Wer bestimmt wer Kinder kriegen darf? Duncan Macmillans Werk „Atmen“ sorgte für nachdenkliche Momente im Theater

Das „Arme Theater Wien“ (ATW) zeigte wieder einmal eindrucksvoll, dass es alles andere als „arm“ ist, sondern reich; reich an Einfällen, welche Stücke man nehmen muss, um am Puls der Zeit zu sein. Das ATW benötigt keinerlei Hilfsmittel, lediglich einen Raum, in dem sich die Darsteller in ihrer Rolleninterpretation entfalten können. Diesen Raum (drei Säulen, Holzboden, zwei Sessel) fand das ATW Team im Projektraum des WUK. Vom 13.-20.11.2017 wird dort noch das Stück „Atmen“ vom britischen Autor Duncan Macmillan in der deutschen Fassung von Corinna Brocher gezeigt. Regie führte Erhard Pauer.
Die zwei Protagonisten werden von Krista Pauer und Aris Sas gespielt. Sie tragen keine Namen. Es ist ein x beliebiges, austauschbares Pärchen, dass seine Geschichte erzählt. Es kann jeder auf der Welt sein, egal wo. In ca. einer Stunde und 45 Minuten wird ohne Pause die Geschichte eines Paares erzählt, das sich Gedanken macht, ob es ein Kind in die Welt setzen soll. Er äußert den Wunsch, sie ist schockiert. Der Schock sitzt so tief, dass sie es gern bereden möchte, aber später, viel später. Streits sind vorprogrammiert. Wann darf man ein Kind in die Welt setzen? Sind die eigenen Gene gut genug. Das Kind hat aber auch die Gene der Großeltern in sich, was ist, wenn man die potenziellen Schwiegereltern gar nicht mag. Was, wenn das Kind genauso wird, wie der Vater des Freundes? Die kurzfristige Flucht vor dem Partner soll Erleichterung schaffen. Ein Kind bleibt nicht immer ewig klein, will man einen Menschen an sich binden? Will man das Kind sein Leben bestimmen lassen? Muss man für ein Kind seine eigene Freiheit aufgeben? Kaum denkt sie an einen neuen Erdenbürger sieht sie Ängste vor sich, die schon fast dem Untergang der Menschheit gleichen. Es gibt schon zuviele Menschen auf der Welt, wäre ihr Kind dann auch zuviel? Wenn man selbst „gut“ ist, ist der Nachwuchs dann automatisch auch „gut“? Er hat nicht wirklich viel zu reden, er wundert sich nur und versucht zu beruhigen. Obwohl sie mittlerweile schon eingelenkt hat („ok, wir machen’s“) funktioniert es im Bett nicht „auf Kommando“. Sie sieht hinter dem Vergnügen wieder die Konsequenzen und beginnt erneut panisch zu werden. Auch das Thema Heirat steht im Raum, ist aber für den Moment nur einseitig und geht von ihm aus. Sie hat auch offenbar große Angst vor der Schwangerschaft, er würde diese „Bürde“ gerne von ihr nehmen, wenn er könnte. Falls sie sich für ein Kind entscheiden sollten, müsste sie mit dem Rauchen aufhören. Er müsste sich einen Job suchen, damit die Zukunft gesichert ist. Aufgrund seines Jobs, den er bekommen hat, gibt es weniger Zweisamkeit. Ein spontanes Treffen im Park bringt noch anderes Vergnügen mit sich, das Folgen mit sich zieht. Wie der Wind muss er einen Schwangerschaftstest kaufen und will unbedingt das ganze Prozedere von vorne bis hinten mitverfolgen, was auch geschieht (eine sehr amüsante Szene, welche Frau geht schon gerne auf die Toilette, während ihr Freund zusieht?). Die Spannung steigt bis ins Unendliche. 3 Minuten dürfen vergehen, dann wird das Ergebnis akribisch beäugt, beide freuen sich, da der Test positiv ausfällt. Sofort entfacht allerdings ein neuer Streit. Sie möchte es ihren Eltern sagen, er zuerst seinen oder sollte man doch besser noch zuwarten und nichts zu früh ausposaunen, wobei negativ denken sollte man auch nicht. Die Zeit beginnt zu vergehen, das erste Unwohlsein stellt sich bei ihr ein und die Sorge, dass sie ihr Kind nicht lieben kann. Nach all der Aufregung kommt dann die Ernüchterung, beiden ist es im Gesicht anzusehen, nichts ist mehr so, wie es sein soll. Der Zuschauer beginnt schlimmes zu ahnen. Sie hatte eine Fehlgeburt. Die Enttäuschung ist groß und man versucht sich diese „schön“ zu reden. Vielleicht war es besser so? Wer will denn heute noch ein Kind? Ein zweiter Versuch ist von Depressionen überschattet und scheitert. Die Beziehung zerbricht. Er gesteht fremdgeküsst zu haben. Er liebt sie, aber die Sache mit dem Kinder kriegen hat sie beide entzweit. Zu einem späteren Zeitpunkt treffen sie einander wieder. Ihre Mutter ist gerade gestorben, sein Vater schon etwas länger. Sie schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen, auch in intimen und lassen die Vergangenheit, zumindest kurz wieder die Überhand gewinnen. Wieder ist Zeit vergangen. Sie steht vor seiner Tür und offenbar schwanger. Dieses Mal ist er schockiert, Euphorie wird ihr nicht entgegengebracht. Das Problem, er hat eine Freundin und ist noch dazu verlobt. Gemeinsames Überlegen lässt ihn die Situation genau betrachten. Sie beschließen einen Neubeginn. Das Ende des Paares wird in einem schnellen Zeitraffer abgespielt. Sie bekommen einen Jungen, dieser wird erwachsen, flügge, beide sind stolz auf ihn. Das Ehepaar (ja auch eine Heirat hat stattgefunden) ist schon älter, eine schwere Operation steht ihm bevor, offenbar hat er sie nicht überstanden oder ist kurze Zeit später verstorben. Sie trauert an seinem Grab um ihn. Solange sie kann, wird sie an ihn denken und nicht vergessen. Das gemeinsame Kind hat für die Mutter gesorgt und wird beide in der Welt weiter würdig vertreten.

