Carsten Lepper im Interview

Carsten Lepper hat schon in so vielen Musicals mitgespielt, man braucht ihn schon fast gar nicht mehr vorstellen. Die „West Side Story“, „Elisabeth“, „Der Graf von Monte Christo“, „Miss Saigon“, „Rebecca“, das waren einige Stationen, um nur einige Stücke aufzuzählen. Zuletzt führte er in der Wiener Theatercouch bei „Bleib noch bis zum Sonntag“ und „The last five years“ Regie. Im November wird er ebendort die „Aspects of love“ auch als Regisseur beleuchten.

Wir baten ihn zum Interview und erfuhren was ihm wichtig ist und wofür er mehr als bereit ist:

Welches Musical bedeutet dir am meisten und warum?

Carsten Lepper: Es gibt viele wunderbare Musicals – aber die „West Side Story“ liegt mir schon sehr am Herzen. Für mich ist dieses Werk die perfekte Mischung zwischen Musik, Tanz und Schauspiel und nahezu unerreicht. Ich habe bereits vier Mal den Tony spielen dürfen und bin sehr dankbar dafür in den verschiedensten Herangehensweisen dieses Stück mehr und mehr kennengelernt zu haben. „West Side Story“ ist quasi „unkaputtbar“! 😉 Gerne würde ich dieses Werk mal inszenieren.

Gibt es eigentlich irgendetwas, was dich noch nervös macht in deinem Beruf?

Carsten Lepper: Lampenfieber gehört sicherlich dazu. Wenn sich der Saal bei einer Premiere füllt und alle hoffen, dass alles glatt läuft – das ist schon ein starkes Gefühl.

In Sachen Regie habe ich nun zwei Produktionen inszeniert – da bewege ich mich noch auf für mich sehr neuem Terrain – da ist die Nervosität vorprogrammiert ob alles zum Schluss hinhaut. Aber ich spüre sehr, dass es mich immer mehr und mehr in die Regie zieht.

Was ist dir bei einer Rolle am wichtigsten bevor du sie annimmst?

Carsten Lepper: Manchmal spielt es keine Rolle WELCHE Rolle man spielt, wenn man sich auf den Regisseur verlassen kann – dann mach ich gerne auch mal „Kunst“. Wichtig ist für mich, dass ich zum Schluss hinter der Produktion und somit auch hinter der Rolle stehe. Ich liebe Herausforderungen und so frage ich mich immer, ob es eine Rolle ist, die mich wirklich interessiert. Spricht der Charakter mich an, ist die Dramaturgie der Rolle spannend oder langweilt es mich nach einer Probenwoche. Letzteres habe ich natürlich auch schon erlebt – da lernt man dann auch mit weniger spannenden Inszenierungen umzugehen. Das gehört natürlich auch zum Beruf dazu.

Wie wichtig sind dir als Künstler soziale Medien?

Carsten Lepper: Soziale Medien sind ein Teil unseres Lebens geworden. Wer was anderes behauptet, ist quasi stehen geblieben und will nicht hinschauen. Das heißt nicht zwangsläufig, dass jeder bei Facebook einen Account benötigt. Aber um sich als Künstler immer wieder ins Gedächtnis zu rufen z. B. bei Kreativen ist es schon eine sehr gute Möglichkeit für sich zu „werben“. Manchmal nervt diese dauernde Posterei zwar, aber das gehört eben dazu. Und die Zuschauer und Co. sind dankbar über neue Informationen. Was ich allerdings nicht brauche, sind KollegInnen, die meinen, jeden Schritt den sie machen mit einem Post kommentieren zu müssen, so nach dem Motto: Ich geh in den Supermarkt/Ich bin im Supermarkt/Ich gehe aus dem Supermarkt. Das ist einfach nur Energie- und Zeitverschwendung. Mittlerweile kenne ich auch einige Regisseure, die über dieses Medium ihre Besetzungen zusammensuchen. Das war früher undenkbar und galt als unseriös. Die Zeiten haben sich da sehr verändert. Wer weiß wohin das noch führt. Der Trend ist aber rückläufig. Ich habe das Gefühl, das der Drang zur Privatsphäre wieder stärker wird und sich KünstlerInnen aus dem Fokus der Öffentlichkeit in den sozialen Medien zurückziehen. Für mich ist das ein Spiel. Und so sollte man das auch sehen. Alles nicht so ernst nehmen.

Wenn du dich selbst beschreiben müsstest, was bist du für ein Mensch?

Carsten Lepper: Zielstrebigkeit ist ein Gut welches ich nicht mehr missen möchte. Ich bin mit anderen Menschen geduldig – aber mit mir sehr ungeduldig. Da besteht sicherlich noch gewisser Handlungsbedarf ;).

