„Cinderella passt was nicht“… aber da war sie im Renaissancetheater in Wien nicht die einzige…

Vom 12.12.2017 bis 29.1.2018 steht im Renaissancetheater im Wien das Musical „Cinderella passt was nicht“ von Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Text) auf dem Spielplan.
Da das Theater im Rahmen des Theaters der Jugend bespielt wird, sind immer sehr viele Kinder und Jugendliche im Publikum. Es ist die größte Theaterorganisation für Kinder, Jugendliche und Erwachsene Europas und pro Saison werden 8-12 Produktionen gezeigt. Auch am Tag der besuchten Vorstellung, dem 19.12.2017 platzte der Saal aus allen Nähten und alle warteten gespannt mit Bruder oder Schwester, Freund und Freundin, Mutter, Vater, Opa oder Oma auf den Beginn.

Die Regie hatte Werner Sobotka übernommen. Das auf mehreren Ebenen bespielbare Bühnenbild stammte von Sam Madwar. Auf der linken Bühnenseite wurden die Kellergewölbe der verarmten Gräfin Tita gezeigt, auf der rechten Seite befand sich der Schlossbereich von Königin Viktoria. Elisabeth Gressel war für die Kostüme zuständig. Besonders die in gelb gehaltenen Kleider der Königin waren ein Hingucker. Interessant war auf jeden Fall das voluminöse blaue Spezialkleid der Fee Aurora, das gekonnt in der Szene alles verbarg, was nicht gleich von Anfang an gesehen werden durfte. Nina Tatzber sorgte dafür, dass niemand zu lange an einem Ort still stand und ließ nicht nur die Mäuse tanzen.

Märchen in altem Gewand nachzuerzählen war gestern. Heute wird oftmals eine Neuinterpretation vorgezogen oder das „heute“ vom üblichen Ende eines Märchens „und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ ergründet. Zaufke und Lund haben sich das Märchen rund um Aschenputtel oder Cinderella hergenommen und sich gefragt, wie es weitergegangen sein könnte. Im Mittelpunkt steht aber nicht diejenige, die damals den Prinzen bekam, sondern jemand ganz anderer.

