„Thrill Me“ – ein bittersüß-schauriger Theaterbesuch

Dunkelheit. Inmitten der Bühne ein geheimnisvoller schwarzer Kasten. Davor, am Boden drapiert, eine Brille, angeleuchtet von einem einsamen Spotlight.

Dieses Bühnenbild erwartete die Zuschauer von „Thrill Me“, einem Musical von Autor und Komponist Stephen Dolginoff, welches in der deutschen Fassung von Bernd Julius Arends gezeigt wurde. Von 20.-22.4. gastierte die Produktion von OFFstage Germany im Admiralspalast in Berlin, danach (27.-30.4.) war es im First Stage Theater in Hamburg zu sehen. Wir durften die Vorstellung am 27.4. besuchen. Die Regie dieses Zweipersonenstücks lag in den Händen von Michael Heller.

Zu Beginn der Vorstellung wurde die erwartungsvolle Stille des Publikums schließlich durch dumpfe Schläge auf die Saiten des Flügels gebrochen. Diese vielseitige Nutzung des Klaviers zog sich durch das gesamte Musical. Die Saiten wurden gezupft, mit der flachen Hand angeschlagen und mit einem darauf liegenden Papier gedämmt, während ebenso die Tasten ganz herkömmlich betätigt wurden. All das machte die musikalische Begleitung (Lidia Kalendareva) zu etwas Besonderem in dem Stück.

Auch die Lichttechnik wurde sorgsam eingesetzt, so unterstützte sie nicht nur das Verständnis der Zuschauer bei räumlichen und zeitlichen Sprüngen, sondern erzeugte auch den Anschein von Feuer, Blut, Polizei und Nostalgie.

Vor allem das sparsam gestaltete Bühnenbild und die geringe Anzahl an Requisiten bündelten die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Wesentliche – die Rollen, deren Beweggründe und den Verlauf der Handlung. Hierbei schaffte der Umgang mit dem geheimnisvollen Kasten in der Bühnenmitte den ein oder anderen Aha-Moment, da er als Wand, Dach, Leiter, Regal, Scheinwerfer und vieles mehr genutzt wurde.

Abgesehen von all diesen Special Effects hatte es auch die Handlung in sich. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt Autor Dolginoff in „Thrill Me“ die Geschichte eines „nicht ganz perfekten Verbrechens“ im Chicago der 1920er Jahre.

Zwei Jurastudenten, Nathan (Kevin Köhler) und Richard (Gerrit Hericks), die sich seit klein auf kennen, verüben schon seit längerer Zeit immer mal wieder kleinere Verbrechen. Während der eine, Richard, getrieben von Nietzsches Definition des Übermenschen nach Regelbrüchen und dem sich widersetzen gegen die Gesellschaft strebt, wird Nathan lediglich von seiner Liebe zu Richard zu den Verbrechen verleitet. Schließlich spitzt sich die Situation zu, da Brandstiftungen, Raubüberfälle und Einbrüche bei Richard nicht mehr für den nötigen Kick sorgen können. So planen die beiden Männer einen Mord an einem Jungen, doch bald schon ist ihnen die Polizei auf der Spur. Ihr Fehler: Nathans verlorene Brille am Tatort. Die Spur führt zu den beiden, sie werden verhaftet und zu lebenslänglicher Haft für den Mord und weiteren 99 Jahren für die Entführung verurteilt. Sie hatten das „perfekte Verbrechen“ geplant, warum der Mord am Ende damit aber nicht gemeint ist, lässt das Publikum verblüfft zurück. Die Wendung im Verhältnis der beiden Charaktere zueinander muss erst verdaut werden. Dass diese Geschichte wahr ist, macht das Ganze umso greifbarer.

Inzwischen sind über 30 Jahre vergangen, Nathan hat seine fünfte Anhörung zur frühzeitigen Entlassung. Mit seiner Aussage erzählt er dem Publikum nun Stück für Stück die Geschichte der damals geschehenen Ereignisse.

Das Konzept, mit diesem Zeitsprung zu arbeiten und Nathans Version der Geschichte als Leitfaden für den Zuschauer zu nutzen, ist ein weiterer gelungener Aspekt in Anbetracht der Gestaltung. Vor allem darstellerisch herausfordernd ist für Köhler hier der schnelle Wechsel vom jungen zum erzählenden, rückblickenden und wesentlich älteren Nathan. Und auch Hericks Rolle eines fanatischen, leidenschaftlichen Verbrechers scheint nicht einfach.

Dennoch, ist beiden die authentische Darstellung ihrer Charaktere einmalig brillant gelungen und obwohl ihre Handlungsmotive und Denkweisen sehr extrem und überspitzt sind, konnte man sich als Zuschauer mit beiden Männern gewissermaßen identifizieren.

So ist das Musical „Thrill Me“ schließlich ein alles in allem sehr empfehlenswertes und reizvolles Stück, das unterhält und zum Nachdenken anregt.

(c) Julia Bornkessel für OFFstage Germany
Quelle: Veronica Schweiger

 

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