Emotionale Geständnisse und berührende Momente wechselten sich mit humorigen Anekdoten ab: das war Musical Stories Backstage in Ternitz/NÖ

Vor exakt 13 Jahren fingen neun junge Menschen an am Konservatorium Wien Privatuniversität (nunmehr: Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien kurz „MUK“) gemeinsam einen Teil ihres Weges zu gehen und Musikalisches Unterhaltungstheater zu studieren.

Viele Jahre später machten alle ihren Abschluss und wurden in die große Welt des Showgeschäfts quasi losgelassen. Von da an hieß es sich allein durchschlagen und sich beweisen. Dass die Branche aber nicht zu den einfachsten zählt mussten viele am eigenen Leib erfahren.

Dieser Jahrgang bestand aus neun Studenten, die auch zu neunt ihren Abschluss machten. Zu ihnen zählten: Stefan Bischoff, Birgit Breinschmid (nunmehr Arquin), Daniel Feik, Julian Looman, Simone Niederer, Florian Resetarits, Birgit Riegler (nunmehr Scheibenreif), Anna Veit und Andreas Wanasek. Ganz aus den Augen haben sie sich nie verloren, manche sind sogar in derselben Produktion engagiert worden oder gehen ab und an ein Bierchen trinken. Ist die Entfernung zu weit, dann hilft zur Not auch google, um sich ein wenig zu informieren. 2015 hatte sich dieser Jahrgang zu einem ersten Get together entschieden. Am 11.3.2018 fand das zweite Wiedersehen sage und schreibe neun Jahre nach dem Abschluss statt. Fast vollzählig, bis auf Stefan Bischoff, der einem Engagement verpflichtet war, konnte man die Damen und Herren in der Stadthalle Ternitz antreffen. Birgit Scheibenreif fungierte dabei als Koordinatorin, was gar nicht so einfach war, da sowohl die Halle frei, wie auch möglichst 100% der Mitwirkenden Zeit haben sollten. Scheibenreif hat sich gemeinsam mit ihrem Mann Roland (einem Musiker, die sie auf der Bühne kennengelernt hat) in Ternitz niedergelassen. Viele Ideen für Projekte führten zur Gründung von „Kulturreif“ (eine Mischung aus Kultur und dem Nachnamen der beiden). Sie gründeten eine „Musicalschool“ einerseits mit dem Ziel jungen Talenten eine Ausbildungsmöglichkeit zu bieten (eventuell auch als Vorbereitung für die MUK-Aufnahmeprüfung) andererseits ihnen Auftrittsmöglichkeiten zu geben. Kurse gibt es schon für Kinder ab 3 Jahren, aber auch Erwachsenenkurse stehen am Programm. Zu zweit unterhalten sie z.B. auf Hochzeiten oder bei Taufen (näheres unter www.kulturreif.at).

Jeder der acht erzählte etwas aus seinem Leben, der eine mehr, der andere weniger und dazwischen wurde natürlich Musik gemacht. Am Klavier begleitete den ganzen Abend hindurch Belush Korenyi.

Den Anfang machte Birgit Scheibenreif. Sie berichtete, dass es sie am Anfang zuerst Richtung Film verschlagen hatte und als sie vor der Entscheidung stand „Karriere oder Kinder“ diese nicht allzu schwer fiel…mittlerweile hat sie drei wunderbare Kinder! Und wohlgemerkt auch eine Karriere, weil sich im Musicalgeschäft selbständig zu machen, da gehört jede Menge Mut, Entschlossenheit und Risikobereitschaft dazu! Sie sang dann „Aller gute Dinge sind drei“ von Reinhard Mey, wie passend in Anbetracht ihrer drei Kids. Dann kam Julian Looman an die Reihe. Für alle, die es nicht wussten, verkündete er dann, dass er vor nicht allzu langer Zeit Papa geworden war und ganz stolz auf seinen kleinen Sohnemann ist. Mit seiner ersten Showeinlage hat wohl niemand gerechnet, denn es war kein Lied, das er zum Besten gab, sondern eine wirklich gelungene Comedyeinlage. Hut ab, da hatte sich wer vorbereitet. Das Publikum kam aus dem Lachen nicht mehr heraus und fand es megalustig. Er berichtete von einem Besuch beim Frauenarzt, wo er sich wie ein Fremdkörper fühlte und deshalb lieber die Abgeschiedenheit des Örtchens vorzog, zu dumm, dass es nur eines für Damen gab und man ihn fast nicht dorthin gehen lassen wollte. Auch die holländische Geheimsprache zwischen ihm und seiner Freundin war ein Thema, diese hätte ihn schneller als ihm lieb war, aus dem WC herausholen sollen, noch bevor… ok das lassen wir lieber weg, das Liveerlebnis war ohnehin nicht zu toppen. Birgit Arquin reflektierte auch über ihr Leben und dass ihr ihre kleine Familie, auch sie ist mittlerweile Mama von zwei Kindern, am wichtigsten ist. Passend und als Liebeserklärung für ihre Lieben sang sie von Udo Jürgens „Was wichtig ist“ und der Blick beim letzten „du“ im Lied galt natürlich dem kleinen 4jährigen Mäderl im Publikum, dass ganz stolz zu seiner Mami hochblickte.

