In Nomine Patris im Deutschen Theater: Interview mit dem Autor

Am 14. Oktober eröffnet das Deutsche Theater München seine Pforten am Interimsspielort in Fröttmaning, in der Nähe der Allianz-Arena. In den kommenden drei Jahren, während das Theater in der Innenstadt von Grund auf saniert wird, findet der Spielbetrieb in einem aufwändig gestalteten Zeltbau statt. Nagelneu und beeindruckend präsentiert sich der Theaterbetrieb. Ganz neu und beeindruckend ist auch das Stück, mit dessen Welturaufführung die Spielzeit in Fröttmaning eröffnet wird. ,,In Nomine Patris” stammt aus der Feder des Österreichers Bernd Stromberger, der im folgenden Interview über seine Beweggründe spricht, ein kirchenkritisches Stück zu schreiben.

Herr Stromberger, sind Sie ein gläubiger Mensch?

BS: Ich glaube nicht an Gott, aber ich würde mich durchaus als religiös bezeichnen.

Welcher Religion gehören Sie denn an?

BS: Gar keiner. Ich bin konfessionslos. Mit religiös meine ich auch nicht eine bestimmte Religion. Meine Kritik an einigen Religionen ist, dass sie die Menschen nicht lehrt, nach einer vielleicht noch unbekannten – Wahrheit zu suchen, sondern nur an bestimmte Bilder von Gott zu glauben. Bilder sind Metaphern und Symbole, die unseren Hirnen entsprungen sind. Sie versuchen die Wahrheit zwar zu erklären, sie sind aber nie die Wahrheit, sondern nur Vorstellungen davon. Wie banal manche waren oder sind, hat uns die Geschichte gelehrt.

Vom Glauben und der Religion der Katholischen Kirche handelt auch ihr Stück ,,In Nomine Patris”. Wie kam die Idee dazu?

BS: Als Musical-Autor ist man immer auf der Jagd nach interessanten Stoffen. Und die sind dann am interessantesten, wenn Personen mit dem Rücken zur Wand stehen. Den Charakter einer Person erfährt man dann am besten, wenn diese in Bedrängnis gerät, wenn sie bedroht ist. Bedroht sein kann sie durch reale Feinde, aber natürlich auch durch ein totalitäres System oder durch eine zu Stein erstarrte Institution, die dem Individuum keine Luft zum Atmen lässt.

In ihrem Fall ist die bedrohte Person der Papst, der nach seiner Wahl mit der Existenz seiner 21-jährigen Tochter konfrontiert wird.

BS: Es geht um einen fiktiven Papst, der in seiner Jugend den schwerwiegenden Fehler macht, seine Jugendliebe verlassen, mit der er zuvor bereits ein Kind gezeugt hat, ohne davon zu wissen. Damit handelt er aber gegen seine eigentliche Bestimmung. Er liebt die ,,Frau seiner Träume” sein ganzes Leben lang, er wird diese Liebe nie wieder los. Auch als Papst nicht. Es ist so, als hätte er sich sein ,,Zweites Ich” oder die andere Hälfte seines Körpers abgeschnitten. Wie kann er sich da noch weiter entwickeln? Wie soll ein Mensch zu Gott finden, wenn er einen entscheidenden Teil von sich verdrängt, wenn er nicht einmal zu sich selbst findet? Wie soll das funktionieren? Ich denke, die meisten Psychologen würden mir da recht geben.

Sie kritisieren demnach den katholischen Zölibat, der verhindert, dass der Papst als junger Priester seine Liebe zu einer Frau mit seiner Liebe zu Gott und seiner Kirche verbinden kann.

BS: Natürlich, das ist ein entscheidender Aspekt dieser Geschichte. Es geht um die Unterdrückung der Sexualität in der katholischen Kirche. Auch ein Priester ist ein Mensch und will Geschlechtsverkehr haben. Das ist ganz natürlich. Die katholische Kirche verbietet ihm das. Daraus entsteht ein Konflikt, in dem sich jeder Priester ein Leben lang befindet. Früher haben sich manche Kleriker körperlich noch selbst kastriert, wie der berühmte antike Kirchenvater Origines. Andere hat man ,,zwangskastriert”, wie den großen mittelalterlichen Theologen Abaelard, der vom Onkel seiner Geliebten entmannt worden ist. Diese ganz grausamen Zeiten sind zum Glück vorbei. Aber: Was man heute noch von den Priestern verlangt ist ein Art geistige Kastration. Sexualität ein ganzes Leben lang unterdrücken zu müssen, ist wider die Natur und die Gefühle. Es ist gegen das Leben. Es gibt eine sehr interessante Studie von Richard Sipe, die besagt, dass es nur jeder zehnte katholische Priester schafft, zölibatär zu leben und das 50 Prozent aller Priester heimlich in einer längerfristigen Beziehung leben. Verstehe ich das richtig? Fast alle bumsen und keiner gibt es zu?

