischen Zeit in nicht allzu ferner Zukunft, in der acht Menschen um’s Überleben kämpfen. Alles, was sie finden bzw. schon gefunden haben wird verwertet, so auch beim Kleidungsstil – der jede und jeden zu einem eigenen Charakter werden lässt.

Bei „Hells Bells“ handelt es sich um eine Musikrevue. Diese hat als Markenzeichen die Besonderheit, dass während der Show keine Texte gesprochen werden. Es wird alles gesungen. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass insgesamt 62 Titel zum Teil komplett gesungen, als Medley oder nur kurz angesungen Einzug gefunden haben. Will man sich nur von der Musik berieseln lassen, geht das natürlich auch. Man sitzt dann eben in einem Konzert, das die verschiedensten Genres bedient. Möchte man aber wissen, welche Geschichte genau dahintersteckt, ist ein kurzes Durchlesen des Inhalts in dem dicken und sehr interessanten Programmbüchlein (Heft wäre untertrieben) ratsam.

Acht Überlebende (warum auch immer) haben sich in einem Distrikt niedergelassen und versuchen in einer Gemeinschaft ihr Leben zu meistern. Doch das mehr oder weniger beschauliche Leben wird durch das Erscheinen des Teufels selbst getrübt. Er will auf der Erde eine Mauer errichten, um sie gerecht mit Gott zu teilen. Für den Bau werden die Bewohner unfreiwillig zu Freiwilligen, da der Teufel ein Meister der Manipulation ist. Keiner ist mehr vor dem anderen sicher und auch nicht mehr vor sich selbst, denn alle werden sich nach und nach zu Marionetten des Teufels. Irgendwann jedoch kommen die acht auf den Gedanken der Selbstbefreiung, revoltieren und lehnen sich gegen den Teufel auf. Es scheint so, als ob sie am Ende gewonnen hätten, doch die „Hells Bells“ schlagen weiter und es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Teufel wieder zuschlägt und sich sein nächstes Opfer holt.

Wie schon gesagt, um das alles zu kombinieren und mit den Geschehnissen auf der Bühne gedanklich verbinden zu können, sollte man sich vorher schlau machen. Interessant auch die Tatsache, dass der Teufel mit den sieben Todsünden (Hochmut, Völlerei, Jähzorn, Wollust, Geiz, Neid und Trägheit) und die Namen der SängerInnen genau mit diesen in Verbindung gebracht werden konnten (wobei natürlich etwas Latein von Nutzen war).

Das Ensemble setzt sich wie folgt zusammen: Eleftherios Chladt (Diabolus), Peter Groißböck (Superbus), Thomas Dapoz (Gulam), Marina Petkov (Ira), Enny de Alba (Luxuria), Katharina Dorian (Avaritia), Sigrid Brandstetter (Invidia), Max Niedermeyer (Acedis) und Stefan Bleiberschnig (Custos – übersetzt Wächter/Beschützer).

Jeder der Charaktere hat so seine Schwachstellen. Diese nützt der Teufel weidlich aus, um im Endeffekt überall sein Mal (ein Dreieck mit einem langen und zwei kurzen Strichen) anbringen zu können, das beweisen soll, dass ihm jetzt alle hörig sind.

Die Besonderheit ist, dass kein Wort gesprochen und nur mit aneinandergereihten Songs die Geschehnisse vermittelt werden sollen. Auf jeden Fall eine zusätzliche Herausforderung für die SängerInnen. Man könnte aufgrund des Konzertatmosphäre meinen, man hätte auf das Schauspiel verzichten können – Fehlanzeige. Auch hier ist es wichtig, dass die Mimik der Darsteller wechselt, dass Gesten punktgenau gesetzt werden und dass sie Gefühle alle Art in ihre Songs legen. Wie sonst soll eine Geschichte einigermaßen glaubhaft beim Publikum ankommen?