(c) Christian Ariel Heredia

Du bist ja schon ein „alter Hase“ im Geschäft. Wie schwer ist das Musicalbusiness wirklich und was hat sich im Lauf der Zeit geändert? Und hast du vielleicht Tipps für Neueinsteiger?

Carsten Lepper: Der Beruf ist sehr hart. Da hoppelt man als „alter Hase“ durch gute und schlechtere Zeiten 😉. Das ist normal. Du weißt nie wo du im nächsten Jahr bist. Nach den Premieren machen sich alle wieder auf der Suche nach einem neuen Job. Das ist eigentlich schrecklich und extremst energieraubend. Darum bin ich jetzt so froh bald ein Teil vom Linzer Musiktheater zu sein. Da kommt etwas Ruhe in den Alltag – auch wenn das bevorstehende Pensum sicherlich kein kleines ist.

Wenn ein junger Mensch das Zeug, das Talent und den unglaublich starken Willen dazu hat, sollte er es probieren. Allen anderen würde ich eher abraten diesen Job zu machen. Du gehst sonst unter. Der Beruf ist nichts für schwache Nerven. Du erlebst meist mehr Enttäuschungen als Erfolge. Das geht schon bei den Auditions los. Du bist einer stetigen Bewertung ausgesetzt. Dein Produkt – in dem Fall DU selbst – wird immer wieder bewertet. Sei es bei Aufnahmeprüfungen an Schulen, bei Auditions, von Regisseuren, beim Publikum und schlussendlich auch beim Kritiker.

Viele Privatschulen rekrutieren neue StudentInnen im Bereich Musical. Dort „erkauft“ man sich quasi oftmals die Ausbildung. Davon würde ich tunlichst abraten. Dir wird etwas vorgemacht. Sie spielen mit dem Traum der jungen Menschen. Die Medien haben das nur noch verschlimmert. Jeder glaubt heute Sänger sein zu können. Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ und Co. haben das ganze nur noch verstärkt. Jeder will sofort ein Star sein und sehr schnell viel Geld verdienen. Leider funktioniert das Gewerbe so nicht. In diesem Beruf besteht nur der, der mit größter Leidenschaft rangeht und trotzdem noch eine gewisse Distanz und einen Respekt zum Beruf wahrt. Der Rest ist Talent und ob du gerade zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort bist und ob du einfach in die gespielten Stücke passt. Es gibt mittlerweile viel zu viele Schulabgänger.

Ich selber habe schon an als Dozent in Privatschulen gearbeitet und musste immer wieder feststellen, dass dort junge Menschen verheizt werden. Ihnen wird das Geld quasi „aus der Tasche gezogen“ und der Staat unterstützt das Ganze auch noch mit Studiengeldern à la Bafög. Im Umkehrschluss heißt das nichts anderes, dass wir Steuerzahler einen Großteil der Privatschulen mitfinanzieren – um danach viele angehende SängerInnen bei Beendigung der Studienzeit bei der Agentur für Arbeit wiederzutreffen. Diese Privatschulgesetze sollten meiner Meinung nach stärker reguliert werden.

Es gibt natürlich immer Ausnahmen. Auch von Privatschulen kommen auch manchmal gute DarstellerInnen. Aber aus meiner Erfahrung sind das wirklich seltene Ausnahmen. Wenn ich einem Neueinsteiger einen Tipp geben soll: Probiere alle Aufnahmeprüfungen an staatlichen Schulen. Wenn Du niemals in die Endrunde kommst und du fliegst immer frühzeitig in der Aufnahmeprüfung raus – dann lass es besser und schaue nach Alternativen. Theater ist ja nicht alles. Es gibt noch so viele tolle Berufe auf der Welt – auch im Theaterbereich. Vor kurzem habe ich eine junge Kollegin unterrichtet. Sie wollte unbedingt auf eine staatliche Musicalschule. Ich habe ihr gesagt, dass sie keine Sängerin ist, sondern eine gute Schauspielerin. Sie hat dann die Aufnahmeprüfungen an den staatlichen Schulen gemacht und bekommt immer wieder gutes Feedback. Aber einen Platz hat sie auch noch nicht, obwohl sie in meinen Augen ein großes Talent hat. Daran sieht man wie „relativ“ dieser Berufszweig ist. Was die einen großartig finden, finden die anderen amateurhaft. Aber sie gibt nicht auf. Solche Menschen schaffen es auf Dauer auch durchzuhalten. Viele Kollegen, die heute sehr erfolgreiche Sänger sind, kommen aus dem reinen Schauspiel oder sogar vom klassischen Tanz und sind ins Musical reingerutscht. Sie haben eine fundierte Ausbildung genossen und nicht von allen Sparten so ein bisschen. Da geht der Schuss meist nach hinten los.