Ort der Handlung ist Mausehausen. Johanna ist die Stieftochter von Gräfin Tita, die wiederum ist eine der Stiefschwestern von Aschenputtel bzw. hier Königin Viktoria. Mit Männern sieht es bei beiden schlecht aus. Der von der Königin wird nur kurz namentlich erwähnt, der von Tita hat sich aus dem Staub gemacht und sie mit Erna, ihrer eigenen Tochter und Johanna sitzengelassen. Tita möchte ihre Tochter Erna, die andere existiert nicht wirklich für sie, unbedingt an den Mann oder besser, viel besser an den Prinzen bringen. Die Schulden sind hoch und der Königsohn hat definitiv keine Geldsorgen. Prinz Hamlet ist daran aber nicht sehr interessiert, er möchte lieber für die Gleichberechtigung der Mäuse und deren Befreiung kämpfen. Johanna fühlt sich von der Stiefmutter missverstanden und vom Vater im Stich gelassen. Im Keller kramt sie in seiner Kiste und wird plötzlich bei einem Blick in den Spiegel durch die Fee Aurora überrascht. Diese hat durchaus eine männliche Seite an sich und scheint Johanna sehr gut zu kennen. Sie will ihr helfen ihren Traummann zu finden, dass dies allerdings Prinz Hamlet ist, der für Stiefschwester Erna vorgesehen ist, erschwert das weitere Vorgehen. Tita will schnell einen reichen Schwiegersohn, hat die Rechnung aber ohne Hamlet gemacht. Der tauscht seine Rolle mit Diener Heinrich, einer Halbmaus und es kommt, wie es kommen muss… Erna verliebt sich in den Prinzen, doch der ist ja gar nicht der echte. Johanna lernt Heinrich, den angeblichen Diener kennen und bei ihr macht es sowas von „Ping“, dass alle im Saal wissen, dass sie es erwischt hat. Aurora will Johanna im schönen Kleid auf’s Schloss schicken, um den Prinzen zu erobern, doch Johanna setzt ihren eigenen Kopf durch. Sie wird zum „Ritter der Mäuse“ und imponiert letztendlich Hamlet mit ihrem Mut und ihrem Vorhaben Mäuse zu befreien. Tja nur Hamlet glaubt schlussendlich sich in einen Mann verliebt zu haben. Erna will ihren Prinzen, doch als herauskommt, dass sie sich in einen Diener verliebt hat, ist ihr das egal, der Mutter hingegen nicht. Eine sofortige Heirat samt Vertrag mit dem echten Prinzen wird geplant. Auch Hamlet will Erna nicht heiraten, er will seinen Ritter. Johanna wäre es viel lieber, er will sie und nicht den Ritter und ist auf ihre eigene geschaffene Figur eifersüchtig. Als dann auch noch die falschen miteinander – Erna und Heinrich sowie der Ritter und Hamlet – von den schockierten Müttern erwischt werden, ist alles aus. Schlussendlich weigern sich aber diejenigen, die heiraten sollen und setzen ihre eigenen Köpfe durch. Bei soviel Verliebtheit sagen sogar die Mütter irgendwann einmal nicht mehr nein. Auch die Sache mit dem Ritter und Johanna löst sich auf. Hamlet war sich schon gar nicht mehr sicher, wen er eigentlich liebt. Doch Aurora hilft – natürlich mit dem Hinweis auf Johannas Schuh, da sich bei Hamlet einer befand. Es handelte sich allerdings um keinen glänzenden, sondern um einen derben Boot, der dafür aber perfekt passte. Die gläsernen Schuhe waren für jemand anderes bestimmt, denn auf wundersame Weise erschien dann Johannas Vater, der die ganze Zeit als Aurora über seine Tochter gewacht hatte (auch wenn der Grund nicht so ganz eindeutig war, vermutlich weil er die Familie verlassen hatte, um sich selbst zu finden, und dann wieder alles gut machen musste). Und wie bei einem Märchen ging auch „Cinderella passt was nicht“ für alle gut aus, auch wenn es für einige ein längerer Weg bis dahin war.
Die zahlreichen Kinder feierten den guten Ausgang, auch wenn vielleicht nicht alle Texte kindergerecht waren. Einige Wörter wurden vermutlich nicht verstanden. Die Erklärung einiger politischer Ausdrücke, die oft fielen, wie Demokratie oder Monarchie wurden in Programm gut verständlich erklärt. Die Erwachsenen oder Jugendlichen konnten mit Sicherheit z.B. die Sache mit den Mäusen oder Halbmäusen in einem anderen Kontext sehen und so aktuelle Bezüge schaffen.

Livia Wrede gibt die aufmüpfige Johanna, die nach dem Lebensmotto, das ihr Vater ihr mit auf den Weg gegeben hat „Tu was du willst“ lebt. Falls einem diese vier Wörter bekannt vorkommen, ja auch in „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende spielen sie eine große Rolle, ebenso wie ein Spiegel. Aus diesem kommt nämlich die gute Fee. Wrede mit ihrer für ein Märchen (aber ist es das eigentlich?) untypischen Kleidung, zerrissene Jeans, Holzfällerhemd, ist die meiste Zeit grummelig und griesgrämig, sogar wenn sie keinen Text hat murmelt sie vor sich hin und zieht eine Schnute. Richtig blüht sie auf, wenn sie etwas hat, worum es sich zu kämpfen lohnt, wie z.B. im Endeffekt das Herz von Hamlet. In „Papa hat gesagt“ hört man richtig heraus, wie sehr ihr die Bezugsperson fehlt und es ihr nicht passt allein gelassen zu werden. Absolut süß ist sie anzusehen, wenn es bei ihr „Ping“ gemacht hat und sie plötzlich Hamlet zu Füssen liegt, über beide Ohren grinst und zutraulich wie ein Hündchen ist.