Das Publikum durfte sich über einen bunten Mix an Songs freuen. Von Rock-, Pop- und Austropopsongs über gospellastige Lieder, Musicaltitel, egal ob englisch oder deutsch, vor nichts wurde Halt gemacht. In jedem Fall sorgte viel Unerwartetes für Lacher und Staunen im Publikum. Mit Sicherheit sorgte die Songauswahl auch für Staunen bei den Darstellern selbst, einige hätten sich sicher nie gedacht, dass sie bestimmte Titel in ihrem Leben je auf der Bühne einmal singen werden. Mitsingfaktor beim Publikum war in jedem Fall gegeben und so bekamen die SängerInnen oftmalig Unterstützung von der Publikumstribüne. Speziell bei den Zugaben, bestehend aus „Looking for freedom“ von David Hasselhoff und „Eine ins Leben“ von Pizzera & Jaus gab es kein Halten mehr.

Chladt lässt diabolisch seine „Hells Bells“ (AC/DC) erklingen. Noch sind aber alle einigermaßen zufrieden mit ihrer Situation und bauen sich weiterhin ihre Existenz auf („We built this city“/Starship). Natürlich finden es alle schwer („A hard days night“), aber es darf bei „Large than life“ von den Backstreet Boys auch Partystimmung aufkommen. Dapoz machte den Beatboxer und alle zeigten am Bühnenrand eine fetzige Choreo im Boybandstyle. Plötzlich erscheint Diabolus höchstpersönlich. Chladt in grauem Anzug mit Hut und Stock wirkt sehr vornehm und elegant. Dann beginnt er die einzelnen Personen zu umgarnen. Enny de Alba zeigt Jodelkünste bei „Brennan tuats guta“ von Hubert von Goisern, während Groißböck die Leadstimme übernommen hat und das Publikum mitreißt. Petkov liebt Pflanzen („Lemon Tree“/Fool’s Garden) hat aber keinen grünen Daumen. Der Teufel schenkt ihr eine Pflanze und macht sie so glücklich. De Alba und Bleiberschnig sind das Pärchen unter den Gestrandeten, doch offenbar schafft es der Teufel einen Keil zwischen sie zu treiben und Enny hält erneut Ausschau („Holding out for a hero“). Dass sie, wie die Textzeile „like a fire in my blood“ wirklich Feuer im Blut hat bewies sie mehr als einmal während des Abends. Als neuer Lover bietet sich das Teufelchen selbst an, zwar mit einer etwas schrägen Vorstellung „Hier kommt Kurt“ (Frank Zander), aber es wirkt. Nicht nur die Mädels fallen auf ihn herein. So heißt es dann der „Devil in disguise“ looks like an angel… Natürlich schmeichelt das dem Teufel, es gibt eine Einlage mit Federfächern und er bläst wie der Rattenfänger von Hameln in seinen Stock. Als nächstes hetzt Chladt die anderen gegen den armen Max Niemeyer auf, weil „He’s a maniac“ (leicht adaptiertes „She’s a maniac). Sein „Losing my religion“ ist die logische Schlussfolgerung, da er die Welt nicht mehr versteht. Dapoz verkörperte den Dauerbetrunkenen, zu dumm, dass er dem Teufel, der immer mehr Flaschen für ihn parat hat, nicht widerstehen kann („Alkohol“/Herbert Grönemeyer). Dorian fiel durch ihren rokokoartigen Look auf, denn im Vergleich zu den anderen hatte sie mehr und wollte sie auch immer mehr. Der Teufel nutzte das aus und schenkte ihr bei „Material Girl“, von Dorian interpretiert, immer mehr. Alle anderen wären auch gern „Millionär“ (Die Prinzen, von allen sehr harmonisch gesungen) und Brandstetter ist besonders neidisch „Diamonds are forever“. Bleiberschnig als einzige „Nichtsünde“ hatte bei „I see fire“ (Ed Sheeran“) einen tollen Auftritt, bei dem er von Petkov tatkräftig unterstützt wurde. Ihm merkt man an, dass er meist der Beobachter von außen ist und dem Neuen, der immer wieder erscheint, misstrauisch gegenübersteht. Der Teufel ist aber mit allen Wassern gewaschen und verführt nicht nur die Damenwelt. In einem Medley zeigt er bei „Macho Macho“ seinen „Hintern wie Apollo“, aber man muss vorsichtig sein, denn „U can’t touch this“. Obwohl „It’s a sin“ (Pet Shop Boys) geben sich alle dem Karma des Chameleons (passend dazu der Titel von Culture Club) hin. Dann kommt es sogar zu einer kleinen Orgie unter einem Tuch, bei der alle singen „Lass uns schmutzig Liebe machen“. Ordentlich zur Sache geht’s bei „Maschin“ von Bilderbuch (beim Gesang müssen die jeweiligen Interpreten immer bei einem Guckloch der Decke herausschauen, was mitunter auch den Schwierigkeitsgrad erhöht, zur richtigen Zeit beim richtigen Loch zu sein). Dorian fühlte sich dabei als die „Königin der Nacht“ und überraschte mit tollen stimmlichen Höhenflügen. Bei „Oops!… I did it again“ sah man Chladt in offenem Hemd das ganze Treiben um ihn herum sichtlich genießen, allein der Blick, den es von ihm gab war herrlich. Dann treibt der Teufel weiter sein Unwesen, zerstört sogar mutwillig Petkovs grüne Pflanze, die infolge ordentlich „Shout“ (Tears for Fears) schreit und eine Stepeinlage am Autodach hinlegt. Geschenke des Bösen sollen für gutes Klima sorgen, ein Mantel oder Torte („Aber bitte mit Sahne“) und plötzlich sind sich alle einig „I will follow him“. Es ist zwar der „Wahnsinn“ (Wolfgang Petry), aber schlussendlich gehören alle ihm und sein Zeichen ist überall. In der Pause sieht man es sogar hinter der Bühne auf den Büschen eingeblendet.

