Auf zur fröhlichen (!?) Hasenjagd – „Weißes Kaninchen rotes Kaninchen“ im Spektakel Wien

Open House Theatre präsentiert im Zeitraum 17.10.2017 bis 31.1.2018 an zwei verschiedenen Spielstätten (Spektakel und Theater Spielraum) das Einpersonenstück „Weißes Kaninchen Rotes Kaninchen“ von Nassim Soleimanpour. Der Autor stammt aus dem Iran und durfte jahrelang seine Heimat nicht verlassen, da er sich weigerte den Militärdienst abzuleisten und so keinen Pass hatte. Er fand eine ganz besondere Art, um die Welt kennenzulernen. Er schrieb das Stück „Weißes Kaninchen Rotes Kaninchen“, welches an seiner statt die Welt bereisen soll. Dieses Vorhaben war bis dato schon erfolgreich. Seit der Premiere im Jahr 2011 wurde es in über 20 Sprachen übersetzt und mehr als 1000 Mal aufgeführt. Namen aus der Theater- und Filmwelt wie John Hurt, Whoopi Goldberg, Nathan Lane oder Stephen Rea ließen sich schon auf das Experiment, denn als solches kann das Stück gesehen werden, ein. Auch Open House Theatre hat 12 KünstlerInnen gefunden, die sich der Herausforderung dieses Stücks stellen werden. Die Veranstalter hatten sich sowohl für deutsch- als auch englischsprachige Aufführungen entschieden.

Und eine Herausforderung ist die Aufgabenstellung für den Darsteller in jedem Fall. Es gibt a) keine Probe, b) keinen Regisseur und c) das Skript ist unbekannt. Sprich derjenige, der auf die besondere Hasenjagd gehen möchte hat keine Ahnung was er vom Skript ablesen wird, da er es vorher nie zu Gesicht bekommen hat. Improvisationstalent ist gefragt. Auch darf der Schauspieler das Ganze nur einmal spielen, da es ja dem Autor um den Überraschungseffekt geht.

Wir beschlossen uns als erstes die deutsche Fassung von Nico Laubisch anzusehen und besuchten am 12.12.2017 Tania Golden, die sich als eine der Mutigen dem Experiment stellte. Leider gab es an diesem Wochentag ein kleines, aber nicht unwesentliches Problem, das Publikum blieb aus unerfindlichen Gründen aus. Nach einer kurzen Beratung beschloss man aber doch das Ganze über die Bühne gehen zu lassen, obwohl die Produktion eine bestimmte Mindestanzahl an Gästen benötigt. Ein großes Dankeschön gebührt auch Produzent Robert G. Neumayr, der den Besuchern sogar beim Eintrittspreis entgegenkam.

Muss aus dem bereits vorhin genannten Grund (kein Schauspieler darf genau wissen, was auf ihn zukommt) über den eigentlichen Inhalt so gut wie geschwiegen werden, kann mit Sicherheit verraten werden, dass eine Leiter und ein Tisch mit Wassergläsern eine Rolle spielen. Bei der besuchten „Privatvorstellung“ in kleiner, feiner Runde wurde allen Anwesenden von Tania Golden gleich das Du-Wort angeboten, was für alle die doch ungewohnte Situation auflockerte.

Im Normalfall kann man sich im Theater zurücklehnen und genießen. Das war für die Gäste nur bedingt möglich, zumindest was das zurücklehnen betraf. Auch ist eine gut gefüllte Handtasche empfehlenswert, da man möglicherweise den ein oder anderen Inhalt zum Stück beisteuern kann.

Viel Phantasie und Vorstellungskraft ist für alle Beteiligten nötig und einen gewissen Blick hinter das Ganze. Erst nachdem man sich alles angesehen und angehört hat, wird man sich fragen, was einem der Autor durch den Schauspieler erzählen will, denn genau das tut er und man kann seinen Geist während des Leses der Zeilen regelrecht spüren.

Für Akteur und Publikum ist auch ein gutes Gedächtnis wichtig, warum darf leider wieder nicht verraten werden. Über den Autor erfährt man so einiges und dank der Möglichkeit von Tierparabeln – ja auch weiße und rote Kaninchen kommen vor und so einiges andere Getier – bekommt man einen Einblick in seine Gedanken und sein Leben. Wann ist wer der Stärkere, wie und womit kann man sich durchsetzen? Diese Frage kann man vielleicht danach beantworten.

Tania Golden ist von Anfang an voll Motivation, so etwas macht man schließlich nicht täglich. Liest sie zu Beginn nur den Text vor, entschließt sie sich immer mehr diesem Leben einzuhauchen und so verschwinden manchmal die Grenzen zwischen Autor und Schauspieler. Dieser hat durch sie ein Sprachrohr gefunden, das willig ist alles und zwar wirklich alles zu tun, was gedruckt steht. Könnte sie sich weigern das zu tun, was vorgegeben ist? Man weiß es nicht. Das Publikum wird öfters miteinbezogen. Könnte es in das Geschehen eingreifen und den Verlauf ändern? Es kommt sicher auf das Publikum an. Am besuchten Abend interagierten die wenigen Leute trotzdem sehr gut und ließen Tania im wahrsten Sinn des Wortes nicht mit sich und dem Text allein.

Golden war aber nicht nur eine willige Marionette, sondern agierte auch gekonnt mit Mimik und Gesten, baute eigene Kommentare ein und stellt sogar einiges infrage.

Wer herausfinden möchte, warum der Vortragende am Ende nicht wie gewohnt den Applaus stehend entgegennehmen und sich verbeugen kann, der sollte sich dieses Stück, wo auch immer möglich, ansehen. Wir werden es nochmals am 16.1.2018 besuchen, dann mit Ana Milva Gomes.

Nähere Informationen zu Open House Theatre und dessen Projekte sind hier zu finden: www.openhousetheatre.at

Da man während des Stücks keine Fotos machen durfte, haben wir mit Tania Golden ein klein wenig improvisiert.

Quelle: Andrea Martin

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