Sie haben scheinbar gründlich recherchiert, bevor Sie sich ans Schreiben gemacht haben.

BS: Das ist Grundbedingung für jeden Autor. Das Themenfeld über das man schreiben will, muss gründlich erforscht werden. Ich habe eine ganze Menge religiöse, aber natürlich auch viel kirchenkritische Literatur gelesen. Und ich habe vor allem mit sehr vielen Menschen gesprochen, die von sich selbst behaupten, religiös und gläubig zu sein. Ich habe festgestellt, dass die Unzufriedenheit unter den Katholiken enorm ist. Für den Titelsong ,,In Nomine Patris ­ Die Beichte der Päpste”, der ja wirklich sehr kirchenkritisch ist, habe ich am meisten Zustimmung von katholischen Menschen bekommen. Das hat mich wirklich überrascht!

Sie haben also kein grundsätzliches Problem mit Katholiken?

BS: Warum sollte ich? Meine Frau ist katholisch. Ich habe sehr viele tolle, menschlich wertvolle katholische Menschen kennen gelernt. Ich habe auch Priester kennengelernt, die mich als Mensch berührt haben, die ich einfach liebgewonnen habe. Das ändert aber nichts daran, dass die Haltung der katholischen Kirche als Institution zu den Fragen der modernen Zeit ein Relikt aus dem Mittelalter ist. Das Rechtssystem der katholischen Kirche haben größere Geister als ich als ,,autoritäres System mit totalitären Zügen” bezeichnet, und sogar ­ wenn ich mich recht entsinne – ihren Umgang mit manchen Oppositionellen mit dem des Sowjet – Imperialismus verglichen, wie der berühmte Theologe Hans Küng. Wie passt denn so etwas noch in unsere moderne, europäische, demokratische Welt? Es ist die Institution, die zu Stein erstarrt ist … oder vielleicht immer schon war.? Aber lassen wir die Vergangenheit ruhen: Ich habe viele Fallstudien der Gegenwart gelesen. Der Umgang der katholischen Kirche mit Priestern, die eine sexuelle Beziehung eingehen, der Umgang mit den unehelichen Kindern dieser Priester, der Umgang mit den Frauen generell – das passt einfach nicht mehr in unsere Zeit. Hier agiert die Kirche kinderfeindlich, frauenfeindlich und familienfeindlich. Ich habe mich bei meinen Recherchen immer wieder gefragt, wie so ein System als familienfreundlich gelten kann? Und das sage ich ganz bewusst als Vater von drei Kindern, der seine Kinder über alles liebt.

Sie wagen den Schritt, das Unterhaltungsmedium Musical mit einem doch brisanten Stoff zu füllen. Kann das gut gehen?

BS: Für mich ist das Musical die wichtigste Theaterform der modernen Zeit und die einzige, die weltweit noch ein Massenpublikum anspricht. Das ist bei der Oper, die ich auch sehr schätze, nicht so. Auch das reine Schauspiel, am Theater, ist leider eine sterbende Zunft, weil Film und Massenmedien alles überrollt haben. Musical kann als großes Theater und gleichzeitig als Massenmedium wirken. Gerade deshalb haben wir als Autoren die Verantwortung sehr kommerzielle, breitenwirksame Stoffe zu schreiben, die gleichzeitig Tiefe haben, mit berührenden Inhalten, mit Themen, die die Menschen unserer Zeit bewegen. Die Stoffe, die lange Zeit überlebt haben, sind im Übrigen auch die tiefen, kritischen, wie etwa ,,West Side Story”. Ihre Kritik richtet sich aber nicht nur an die Katholische Kirche. Das Stück wirft auch die Frage auf, wie weit man in Wissenschaft und Forschung eigentlich gehen kann.

