Glanzvolles Comeback der Päpstin und Konkurrenz für Franziskus: In Fulda, Hameln und München wackelt der Heilige Stuhl

Die Päpstin hat ihr drittes Pontifikat angetreten. Franziskus bekommt Konkurrenz aus Fulda. Und die sieht nicht nur besser aus als der offizielle Amtsinhaber, sondern kann auch deutlich besser singen. Dem Heiligen Vater aus Argentinien setzt die Spotlight-Musicalproduktionein fesches Schwarzwaldmädel entgegen. Und das hat es voll drauf. Da beben die Wände im zum Lateran-Palast umfunktionierten Schlosstheater. Das Publikum sieht sich einem Wechselbad zwischen ernsten, heiter-verspielten und hochdramatischen Szenen ausgesetzt. Und am Premierenabend nach dem letzten Vorhang lagen sich alle selig in den Armen, Besucher, Künstler, Kreative.

Ja, dieses packende Stück (Regie: Stanislav Mosa) ist längst zum sommerlichen

Dauerbrenner avanciert. Nach der Welturaufführung anno 2011 ging dieser auf der

Romanvorlage von Donna W. Cross basierende Musical-Hit im Jahr darauf in die

Verlängerung, um nun, von vielen sehnlichst erwartet, erneut auf dem Spielplan

aufzutauchen. Die Verkaufszahlen geben Produzent Peter Scholz Recht. Die

Gesamtauslastung lag bsher bei 98 Prozent. Aufgrund der großen Nachfrage mussten

sogar zusätzliche Shows eingeschoben werden. Aber nicht nur in der

Bischofsstadt, wo die aktuelle Spielzeit am kommenden Sonntag (21. Juli) endet,

war der Run auf Tickets enorm. Auch für die Rattenfängerstadt Hameln, wo der

Heilige Stuhl nach der Sommerpause vom 5. Bis zum 15. September wackelt,

zeichnet sich eine ähnliche Erfolgsstory ab. Anschließend zieht die singende und

tanzende Kurie weiter, um die Bajuwaren zu beglücken. Im Münchener

Prinzregenten-Theater treten der weibliche Bischof von Rom und sein Gefolge dann

vom 21.bis 29. September zum klangvollen Kehraus an.

Das (Meister-)Stück ist nicht ganz so lokal auf Fulda fixiert wie die beiden Vorgängerproduktionen ”Bonifatius” und ”Elisabeth – Die Legende einer Heiligen”, wenngleich das dortige Kloster, in das die 814 geborene Tochter eines Dorfpfaffen und einer sächsischen Heidin als Novize getarnt eintrat, schon einen wichtigen Meilenstein auf Johannas Weg an die Spitze des römisch-katholischen Weltkonzerns darstellte. Der fiktive Historienthriller gleichen Namens gehört zu den zehn beliebtesten Büchern der Deutschen und verkaufte sich hier über vier Millionen Mal. Millionen sahen den darauf gründenden Film von Soenke Wortmann in den Kinos und im Fernsehen. Das ist ein immenser Fundus. Insofern dürfte genug Besucherpotential vorhanden sein, die Päpstin auch andernorts zum Schlager werden zu lassen.

Dies ist die Stunde der Sabrina Weckerlin

”Die Päpstin”- das ist (und bleibt) Sabrina Weckerlin. Das ist Ihre Rolle, da ist sie unvergleichlich. Mit unglaublicher, aber von ihr inzwischen gewohnter Intensität, Hingabe und Ausdruckskraft erweckt Deutschlands größtes Musicaltalent diesen ihren ”Johannes Anglicus” zum Leben, verleiht ihm/ihr Kontur und Profil. Sie unterstreicht das mit einer reinen, kräftigen, warmen und modulations-reichenStimme, die noch lange nach dem Schlussgong nachklingt. Ihr ”Einsames Gewand” geht unter die Haut. Da stellen sich die Nackenhärchen auf.Und mit dem Part des ritterlichen, furchtlosen Gerold, Marktgraf von Villaris, hat sich ihre Bühnen-Lover Mathias Edenbornendgültig in der ersten Reihe der Musicaldarsteller hierzulande etabliert. Sein ”Traum ohne Anfang und Ende” ist ein durch Mark und Bein gehender Showstopper und wird nur noch durch das ”Wehrlos”-Duett mit seiner Partnerin getoppt.

