Die Tanzsaison hält im Wiener Ronacher noch immer an – Langeweile auf Dauer? Von wegen!

Im Raimundtheater ist in „I am from Austria“ der Opernball ein Thema, im Ronacher tanzen seit 30.9.2017 die Vampire und haben so gut wie jeden Abend vollgefüllte Zuschauerreihen. Wir durften am 23.1.2018 mit dem Ensemble in die Dunkelheit eintauchen. Seit 20 Jahren (am 4.10.1997 war die Uraufführung) gibt es nunmehr das Musical „Tanz der Vampire“ und es feierte an internationalen Spielorten wie Japan, Russland, Finnland, Frankreich, Deutschland oder jüngst auch in einer Neuinszenierung in der Schweiz Triumphe. Die Vereinigten Bühnen Wien holten es sehr zur Freude der Fans wieder nach Wien und hatten mit dieser Tanzveranstaltung voll ins Schwarze getroffen.

Die Regie hatte Cornelius Baltus übernommen. Die für die Vampire typische Choreographie stammte von Dennis Callahan. Das Lichtdesign, das für viele Szenen sehr wichtig ist, da es für besondere Effekte sorgt, ist von Hugh Vanstone. Kentaur sorgte einmal mehr für gruseliges Make-up, Maske und Perücken. Auch die Kostüme, vom Schlafanzug des Professors bis hin zur Lack- und Lederkluft für alle am Ende, entsprangen seiner Phantasie. Und zu guter Letzt stammt auch noch das schaurig schöne Bühnenbild von ihm. Eine homogene Mischung aus Kulisse und Projektionen, sodass man teilweise nicht weiß, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Auch tolle 3D Effekte waren gegeben und man fühlte sich wirklich wie in einem anderen Land, in dem nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht.

Das Musical aus der Feder von Michael Kunze (Buch und Liedtexte) und der Musik von Jim Steinman, basierend auf der Horrorkomödie von Regisseur Roman Polanski aus dem Jahr 1967 ist jedem Musicalfan ein Begriff.

Der Inhalt in Kürze:
Professor Abronsius und sein junger Assistent Alfred geraten auf ihrer Expedition durch Transsylvanien in ein Wirtshaus. Die Wirtsleute Chagal und Rebecca haben eine schöne Tochter, Sarah. Als Alfred das erste Mal auf sie trifft, ist er von ihr fasziniert und hat nur mehr Augen für sie. Professor Abronsius sieht allerdings auch noch vieles andere wie z.B. Massen von Knoblauch und einen Buckligen. Diese zwei Tatsachen weisen einerseits auf Vampire, andererseits auf die Existenz eines Grafen hin. Graf von Krolock hat es auf die liebliche Sarah abgesehen und lädt sie zu sich auf’s Schloss zum Ball ein. Sarah, die von den Eltern wie eine Gefangene behandelt wird, entschließt sich zu flüchten und landet im Schloss. Ihr Vater will sie retten, wird aber selbst zum Vampir. Die Magd wird sein erstes Opfer. Professor Abronsius und Alfred ziehen zur Mission „rettet Sarah“ los. Der Graf bittet sie zu sich ins Schloss, dort lernen sie auch seinen schwulen Sohn Herbert kennen, der es auf Alfred abgesehen hat. Abronsius ist fasziniert von allem, was es dort gibt und als Alfred sogar Sarah findet, glaubt er sich siegessicher. Ein Mordversuch an den Schlossherren misslingt und auch am berühmten Ball werden die zwei enttarnt. Krolock kann Sarah zwar beißen, doch dem Trio gelingt die Flucht. Diese ist aber nur bedingt von Erfolg gekrönt. Sarah ist schon zu einem Vampir geworden, verbeißt sich in Alfred und es kommt zum finalen showdown. Ob es der Professor schafft die Berge zu verlassen bleibt offen, aber wenn man sich die raffinierten Blutsauger ansieht, hat er wohl keine so guten Aussichten.  

Für die Fans hatten die VBW ein ganz besonderes Zuckerl, so wurden gleich drei namhafte Darsteller für die Rolle des Grafen verpflichtet. Drew Sarich machte den Anfang und wird auch am Schluss wieder spielen, dann folgte Mark Seibert, auch er wird noch einmal das Schloss unsicher machen. Dazwischen ist Thomas Borchert von 4.1. bis 15.2. Herr im Schloss und wir hatten das Vergnügen ihm zuzusehen und zuzuhören. Beides ein Genuss vom Feinsten, da er genau weiß, was er tut und wie er die Rolle auch etwas auflockern kann.