Daniel Feik, der wie er zugab beruflich auf mehreren Kirtagen gleichzeitig tanzt, zeigte mit einer Eigenkomposition eines sehr eigenen „französischen Chansons“ mit dem Titel „Schauns on“ (man beachte die Aussprache) eines seiner Talente. 2010 ging er nach München, um Filmmusik-Komposition (ADP) zu studieren. 2013 schloss er sein Studium ab und arbeitet seither als freischaffender Künstler für diverse Bühnen-, Orchester-, TV und Filmproduktionen. Als nächstes folgte ein sehr unterhaltsam dargebotenes Hoppala von Florian Resetarits, der aktuell den Koukol in „Tanz der Vampire“ im Ronacher spielt. Ein Vorhang, der partout nicht hochgehen wollte, machte einer Szene einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Resetarits schlüpfte sowohl in seinen Part wie auch in den des Grafen (Mark Seibert) und veranschaulichte sehr humorig die Situation, sodass man aus dem Lachen nicht mehr herauskam. Gemeinsam mit Simone Niederer interpretierte er dann „Gefährliches Spiel“ aus „Jekyll & Hyde“, wo sie beide gemeinsam bereits 2015 beim „Musical Güssing“ auf der Bühne standen. Auch von Niederer gab es ein Hoppala zu hören. Dieses machte sie zur lustigsten Mary in „Rudolf-Affaire Mayerling“. Eines Tages verfing sich nämlich bei der Rollschuhszene das Kleid in den Schuhen. Im Trubel der Ereignisse nannte sie Rudolf dann Drew (Sarich spielte) und dieser musste ihr schlussendlich auch die Rollschuhe ausziehen. Somit sind „Männer“ doch nicht immer so schlimm, wie sie dann von ihr in dem Lied aus „Drei Musketiere“ besungen wurden. Missgeschicke sind ja immer lustig, nur vielleicht nicht gerade in der Situation für den Betroffenen.

Aber auch Andreas Wanasek hatte welche in petto so z.B. ging bei seinem ersten Engagement bei „Les Miserables“ in einer Sterbeszene ein Schuss von ihm im wahrsten Sinn des Wortes nach hinten los und zwar zu früh. Da er aber Hoppalas liebt, geht er damit sehr relaxed um und genauso interpretierte er dann „Mr. Bojangles“. Ebenso hatte Anna Veit Humoriges zu berichten, nämlich als sie mit Babybauch auf der Bühne stand und eine Dame danach meinte, dass dieser „falsche“ Bauch schlecht gemacht gewesen wäre. Ihr Titel „Blinddarm“ handelte davon, dass man nie genau weiß, ob es Liebe oder nicht doch etwas Anderes ist, was man verspürt. Als große Finalnummer des ersten Teils stand von allen gemeinsam „I am from Austria“ (auch wenn nicht alle aus Österreich sind) am Programm.