Der große Raum wird nur auf einer engen Fläche genützt. Durch auf und abgehen oder Sessel verstellen wird eine neue Zeit (Tage, Monate, Jahre), aber auch neue Räume dargestellt. Die Phantasie des Publikums ist gefragt. Bei der besuchten Vorstellung am 15.11. ging es, sehr zur Freude der Darsteller, gut mit. Es ist wichtig für die zwei Protagonisten ein gutes Feedback zu bekommen, dazu zählt auch schon mal ein keines Lächeln oder Lachen. Wenn sich jemand mit den Charakteren ganz oder zumindest teilweise identifizieren kann, dann ist das Ziel des Autors mehr als erreicht und die zwei Darsteller haben ihr Bestes gegeben, um glaubwürdig zu wirken.

Sowohl Krista Pauer als auch Aris Sas haben eine Unmenge an Text und können sich hinter nichts und niemanden verstecken, nicht einmal hinter dem anderen. Jeder muss zu jeder Zeit überzeugend sein und das sind sie beide zu 100%. Sie lassen sich von den Emotionen, die der Autor für ihn und sie vorgesehen hat leiten und tragen und nehmen das Publikum auf eine ganz eigene Reise in das Innere des Menschen mit. Gefühle und Gedanken werden ausgesprochen und klar dargelegt, möglicherweise spricht man so etwas nicht aus, denkt es. Hier wird nichts zurückgehalten und man beginnt sich danach selbst zu fragen: „Ist man bereit für ein Kind? Möchte man eines? Warum will man eines oder auch nicht.“ Genau das dürfte das Ansinnen des Autors gewesen sein, dass der Mensch beginnt mehr nachzudenken.

Wenn man nach dem Besuch der Vorstellung wieder reicher an Gedanken war, dann hat das „Arme Theater Wien“ mit Sicherheit jede Menge richtig gemacht.

Quelle: Andrea Martin

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