Gespräch mit Intendant Radulf Beuleke

Erlebnistheater mit Tiefgang: Deutschlands Sommer-Broadway liegt in Tecklenburg

In der neuen Spielsaison 2009 schicken die Münsterländer mit “Evita” (Premiere am 20. Juni) erst einmal einen gestandenen Klassiker ins Rennen, den sie hier bereits neun Jahre zuvor gespielt hatten. Daneben warten sie dann aber gleich mit einem Novum auf: der ersten Freilicht-Inszenierung von Elton Johns “Aida”, des von Disney in den Schatten der Pyramiden verlegten Romeo & Julia-Stoffs, auf deutschem Boden. Start am 17. Juli. Da dürften den Gastgebern wieder einmal volle Ränge sicher sein.

Die Tecklenburger rühmen sich, “Deutschlands größtes Musiktheater unter freiem Himmel” zu beherbergen. Da ist was dran. Immerhin bietet die malerische, von mittelalterlichen Ruinen flankierte Spielstätte über 2.300 (zumeist überdachte) Sitzplätze. Und die Bühne selbst sucht, was ihre Abessungen angeht, auch ihres gleichen. Aber es sind weniger diese Parameter, die die Blüte der Einrichtung vorangetrieben haben. Die Theatermacher auf dem “Balkon des Münsterlandes” haben sich in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich steigern können – sowohl was die Größe der Produktionen angeht, als auch vor allem hinsichtlich des inhaltlichen und dramaturgischen Niveaus. Und ein geschicktes Händchen bei der Auswahl der Stoffe und der Kreativen (Regisseure, Choreografen usw.) ist natürlich ein weiterer, wesentlicher Eckpfeiler des Erfolgs.

Die Freilichtbühne als solche wird seit 1924 bespielt, aber eigentlich erst 1996 hatte hier mit dem Hippie-Spektakel “Hair” das Musicalzeitalter Einzug gehalten. Die Entscheidung, künftig (fast) ausschließlich auf die musical-ische Karte zu setzen, war seinerzeit nicht unumstritten und erfolgte gegen viele Widerstände. Doch sie war richtig und wegweisend, wie man inzwischen weiß. Das Zeitalter der klassischen Operette war nämlich damals schon vorbei. Zumindest hätten sich mit diesem Genre auf Dauer keine großen Besucherströme, wie sie für den Betrieb einer derartigen Unternehmens nun mal Voraussetzung sind, mobilisieren lassen. Die Freilichtspiele, die in diesem Jahr 85. Geburtstag feiern, finanzieren sich zu 97,5 Prozent aus dem Ticketverkauf. Von Subventionen im sechsstelligen Bereich, wie sie andernorts üblich sind, kann man hier nur träumen. Deshalb zeugte eine inhaltliche und thematische Neuausrichtung schon von Weitsicht. Zugute kam den Verantwortlichen dabei der zeitgleich Deutschland weit einsetzende Musical-Boom. Man wusste sich auf dem richtigen Weg.

Zwei Großproduktionen pro Spielsaison

Mittlerweile hat es sich auch eingebürgert, dass pro Saison neben dem obligatorischen Kinderstück (in diesem Jahr steht “Das Dschungelbuch” auf dem Spielplan) jeweils zwei große Inszenierungen auf die Bühne gebracht werden, wobei diese zunehmend gleichberechtigt nebeneinander laufen und eine Unterscheidung zwischen Erst- und Zweitstück nicht mehr getroffen wird. Vergleicht man die Anfangs-Produktionen mit den heutigen, liegen Welten dazwischen. Gerade in der Rückschau auf die vergangenen Jahre lässt sich die rasante, qualitative Aufwärtsentwicklung fest machen. Die Aufführungen wurden von Jahr zu Jahr ausgefeilter und anspruchsvoller. Und von Saison zu Saison wurde die Latte ein bisschen höher gehängt.

Das Streben nach Perfektion und Innovation trägt Früchte. Der Ehrgeiz erschöpft sich längst nicht mehr darin, beliebte (aber leider allzu oft abgenudelte) Stücke auf die Bretter zu bringen, eben nur um den saisonalen Spielplan zu füllen. Etwas mehr (an Anspruch) darfs da schon sein. Exklusivität beispielsweise. Unter einer (deutschsprachigen) Ur- bzw. Erstaufführung machen es die Tecklenburger mittlerweile (fast) gar nicht mehr, und sei es, dass die Definition des Begriffs auf den Freispielcharakter zielt. Heißt: Ein Stück, das zuvor noch nie “Open Air” bzw. abseits eines festen Hauses gespielt worden ist, muss es mindestens sein.

