„I am from Austria“: seit 16.9.2017 gibt es eine neue Tortenkreation im Wiener Raimundtheater und sie geht weg, wie die warmen Semmeln

Viele Tortenklassiker sind aus der österreichischen Mehlspeisenküche nicht mehr wegzudenken, jetzt wird sogar im Wiener Raimundtheater eine angeboten, deren Zutaten alles andere als geheim sind. Das Tortenrezept kann man als leicht und bekömmlich beschreiben, es hat leicht verdauliche Zutaten und sollte eigentlich auch keine allergischen Reaktionen auslösen. Einziger Nachteil und das können viele Probeesser sicher bestätigen, ein Biss kann süchtig machen. Somit ist es auch kein Wunder, wenn man auf www.musicalvienna.at unter der Verfügbarkeit oft „nicht verfügbar“ oder „Restkarten“ liest.

Um das Geheimnis der Torte zu lüften, es handelt sich um das Musical „I am from Austria“, welches die Lieder von Rainhard Fendrich neu arrangiert in einer patriotischen Herzschmerzgeschichte vereint. Die Chef-Zuckerbäcker, die alles zuvor abgeschmeckt und gut verrührt hatten sind: Titus Hoffmann (Buch & Idee), Christian Struppeck (Buch & kreative Entwicklung), Andreas Gergen (Regie), Kim Duddy (Choreographie), Michael Reed

(Musical Arrangements, Supervision and Orchestration), Roy Moore (Orchestration), Michael Römer (Musikalische Leitung), Stephan Prattes (Bühnenbild), Uta Loher und Conny Lüders (Kostümbild), Andrew Voller (Lichtdesign), Thomas Strebel (Sounddesign) sowie Sönke Feick (Videodesign). Viele der Hits von Rainhard Fendrich wie u.a. „Blond“, „Weus‘d a Herz hast wie a Bergwerk“, „Es lebe der Sport“, „Nix is fix“ oder die geheime Österreichhymne „I am from Austria“ wurden zum Teil aufgepeppt und vor allem so arrangiert, dass man sich auf der Bühne ordentlich austoben kann. Und wer Kim Duddy kennt, der weiß, dass es hier eine Choreo vom Feinsten zu sehen geben wird. Das Bühnenbild zeigt einerseits das Hotel Edler, in dem die Handlung spielt. Dieses wird mittels der dreistöckigen hoteleigenen „Edlertorte“ dargestellt. In der Torte selbst befindet sich aber auch noch die Kaisersuite und in der tiefsten Etage die Pâtisserie. Das Hotel selbst ist gut ausgestattet, was vor allem der LED Technik zu verdanken ist. Auch kann die Torte gedreht werden. Auf der anderen Seite verbirgt sich eine weitere komplette LED Fläche, die mit vielen Videoeinspielungen und Effekten aufzuwarten hatte. Leider wollte sie am Tag der besuchten Vorstellung (28.11.2017) nicht so ganz funktionieren und so gab es zu und an kleine Ausfälle. Besonderer Hingucker natürlich die aus dem Untergrund auftauchende Bergwelt mit Steinbock, die sich bei Bedarf drehen ließ und eine heimelige Almhütte auf der Rückseite offenbarte.

Die flotte Musicalkomödie beinhält jede Menge Verwirrungen, Intrigen, Chaos, romantische Momente und vor allem die Botschaft „home is, where your heart is“.

Die Hollywooddiva Emma Carter reist mit ihrem Manager Richard Rattinger in ihr Heimatland Österreich. Dort residiert sie im 4,5 Stern Hotel Edler. Schnell freundet sie sich mit Josi, dem Sohn des Hauses an. Gemeinsam erleben sie jede Menge. Sie landen unfreiwillig im Kühlraum (wo plötzlich sogar die Edlertorten Emma schöne Augen machen und mir ihr gemeinsam singen), machen eine nächtliche Tour durch Wien oder einen Helikopterflug über Österreich, bei dem Emma sogar selbst fliegt. Speziell diese Heli-Einlage findet großen Anklang, da ein Filmchen gedreht wurde, das die beiden zeigt, wie sie aus dem Theater laufen und mit dem Flieger abheben. Im Endeffekt landen die beiden mit einem Minihelikopter auf der Bühne, der wirklich sehr herzig anzusehen ist und natürlich die Farben rot-weiß-rot hat. Nach einer sehr innigen Nacht auf der Almhütte werden sie jedoch von Paparazzi geweckt und Emma ist der Meinung Josi hätte sie verraten. Dass alles nur die fiesen Machenschaften des ehrgeizigen Managers waren erfährt sie leider erst viel später. Es dauert dann eine Zeit lang bis sich Emma auf ihre Heimat besinnt und auf ihr Herz hört. Am Opernball steht sie zu ihrer Liebe zu Josi. Richard Rattinger, der sie mit dem Fussballspieler Pablo Garcia verlobt sehen wollte, geht in jeder Hinsicht leer aus. Alles andere als leer fühlen sich am Ende auch die Hotelinhaber das Ehepaar Romy und Wolfgang Edler. Auch bei ihnen dauert es etwas, bis sie vom Alltagstrott etwas entfremdet, wieder zueinanderfinden. Als Running Gag wurden zwei Angestellte des Hotels immer wieder eingebaut. Einerseits Felix Moser, der junge Hotelpage mit einer Vorliebe für schnittige Autos, für den sowohl der Linkswalzer als auch das unfallfreie Autofahren Probleme darstellt. Andererseits Elfie Schratt, die Chefconcierge. Ihre Gags wiesen jedes Mal auf ein fast schon biblisches Alter hin, sei es, dass sie die Tochter von Katharina Schratt sei oder sowohl mit Johann Strauß Vater als auch Sohn etwas am Laufen hatte.

