Rezension „La voix humaine / The Raven“ am 13.5.2017 im LTC: Die menschliche Stimme des Raben

Beginnen wir diese Rezension mal mit einem Zitat. Es stammt von der Webseite des LTC und könnte passender nicht sein: „Was kommt uns merkwürdiger vor? Nur noch über das Telefon mit Mitmenschen zu kommunizieren oder mit einem Tier zu sprechen? Der Opern-Doppelabend „The Raven/La voix humaine” greift beide Merkwürdigkeiten auf und stellt die immerwährende Frage: Wer teilt unseren Schmerz, und wie teilen wir uns mit?“

Es ist faszinierend, wie sich die beiden doch sehr unterschiedlichen Stücke ähneln, so dass man sie zu einem kurzweiligen, wenn auch gruseligen Abend zusammenfassen kann. Und leider ist das Thema Telefon wieder so präsent, dass selbst das Publikum sein Telefon nicht weglegen konnte oder wollte und somit (wieder einmal) eine Aufführung durch helle Smartphone-Displays gestört wurde.

La voix humaine
Die lyrische Tragödie in einem Akt von Francis Poulenc eröffnete den Abend, in der Inszenierung von Tobias Materna unter der musikalischen Leitung von Hannes Krämer. Die Texte von Jean Cocteau blieben in der Originalsprache (französisch) und die deutsche Übersetzung wurde als Übertitel eingeblendet. Man konnte die Übertitel schnell erfassen und sich dann sehr schnell wieder dem Geschehen auf der Bühne widmen. So bekam man dennoch alles von der Geschichte, also dem Telefonat, mit.

Anna Gütter war die Einzige auf der Bühne in diesem Stück. Und mehr brauchte es auch nicht. Sie zog das Publikum sofort in ihren Bann und nahm alle mit auf die emotionale Reise der unglücklich Verliebten, die ein letztes Mal mit dem Mann telefoniert, den sie liebt. Jede Gefühlsregung, wenn auch noch so klein, brachte sie überzeugend rüber. Egal ob Wut, Trauer, Manipulation, Hass und Verzweiflung. Sie spielte und sang alles mit einer Leichtigkeit und dennoch so voller Gefühl, dass man fast versucht war, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten.

Für ihre Leistung wurde sie mit donnerndem Applaus belohnt und man wurde in die Pause entlassen. Ein wenig befangen von der Geschichte wurde dort eher darüber diskutiert oder philosophiert, ob man (oder eher frau) sich, wie die Rolle, so sehr erniedrigt und gedemütigt hätte oder ob frau einfach stolz weggegangen sei. Es waren seltsamerweise mehr Frauen als Männer, die dieses Thema diskutierten. Und schon bald läuteten die Glocken für das zweite Stück…

The Raven
Edgar Alan Poes bekanntestes Werk. Die Geschichte dürfte jedem bekannt sein und auch dieser eine Name: Leonore. Und natürlich das einzige Wort, welches der Rabe spricht: Nimmermehr. Oder besser: Nevermore. Denn auch dieses Stück blieb in seiner Originalsprache mit deutschen Übertiteln.

In diesem Stück standen drei Personen auf der Bühne. Verena Usemann als Mezzosopran, Paula Georg als der Rabe und Alexandra Pape als die Tote. Das Monodrama von Toshio Hosokawa feierte gestern seine deutsche Erstaufführung im LTC, in einer Inszenierung von Bodo Busse und unter der musikalischen Leitung von Hannes Krämer.

Die Stimme von Verena Usemann erfüllte die Bühne mit Leben. Sie war die Einzige, die sprach und sang. Und ihr gelang es, die Verrücktheit der Ich-Person auf geniale Weise einzufangen und in den Zuschauerraum zu transportieren. Die Musik tat ihr Übriges dazu, dass den Zuschauern immer wieder eine Gänsehaut über den Rücken lief und der Atem stockte.

Das Stück erinnerte an das japanische Nõ-Theater, in dem mal nicht der Mensch im Mittelpunkt steht, sondern Tiere, Pflanzen oder Geister. Auch das Bühnenbild erinnerte in seinem Aufbau an ein traditionelles japanisches Haus. Nicht das Aussehen, sondern nur der Aufbau. Während japanische Häuser eher wirklich hell gehalten sind, war dieses Bühnenbild wirklich dunkel.

Wie auch in den Nõ-Theatern gab es hier eine umgedrehte Besetzung. So wurde die Hauptperson von einer Frau gespielt. Es ist erst einmal gewöhnungsbedürftig, das muss man zugeben, doch dann verschwimmen die Konturen und es ergibt alles einen Sinn.

Auch dieses Stück erhielt donnernden Applaus und man hörte beim Hinausgehen die Diskussionen. Diesmal wurde nicht darüber diskutiert, was man oder frau gemacht hätte, sondern es ging um die Inszenierung an sich. „So habe ich den Raben noch nie gesehen“, sagte eine Dame und wir müssen ihr zustimmen. Aber das ist doch nicht Schlechtes, oder? Jedes Stück bietet seine Interpretationsmöglichkeiten und ist wandelbar und genau das macht es aus.

Immer wieder etwas Neues zu sehen, zu erleben, zu lernen, das sollte etwas sein, wonach der Mensch strebt und nicht stets und ständig erreichbar zu sein.

Quelle: Christine

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