So richtig Fahrt hatte der Tecklenburger Zug um die Jahrtausendwende aufgenommen. Und mit der deutschen Erstaufführung von Svobodas “Dracula” im Jahre 2004 begann hier das Zeitalter der musical-ischen Höhenflüge. “Les Misèrables”, oder “Jekyll & Hyde”, Hits, die zuvor noch nie auf einer Freilichtbühne zu sehen waren, sorgten in Folge für enormen Auftrieb. Vorläufiger Höhepunkt in dieser Reihe war im vergangenen Jahr “Mozart”, Sylvester Levays und Michael Kunzes verkanntes Meisterwerk mit Patrick Stanke in der Titelrolle. Dafür gabx0092s dann auch nach “Les Mis” zum zweiten male den DA CAPO-Award für die beste Shorttime-Produktion. Und so ein paar Leckerlis für die kommenden Spielzeiten köcheln bereits und stehen auf der (Wunsch-)Liste der Programmplaner in Fettdruck ganz oben. Aber jetzt gehts mit erst mal in den ägyptischen Wüstensand zur Deutschland-exklusiven Modenschau von Pharonen-Töchterchen “Amneris”.

Kein Künstler kommt an “Teck” vorbei

In früheren Jahren mussten sich auch die Tecklenburger noch um die großen Namen der Szene bemühen. Inzwischen hat sich dies etwas umgekehrt. Früher oder später kommt kein Künstler von Rang an dieser Bühne vorbei – will es auch gar nicht. Dabei gewesen zu sein macht sich nicht nur gut in der eigenen Biografie – sondern es macht auch Spaß. Die Besetzungslisten der vergangenen Jahre lesen sich denn auch wie das Whos Who der europäischen Musicalbranche. Oft bedarf es, wie zuletzt bei Mozart, noch nicht einmal einer offiziellen Audition, um die Cast zusammen zu bekommen. Und für die Darsteller ist ein Engagement in “Teck”, wie sie sagen, “fast so wie Urlaub”. Sie schätzen die familiäre Wohlfühl-Atmosphäre, das zwanglose, kameradschaftlich-kollegiale Miteinander und die entgegenkommende Akzeptanz seitens der Bevölkerung. Irgendwie ist ja fast jeder Haushalt des malerischen Städtchens irgendwie oder durch irgendeinen Angehörigen mit den Freilichtspielen verbandelt. Für Tecklenburg sind sie zu einem unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor geworden. Ohne die Bühne würden in vielen Gastronomiebetrieben und Geschäften die Lichter ausgehen.

Kein Platz für Zicken und Egomanen

“Wir präsentieren die Stars” rührt Intendant Beuleke mit schöner Regelmäßigkeit zum Saisonstart (Pfingstgala) die Werbetrommel. Aber, schränkt er im Gespräch ein, “sie müssen auch zu uns passen”. Das heißt im Klartext: Nicht jeder Top-Darsteller würde hier glücklich. “Zicken und Egomanen, die ihr Selbstwertgefühl einen Kilometer weit vor sich her tragen, können wir hier nicht gebrauchen”, macht der Chef deutlich. “Was wir benötigen, sind Leute mit hohem Qualitätsanspruch, die die Harmonie des gesamten Gefüges nicht stören”. Und dabei ist es für ihn zunächst einmal überhaupt nicht maßgeblich, ob die nun (bereits) einen großen Namen haben oder nicht. Andererseits: Die Karriere nicht weniger Künstler hat erst durch ihr Engagement in Tecklenburg den entscheidenden Schub bekommen. Der Begriff “Harmonie” genießt hier den höchsten Stellenwert. Und das schließt eine offene Kommunikation auf allen Ebenen und mit allen Beteiligten ein. Dafür steht Beuleke als Intendant gerade und das fordert er auch von allen ein. Auch wenn er selbst oft verschlossen und unnahbar wirkt. Aber dann brütet er wieder irgendetwas aus oder tüftelt an der Lösung eines schwierigen Problems. Der Mann sei mit Geld nicht zu bezahlen und Segen für die Freilichtspiele, hat es ein intimer Kenner des Spielbetriebs einmal formuliert.

Wo gute Unterhaltung erschwinglich ist

Ein wesentliches Kriterium für den anhaltenden Erfolg der Bühne ist die Tarifgestaltung, das stimmige Preis-Leistungs-Verhältnis. Für den Betrag, den man hier für die besten Plätze der Kategorie I hinblättern muss, kommt man in vielen festen Häusern noch nicht einmal an den Katzentisch. Und er liegt auch deutlich unter den Forderungen der unmittelbaren Freilicht-Konkurrenz. Das Publikum muss zu keinem Zeitpunkt das Gefühl haben, dass es über den Tisch gezogen wird – und es bekommt etwas für sein Geld. Gute Unterhaltung auf hohem Niveau. Und die soll hier auch künftig erschwinglich bleiben. Das ist ja nicht überall so. Nach welchen Kriterien manche Groß-Anbieter ihr Preisgefüge zusammen stricken, erscheint mitunter schon abenteuerlich. Da werden Summen verlangt, die durch nichts zu rechtfertigen sind – weder durch den tatsächlichen Produktionsaufwand, noch durch die vielleicht über- oder hervorragende Leistung des Ensembles. Und diese Raffgier setzt sich dann bei abgespeckten Tourneeversionen fort. Wenn eine vierköpfige Familie für den Gegenwert eines samstagabendlichen Showbesuchs auch einen einwöchigen Griechenlandurlaub verbringen könnte, kann doch irgendetwas nicht mehr stimmen. Da kann einem die Lust auf einen Theaterbesuch schon vergehen.

