Die „3 Musketiere“ reiten im Steinbruch Winzendorf und das im wahrsten Sinn des Wortes

Ein paar Kilometer westlich von Wiener Neustadt liegt Winzendorf. Bereits 1994 wurden dort die Karl-May-Festspiele ins Leben gerufen, die immer im August stattfinden. Damit die Bühne nicht so vereinsamt hat sich letztes Jahr das Team rund um die zwei Produzenten Benedikt Karasek und Jerome Berg sowie Intendantin Marika Lichter dazu entschlossen den Musicalsommer Winzendorf ins Leben zu rufen. 2017 stand „Zorro“ am Spielplan. Dieses Jahr sorgten die „3 Musketiere“ für Recht und Ordnung.

Kommt man vor Ort an, wird man gleich von einer Wild West Stadt am Fusse des Steinbruchs begrüßt. Dort kann man gemütlich vor der Show etwas Essen. Am Premierentag, dem 6.7. waren natürlich jede Menge bekannte Gesichter vor Ort wie z.B. Barbara Wussow, Thomas Schäfer Elmayer, Dorina Garuci, Matthias Trattner, Ina Regen, Rita Sereinig, Christian Struppeck, Michael Lakner, Drew Sarich und Ann Mandrella samt ihren beiden Kids uvam.

Betritt man den riesigen Raum wirkt es so, als ob man in einem überdimensionalen Kinosaal ist und genauso verhält es sich mit den Ledersitzen, die sogar eine Halterung für Getränke vorweisen. Die Bühne ist natürlich auf die Karl May Festspiele ausgerichtet, aber man konnte eigentlich auch alles gut für das ausgesuchte Stück einsetzen. Das 12köpfige Orchester bestand aus jungen Musikern des Jam Music Lab unter der Leitung von Lior Kretzer. Es hatte direkt in der Kulisse auf der linken Seite Platz genommen. Das einzige Manko war leider der Ton des Orchesters, dieses war oft sehr laut und man konnte die Bässe regelrecht in den Sitzen spüren. Aber sonst spielte die Bühne alle Stücke. Wieder kamen echte Pferde (wieviele Stücke gibt es eigentlich, in denen man Pferde auf der Bühne einsetzen kann?) zum Einsatz und sogar überraschende Pyrotechnikeffekte sorgten für einen Wow-Effekt. Andreas Gergen konnte man für die Regie verpflichten, Sabine Arthold wusste in ihrer Choreographie die Bühne gut zu nutzen und Gerlinde Höglhammer hatte auf die Charaktere passend abgestimmte Kostüme geschaffen.

Frankreich 1626: D’Artagnan bricht nach Paris auf, um wie sein Vater ein Musketier zu werden. Dass seine Reise zum größten Abenteuer seines jungen Lebens wird, weiß er zu dem Zeitpunkt noch nicht. In Paris sitzt Ludwig XIII und seine Frau Anna auf dem Thron. Die Liebe der beiden existiert mehr oder weniger und der eigentliche Drahtzieher ist Kardinal Richelieu, der die Macht der Kirche festigen möchte. Gemeinsam mit dem einzigen Pferd seiner Eltern Pomme de Terre macht sich D’Artagnan auf den Weg.

Die einst verbannte Milady de Winter ist in Paris zurück, sie hat noch mehrere Rechnungen offen. Sie kooperiert mit Rochefort, dem einäugigen Hauptmann der Kardinalsgarde. In Paris stößt D’Artagnan auf die drei befreundeten Musketiere Athos, Aramis und Porthos. Er schafft es, durch seine tollpatschige Art, gleich drei Duellaufforderungen zu kassieren. Kurz spricht er auch mit einer jungen Frau, die ihn sofort verzaubert und die ihm fortan nicht mehr aus dem Kopf geht. England rüstet zum Krieg gegen Frankreich. Königin Anna soll vermitteln, da der Herzog von Buckingham ihr einstiger Geliebter war. Sie sagt zu, ahnt aber nichts von den eigentlichen Plänen. D’Artagnans Vater ist verstorben, trotzdem will er sich duellieren. Sie werden allerdings aufgehalten, da Duelle verboten sind. Rochefort will sie festnehmen, doch mit der Hilfe von D’Artagnan können die drei Musketiere den Kampf für sich entscheiden. Schnell schließen die vier Freundschaft. Beim König sät der Kardinal Zweifel betreffend der Treue von Anna. Milady de Winter will ihre Ehre zurück und fordert für ihre Mithilfe die Befreiung vom Brandmal – der bourbonischen Lilie – welche sie als Hure abstempelt. Doch Richelieu ist niemand, der schnelle Entscheidungen trifft, zuerst soll sie sich beweisen. In einem Cabaret amüsieren sich die Musketiere. D’Artagnan erzählt Athos von seiner Liebe, dieser hält nicht viel davon und schildert ihm seine Erlebnisse. Sie handeln von einem Mädchen mit einer Lilie auf der Schulter, in das er einst verliebt war. Das Mädchen erscheint zufällig, der junge Mann ist hin und weg und träumt von nun an nur mehr von Constance. Diese hat sich dort mit Buckingham getroffen und bringt ihn zur Königin Anna. Anna gibt ihm ein Diamantcollier, das die Verbundenheit Englands mit Frankreichs beweisen soll. Milady de Winter hat ihre Augen und Ohren überall. Richelieu will Buckingham festnehmen, doch die Musketiere retten ihn. Constance und D’Artagnan gestehen einander ihre Gefühle. Der Kardinal gibt den Auftrag D’Artagnan samt den drei Musketieren zu fangen, zum 25. Geburtstag des Königs kündigt er ein Fest an, auf dem Anna doch ihr Collier tragen soll. Dieses ist schon mit Buckingham auf dem Weg nach England, also gilt es dies zurückzuholen. Wer könnte dies besser als D’Artagnan und seine Freunde?