Und wir studieren jahrelang in diesem Beruf (meistens ja schon bevor man überhaupt an einer Universität angenommen wird), um danach jahrelang in diesem hart umkämpften Gewerbe bestehen zu können. Am besten bis ins hohe Alter.

Wenn du für dich Werbung machen würdest, warum sollte man dich unbedingt engagieren?

Carsten Lepper: Ich bringe immer wieder gerne eigene Ideen mit (da ecke ich natürlich auch mal gerne an 😉 ) – aber die meisten Regisseure schätzen das. Man bringt sich quasi in den kreativen Prozess ein. Daher habe ich auch festgestellt, dass die „Regie“ in Zukunft ein wichtiger Punkt in meinem Leben sein wird. Ich habe viele Ideen. Über den Rest sollen andere entscheiden, welche Qualitäten ich mitbringe. Es wäre wahrscheinlich interessanter Menschen zu fragen, die schon mit mir gearbeitet haben, warum man mich unbedingt engagieren soll 😉. Ich habe da nicht so den Draufblick.

Du führst ja auch Regie (vor kurzem ein Einpersonenstück, als nächstes ein Zweipersonenstück). Wie ist das, wenn man nicht auf der Bühne steht? Worauf legst du Wert und was sind die Aufgaben eines Regisseurs?

Carsten Lepper: Ich liebe es Regie zu führen. Mit Menschen an Rollen zu feilen. Mit anderen Kreativen über Bühnenbild und Kostüme zu diskutieren, um zum Schluss dann eine für alle Beteiligten tolle Produktion auf die Bühne zu stellen.

Mit Wietske van Tongeren in Andrew Lloyd Webbers „Bleib noch bis zum Sonntag“ habe ich bei der Theatercouch, Wien mein Regie-Debüt gegeben. Anschließend war Jason Robert Brown „The last five years“ eine weitere Herausforderung, der ich mich gerne gestellt habe. Alle Vorstellungen waren in kurzer Zeit ausverkauft und das Feedback ist durchwegs positiv. Darüber freue ich mich sehr. Das Wichtigste ist allerdings für mich: „TELL THE STORY FIRST“. Erzähle die Geschichte! Wir machen Theater nicht für die Dramaturgen, sondern für die Zuschauer. Ich bin völlig dafür, dass man den Zuschauer zum Nachdenken anregt – das ist toll. Das sollte Theater bewirken. Aber die Story sollte verständlich bleiben. Wenn es nur noch „KUNST“ (und ich meine damit „künstlich“) ist und unverständlich bleibt, dann langweile ich mich persönlich schnell. Dann macht es keinen Spaß. Der nächste logische Schritt, wäre der Weg ins Stadttheater. Ich würde gerne eine Inszenierung dort übernehmen, mit Opernchor, Ballett und Orchester. Sich dieser Herausforderung zu stellen bin ich mehr als bereit!

Wenn du diese Frage liest, wo wärst du in dem Moment am liebsten und warum?

Carsten Lepper: Jetzt gerade im Moment wäre ich sehr gerne an einem fernen weißen Sandstrand. Die letzten Regiearbeiten waren auf Grund der wenigen Zeit sehr energieraubend und intensiv. Ich würde sehr gerne ein wenig Auszeit nehmen. Dafür ist gerade aber keine Zeit. Denn Linz wartete ja auf mich. Darauf freue ich mich allerdings und gibt mir wieder Energie. Somit muss es bis zum Herbst warten, da habe ich ein paar Wochen wirkliche „Ruhe“ und die möchte ich auch gerne nehmen.

Welches Musical sollte man deiner Meinung nach unbedingt einmal gesehen haben und warum?

Carsten Lepper: Jeder sollte „West Side Story“ gesehen habe. Das für mich perfekte Musical. Es geht nicht besser. Und es ist so modern. So zeitlos. Bis heute.
Aber auch „moderne“ Klassiker wie „Les Miserables“, „Das Phantom der Oper“ sollten zum Repertoire eines musicalbegeisterten Zuschauers gehören. Von den moderneren Stücken, sind sicherlich Werke wie „The Producers“ als Comedy-Musical oder „Sweeney Todd“ als Gesamtkunstwerk einen Besuch wert. Ich könnte lange Listen schreiben, welche Stücke man sehen sollte. Es gibt so viele gute Stücke. Jeder hat auch einen anderen Geschmack – darum denke ich das eine „West Side Story am ehesten alle Herzen berührt. Wer weiß – vielleicht inszeniere ich eine „West Side Story“ mal irgendwann an einem tollen Stadttheater. „Somewhere – somehow!“ Das wäre großartig.

(c) Christian Ariel Heredia

Vielen Dank an Carsten Lepper für das Gespräch. Wir hoffen, dass er noch ganz viele Geschichten erzählen darf und wünschen ihm viel Spaß bei der neuen Herausforderung in Linz!

Quelle: Andrea Martin

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