Sein Graf ist nämlich nicht der böse Bub von nebenan, sondern kombiniert würdevolle, majestätische Bewegungen mit kleinen schelmischen Gesten. So verdreht er z.B. die Augen, als er erfährt wer Professor Abronsius ist und man kann fast seine Gedanken hören „nicht der…mir bleibt auch nichts erspart“. Auch am Ende, als er wie der Herr aus der Unterwelt emporfährt, setzt er ein einmaliges Gesicht auf, als würde er sagen „tanzt für mich meine Kreaturen, so als ob es euer letzter Tag wäre“. Borchert hat natürlich schon langjährig Krolockerfahrung und trotzdem wird er dieser Rolle nicht überdrüssig und auch das Publikum liebt ihn, was man u.a. an den sofortigen standing ovations am Ende des Stücks merkte. Thomas Borchert erweckt mit seiner charakteristischen Stimme, seinem bestimmenden Auftreten samt nuancierten Bewegungen (wie z.B. das Schattenspiel mit den Klauen des Grafen bei „Gott ist tot“) einen Untoten zum Leben wie kein anderer.  

Von diesem Gesamtpaket angezogen wird auch die junge Sarah, die von Diana Schnierer verkörpert wird. Vorzeitig von der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien wegengagiert, hat sie etwas geschafft, was sicher nicht vielen jungen Talenten vergönnt ist und diese nur träumen können. Bei ihr ist es nicht schwer ihr die junge Sarah abzunehmen, die noch etwas von der Welt erleben will, da Schnierer dieses Jahr selbst erst süße 22 Jahre alt wird. Wenn sie sich allerdings nackig in ihrer Wanne räkelt, dann ist es kein Wunder, dass sie der Graf für sich möchte, da sie dann durchaus etwas Lolitartiges an sich hat (vor allem ihr Rehblick mit den großen Augen lässt die Herzen von Alfred und dem Grafen schmelzen). Ab und an hört man ihr den Drang der Jugend allerdings noch zu sehr an und manchmal wäre weniger mehr gewesen, vor allem bei ihren diversen Duetten, wo sie meist tonangebend ist. In jedem Fall merkt man ihr an, dass sie nur Augen für das unbekannte Abenteuer und weniger für Alfred hat, den sie eher ausnützt, um entweder an die Badewanne zu kommen oder ungestört davonlaufen zu können. Auch am Schluss dient er ihr nur als Blutquelle und Schnierer lässt das Reh im Wald und wird zum roten Stier. Vor allem im Ausdruck gibt sie nach der blutigen Stärkung eine viel härtere Sarah.  

Daniel Eckert ist auch noch nicht so lange im Showgeschäft, hat aber zu Recht die alternierende Rolle des jungen Assistenten des Professors bekommen. Zu Anfang ist der Professor sein ein und alles und er hat nur bewundernde Blicke für ihn. Erst als ein zweiter Mensch (Sarah) in seinem Leben auftaucht, der ihm etwas zu bedeuten beginnt, wird seine Aufmerksamkeit gegenüber den Lehren des Professors nachlässiger. Gemeinsam mit Kollegin Schnierer hat er ein schönes Duett bei „Draußen ist Freiheit“, aber auch sein „Für Sarah“ ist nicht von schlechten Eltern. Eckert ist in jedem Fall ein heißer Tipp in der Musicalszene und man sollte sich den Namen merken. Sehr humorig auch seine Szene, als er sich nur drei Zahlen merken soll (auf drei schlagen und das Herz zwischen sechster und siebenter Rippe treffen), er aber noch nicht zu solchen Taten bereit ist.  

Mehr als einen Blick hat auch Herbert, der Sohn des Grafen auf Alfred geworfen und Charles Kreische zieht alle Register. Vom Grapschen auf Alfreds Po, über einen kleinen Catwalk, den er hinlegt, als ob er bei Jorge Gonzales den Chicaswalk gelernt hätte oder Blicke, die Bände sprechen. Herbert ist mehr als nur hungrig, sondern offenbar wirklich verliebt und das auf den ersten Blick. Auch als der Professor ihn versohlt, geht es nach dem Motto „hinfallen, aufstehen, Krönchen richten“ weiter.  

Sebastian Brandmeir als alter schrulliger Professor Abronsius ist schon eine Nummer für sich, zumal sein wahres Alter vermutlich nicht einmal der Hälfte des Alters vom Professor entspricht. Er legt einen o-beinigen steifen Gang hin, der sich gewaschen hat, braucht bei jeder Kleinigkeit Hilfe, vom Hose ausziehen bis zum dauernden Reichen der Tasche und strotzt nur so vor Lebenserfahrung. Lediglich sein knackiger Hintern, als er nur mit Nachtwäsche bekleidet herumläuft verrät, dass sich jemand jüngerer hinter der Maske verbirgt. Gesanglich erklimmt er ungeahnte Höhen und u.a. bei „Alles ist hell“ hätte er sicherlich Glas zum Springen gebracht, sofern Glas in der Nähe gewesen wäre. Sehr belustigend findet ihn das Publikum vor allem bei der Gruftszene, als er hilflos hängend Alfred anschreiend herumkommandiert, gleichzeitig aber immer wieder zur Ruhe ermahnt.