Nach der Pause zeigten alle bei „Heart and music“, dass sie ganz viel Musik im Herzen haben. Einen langsameren Titel präsentiere Wanasek mit „Again“ (von Scott Alan), von dem auch die Kollegen sichtlich angetan waren. Die Liebe ist auch für Anna Veit ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Das lebte sie in einem fulminanten Soloauftritt mit „Somebody to love“ aus, der viel Applaus erntete. Sehr humorig stellte dann Feik den Notenständer auf und platzierte dort sein Ipad, als Begründung meinte er, die Druckerpatronen seien ihm ausgegangen. Mit „Regenbogen“ lieferte er eine weitere Eigenkomposition, Frieden ist überall auf der Welt wichtig und nicht nur am Ende des Regenbogens. Birgit A. erfüllte sich mit dem Lied „Aber treu bin ich nur dir Schatz“ (aus „Kiss me Kate“) einen Songwunsch, da sie ihn seit dem Konservatorium nicht mehr gesungen hatte. Birgit S. verriet, warum sie in den vier Studienjahren nur die Trudl war, nämlich deshalb, weil es zwei Birgits gab und ihr zweiter Vorname Getrude ist und so wurde sie eben zur Trudl… auch ein sehr unterhaltsames Schmankerl für das Publikum. Dann durfte sie auch endlich mit Andreas ein Duett singen, nämlich „Das alles geb ich auf“ aus „Songs for a new world“. Danach wurde es richtig emotional und tränenreich, nämlich als Birgit Scheibenreif von ihrem Werdegang berichtete und erzählte, dass sie auch schon sehr harte Kritik an ihrer Person einstecken musste. Offenbar waren einige Unwissende der Meinung, dass eine ausgebildete Musicaldarstellerin, die nicht selbst auf der Bühne steht und „nur“ unterrichtet nichts wert sei und haben dies auch kundgetan. Da ist natürlich klar, dass innerlich etwas zerbricht und man von Selbstzweifeln geplagt wird. Wenn man zu hören bekommt, dass man selbst kein Talent hat und deshalb andere fördert ist das ein vollkommener Widerspruch, weil wie soll man etwas lehren, wovon man angeblich keine Ahnung hat. Die Betroffenheit im Saal war spürbar, aber Birgit fing sich dann auch wieder und gab zu nun auch vermehrt selbst wieder auf der Bühne stehen zu wollen. Wir drücken ihr für dieses Vorhaben ganz fest die Daumen! Nach ihrem Lied „I’m a star“ schloss sie die zweite Birgit gleich liebevoll in die Arme.

Florian lieferte dann mit „But the world goes round“ eine stimmgewaltige Einlage, die durch eine kleine spontane Tanzperformance von Julian aufgelockert wurde. Aus „Monty Phython’s Spamalot“ hatte sich das nächste Duo, Veit und Looman, einen Titel ausgesucht. Bei „Das Lied, das jetzt erklingt“ legten sich beide ordentlich ins Zeug und auch eine Kussattacke von Julian brachte Anna nicht aus dem Konzept, danach setzte er sich wieder auf seine Couch, lehnte sich zurück und meinte lässig „jetzt legt’s mal nach“. Dann folgten Bekenntnisse von Simone Niederer. Sie gab offen und ehrlich vor sovielen Leuten zu, dass sie es ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr geschafft hat auf der Bühne zu stehen, da ihr die Nerven einen Strich durch die Rechnung machten. Sie warf aber die Flinte nicht ins Korn, sondern machte den Master of Arts Education und ist jetzt als Kunst- und Kulturvermittlerin tätig. Sie arbeitet hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen und hat Konzepte für Kindergärten und Schulen entwickelt, wie man über die drei Sparten des Musicals (Gesang, Schauspiel und Tanz) am Selbstbewusstsein arbeiten kann. Zusätzlich gibt sie Gesangsunterricht und Lebenscoaching. Man sieht, dass das Leben nicht zu Ende sein muss, wenn man Plan A nicht weiterverfolgt, sondern einen Plan B in Angriff nimmt.

Anna Veit stand ihr sogleich bei und meinte, dass es völlig in Ordnung sei, dass sie sich dafür entschieden hätte und dass man sich deshalb nicht minderwertig fühlen muss. Recht hat sie fanden alle im Saal. Auch zu diesem Weg gehört nämlich viel Mut. Simones Lied „Das bin ich“ aus „Die Päpstin passte dann natürlich wie die Faust auf’s Auge zu diesem Thema, da es so gut wie ihr Leben war, was sie da besang.

Dann stand auch schon die letzte Nummer an und es wurde bei „Oh what a night“ wieder fröhlicher. Das Publikum konnte sich nicht beschweren, denn es bekam alles und mehr, was man sich so wünschen konnte. Die acht gaben dann mit „Heart and music“ eine Zugabe und wer weiß, vielleicht muss man auf die nächste Reunion nicht mehr so lange warten…

Quelle: Andrea Martin

1 thought on “Emotionale Geständnisse und berührende Momente wechselten sich mit humorigen Anekdoten ab: das war Musical Stories Backstage in Ternitz/NÖ

  1. Die Kritik triffts!
    Die Reunions dieser 9 sind seit deren Abschluss am MUK immer ein Genuss. Alle Stimmen wunderbar, interessant deren persönliche Wandlungen mitzuerleben,
    deren Witz und Charme zu genießen und deren Verbundenheit untereinander zu spüren.
    Danke für den schönen, emotionalen Gänsehaut Abend.
    Wer sich eine Musical Highlight Show (sorry, Ankündigung genau lesen) erwartet hatte und unvorbereitet auf die reality stories traf ist nun sicherlich belehrter über dieses keinesfalls einfache business.
    Freu mich schon auf das nächste Klassentreffen. Bis dahin Glück auf alle Neune.

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