Opulente Inszenierung mit grandiosen Bildern an Deutschlands Sommer-Broadway

“Wolfi” gegen den Rest der Welt: Mozart rockt in Tecklenburg

Der Musical-Hit von Levay/Kunze erstmals Open-Air – Brillanter Patrick Stanke, brillantes Ensemble

Und jetzt ist dieser berühmte ”Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus” also im Münsterland angekommen. Und er agiert zum ersten Male überhaupt unter freiem Himmel. Mozart rockt in Tecklenburg! Und um es vorweg zu nehmen: Die Inszenierung ist die mit Abstand gelungenste Produktion in der langen und an Erfolgen sicherlich nicht armen Geschichte der hiesigen Freilichtspiele. Und: Sie wird nur schwer zu toppen sein. Obwohl: Das dachte man ja auch schon nach Les Misérables (2006) oder Jekyll und Hyde im vergangenen Jahr. Und dann ziehen Intendant Radulf Beuleke und die Seinen immer wieder ein neues Überraschungs-Ass aus dem Ärmel. Trotzdem: Diese opulent verpackte (Lebens-)Geschichte der Österreichischen Partitur-Koryphäe wird, das zeigen die bisherigen Reaktionen und die Vorverkaufszahlen, ein Kassenschlager! Möglicherweise sehen sich die Verantwortlichen an Deutschlands Sommer-Broadway dadurch auch veranlasst, mir ihrer Regel, kein Stück an zwei Folgejahren hintereinander aufzuführen, zu brechen. Ganz davon abgesehen wird die thematische Luft ja jetzt auch langsam dünn. So viele wirklich überragende Musical-Hits, die für eine eigene Inszenierung in Frage kämen und sich für eine adäquate Folgeproduktion anbieten würden, gibt es in dieser Preis- und Niveau-Klasse ja inzwischen auch nicht (mehr). Und wenn, dann stellt sich das meist unüberwindbare Problem der Aufführungsrechte.

Janis und Wolferl hätten, lägen zwischen ihnen nicht Welten und Jahrhunderte, ein prima Paar abgegeben. Gut: Miss Joplin war wohl kaum so überirdisch genial wie Amadé, aber eine gewisse Seelenverwandtschaft ist nicht zu leugnen. Beider Duktus kam ähnlich obszön und ordinär daher. Beide lebten ähnlich exzessiv. Und beide waren Rockstars, obwohl dieser Begriff im ausgehenden 18. Jahrhundert noch gar nicht erfunden war. Und Joplins Lebensmaxime hätte auch von Herrn Mozart stammen können: Live fast, love hard, die young! Die amerikanische Blues-Röhre wurde gerade mal 27, der Komponisten-Gott aus Salzburg verabschiedete sich mit 35 verarmt von der Weltbühne. Aber seine Werke haben ihn unsterblich werden lassen. Des letzten Mozartjahrs anno 2006 hätte es dazu gar nicht mehr bedurft – und auch des gleichnamigen Musicals nicht. Aber es gut, dass es geschrieben wurde. Denn damit haben Sylvester Levay und Dr. Michael Kunze Papa Leopolds aufmüpfigem Wunderkind nicht nur auf ihre Art ein Denkmal gesetzt und dieses in ein etwas anderes Licht gerückt, sondern die Welt des Musiktheaters auch (wieder einmal) um ein grandioses Werk bereichert.

Nicht wenige halten es für das Beste dieses kongenialen Tandems, stimmiger, packender, nachdrücklicher und faszinierender noch als beispielsweise ”Elisabeth”. Auch wenn das die ”Ich-gehör’-nur-mir”-Fraktion aus der Habsburger Fankurve nicht so gerne hören mag. Sollen auch die verknöcherten Lordsiegelbewahrer und Gralshüter des kulturellen Abendlandes in den konservativen Feuilleton-Redaktionen ruhig Gift und Galle spucken: Mozart ist ein Musical mit Tiefgang und bietet eine geballte Dosis an Hit-Material, aber auch viel an Emotion und Theatralik. Levay at his Best! Der Mann hat zu keiner Zeit versucht, den realen Mozart zu kopieren. Dessen Klangwelt wird allenfalls in kurzen Einspielungen angedeutet. Stattdessen serviert der Musicalkomponist aus Ungarn einen ganzen Sack voll eingängiger und mitreißender Melodien, die zwischen Ragtime, Rocksongs und Balladen angesiedelt sind und sich in die Gehörgänge krallen. Ein großer Wurf. Weiß der Himmel, warum die klangvolle Puderlocken-Orgie weiland in Hamburg floppte. Aber diese Gefahr besteht in Tecklenburg eher nicht. Dieses Musical-Drama ums Erwachsenwerden geht unter die Haut!