Auch bei der dritten Auflage des Stücks setzt Spotlight wieder weitgehend auf das Stammpersonal, wobei vor allem Claus Dam als weiser, gütiger Lehrer Aeskulapius und Lutz Standop als herrlich fieser, machtgeiler Anastasius herausragen. Mächtigen Zwischenapplaus fährt – zu Recht – auch Dietmar Ziegler als Abt Rabanus (”Hinter hohen Klostermauern”) ein. Der ausgebildete Opernsänger macht außerdem auch als sinnenfroher, Wein, Weib und Gesang nicht abgeneigter Bischof von Dorstadt eine gute Figur. Aber es gibt auch ein paar neue Gesichter. Anke Fiedler zum Beispiel. Sie ist in der Doppelrolle als Johannas Mutter Gudrun, aber vor allem als vor Sexappeal strotzende, Intrigen spinnende Bordellchefin Marioza, die Cäsarin von Rom, ein echter Gewinn. Die Berlinerin tritt zudem als Päpstin-Cover an, was allemal spannend zu werden verspricht. Und der stupid-kleingeistige gewalttätige Dorfpriester und Johanna-Papa ist bei Bruno Grassini gut aufgehoben. Wäre noch Martin Rönnebeck als Papst Sergius zu erwähnen, ein guter Mensch, aber verfressen bis zum Geht-nicht-mehr.

Mitreißend, inspiriert und eingängig

Die Multifunktions-Drehbühne ermöglicht reibungslose Übergänge und blitzschnelle Szenen- und Ortswechsel. Kulissen und Kostüm sind stimmig bis prächtig, die Choreographie beinhaltet viele Hingucker. Die Veränderungen gegenüber den beiden Vorgänger-Inszenierungen sind allenfalls marginaler Natur und fallen kaum ins Gewicht. Zu mehr bestand auch kein Anlass. Zwei römische Soldaten beispielsweise, die als Skulpturen den packenden Song ”Ewiges Rom” eröffnen, sind neu hinzu gekommene Randfiguren. Eine neue Soundanlage ermöglicht Raumklang, was besonders beim Schreien der vorbeifliegenden Raben einen schönen Klangeffekt ergibt.Über die Partitur von Dennis Martin ist eigentlich schon alles gesagt. Seine Melodien sind einfach mitreißend, inspiriert und eingängig. Da krallt sich vieles in den Gehörgängen fest, die Texte (teils in Zusammenarbeit mit Produzent Peter Scholz entstanden) kommen intelligent und pointiert daher, haben Esprit und Niveau.

Ehrlich ist sympathischer

Die Musik ist nicht live, sondern kommt vom Band, was aber auch nicht verschwiegen wird. Das ist ehrlich. Im Gegensatz zu manch großen Hochglanzproduktionen,in denen man die Orchester nach und nach stillschweigend dezimiert und durch Einspielungen aus der Konserve ersetzt, worüber das Publikum aber im Unklaren gelassen wird. Der Verzicht auf Livemusik ist bei der Päpstin jedoch kein Manko, war es auch bei den Vorgängerstücken nie. Es beeinträchtigt den Genuss in keiner Weise. Und so lassen sich auch die Ticketpreise auf einem vertretbaren Level halten. In Hamburg zahlt man mitunter je nach Termin dreimal so viel – und mehr.

Produzent Peter Scholz hat einmal davon gesprochen, er und die Seinen würden mit ihren Produktionen einen Nieschenmarkt bedienen. Davon kann längst keine Rede mehr sein. Was die Qualität (und Originalität) der Inszenierungen angeht, kann Spotlight locker mit den Großen der Branche mithalten. Gut, dass es so etwas gibt. Eine sympathische Alternative zu den marktbeherrschenden Riesen. Ach ja: Johanna wird auch im nächsten Jahr in Fulda wieder zur Päpstin geweiht. Gleiche Stelle, gleiche Welle
Quelle: Jürgen Heimann

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