Doch die Reise ist nicht ohne Gefahren und nur D’Artagnan erreicht das Ziel. Buckingham ist skeptisch, doch D’Artagnan kann ihn überzeugen und er macht sich mit dem Collier auf die Heimreise. Milady will indes den jungen Mann jagen. Sie erhält vom Kardinal einen Freibrief, der sie für keinerlei Handlungen haftbar macht. Auch entführt sie Constance, um ein Druckmittel zu haben. Milady findet den jungen Helden und kann ihm den Schmuck abnehmen. Der zu Boden geschlagene D’Artagnan wird von den drei Musketieren, die fliehen konnten, gefunden. Er hat einen Trumpf im Ärmel, Milady hat zwar die Schatulle gestohlen, das Collier ist aber noch immer in seinem Besitz. Das muss auch Richelieu feststellen und ist sehr ungehalten. Ihre Wut lässt Milady an Constance aus. Sie gibt ihr einen vergifteten Trank. D’Artagnan und seine Freunde kommen zu spät. Constance stirbt. Milady erinnert Athos an ihre gemeinsame Zeit, doch die drei Musketiere sind sich einig und fällen das Todesurteil „schuldig“. Milady will mit diesem Urteil nicht mehr leben und ersticht sich (in dieser Inszenierung). Athos hat somit seine einstige Liebe verloren und auch D’Artagnan zweifelt jemals wieder glücklich sein zu können. Beim Ball reißt der bösartige Kardinal den Schal vom Hals der Königin und stellt sie ohne Collier vor ihrem Gatten bloß. D’Artagnan eilt als Retter in der Not herbei, überreicht der Königin das Collier und berichtet von den Gräueltaten von Milady im Auftrag des Kardinals. Dieser wird gemeinsam mit Rochefort arrestiert. Die Kardinalsgarde wird aufgelöst, die Musketiere wachen wieder über den König. D’Artagnan wird einer von ihnen, sein Vater wäre stolz auf ihn.

Die Besetzung konnte sich sehen lassen.

Christopher Dederichs spielt den nur so vor Energie und Lebensfreude sprühenden jungen Helden D’Artagnan. Schon in seiner ersten Nummer „Heut‘ ist der Tag“ gibt es Rückwärtssalti und Purzelbäume, sodass man ihm den ungestümen Jungspund abnimmt. Dass er aber auch anders konnte, beweist er, als er den Brief seines Vaters mit viel Wehmut besingt und zusammenbricht. Er blüht allerdings auch auf, wenn er seiner Constance ein Liebesständchen bringt und ihr schöne Augen machen darf. Hier merkt man „Liebe auf den ersten Blick“ kann durchaus existieren. Leider bleibt den beiden kein langes Beisammensein vergönnt und D’Artagnan muss ein weiteres Mal den Verlust eines geliebten Menschen betrauern.

Als Constance feierte Zoë Straub ihr Musicaldebut. Einer großen Masse wurde sie sicherlich durch das Vertreten Österreichs beim ESC im Jahr 2016 bekannt. Sie spielt die Unbedarfte Frau fast schon elfengleich und vor allem in den trauten Momenten mit D’Artagnan ist ihre Constance schüchtern, verspielt, aber auch positiv in die Zukunft blickend und voller Liebe. Süß, wenn beide sich „Alles“ versprechen. Besonders zerbrechlich wirkt sie, als sie allein am Bühnenrand und nur mit einer Kerze „Gott lächelt uns zu“ mit viel Feingefühl in der Stimme interpretiert.

