Glitzer, Glamour. Gefühle. KINKY BOOTS !

Am 03. Dezember 2017 feierte im Stage Operettenhaus das Musical KINKY BOOTS, das mehrfach preisgekrönte Stück mit der Musik von Poplegende Cyndi Lauper, seine umjubelte Deutschlandpremiere. Im Vorfeld der Premiere stellte sich die Frage, kann ein Musical um Drag Queens und ihr Schuhwerk funktionieren? Ja, es kann und zwar sehr gut!

KINKY BOOTS läuft seit 2013 sehr erfolgreich am Broadway und seit 2015 am Londoner West End, ebenso in Korea, Toronto, Japan und Australien. Nun ist das mehrfach preisgekrönte Musical (sechs Tony Awards, drei Laurence Olivier Awards u.v.m.) in Hamburg angekommen.
Von der 80er-Jahre-Ikone Cyndi Lauper stammen die Musik und Liedtexte.
Theater- und Schauspiellegende Harvey Fierstein schrieb das Buch, das auf dem Film “Kinky Boots – Man(n) trägt Stiefel” aus dem Jahr 2005 basiert, der wiederum auf einer wahren Begebenheit beruht.
Inszeniert wurde das Musical von Regisseur und Choreograph Jerry Mitchell.

Zum Inhalt:
KINKY BOOTS erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, von Charlie Price und Lola. Charlie erbt die heruntergekommene Schuhfabrik seines Vaters in der englischen Provinz. Um die Firma zu retten, sucht Charlie nach einer Möglichkeit, den drohenden Konkurs abzuwenden. Als er durch Zufall die Drag-Queen Lola kennenlernt, finden die beiden die Nische, die Price & Son retten soll: Die Produktion von schrillen, modischen und zugleich stabilen Schuhen und Stiefeln für Drag-Queens – (auf Englisch) „Kinky Boots“. Dieser Plan stößt bei den Fabrikarbeitern von Price & Son im provinziellen Northampton jedoch nicht auf Begeisterung. Es kommt zu großen Auseinandersetzungen und sogar zu Trennungen: zwischen Charlie und der Belegschaft und Charlie und Lola. Natürlich gibt es ein Happy End, Toleranz und Freundschaft siegen über Ignoranz und Engstirnigkeit. Die Modenschau in Mailand ist der finale Höhepunkt.

Die beiden Hauptdarsteller Gino Emnes (Lola) und Dominik Hees (Charlie) sind keine Unbekannten, denn sie standen bereits auf großen Musicalbühnen.
2009 spielte Dominik Hees im Colosseum Theater Essen die Titelrolle in BUDDY – DAS BUDDY HOLLY MUSICAL. Es folgten viele weitere Rollen. Dem Hamburger Publikum ist er seit dem WUNDER VON BERN (ab 2014) bekannt, wo er als Helmut Rahn zu sehen war.
Charlie Price will nur anders sein, als es sein Vater erwartet. Doch nach dessen Tod muss er seine Pläne ändern und Verantwortung für die Schuhfabrik übernehmen, was er anfangs widerwillig, doch im Laufe des Geschehens mit zunehmender Begeisterung tut. Große Zweifel plagen ihn auf seinem Weg, doch letztendlich wird er zum Retter der Fabrik und findet auch sein privates Glück. Dominik Hees spielte überzeugend den spießigen Fabrikbesitzer, unscheinbar, unsicher, ohne Durchsetzungskraft und zeigte dessen Entwicklung zum erfolgreichen Geschäftsmann, der Kinky Boots produziert, ebenso wie zum beliebten Chef und wirklichen Freund und erfüllte damit alle in ihn gesetzten schauspielerischen Erwartungen. Sein Charlie wirkte etwas blass, aber das sieht das Rollenprofil so vor.
Auch gesanglich bot Dominik Hees eine stimmige Leistung; seinen großen Auftritt hatte er mit dem Song „Ein Wahrer Mann“, eine schöne Ballade, gefühlvoll von ihm interpretiert.

