Tolle Songs, spritzige Choreografie, Witz, Romantik und Dramatik

“Footloose” in Tecklenburg: “Halligalli” mit Tiefgang

Ein gewisser Dean Pitchford verfasste auf Grundlage dieser historisch verifizierten Provinzposse das Drehbuch für einen der erfolgreichsten und in Folge für zwei Oscars nominierten Tanzfilme der 80-er Jahre: Footloose: Die meisten Songs des Platin veredelten Soundtracks stammen von Tom Snow, doch haben neben ihm auch andere prominente Kollegen ihr Scherflein zur Partitur beigesteuert. Zu den populärsten Nummern gehören zweifellos der Titelsong von Kenny Loggins sowie “Holding Out For A Heroe” von Jim Steinman, aber auch das wunderschöne “Almost Paradise”. 1998 schaffte das gleichnamige, auf dem Kinostreifen basierende Musical den Sprung an den Broadway und wird seitdem weltweit immer wieder gern aufgeführt. Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis es auch auf Deutschlands größter Musical-Freilichtbühne in Tecklenburg auf dem Spielplan stehen würde.

Schwungvoll, rasant und farbenfroh

Daselbst war “Footloose” in diesem Jahr neben “Mozart” als zweites Saisonstück gesetzt und kam in einer schwungvoll-rasanten, farbenfrohen und atmosphärisch dichten Inszenierung von Dean Welterlen daher. Die ambitionierte, überwiegend ganz junge Cast platzt vor Spielfreude und agiert hinreißend und kraftvoll. Und Klaus Hillebrecht samt Band taten das Ihrige und machten aus dem Orchestergraben heraus gehörig Druck. Unterm Strich eine unterhaltsame, spritzige Show ohne Längen, die weder vordergründig, noch kitschig, weder aufgesetzt noch zäh wirkt. Die Dialoge sind witzig – natürlich nicht alle – die Auf- Ab- und Übergänge erfolgen schnell und fließend.

Nun ist “Footloose” kein reines Tanz-Stück, bei dem die Handlung, wie bei zahlreichen anderen mit so viel Choreografie durchtränkten und schneller Nadel gestrickten Werken dieser Art nur vorgeschoben ist. Nein, ein bisschen mehr Tiefgang darf es schon sein. Und so stellte sich die Inszenierung auch als ein facettenreicher Mix heraus, der von allem etwas bot: Romantik, Dramatik, Witz, Melancholie, Rhythmus und nicht zuletzt packende Bewegungssequenzen. Also das volle Programm. Nun bedeutet der Titel ja nicht, dass jemand seinen Fuß verloren hat. “Footloose” heißt sinngemäß übersetzt so viel wie “frei”, “ungebunden”, “locker”. Aber das von sich behaupten zu können sind die Bewohner des Städtchens Bomont Lichtjahre entfernt. Ein verklemmter und verknöcherter, aber auch selbstgerechter Spießerhaufen, dessen Honoratioren jegliches Aufbegehren gegen die gottgegebene Ordnung im Keim ersticken. Ihr Hohepriester ist Reverend Shaw Moore, eine verbitterter, völlig humorloser Moral-Guru, dem Holger Hauer mit intensiver Hingabe ein Höchstmaß an Intensität und Glaubwürdigkeit verleiht. Hauer ist ein echter Gewinn und der eigentliche Joker dieser Produktion. Die von ihm verkörperte Figur ist der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Geschehens.

Wenn ein frommer Mann auf die Spaßbremse tritt

Der Sohn des frommen Mannes war vor Jahren gemeinsam mit drei Freunden nach einer feucht-fröhlichen Party bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Für den Pastor ein (willkommener?) Anlass, massiv auf die Spaßbremse zu treten. Fortan war in Bomont Schluss mit lustig. Halligalli gleich welcher Art gilt als verpönt. Um Musik zu hören, muss die Jugend kilometerweit in den nächsten Ort fahren, oder sich alternativ halt mit den vokalen Absonderung des örtlichen Kirchenchors begnügen. Tanzen gilt als Todsünde, Alkohol süffeln sowieso. Und das Lachen bleibt dabei natürlich auch auf der Strecke – und den meisten sowieso im Halse stecken. Paradiesische Zustände, von denen manch evangelikale Fundis in “Gods own Country” heute wieder (oder immer noch) träumen.

Beklemmende Atmosphäre in einem gottverlassenen Kaff

In diese beklemmende Atmosphäre hinein platzt der quirlige Großstadt-Teen Ren McCormack (Thomas Klotz), den es, weil von allen guten Geistern und dem Vater verlassen, mit seiner (allein erziehenden) Frau Mama (Kaatje Dierks) aus Chicago zur Tante an dieses Ende der Welt verschlagen hat. Dass der Jüngling mit seiner offenen aufmüpfigen Art überall aneckt, ist klar. Und die Konfrontation mit dem Einfluss reichen und um selbigen fürchtenden Glaubens-Zampano bleibt nicht aus. Erschwerend hinzu kommt, dass sich der Bub auch noch in des Pfarrers reizendes Töchterchen Ariel (Hinreißend: Nadine Schreier) verguckt, was allerdings auf Gegenseitigkeit beruht. Ren reißt seine Altersgenossen aus ihrer Lethargie und bringt sie dazu, gegen Bevormundung und Unterdrückung durch die Stadtoberen aufzumucken. Mit Erfolg. Das Verdikt fällt, und schließlich, Ende gut, alles gut, schwingt selbst der Reverend zu heißen Rhythmen die Hufe. Doch bis es soweit ist, haben die Rebellen noch manch Widerstände zu überwinden.

