Rezension: “Stummfilm Philharmonisch: Modern Times”, Opernhaus Nürnberg

Am 15. Dezember 2014 wurde im Opernhaus Nürnberg die zweite Aufführung von “Stummfilm Philharmonisch: Modern Times” gegeben. Wieder einmal ein Genuß aller erster Güte.

Der Tramp – Charlie Chaplin. Zwei Namen, die unlösbar miteinander verknüpft waren und sind. Für uns ist das heute selbstverständlich, aber als Ende der 1920er Jahre die Tonfilme aufkamen, wurde es eng für den Tramp und das wußte auch sein Schöpfer Chaplin. Dennoch hat Charlie Chaplin 1936 den Film “Modern Times” gedreht, in dem der Tramp das letzte Mal auftreten sollte. Chaplin hat sich bewußt für die Kombination aus Geräuschen, gesprochenen Worten aus dem Hintergrund und dem klassischen Stummfilm entschieden. Denn er wußte genau, daß sich die Botschaft des Filmes nur über die Universialität des Tramps transportieren ließ, genau jene Universalität, die durch Sprache verloren gehen würde.

“Modern Times” spielt vor dem Hintergrund der Arbeitkämpfe und portraitiert die Hektik der industriellen Gesellschaft in Musik und Bild. Der Tramp arbeitet am Fließband einer Fabrik, deren Fabrikboss das Arbeitstempo immer höher schraubt, um den Profit zu erhöhen. Der Tramp erleidet dadurch einen Nervenzusammenbruch und verliert durch einen Aufenthalt in der Klink seine Arbeit. So nimmt das Schicksal seinen Lauf, er tritt in jedes Fettnäpfchen, das aufgestellt wurde, aber dennoch verliert er nie seinen Optimismus – beneidenswert.

Der Film ist zeitlos und immer noch aktuell, denn die “Modern Times” von damals gibt es auch heute. Nur ist es nicht mehr die Akkordarbeit an den Fließbändern, sondern das Hetzen von Termin und Termin und vorallem das “Immer erreichbar sein müssen” unserer digitalen Welt. Ob damals oder heute, ein Nervenzusammenbruch, wie es unserem Tramp passiert, ist schon fast vorprogrammiert. Und so ist “Modern Times” damals wie heute ein Film der kritisch sein soll, auch wenn die Heiterkeit darüberliegt.

Wie schon in vergangenen Inszenierungen der Reihe “Stummfilm Philharmonisch” überzeugte Dirigent Frank Strobel mit der Staatsphilharmonie Nürnberg auf ganzer Linie und verbreiteten das Flair der alten Lichtspielhäuser. Wie die Zahnräder in einem Uhrwerk liefen der Film, die Musik und die Tonspur reibungslos ineinander und so bot sich im Opernhaus ein Filmgenuß der Meisterklasse. Die vier wunderbar singenden Kellner, live gesungen von Kwonsoo Jeon, Timothy Hamel, Vikrant Subramanian, Daniel Dropulja, gaben dem Film eine Pointe, die nur ein Opernhaus geben kann und machten damit die ohnehin schon besondere Inszenierung noch ein Stückchen mehr besonders.

Perfektion und Qualität wie diese ist es, die der Stummfilmära alle Ehre erweist und die Beliebheit der Filme weiterhin ungebrochen sein läßt – und natürlich die Hingabe aller Beteiligten und die Bereitschaft eines Theaters, dem Publikum auch einmal richtiges Kino zu bieten.

Es sei noch auf die Werkeinführung “Konzertführer Live” hingewiesen, in der man als interessierter Zuschauer wieder Einiges über den Film, dessen Entstehung und die Hintergründe erfahren konnte. Der Besuch der Werkseinführung, die meist eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Gluck-Saal stattfindet, ist auf jeden Fall lohnenswert.

Nach langanhaltendem Applaus, Bravorufen und einer Zugabe der Kellner ging das Publikum gut gelaunt in die Nacht, einige in der Hoffnung, daß dies nur der letzte Auftritt des Tramps war, nicht aber die letzte Inszenierung der Reihe “Stummfilm Philharmonisch”.

Und um den Abend in der Sprache unserer modernen Zeit zusammenzufassen: “Ganz großes Kino!”

[yasr_overall_rating]

Die Besetzung des Abends:

Frank Strobel: Musikalische Leitung)

Singende Kellner: Kwonsoo Jeon, Timothy Hamel, Vikrant Subramanian, Daniel Dropulja

Staatsphilharmonie Nürnberg
Quelle: Alexander Brock

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