Die Rocky Horror Show in einer aufregenden Neuinszenierung: Mannsbilder in Strapsen, Corsagen und High Heels

Spießer, Transvestiten, Rock’n’ Roll – Lüsterne Aliens auf schriller Missionsreise

Die Produktion ist die bislang stringenteste in der langen, schier unübersichtlichen Aufführungsreihe. Laut, schrill, bizarr, sexy, lustig, rasant, anzüglich – Party pur! Wer sich durch Zufall hinein verirrt – auch das soll es ja geben – muss sich wie auf einem anderen Planeten wähnen, einem, dem auch die außerirdischen Lustmolche entstammen. Die meisten im Publikum gleichen in ihrem Outfit den Protagonisten im Scheinwerferlicht und legen ein, vorsichtig formuliert, recht merkwürdiges Verhalten an den Tag (oder die Nacht). Die Leute tragen aus Zeitungspapier gefaltete Hüte und werfen mit Papierschnipseln und Toilettenpapier um sich. Sie bekommen feuchte Höschen, was allerdings nicht der sexuell aufgeladenen Handlung auf der Bühne geschuldet ist, sondern aus dem Regen resultiert, der sich aus hunderten von Wasserpistolen im Auditorium ergießt. Die Knarren waren rechtzeitig vor Showbeginn noch in der Damen- und Herrentoilette munitioniert worden.

Der Stoff, aus dem die Träume sind

Und die meisten Fans kennen den Text in und auswendig; auf das entsprechende Stichwort in den Dialogen hin schallt es wie auf Kommando Tausendstimmig aus dem Saal zurück. Da mag sich der unbedarfte Zufallsgast ernsthaft fragen, wo es wohl das Zeug geben mag, dass die vorher geraucht haben. Aber dafür bedarf es keiner Drogen und keiner Dröhnung. Das gehört zur Rocky Horror Show dazu wie die Ahoi-Brause zum Porno-Vodka. Dieser Mitmach-Aktionismus entstand, nach dem die ”RHS” 1975 als ”Rocky Horror Picture Show” mit Tim Curry, Richard O’Brien und Meat Loaf verfilmt wurde und das Publikum während einer Vorführung in einem New Yorker Kino begann, sich in die Handlung einzubringen. Diese Gepflogenheit verbreitete sich wie ein Lauffeuer um die Welt. Seitdem überlegt es sich jeder Theaterbesitzer zweimal, ob er die Netzstrumpf- und Stöckelschuh-Karawane in sein gutes Haus lässt. Die Reinigungsaufwand übersteigt den nach einer ”normalen” Aufführung um ein Vielfaches.

In Frankensteins Place tanzen die Hormone Samba

Die Storyline im Schnelldurchgang: Das bieder-verklemmte und frisch verheiratete amerikanische Mittelstands-Paar Brad und Janet strandet nach einer Autopanne in dem mysteriösen Schloss ”Frankenstein Place” und wird dort mit dessen bizarren Bewohnern konfrontiert: dem sexbesessenen Hausherren, einem aus dem galaktischen Transsylvanien stammenden Transvestiten, seinem sadistischen Diener Riff-Raff, dem mysteriösen Dienstmädchen Magenta und der verführerischen Columbia. Die beiden Logiergäste werden schockiert Zeuge, wie der Hamburger, ähm, Frank’n’Furter vor ihren Augen in seinem Laboratorium die für ihn als Lustobjekt bestimmte Super-Sex-Kreatur ”Rocky” zusammenbraut. In der folgenden Nacht verführt er nacheinander erst Janet dann Brad. Der finale Countdown erfolgt, als sich Riff-Raff als Oberhaupt der Außerirdischen outet, Frank Rocky und Columbia mit seiner Laserkanone tötet und das gesamte Schloss in Richtung galaktisches Transsylvanien verschwinden lässt.

Pointiert und mit exzessiver Spielfreude

Die makaber-unkonventionelle und extravagante Show steht und fällt mit der Personalie des Frank’n’Furter. Ist der schlapp, kann man das höllische Vergnügen vergessen. Doch da sind die Produzenten mit Rob Fowler auf der sicheren Seite. Der Brite, der zuletzt bei der Stuttgarter und Berliner Inszenierung von ”We will rock you” als Galileo brillierte, hatte diese seine Paraderolle, in der er völlig aufgeht, bereits im Rahmen der 2008-er-Tournee der Rocky Horror Show ausgefüllt. Diesmal nun gibt er sich noch einen Tick exzentrischer, manierierter und schriller. Und blond ist seine Figur obendrein – im Gegensatz zum schwarzlockigen Original. Auch die anderen Akteure des 14-köpfigen Ensembles, ob nun Jon Hawkins (Brad) Daisy Wood-Davies (Janet) und vor allem Matt McKenna als Riff-Raff, agieren mit zündender Spielfreunde und verleihen ihren Charakteren pointierte Züge.

Da rockt die Hütte!

Das Bühnenbild ist für eine Tourneeproduktion opulent, das Lichtdesign herrlich krass; ein Grün dominierter Farbrausch. Aber es sind der knallige, glasklare Sound, die Band, die dieses schräge Märchen für Erwachsene letztendlich adeln und für das berühmte ”i”-Tüpfelchen sorgen. Da rockt die Hütte! O’Briens Kompositionen sind raffinierte Persiflagen der unkomplizierten amerikanischen Rock’n’ Roll-Songs der 50-er und frühen 60-er Jahre, wobei die Einflüsse eines Chuck Berry, Jerry Lee Lewis oder Fats Domino nicht zu überhören sind. Das knallt richtig. Das fängt bei den sattsam bekannten Ohrwürmern wie dem Opener ”Science fiction/Double feature” oder dem rasanten Rock-Tanz ”Time warp” an und hört bei Franks ”Sweet Transvestite” und dem flotten ”Toucha, toucha toacha touch me” noch lange nicht auf. Ein abgefahrenes, sensationell rasantes, in englischer Originalsprache belassenes Fest für die Sinne. Dem Fazit der Deutschen Presseagentur nach der Premiere in Köln ist nichts hinzu zu fügen: ”Man muss dieses Kultmusical wenigstens einmal im Leben gesehen haben!”

Quelle: Jürgen Heimann

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