Dass die Tecklenburger dahingehend auf dem Teppich geblieben sind und bleiben konnten, ist nicht nur ihrer Philosophie, sondern auch der Struktur der Freilichtspiele geschuldet. Träger des Ganzen ist ein 200 Mitglieder starker Verein, der zwar auch mit spitzer Feder rechnen muss, dessen Hauptaugenmerk allerdings nicht ausschließlich auf Kommerz, Gewinn und/oder Gewinnmaximierung gerichtet ist. Dreieinhalb Festangestellte, vierzehn saisonale Kräfte (in erster Linie Kostümschneiderinnen und -Näherinnen) – und das wars. Der Löwenanteil der anfallenden Arbeiten wird durch ehrenamtliches Engagement abgedeckt. Auf diese Weise kann man schon Projekte stemmen, die andernorts, wenn überhaupt, nur durch horrende öffentliche Zuschüsse umsetzbar sind. “Dieser Verein ist (m)eine Basis im ureigensten Sinne”, sagt Beuleke, hauptberuflich Gymnasiallehrerc in Osnabrück tätig. Dort kann er sich austoben. Als Leiter der Theater-AG gehen inzwischen 61 große Inszenierungen auf seine Kappe. Und seine Arbeit in Tecklenburg ist die Fortsetzung dessen mit anderen Mitteln und unter anderem Vorzeichen.

Disziplin und Spaß

Die heutige Reputation der Bühne ist das Ergebnis jahrelanger Aufbauarbeit, zähen, ehrgeizigen Ringens und extremer Disziplin aller Beteiligten in Kombination mit Spaß an der Freud. Der Intendant: “Wir müssen uns unseren Status, den wir erlangt haben, während der Saison Abend für Abend neu erarbeiten. Wir versuchen gemeinsam, jeweils das Optimum zu erreichen, wissen aber durchaus auch um unsere Defizite”. Maximal drei Monate bleiben ihm und den Seinen, um eine neue Produktion vorzubereiten und bis zur Bühnenreife zu treiben. Umso erstaunlicher sind jeweils die Resultate, die sich schon längst nicht mehr hinter denen kommerziellen, festen Spielstätten zu verstecken brauchen. Im Gegenteil. Das ruft zwangsläufig Neider und Besserwisser auf den Plan, denen das Internet mit seinen einschlägigen Foren natürlich eine willkommene Plattform bietet. Selten genug ist das, was da als “Kritik” und/oder Meinung verkauft wird, aber konstruktiv. Meist entpuppt sich das, was dann hier geschrieben steht, als von persönlichen Ressentiments diktiertes spätpubertäres Geschwätz, das leider oft genug ins Persönliche abgleitet. “Das ärgert, aber wir haben gelernt, damit zu leben”, sagt Beuleke.

Dreinreden lässt er sich dahingehend sowieso von keinem Externen. Als “Überzeugungstäter” weiß der Mann genau, was er will: Erlebnistheater mit Tiefgang! Und das Publikum honoriert diese Politik. Es ist eine Abstimmung mit den Füßen, egal was die Kritiker, die tatsächlichen wie die selbsternannten, unken. Und dahingehend darf man auch für die kommenden Jahre noch einige Überraschungen und Highlights erwarten. Die Luft ist noch längst nicht raus.

Träume, Wünsche, Pläne

Was seine aktuellen Verhandlungen und Gespräche mit diversen Rechteinhabern angeht, lässt sich Radulf Beuleke (aus taktischen und strategischen Gründen) nicht in die Karten schauen. Die Spielzeit 2010 kommt aber bestimmt – und da darf und will man nicht hinter das bisher Erreichte zurück fallen. Das wird noch spannend. Befragt nach seinem Traumstück, das er, koste es, was es wolle, gerne in Tecklenburg auf die Bühne bringen würde, kommt es wie aus der Pistole geschossen: Elisabeth! Und an den “Vampiren” baggert Beuleke auch schon seit zweieinhalb Jahren. Getreu dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein. Irgendwann klappts bestimmt. Und dazwischen gibt es ja auch noch etliche interessante Werke – die 3 Musketiere beispielsweise oder der buckelige Glöckner. Und für die CATSen würden die Tecklenburger ihr schönes Freilufttheater auch jederzeit in eine Müllhalde verwandeln. Nehmen wir Radulf Beuleke einfach beim Wort: “Wir haben unser Pulver noch längst nicht verschossen!”
Quelle: Jürgen Heimann

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