Rezension: “Die Frau in Schwarz” – mehr als nur eine simple Gruselgeschichte. (Theater Hof, 2015)

Was macht eigentlich eine gute Geistergeschichte aus ? Was ist es, das dem Zuhörer diesen Schauer über den Rücken jagt oder ein mulmiges Gefühl in den Magen legt ? Und warum setzen unsere Sinne aus, kaum, daß man uns der Sicherheit des Lichts und der klaren Sicht beraubt ?

Was braucht es für eine gute Geistergeschichte ? Ein guter Anfang ist vielleicht dieses alte Rezept:

Gruselgeschichte an Phantasiemousse – Rezept für dunkle Winterabende.

Man nehme:
– ein dunkles Haus
– viel Nebel
– ein wenig Hochmoor
– eine Prise knarzende Geräusche
– eine handvoll seltsame Schritte
– einen guten Schuß Einsamkeit

Das gut gekühlte, verwaiste Haus setzt man dann in den Nebel des Hochmoors, fügt das Knarzen, die Schritte hinzu und verrührt das Ganze. Die Einsamkeit zum Schluß vorsichtig unterheben.

Danach nach Belieben mit Phantasie würzen und zusammen mit dem Mousse eiskalt servieren.

Tip: für einen besonders gruseligen Geschmack kann man das Ganze noch mit Wahrheit flambieren.

Hat man sich an das Rezept gehalten, kann nicht mehr viel schiefgehen. Der Grundstein ist gelegt, aber dennoch das Optimum noch nicht erreicht.

Wie erreicht man das Optimum einer guten Geistergeschichte ?

Sie muß glaubhaft vorgetragen werden. Erst dann, wenn der Zuhörer an den Lippen des Erzählers hängt, sich wohlig gruselt und sich ständig fragt, wo denn nun die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion sind, genau dann ist das Optimum erreicht.

Die Geschichte “Die Frau in Schwarz” ist spätestens seit dem Film mit Daniel Radcliffe bekannt und vielen ein Begriff. Doch weit davor gab es schon das Theaterstück von Stephen Mallatratt, das in London ein Dauerbrenner am West End ist. Genau dieses Theaterstück fand seine Heimat im Theater Hof, wo nun für einige Vorstellungen die Frau in Schwarz ihr Unwesen treiben darf.

In dem Roman von Susan Hill, auf dem die Bühnenfassung basiert, geht es um den jungen Anwalt Arthur Kipps, der den Auftrag erhält, den Nachlass von Alice Drablow zu sichten. Die Verstorbene lebte abseits und fern der Zivilisation in einem alten Haus in der Marsch. Die Einheimischen dort sind auf Mrs. Drablow nicht sonderlich gut zu sprechen, was – so muß Arthur Kipps Stück für Stück am eigenen Leib erfahren – seine guten Gründe hat. Schon bald blickt er in Abgründe, die ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen werden…

Die Inszenierung von Reinhardt Friese kommt mit den einfachsten Mitteln der Theaterwelt aus: Licht, Ton, Schauspieler und das Spiel mit der Phantasie des Publikums. Mehr braucht es nicht, um den Abend mit einer Geistergeschichte zu füllen, vor der der Meister der Suspense höchstselbst seinen Hut gezogen hätte.

Zu Beginn hat das Publikum noch gut Lachen, als der Schauspieler (Dominique Bals) dem älteren
Mister Kipps (Thomas Hary) verzweifelt versucht einige einfachen Regeln der Schauspielkunst beizubringen. Während Mister Kipps eigentlich nichts anderes möchte, als endlich seine Geschichte zu erzählen, damit er seine eigene Dämonen bannen kann, legt der Schauspieler viel Wert auf die richtige Unterhaltung. Das Stück kommt scheinbar schleppend in Gang und im Gesicht so mancher Zuschauer stand die Frage, ob das denn nun die ganze Spieldauer so weitergehen wird. Sie wurden enttäuscht – und das auf ganze Linie, denn je mehr das Stück Fahrt aufnahm, desto mehr entwickelte sich die Geschichte. Der Schauspieler, der nun mittlerweile die Rolle des Mister Kipps übernommen hatte, steigerte wahrlich glaubhaft in die Rolle hinein und noch ehe sich das Publikum versah, war es in die Geschichte und in das Geschehen mit hinein gezogen. Das – und zwar genau das – ist die große Kunst am Theater. Die Leistung der beiden Darsteller ist hervorragend und über alle Maßen lobenswert. Sie tragen die Geschichte eines durchaus langen Stückes, in dem es so gut wie kein Bühnenbild gibt, das die Geschichte bildhaft unterstreichen könnte. Es liegt also allein im Können der Darsteller, das Publikum mitzunehmen und dessen Phantasie anzuregen – ein Meisterstück, das Dominique Bals und Thomas Hary absolut und ohne Zweifel gelungen ist!

Es sei natürlich auch noch ein Wort zur Bühnentechnik dieser hervorragenden Produktion gesagt: Es kommt nicht selten vor, daß Licht und Ton einem Stück mehr nimmt als gibt. Doch hier war die Technik das Mittel zum Zweck. Im Einklang mit dem dramatischen Geschehen auf der Bühne unterstrich Ton und Licht das Geisterhafte und das punktgenau Timing sorgte dafür, daß das mulmige Gefühl im Magen nicht abbrach, daß die Spannung blieb und sich weiter steigerte.

Der langanhaltende Applaus war verdient, aber das größere Lob war die atemlose Stille, die sich während dem Stück über den Saal gelegt hatte. Die Inszenierung von Reinhardt Friese versteht es, das Publikum buchstäblich zu fesseln, so daß kein Platz für das Rascheln von Bonbonpapier oder den Blick auf das Handy bleibt. Und das – das darf ohne Scheu gesagt werden – schafft nicht jeder.

Wer sich einen kurzen Eindruck verschaffen möchte, der findet auf YouTube einen kurzen Trailer zum Stück.

Die Inszenierung “Die Frau in Schwarz” im Theater Hof ist definitiv empfehlenswert und im Vergleich zum Film mit Daniel Redcliffe um Längen besser. Das ist nicht nur den Möglichkeiten des Theaters sondern auch den herausragenden Leistungen der Schauspieler und der Technik geschuldet. Wer sich also 2 1/2 Stunden gepflegt gruseln möchte, dem sei diese Produktion wärmstens ans Herz gelegt.

[yasr_overall_rating]

Weitere Termine
Fr 20.11.2015 Hof, Großes Haus 19.30 Uhr
Sa 26.12.2015 Hof, Großes Haus 19.30 Uhr
So 27.12.2015 Hof, Großes Haus 19.30 Uhr
Mi 13.01.2016 Hof, Großes Haus 19.30 Uhr
Do 14.01.2016 Hof, Großes Haus 12.00 Uhr (Berufschule)
So 17.01.2016 Hof, Großes Haus 19.30 Uhr

Quelle: Alexander Brock

[yasr_visitor_votes size=”medium”]

1 Comment

  1. Pingback: Ich, Subjektiv: Gruselalarm in Hof bei der "Frau in Schwarz" » Buehnennetzwerk.de

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!