Natürlich gibt es am Ende ein Happy End für Emma und Josi am Opernball, wo auch jede Menge illustre Gäste (in Form von Aufstellfiguren) wie Dagmar Koller, Conchita Wurst, Peter Alexander, Falco, Christina Stürmer oder Christoph Waltz anwesend sind.

Das Publikum zeigte sich von Anfang an sehr begeistert. Die Spielfreude der Darsteller steckte das Publikum mit guter Laune an und der Funken sprang sofort über. Bei vielen vertrauten Fendrich Hits wähnte man sich im Zuschauersaal fast wie in einem Sing-a-long Stück, da plötzlich von allen Seiten her der Text erschallte. Sicher mit ein Grund, warum das Stück so gut ankommt. Das Publikum liebt aber mit Sicherheit auch den Wiener Schmäh, den das Stück zweifelsohne zu bieten hat und die ganz spezielle Lektion in Sachen Wienerisch, die dem Stück die besondere Note gibt.

Auch die Besetzung kann sich sehen lassen. Hier hatte man auch einige Wiener Publikumslieblinge gewinnen können, die sonst nicht unbedingt auf der Musicalbühne beheimatet sind.

Das Hotelierehepaar Romy und Wolfgang Edler wurde von Elisabeth Engstler und Andreas Steppan verkörpert. Bekannt ist Engstler einem großen Publikum vor allem durch ihre vielen Moderationen im TV. Dass sie auch eine Ausbildung am ehemaligen Konservatorium der Stadt Wien (jetzt: Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien) erhalten hat, kommt ihr natürlich jetzt sehr zugute. Engstler spielte eine starke Frau mit großem Familiensinn und leidet sichtlich, als sich der Verdacht erhärtet, dass ihr Mann fremdgeht. Ordentlich Gas gab sie bei ihrem Solo „Midlife Crisis“, das mit Sambaklängen und entsprechenden Kostümen und Choreo aufwartet. Auch überraschte sie in der Szene, als unter ihrem biederen schwarzen Kostüm ein sexy Fransenkleid erschien und sie mit dem Ensemble tanzte.

Herrlich gelassen und relaxed, nicht nur in dieser Szene war Andreas Steppan. Sein „aber danke, jetzt weiß ich’s“ in dem Lied klang so, als würde er seiner Frau nur „ja ja ist schon gut“ erwidern. Für alle wirkte es wirklich so, als ob er mit einer rothaarigen Schönheit ein Techtelmechtel hätte. Gottseidank war es am Ende noch nicht zu spät für eine Aufklärung. Wolfgang liebt seine Frau über alles, das bewies er u.a. mit „Nur die Liebe zählt“, allerdings wünscht sich seine Frau etwas mehr Zuwendung und Liebesbeweise. Es dürfte sich schon zu sehr der Alltagstrott im Berufs- und Privatleben eingeschlichen haben.

Ein besonderes Highlight war aus mehreren Gründen sein „Strada del Sole“, wo es einen Rückblick auf seine große Liebe in Italien gab, die ihm von einem feschen Italiener weggeschnappt wurde. Seine Erinnerungen wurden in Form eines Tanzpaares lebendig, welches am 28.11. von Barbara Castka und Stefan Mosonyi gespielt wurde. Sie sorgten für eine tolle Tanzeinlage und eine erotische Akrobatik hinter der Bar, an der sich ein schon etwas leicht angeheiterter Gast die Augen drei Mal reiben musste, um zu verstehen, was vor ihm abging. Steppan sang mit angenehmer Stimme und auch die hohen Töne gelangen mühelos.

Als Sohn des Hauses, Josi Edler, konnte Lukas Perman gewonnen werden. Sein Josi ist jung, dynamisch und voller Tatendrang. Er will den elterlichen Betrieb modernisieren und hat jede Menge Ideen, die warten verwirklicht zu werden. Eine tolle Showeinlage lieferte Perman gleich zu Beginn bei „Nix is fix“. Das Ensemble gab so richtig Gas, die Herren zeigten akrobatische Sprünge, die Damen warfen die Beine in die Höhe. Es war schön zu sehen, wie er zum verliebten Mann wurde, der seiner Angebeteten die Welt oder zumindest Wien zu Füßen legen möchte. Besonders ans Herz ging „Weus’d a Herz host wia a Bergwerk“, welches als Liebeslied zwischen Josi und Emma ausgelegt war. Perman offenbarte all seine Gefühle, doch leider durfte das Paar an der Stelle noch nicht zusammenfinden.