Die Geschichte ist auch ein Lehrstück dafür, wie einfach es im Grunde genommen auch heute immer noch ist, Menschen zu manipulieren und aus ihnen willfährige Handlanger und kritiklose Duckmäuser zu machen, die sich klag- und fraglos unter der Knute eines ideologisch/religiös verbrämten Dogmas beugen. Und wenn dieses dann auch noch biblisch begründet wird, umso besser. In dieser Hinsicht scheint sich seit dem finsteren Mittelalter nicht viel geändert zu haben.

Reverend Moore zieht in den Dschihad

Dass, wie im Falle des Reverend Moore, ein persönlicher Schicksalsschlag zum Fanal einer derart durchsichtig gestrickten Erweckungsorgie wird, macht es nicht einfacher. Aber unser in den Dschihad gezogener Wheat-Belt-Taliban merkt gerade noch rechtzeitig, dass er mit dieser Einstellung nicht nur das Glück anderer, sondern auch sein eigenes zerstört. Hauer gelingt es, diese Wandlung vom selbstgerechten Knochen zum geläuterten Familienvater und Mitmenschen glaubhaft, anschaulich und sehr emotional zu vermitteln. Sein Töchterchen hat längst die innere Kündigung eingereicht, die desillusionierte Ehefrau (Jana Werner) begehrt zwar ab und an noch zaghaft gegen das Regime ihres Gatten auf, ist aber auch längst in der Resignation ertrunken. Der Frau bleibt nur die wehmütige Erinnerung an bessere Zeiten, als ihre Ehewelt samt Ehemann noch in Ordnung waren.

Und etwas Komik und Klamauk musste auch sein, damit das Ganze nicht zu sehr ins Düstere kippte. Dafür ist Max Messler als “Willard Hewitt” zuständig, im Stück der beste Freund des Hitzkopfs Ren. Herrlich, wie Messler den tapsigen und dödeligen Hinterwäldler spielt, dessen Loblied auf die Mama zu den köstlichsten Momenten des Abends zählt. Das Publikum tobt. Aber auch bei Stephanie Wettichs treibender Country-Show kam richtig gute Laune auf.

Aber auch Orts-Bösewicht und Provinznest-Rocker “Cranston” (“Die Braut kenn sich aus”) ist eher eine lächerliche Figur, denn eine wirklich fiese Gestalt. “Mozart”-Hauptdarsteller Patrick Stanke verleiht dem asozialen, gegelten und nicht ganz hellen Typ, dem der Neue sein Mädel, eben jenes betörende Pfarrerstöchterlein Ariel, ausspannt, eine eher selbstironische, persiflierende Note, vergleichbar mit der des Zahnarztes aus dem “Kleinen Horrorladen”, als der er hier zwei Jahre zuvor an gleicher Stelle erstmals praktiziert hatte.

Das machte richtig Spaß

Thomas Klotz und Nadine Schreier erwiesen sich als Protagonisten-Traumpaar des Stücks als ideale Besetzung, tanzen, spielen und singen sich in Nullkommanix in die Herzen des Publikums. Der drahtige, sympathische Siegener und die temperamentvolle Wirbelwind-Blondine aus Hamburg liefern einen exzellenten Job ab – voller Hingabe und Dynamik. Sie singen kraft- und gefühlvoll, harmonieren wunderbar miteinander und spielen erfrischend unbekümmert. Das macht richtig Spaß.

Die Choreografie ist natürlich ein wesentlicher Eckpfeiler von “Footloose”. Und für selbige ist dabei in Tecklenburg die in vielen vergleichbaren “Schlachten” erprobte Dorlis Marlis zuständig. Wiederum keine schlechte Wahl. Das geht mächtig ab, da vibriert der Bühnenboden. Und da ist und war kein Platz für kurzatmige Feierabend-Tänzer. Marlis sportliche und temperamentvolle, die gesamte breite Bühne einbeziehende Parkett-Orgie ist schwungvoll-schweißtreibend, ideenreich, peppig und witzig. Warum sie in ihre Arbeit freilich nur die Firstline einbezogen hat, Statisterie und Chor der Tecklenburger hingegen fast völlig außen vor lässt, bleibt ihr Geheimnis. Da wurde (vielleicht aus Zeitgründen?) einiges an Potential verschenkt. Es geht aber durchaus auch anders, wie ihre Arbeiten in den Vorjahren gezeigt haben.

Davon abgesehen, neben der weltweit ersten Open-Air-Inszenierung von Mozart in der Saison 2008 haben die Tecklenburger Freilichtspiele ihr Publikum auch mit dieser Produktion zufrieden stellen und begeistern können – und tun es noch. Die Besucher wissen sich hier gut bedient, zumal das Preis-Leistungs-Verhältnis bundesweit konkurrenzlos sein dürfte. “Footloose” wird auf der Freilichtbühne noch bis zum 6. September gespielt.
Quelle: Jürgen Heimann

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