Nicolas Tenerani mimt den Wirten Chagal, der lieber in eine Knoblauchknolle beißt, als seine Frau Rebecca zu küssen. Tenerani spielt vor allem seinen ersten Hunger nach Blut überzeugend und heult sogar wie ein Wolf.

Alles andere als ein Geheul war die Stimme von Dawn Bullock, die die Rebecca verkörpert. Teilweise ist Rebecca ja doch sehr resolut und schlägt schon mal den Professor mit einer Salami auf den Kopf (aber nur weil sie ihn für ihren Mann hält) und da hätte man dann auch eine etwas wildere Stimme erwartet, aber genau das Gegenteil war der Fall. Ihre Gesangsstimme klang sehr angenehm und samtig, schade, dass sie nur so kleine Sequenzen zu singen hatte, da man ihr gerne länger zugehört hätte. Harte Schale, weicher Kern oder in dem Fall: weiche Stimme.  

Marle Martens gibt die Magda, die Gespielin von Chagal, der das zu dessen Lebzeiten allerdings wenig gefiel. Martens legte bei „Tot zu sein ist komisch“ ein stimmgewaltiges Solo hin und freute sich, dass Chagal zum ersten Mal keine Macht über sie hat – doch die Freude währte nicht lange.  

Koukol ist der einzige ,der eine gewisse Sonderstellung innehat, da er sich nur durch Laute verständigen kann und vor allem durch seine Gestik auffallen muss, da die Mimik durch seine Maske (Warzen, riesige Nase, vorstehende große Zähne…) etwas eingeschränkt wird. Sein Buckel, sein hinkender Gang und die riesigen Patschhände machen Florian Resetarits zu einer Kreatur, der man, wenn man sie sieht, nicht unbedingt begegnen möchte, wenn man allerdings genau hinsieht, ist er nicht mehr so furchterregend. Trotzdem sollte man ihn nicht verärgern, da er sich sonst kleine Racheaktionen, wie in das Frühstück spucken, ausdenkt. Resetarits darf sehr oft durch das Publikum auf die Bühne auf und abgehen und ächzt und stöhnt, als ob er Verdauungsprobleme hätte. Er beweist wirklich Mut zur Hässlichkeit und Kouki (so nennt Resetarits seine Rolle liebevoll) ist wirklich „koukilicious“ (auch eine Worterfindung von ihm).

Das große Ensemble lässt die vielen verschiedenen Charaktere wunderbar zum Leben erwachen. So spielt es Gäste, die Knoblauch lieben, Vampire, die einerseits wie gruslige Orks aus Mordor aussehen, andererseits toll gekleidete Vampire, die am Ball die Ewigkeit feiern. Besonders hervorzuheben wären Arltan Andzhaev als schwarzer Vampir, der auch als Samuraikämpfer durchgegangen wäre und Lucy-Marie Fitzgerald, die als Sarahdouble eine tolle Tanzeinlage hinlegte. Gruslig waren auch die vielen vampirischen Einsätze inmitten des Publikums, sodass man sich sehr ins Stück miteingebunden fühlte.

Die tanzenden Vampire üben auf das Publikum eine Faszination aus und das zu Recht. Das Musical ist eine perfekte Mischung aus humoriger Story mit Gruselfaktor, gelungener Musik mit dem berühmten Ohrwurmfaktor und unterschiedlichen Charakteren, die man einfach alle gern haben muss. 

Die Besetzung vom 23.1.2018 sah wie folgt aus: 

Graf von Krolock: Thomas Borchert
Professor Abronsius: Sebastian Brandmeir
Alfred: Daniel Eckert
Sarah: Diana Schnierer
Chagal: Nicolas Tenerani
Rebecca: Dawn Bullock
Magda: Marle Martens
Herbert: Charles Kreische
Koukol: Florian Resetarits 

Ensemble:
Abla Alaoui, Anja Backus, Martina Borroni, Lucy-Marie Fitzgerald (Rote Stiefel Solo), Floor Krijnen, Maja Luthiger, Tanja Petrasek, Vanessa Spiteri, Anetta Szabo, Julia Waldmayer, Arltan Andzhaev (Schwarzer Vampir), Christoph Apfelbeck (Nightmare Solo), Dávid Baranya, Jasper Caransa (weißer Vampir), Morten Daugaard, Christopher Dederichs, Vini Gomes (Nightmare Solo), Fabian Lukas Raup, Luc Steegers, Martin Stritzko

Swings:
Tamsyn Blake, Susanna Panzner, Anouk Rietveld, Jan-Eike Majert

Quelle: Andrea Martin

 

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