Perspektivisch: “Licht und Leinwand” im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Kann Fotografie Malerei ablösen ? Ist Fotografie überhaupt Kunst ? Wo liegen die Stärken und Schwächen der beiden Kunstformen ? Und: bedroht die Fotografie die Malerei wirklich ?

Man mag das Argument vertreten, wie es die Künstler damals schon taten, daß Fotografie ein bloßes Abbild der Realität ist, ohne Tiefe – ganz im Gegensatz zur Malerei, die zur Darstellung der Wahrheit dient. Aber ist dem so ? Kann nicht auch eine Fotografie hinter die Fassade sehen und was ist mit dem Wort “Photographie” an sich ? Es heißt schließlich “Zeichnen mit Licht”. Ein Objektiv bedeutet nicht immer Objektivität, während ein Pinsel nicht immer das Subjektive erfasst. Oder etwa doch ?

Diese Fragen haben wir in unserer Vorankündigung gestellt und wollten den Antworten auf den Grund gehen – zumindest für uns selbst.

Die Ausstellung “Licht und Leinwand” beschäftigt sich mit Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert – stellt Gegensätze aber auch Gemeinsamkeiten dar. Sie gibt einen Überblick über die Techniken der Zeit, aber auch über die Visionen und den Versuchen der Wahrheit – oder auch Wirklichkeit – näherzukommen. Das Germanische Nationalmuseum hat dabei eine Ausstellung geschaffen, die sich mit Fragen und Themen beschäftigt, die den eigenen Horizont erweitern und fordert schon förmlich dazu auf, eine Zeitreise zu machen. Eine Reise zurück zu den Anfängen der Kunstform, die heute unser (digitales) Leben bestimmt. Gerade zu Zeiten, die denen sich die Generation der Selfieknipser als deren Erfinder sieht, in der Fotos von ausdruckslosen Eisbechern im Cafe als Kunst ge-liked werden und verwackelte Urlaubsfotos als Beweis für Sachverstand gelten, sollte es mehr solcher Ausstellungen geben – einfach nur, um zu zeigen, daß man das Rad nicht erfunden hat. Man hat es nur schlecht kopiert.

Wenn man sich für die Fotografie interessiert, mehr als “nur” Urlaubsfotos knipsen möchte, dann kommt man früher oder später zu einem Punkt an dem man sein eigenes Schaffen was Kunst empfindet. Eine Kunst, die immer noch vielen nicht zugänglich ist, eben weil es “nur” Knöpfchen drücken ist. Weil es nicht auf Leinwand gebannt oder in Stein gemeißelt ist. Um zu verstehen, daß Fotografie auch Kunst sein kann, muß man einen Schritt zurücktreten, die Dinge betrachten und mehr den Prozess hin zum Endprodukt betrachten, als das Endprodukt selbst.  Natürlich liegt die Einschätzung zu “Kunst oder nicht Kunst” immer im Auge des Betrachters, aber ein Perspektivenwechsel kann durchaus Erstaunliches zu Tage bringen.

Die Ausstellung “Licht und Leinwand” hilft im Entdecken neuer Blickwinkel und Einstellungen. Den Fokus auf das Thema klar definiert und thematisch gruppiert führt die Ausstellungen durch das Aufkommen der Fotografie, deren Entwicklung, die Furcht über Konkurrenz zur Malerei bis hin zu Vergleichen zwischen Malerei und Fotografie. Man erkennt dabei schnell, daß sich die anfänglichen Ängste der Menschen im 19. Jhdt. nicht bewahrheiteten und die Maler schnell erkannten, daß aus sie durchaus Nutzen aus der neuen Technik ziehen lassen. So waren lange Sitzungen mit Modellen nicht mehr nötig, da Fotos nun als Vorlage dienen konnten. Der spöttische Vorwurf, die Fotografie würde ja nur die Wirklichkeit abbilden und nicht die Wahrheit, erwies sich in diesem Fall als äußerst praktisch.

Doch auch die Fotografen, viele von ihnen waren Maler (gewesen), lernten von der Malerei und versuchten mit der starren bildgebenden Kunst die Möglichkeiten der Gestaltung auszuloten. Da waren die ersten Selfies als Äquivalent zum Selbstbildnis, viel ausdrucksstarker übrigens als die Selfiebewegung der Neuzeit. Portraitfotos in legeren Posen sollte das Leben widerspiegeln (und auch das Problem des langen Stillsitzens erträglicher machen). In feinster Photoshopmanier wurden Bilder in Aquarelle montiert, es wurde nachcoloriert und es wurde mit Licht und Schatten gespielt. Alles Techniken und Stile der alterwürdigen Kunst. Wo ist da also die Konkurrenz ? Es ist doch eher ein weiteres Werkzeug im Koffer des Künstlers, der je nach Aufgabenstellung das Passende heraussucht.

Malerei und Fotografie schließt sich also nicht aus, sie ergänzen sich. Außer im Bereich der bewegten Bilder natürlich. Dort konnte, wie in der Ausstellung erklärt wird, die Fotografie der Malerei doch noch eine Lehrstunde geben.

Wer durch die Museumsräume wandelt, sich die prägnanten Texte durchliest und an den Exponaten verweilt, wird schnell sehen, wie vielfältig Kunst sein kann. Es wird deutlich gemacht, wie sich Kunst und Künstler entwickeln können und wie durch die Kombination von alt und neu völlig neue Wege entstehen können.

Doch nicht nur das. Die Ausstellung bringt den Betrachter zum Nachdenken über die eigene Einstellung zu den beiden Kunstrichtungen, vielleicht auch zur Kunst selbst. Ein Besuch lohnt sich also auf jeden Fall.

Am Ende geht man hinaus und fragt sich: “Knipst Du noch, oder fotografierst Du schon ?”

 

Für die Ausstellung wurden bislang kaum oder nie gezeigte Gemäldebestände des Germanischen Nationalmuseums aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Institut für Kunsttechnologie und Konservierung restauriert. Lange vergessene Werke u.a. von Carl Spitzweg, Emil Jakob Schindler, Lovis Corinth oder Max Slevogt werden zum Teil erstmals seit 1945 präsentiert. Ihnen stehen Fotografien u.a. von Alois Löcherer, Henry Peach Robinson, Johannes Nöhring, Martin Gerlach, Josef Maria Eder und Heinrich Kühn gegenüber.

Die Ausstellung geht bis zum 9. September. Mehr Informationen unter: https://www.gnm.de/ausstellungen/aktuell-und-vorschau/licht-und-leinwand/

Der Begleitband “Licht und Leinwand” kann im Museumsshop erworben werden. Ein informatives Werk, mit erläuternden Texten und Bildern.

Quelle: Alexander Brock

 

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