Der große Star der Show aber ist Lola, perfekt dargestellt von Gino Emnes!
Er begann seine Karriere im KÖNIG DER LÖWEN und war zuletzt in ROCKY als Herausforderer „Apollo Creed“ in Hamburg und Stuttgart auf der Bühne zu sehen. Hier in Hamburg verwandelt er sich in die eindrucksvolle Drag Queen „Lola“. Der bisherige „tough guy“ zeigt nun eine weitere Facette: eine sanfte und warmherzige Seite, wie man sie von ihm so nicht kennt.
Die Rolle von „Lola“ stellt große Anforderungen an einen Darsteller, und Gino Emnes erfüllte sie alle. Lola ist eine imposante Erscheinung, von beeindruckender Größe und mit kräftigen Armmuskeln, dennoch wirkt sie/er sehr sexy. Gino Emnes kommt als Lola sehr gekonnt auf hochhackigen Stiefeln daher – keine leichte Aufgabe für einen Mann. Er wirkt in Lolas Glitzerkostümen sehr attraktiv und könnte in dieser Aufmachung sicher manchen Mann verführen. Aber Gino Emnes präsentiert nicht nur die äußeren Reize von Lola überragend, sondern zeigt auch ihre/seine empfindsamen Seiten, erzählt von der schweren Kindheit, der Zeit als professioneller Boxer und von der Ablehnung seines Vaters und der Leute ihm gegenüber. Der Künstler offenbart noch weitere Facetten: Lola ist eigentlich ein schüchterner Mann voller Ängste. Das wird sichtbar, als sie/er meint, sie/er müsse sich – zum Chefdesigner der Kinky Boots avanciert – anpassen. Um angemessen auszusehen, legt sie/er Lolas Outfits ab und zeigt einen „normalen“ Mann. Doch das ist zum Glück nur von kurzer Dauer, und sie/er wird wieder zu Lola.
Lola ist auch sehr einfühlsam, den Boxkampf mit dem Vorarbeiter Don verliert sie/er absichtlich, damit dieser nicht den Respekt seiner Freunde einbüßt. Lola vermittelt, was tatsächlich wichtig ist im Leben: Toleranz und Akzeptanz anderen Menschen gegenüber, Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl. Zitat von Lola: „Sei du selbst. Alle anderen gibt es bereits!“ Nach diesem Motto lebt sie/er.
Gino Emnes vermittelte all diese Aspekte absolut glaubwürdig und berührte zudem die Herzen der Zuschauer. Zugleich sorgte er auch für amüsante Momente und Lacher.
Gesanglich bot Gino Emnes so einiges: Ob rockig wie „Das Land Von Lola“, ob gefühlvoll wie in „Nie Dieser Sohn“ und „Trag Mich In Dein Herz“ – stimmstark, kraftvoll und emotional überzeugte sein Gesang zu jedem Zeitpunkt. Gino Emnes begeisterte das Publikum über alle Maßen und erntete immer Riesenapplaus!
Auch tänzerisch brillierte Gino Emnes, coole Moves, gepaart mit einer phantastischen Mimik, verzückten das Publikum.
Es sind die stärksten Momente der Show, wenn Lola auf der Bühne erscheint, egal ob mit Spiel, Gesang oder Tanz!! Gino Emnes ist in dieser Rolle einfach nur grandios!

Außerdem zu sehen waren:
Vorarbeiter Don (Benjamin Eberling), ein Sturkopf und Macho par excellence, voller Vorurteile gegenüber Schwulen und Drag Queens will er sich immer als ganzen Mann beweisen, doch auch er entwickelt sich weiter.
Lauren (Jeannine Wacker), das kleine, nette Fabrikmädchen, ist heimlich in Charlie verliebt.
Nikola (Franziska Schuster), Charlies Verlobte, ist ein verzogenes Mädchen, das über die Maßen ehrgeizig ist und in London Karriere machen will.
Buchhalter George (Tilmann Madaus) ist ganz der treu ergebene Angestellte, aber auch er entwickelt langsam Mut.
Wirklich alle Darsteller spielten mit viel Begeisterung und Können und ernteten folgerichtig viele Sympathien und immer wieder Szenenapplaus, allen voran die sechs Angels, Drag Queens wie Lola. Sie boten zudem einen phantastischen Anblick (Kostüme von Gregg Barnes), ihre Leistung war einfach großartig!

Die mitreißende Musik (Cyndi Lauper) entstammt nicht den 80er Jahren wie vielleicht erwartet, sondern ist sehr modern mit flotten und/oder rockigen oder gefühlvollen Akzenten.
Die schon oben erwähnten Songs von Lola („Das Land Von Lola“, „Nie Dieser Sohn“ und „Trag Mich In Dein Herz“) sind Höhepunkte der Show, ebenso Charlies „Hier Fängt Es An“. Ensemblenummern wie „So´n Sexy Hohes Teil“ und „Everybody Say Yeah“ begeisterten das Publikum. Rhythmische Abwechslung gab es durch den Tango „Wovon Frauen Träumen“. Aber der Finalsong „Sei Du“ ließ das Theater erbeben; er riss – weit vor dem Schlusston – die Zuschauer von ihren Sitzen, sie klatschten mit, bis die Hände wehtaten!

Auch das großartige Bühnenbild von David Flockwell soll an dieser Stelle erwähnt werden. Es hat allerdings ein kleines Manko: Der Zuschauer kann nicht erkennen, ob er gerade in Northampton oder in London ist. Das erschließt sich oft nur aus dem Text.

Zum Thema Drag Queens gibt es wohl kaum einen besseren Aufführungsort als das Stage Operettenhaus auf der Reeperbahn. KINKY BOOTS und Hamburg, das passt einfach zusammen! Doch es geht nicht nur um Drag Queens, sondern auch um Freundschaft und um zwei junge Männer, die voller Mut ihren Traum verfolgen und die Hoffnung nicht aufgeben.
Vordergründig geht es in dieser Geschichte um die Rettung einer Schuhfabrik. Aber in den verschiedenen Auseinandersetzungen (Charlie und Lola, Lola und der Vorarbeiter Don, Charlie und die Belegschaft) wird die tatsächliche Thematik deutlich: Toleranz und Akzeptanz anderen Menschen gegenüber. Es geht darum, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist, in der heutigen Zeit eine wichtige Erkenntnis! Und es geht auch um die Frage, was ist ein richtiger Mann? Antwort (von Lola): Ein richtiger Mann hat den Mut, der ganzen Welt zu zeigen, wer er ist! Und Frauen träumen von einem Mann mit Einfühlungsvermögen, Sensibilität und Zärtlichkeit! Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

KINKY BOOTS ist ein bunt-schillerndes, sehr unterhaltsames Musical mit viel Glitter und Glamour, aber auch mit Tiefgang. Es inspiriert zum Nachdenken über Werte wie Toleranz, Akzeptanz, Respekt und Loyalität und regt an, den Mut zu haben, an sich selbst zu glauben.
Und eins ist sicher: die KINKY BOOTS erobern die Reeperbahn!

Quelle: Claudia Schachtschneider

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