Auch Prinz Hamlet alias Simon Stockinger passt einiges nicht. Die Krone ist ihm zu groß oder besser gesagt, er will sie gar nicht. Ihm passt es nicht, wie seine Mutter über die Untertanen denkt und er mag niemand, für ihn bestimmten, heiraten müssen. Seinen eigenen Kopf setzt er beim Kleidungsstil durch, so trägt er z.B. einen karierten Anzug, aber mit kurzer Anzugshose. Sehr locker sieht er eigentlich auch die Situation, als er sich in einen Mann verliebt. Er ist so in den Ritter vernarrt, dass letztendlich nur der Schuhtest Klarheit bringt und er doch eine weibliche Partnerin bekommt.

Erna, die von Beate Korntner dargestellt wird, hat eigentlich alles, was man sich unter einem aus dem Märchen entsprungenen, unterbelichteten Blondschöpfchen vorstellt. Blonde Korkenzieherlocken, ein rosa Gewand, wenn auch zu eng, da von der Mutter vorgeschrieben und eine quietschige Stimme, sind nur einige ihrer Markenzeichen. Was sie aber im Lauf des Stücks beweist, ist ein eigener Kopf. Sie lässt sich nichts mehr vorschreiben und setzt ihren Willen durch. Herzig, wenn sie mit einem Käsebrot Heinrich lockt und beide „Ich habe ein Gefühl im Bauch“ singen und sich ineinander verlieben.
Manuel Lopez als Halbmaus Heinrich beweist mit seiner Uniform auf jeden Fall Geschmack in Sachen Kleidung. Wahnsinnig toll stellt er es sich vor „Wenn ich König wär“ und was er dann so alles anstellen würde. Das Paar Erna und Heinrich hat man nicht von Anfang an so kommen sehen, aber es ist schön, wenn man merkt, dass der Mann sich auch für eine Frau hinter der rosa Fassade interessiert. Seinen Mauseschwanz verbirgt er gekonnt, ist aber sehr froh, dass ihn Erna und im Endeffekt alle als das akzeptieren, was er ist.

Patricia Nessy gibt eine ständig keifende Gräfin Tita und nur um ihre eigene Tochter besorgte Mutter. Was soll wohl aus ihr werden, wenn Erna keine gute Partie abbekommt? Nessy überzeugt gesanglich u.a. bei „Ein Telegramm von einem Prinz“ in den höchsten Tönen.

Über Königin Viktoria (Rebecca Soumagné) kann man, sobald man sie sah, nur schmunzeln, da sie mit ihren sehr auffallenden gelben Kleidern, der Brille und ihrem Verhalten so ganz anders wirkte, als man sich Cinderella vorgestellt hat. Schön gelungen ihr Solo „Es dauert nur eine Sekunde“, bei dem sie die „Liebe auf den ersten Blick“ besingt.

Der Charakter, dem die Herzen des Publikums aber sofort zufliegen, ist die Fee Aurora alias Frank Engelhardt. Er ist eine sympathische Mischung aus lieber alter Oma (dank des Outfits) wie auch Mary Poppins (diese Fee hat auch eine magische Tasche mit unergründlichen Tiefen). Man merkt bei der Fee von Anfang an, dass sie Johanna auf besondere Weise zugetan ist, dies aber nicht offenbaren darf. Aurora ist auch deshalb sympathisch, weil sie auch ab und an etwas ungeschickt ist, sowohl im Umgang mit Menschen wie auch bei der Zauberei.

Auch die drei Mäuse Hyronimus, Agathe und Wilhelm sind zu erwähnen. Sie sind neunmalklug, witzig und wirklich entzückend anzusehen (Puppenbau und Coaching: Richard Panzenböck. Jakob Elsenwenger (auch als Pfandleiher zu sehen), Kortner und Stockinger liehen ihnen ihre Stimmen und erweckten sie auch gekonnt in ihrer Kiste zum Leben.

„Cinderella passt was nicht“ ist ein Stück mit ganz vielen Botschaften, jeder kann sie auf eine andere Art deuten und verstehen. Gut unterhalten fühlt man sich in jedem Fall und verlässt das Theater mit einem Grinsen, wenn man an die ein oder andere Szene denkt.

Quelle: Andrea Martin

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