Ein weiterer Punkt ist die Sensationsgier der Medien.

BS: Ja, das war mir auch ein ganz wichtiges Anliegen. Die Quotenjagd, die in Medien im Moment stattfindet, finde ich wirklich sehr beängstigend. Jeder versucht jeden an Einschaltquoten zu übertreffen und dadurch wird alles sehr ähnlich, oberflächlich und erschreckend banal. In Chile strahlen sie die gleichen TV – Formate aus wie in Österreich oder Deutschland. Wie öde! Auch im Radio gibt es diesen Begriff: Formatradio. Formatradio ist ­ entschuldigen sie den Ausdruck ­ Scheiße. Es ist schrecklich unkreativ, ideenhemmend. Die neuen interessanten musikalischen Stile werden jenseits der Radiolandschaft geboren. Kulturell gesehen ­ anders als in den 70ern und den 80ern, wo Radio noch gestalterisch und innovativ war – ist Radio völlig uninteressant geworden. Und die Geschichte mit der Forschung.

Eine Hauptrolle ihrer Geschichte ist der Wissenschaftler Dr. Sand, der eine bahnbrechende Entdeckung macht, die mit dem Klonen zu tun hat.

BS: Der geniale Forscher war anfangs sogar die Haupt- und Ausgangsfigur meines Stückes. In der Arbeitsfassung hieß das Stück ,,Luzifer”. Ich wollte den Fauststoff in die moderne Zeit übertragen. Aber das Motiv vom genialen Wissenschaftler auf der Suche nach der letzten Wahrheit, erschien mir letztendlich für meine Story nicht das richtige. Deswegen ist Dr. Sand zwar immer noch eine Hauptrolle, aber nicht mehr die führende. In den Vordergrund rückte schließlich der Konflikt des Papstes, der sich als Mensch in einer zu Stein erstarrten Kirche, nicht entwickeln kann. Die Verdrängung seiner Sexualität führt ihn in den religiösen Wahnsinn. Erst hier komme ich zurück zum Faust-Motiv: Der Papst versucht mit den Mitteln der modernen Wissenschaft ein künstliches Wesen zu erschaffen. Aber er klont nicht irgendeines, sondern er glaubt Gott höchstpersönlich klonen zu können.

Kommen wir kurz vor dem Schluss des Interviews auf den Schluss ihres Stückes zu sprechen. Ohne all zu viel zu verraten, kann man sagen, dass es sich nicht um ein klassisches Happy End handelt, wie man es vielleicht erwarten würde.

BS: Das ist richtig. In der Urfassung hatte mein Musical zwar auch schon viel Dramatik, aber zumindest ein eindeutiges Happy End. Doch meine Dramaturgin, mit der ich das Buch immer und immer wieder kritisch hinterfragt habe, fragte mich: Die Entscheidung, die deine Hauptperson am Ende trifft, dass nämlich der Papst sein ,,Menschsein” über die Kirche stellt ­ Würde das sein Gegenspieler einfach zulassen? … Ich musste antworten: Wahrscheinlich nicht. Und so entstand der jetzige Schluss, der sehr tragisch endet. Für mich ist er trotzdem tröstlich, denn der Papst als Mensch vollendet seinen Reifezyklus, indem er jener Institution den Rücken kehrt, die ihn beherrscht, verführt und von sich selbst entfremdet hat. Der Tod schlägt zwar zu, aber trotzdem gewinnt die Liebe!

Zur letzten Frage Herr Stromberger. Ihre eigene Entwicklung als Musical-Autor wurde maßgeblich von Michael Kunze beeinflusst. Und er hat für ihr Stück auch die Schirmherrschaft übernommen.

BS: Michael Kunze ist nicht nur einer der erfolgreichsten Musical-Autoren der Welt, er ist auch der größte Musical-Fachmann in unseren Breiten. Er hat mein Musical ,,In Nomine Patris” während einer Master Class, die er für professionelle Autoren und Komponisten veranstaltet hat, kennen gelernt und war von Anfang an davon begeistert. Als ich ihn dann gefragt habe, ob er die Schirmherrschaft übernehmen möchte, hat er ohne zu Zögern ja gesagt. Das ist eine große Ehre für mich. Ich bin sehr dankbar.
Quelle: Deutsches Theater München

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!