Als heimkehrender Hollywoodstar Emma Carter stand Marianne Curn auf der Bühne. Bei ihrer Emma merkte man von Anfang an, dass sie nur äußerlich einen Star verkörpert, im Inneren aber noch immer die junge Frau war, die noch nicht ihren Platz in der Welt gefunden hatte. Da war es natürlich klar, dass sie fragte „Wo gehör ich hin“ und nicht immer nur zur „Bussi, Bussi“ Gesellschaft gehören möchte. Meist wirkte sie wie das liebe Mädchen, aber Curn zeigte schön, dass Emma auch ihre Krallen ausfahren konnte, vor allem als Richard sie bevormunden möchte. Leidenschaftliche Momente gab es zwischen Curn und Perman in der Almhütte und Leidenschaft gab es auch beim titelgebenden Song „I am from Austria“. Auch wenn es tontechnisch ein paar kleine Herausforderungen zu bewältigen gab, so war es trotzdem ein Gänsehautmoment.

Als Bad Boy Richard Rattinger, der Manager von Emma war Martin Bermoser zu sehen. Was auf jeden Fall zu merken war, dass ihm diese Rolle des etwas übereifrigen und vor allem egoistischen Managers sehr viel Spaß machte. Seine hysterische Art, als er Emma entführt wähnte, war natürlich perfekt geschauspielert, damit er möglichst allen ein schlechtes Gewissen einreden konnte, er selbst sah sich natürlich immer im Recht und unfehlbar. Auch sein Solo „Tango Korrupti“ genoss er in vollen Zügen.

Als Felix Moser trat Matthias Trattner auf. Ihn würde man am liebsten gleich mit nachhause nehmen, da er einfach ein wirklicher Sympathieträger ist, der sowohl mit seinem Faible für Autos als auch seinen Atemübungen mit Elfie beim Walzer tanzen für Lacher sorgte. Dass er ein richtiger Freund für Josi ist, bewies er u.a. als er den zwei Flüchtenden seine Wohnung als Asyl anbot. Auch wenn er kein echter Wiener ist, so war sein Solo „Zweierbeziehung“ durchaus eine sehens- und hörenswerte Einlage, vor allem da er, sobald er seine Pagenuniform auszog etwas von einem jungen James Dean hatte.

Dolores Schmidinger als Dienstälteste im Ensemble war als Elfie Schratt mit ihren zynischen Kommentaren und Gags ein Highlight für die Besucher. Jeder ihrer Kommentare wurde gefeiert und sie erhielt oft Zwischenapplaus. Sie gab eine flotte und fetzig gekleidete Chefconcierge, die vom Ensemble im wahrsten Sinn des Wortes oft auf Händen getragen wurde.

Als selbstverliebter Fussballstar Pablo Garcia sorgte Peter Knauder vor allem mit nacktem Oberkörper für unerfüllte Frauenträume. Er ließ die Muskeln spielen und genoss als „Macho, Macho“ das Bad in der Fanmenge.

Am 28.11. gab es standing ovations für eine unterhaltsame Show, die man seit dem 17.11. auch mit nachhause nehmen kann; nämlich auf CD als „take away“ Gustostückerl. Möglicherweise für viele eine nette Geschenkidee für Weihnachten, um eine Erinnerung an einen schönen Theaterbesuch zu haben.

Die Originalcast der Premiere wurde live auf Doppel-CD gebrannt und ist beim Label HitSquad Records erhältlich. Insgesamt befinden sich 29 Tracks auf den CDs. Das Booklet enthält neben Infos zum Leading Team und Cast auch noch eine Inhaltsangabe, Fotos zum Stück und, sehr zur Freude vieler Fans, die kompletten Texte zum mitsingen.

Die Cast vom 28.11.2017:

Emma Carter – Marianne Curn
Josi Edler – Lukas Perman
Romy Edler – Elisabeth Engstler
Wolfgang Edler – Andreas Steppan
Richard Rattinger – Martin Bermoser
Elfie Schratt – Dolores Schmidinger
Felix Moser – Matthias Trattner
Pablo Garcia – Peter Knauder
Rainer Berger – Martin Berger
 
Ensemble: Anna Carina Buchegger, Barbara Castka, Barbara Czar, Judith Jandl, Katharina Gorgi, Marina Petkov, Jennifer Pöll, Ariane Swoboda, Arthur Büscher, Florian Fetterle, Thomas Höfner, Florian Klein, Stefan Mosonyi, Georg Prohazka, David Rodriguez-Yanez

Quelle: Andrea Martin

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