Nach der Pause wurde der Ring der sich in der Bühnenmitte befand gedreht, somit war das Auto in ihm nicht mehr zu sehen, es entstand eher eine Anhöhe, die den Bau der Mauer symbolisieren sollte. Zunächst machen sie sich über den Teufel lustig („Der Teufel“/EAV). Dieser entsteigt mit einem würdevollen Auftritt und jeder Menge Rauch begleitet aus einer Klappe auf der Bühne und singt „Engel“ von Rammstein. Er ist halt ein gefallener Engel. Chladts tiefe Töne sind prädestiniert für den Song und lassen einen gewissen Gruselfaktor aufkommen. Bei „Imagine“ zeigen alle gemeinsame sehr schöne Harmonien und demonstrieren Zusammengehörigkeitsgefühl, was der Teufel nicht gern sieht. Er setzt sie „Under Pressure“ und mitten auf der Bühne werden mit Stangen und Holzlatten sowie Gittern Zäune errichtet. Dass Stefan Raabs „Maschendrahtzaun“ nicht fehlen darf ist fast schon Ehrensache und Bleiberschnig setzte mit „Wadde hadde dudde da“ noch einen drauf. Alle sollen sich im „Gangsta’s Paradise“ fühlen, doch dann sind sich alle Bewohner einig, sie sind „Human“ (The Killers). Niemeyer hatte bei diesem Song definitiv seinen stärksten Auftritt und interpretierte den Titel sehr eindrucksvoll. Danach folgte mit „Walls“ von Tommy Emmanuel eine sehr reduzierte Nummer. Peter Groißböck an der Gitarre und für Gesang zuständig, unterstützt von Enny de Alba gab ein Lied mit einem wunderschönen Text zum Besten, das zum Nachdenken anregte. Eine gelungene Kombi aus „Do you hear the people sing“ und „Another brick in the wall“, wie man sie noch nie gehört hatte, sorgte für eine Stimmungsänderung. Die Zäune werden niedergerissen, die Zeiten sollen sich ändern, es weht der „Wind of change“. Toll gesungen von Katharina Dorian. Doch Diabolus sieht alles und meint gelangweilt „Alle Menschen san ma zwider“. Plötzlich bricht Enny de Alba aus wie ein Vulkan. Bei „Go to hell“ (Alice Cooper) geizte sie nicht mit ihren Reizen und schafft es mit ihrer Wahnsinnstimme dem Teufel Saures zu geben. Das währt nicht lange, denn Chladt kontert mit „I’m still standing“, doch verzieht er sich, da er sieht, dass er bei dieser Gruppe nichts mehr ausrichten kann. Dorian schenkt zum Zeichen des Friedens und der Verbundenheit Brandstetter etwas von ihrem Schmuck, bunte Lampen werden angebracht und die Peace-Flagge geschwenkt. Stimmt es vielleicht doch „Heaven is a place on earth“? Doch die „Hells Bells“ läuten weiter, es braucht nur seine Zeit, bis er wieder zuschlägt.

Quelle: Andrea Martin

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