Armin Kahl als Kardinal Richelieu hat in seiner roten Kutte (diese soll bedeuten, dass er sogar Blut für den rechten Glauben vergießen würde) schon fast etwas Teuflisches an sich. Wenn er dann noch „Oh Herr“ singt und böse mit den Augen rollt, ist man sich gar nicht mehr so sicher, welcher Herr eigentlich der seinige ist. Auch sein „Nicht aus Stein“ ist sehr stark und man erkennt Kahl mit der diabolischen neuen Art fast nicht wieder. Sehr verstörend wirkt auch die Show, die während „Glaubt mir“ geboten wird. Maskierte Trommler, Kahl als dämonischer Prediger und Bühnenpyprotechnik (dass es aussieht, als würde ein Drache Feuer speien), die zum Einsatz kommt (passend dazu kommt ja im Songtext auch „Feuer“ vor) untermalen diesen Song sehr eindrucksvoll.

Lisa Antoni als Milady de Winter darf auch endlich einmal die Böse spielen und fährt bei ihrem ersten Erscheinen sogar in einer pferdebespannten Kutsche ein. Gleich bei ihrem ersten Auftritt mit „Milady ist zurück“ zeigt sie wo’s lang geht und dass sie bei Gott nicht zum schwachen Geschlecht gehört. Dieser Eindruck setzt sich bei ihrem Solo „Männer“ fort, so es eine schwungvolle Choreo mit dem männlichen Ensemble zu bewältigen gilt. Die Einsicht in „Wo ist der Sommer“ kommt zu spät.

Die schmucken uniformierten drei Musketiere wurden von Christoph Apfelbeck (Athos), Florian Fetterle (Aramis) und Dirk Siebenmorgen (Porthos) dargestellt. Die drei sind für die wilden Kämpfe mit dem Ensemble zuständig, die ein wahrer Hingucker sind. Natürlich dürfen Degen, aber auch die Fäuste nicht fehlen. Sehr majestätisch sind sie anzusehen, wenn sie auf dem Rücken der Pferde einreiten oder die Bühne verlassen. Sicher ist ein echtes Pferd für einen Musicaldarsteller ein ungewohnter Bühnenpartner, aber alle behandelten sich gegenseitig mit dem gehörenden Respekt und so sah alles wirklich sehr harmonisch und gut gelöst aus. Die meiste Aufmerksamkeit der drei bekommt zweifelsohne Apfelbeck als Athos. Als einstiger Liebhaber der Milady de Winter darf eines der wohl schönsten Soli für einen Mann in einem Musical singen „Engel aus Kristall“. Stimmlich einwandfrei und sehr stark gesungen wird der Song von einem schönen Regieeinfall begleitet. Bianca Stocker zeigt als Solotänzerin eindrucksvoll das Schicksal der Milady in jungen Jahren.

Lorenz Sandmaier stellt den einäugigen Rochefort dar und hat dank seiner Augenklappe schon etwas von einem Seeräuber. Dank seiner schnippischen Art und dunklen Stimme verbreitet er immer, wenn er einen Auftritt hat, düstere Stimmung.

Sarah Zippusch als gütige Königin Anna, die ein Herz für ihre Untertanen und auch für ihren Gemahl hat, dem sie allerdings offenbar nicht so am Herzen liegt, spielt wunderbar ihre kleine aber feine Rolle. Gemeinsam mit Antoni und Straub hat sie ein wunderbares Terzett bei „Wer kann schon ohne Liebe sein“.

Einen besonderen Kooperationspartner gibt es, wie auch schon im letzten Jahr mit der Performing Academy des Performing Center Austrias. Die meisten Ensemblemitglieder haben die Academy bereits erfolgreich abgeschlossen, einige befinden sich aber noch in der Ausbildung:

Ensemble: Sara Lynn Boyer, Lisa Radl, Bianca Stocker, Romina Stella (Puffmutter), Nadine Zemp (D’Artagnans Mutter), Kilian Berger (gab den sehr unsicheren König Ludwig, der vor allem dank seiner enormen Lockenpracht ins Auge fiel), Diego Federico, Florian Klein (er gibt neben seinen Ensemblerollen auch noch den Conferencier. Hier trägt er einen bunten Mantel, der etwas an den „technicolor dreamcoat“ von Joseph erinnert), Maximilian Millen, Kevin G. Valentine (Buckingham), Max M. Vazquez

Eine rundum gelungenes Stück, zu dem man allen Beteiligten nur gratulieren kann. Unterhaltung samt angenehmen Ambiete auf höchstem Niveau. Nach zweimaligen Degenpower 2017 und 2018 darf man gespannt sein, wofür sich die Verantwortlichen 2019 entscheiden werden.

Noch bis 29.7.2018 zu sehen, Infos hier: www.musicalsommer-winzendorf.at

Quelle: Andrea Martin

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