Im Münsterland gibt’s die Wiener Fassung zu sehen

Der Tecklenburger Mozart basiert auf der Wiener Fassung. Im dortigen ”Theater an der Wien” hatte das Stück Ende 1999 seine Welturaufführung erlebt. In der ”Neuen Flora” in Hamburg präsentierte die damalige Stella-AG in Folge eine auch dramaturgisch radikal überarbeitete Version, der u.a. zahlreiche in der Ursprungsvariante enthaltene ”Kracher” zum Opfer fielen. Der (rote) ”Schock-Rock” beispielsweise, der deftige ”Sauschwanz”, die grandiose Eröffnungsnummer ”Was für ein Kind”, Schikaneders schmissiges Couplet ”Ein bissler für’s Herz….” oder das wunderschöne Liebesduett ”Dich kennen heißt dich lieben”. An deren Stelle traten dann neue Songs wie ”Leck mich, ich bin extra ordinär”, das ”Freundschaftslied”, ”In Salzburg ist Winter” oder Nannerls ”Jeder Abschied ist der Anfang einer Reise”. Die ”Gelehrten” streiten bis heute, welches nun letztendlich die stimmigere Variante war. Gemein waren der Wiener und der Hamburger Inszenierung jedoch die Opulenz an Bühnenbild, Ausstattung und Bühnentechnik. Da zog man alle Register. In dieser Hinsicht können und wollen die Tecklenburger nicht mithalten. Und Regisseur Cusch Jung, der im vergangenen Jahr hier auch Jekyll & Hyde so außergewöhnlich und trefflich umgesetzt hatte, beweist eindrucksvoll, dass es eines solchen high-technischen Aufwandes eigentlich auch gar nicht bedarf, um die komplexe und raffiniert strukturierte Geschichte flüssig eindrucksvoll und ohne Spannungsabfall zu erzählen. Weniger ist halt oft mehr.

Jung setzt auf die Kraft der Musik, die Stärke des Librettos, die bedingungslose Hingabe des Ensembles sowie auf Wirkung und Atmosphäre der Örtlichkeit. Er nutzt die immense Breite der Naturbühne und das sie flankierende historische Gemäuer geschickt für Zeit-, Szenen- und Schauplatzwechsel. Die Übergänge im Rahmen der Handlung sind so fließend und nie störend abrupt. Und wenn denn Kulissenteile von Hand bewegt werden müssen, wirkt es immer, als sei gerade diese Aktion, die andernorts nervig wirkt und als notwendiges Übel hingenommen wird, Bestandteil des Buchs.

Textile Hingucker en masse

Jungs Personenführung ist trefflich und sensibel, die Choreografie, für die er in Personalunion verantwortlich zeichnet, erfrischend und einfallsreich. Ihm gelingen somit großartige Bilder von enormer Wucht und Nachhaltigkeit, die sich einbrennen und noch lange nachwirken. Einen wesentlichen Anteil daran hat aber auch Karin Alberti, die seit 1998 die Kostümausstattungen der Tecklenburg-Produktionen besorgt. Und sie liefert diesmal im Verein mit Maskenbildnerin Karin Becks ihr Kabinettstückchen ab, schwelgt rauschhaft in Stoff und Seide, Form, Farbe und Fantasie und produziert textile Hingucker im Akkord. Auch die sparsame, wohl dosierte und mit viel Gespür gesteuerte Lichttechnik (Ingo Strothmann, Urs Heine) trägt dazu bei, dass ein Abend voller Zauber Magie und Emotion entstehen kann.

Wolfi gegen den Rest der Welt und sich selbst

Auf einem dunklen Friedhof suchen der Naturforscher Anton Mesmer und Mozart Witwe Constanze Nissen nach der Grabstätte des Komponisten. Das ist der Einstieg in die Story, die in Folge in Rückblenden erzählt wird. Das kurze, intensive, tragische und schillernde Leben des ”Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus”, der sich, vom autoritären Papa in jungen Jahren als behütetes Wunderkind-Äffchen vermarktet, auf der Suche nach sich selbst von Everybodys Darling zum rebellischen, trink- spiel- und sexfreudigen Aufmucker wandelt und allen Autoritäten und ihren gesellschaftlichen Konventionen den Stinkefinger zeigt. Wolfi gegen den Rest der Welt, einer gegen alle. Aber es ist nicht nur ein Konflikt zwischen ihm, seinem dominierenden Übervater, seinem Brötchengeber, dem Fürstserzbischof Colloredo und den anderen, sondern auch einer, den er mit sich selbst (und seiner Kunst) austragen muss.

Schatten und Dämon

Eine Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn, Extrovertiertheit und innerer Zerrissenheit, zwischen prallem Leben und künstlerischem Anspruch. Und hier kommt als dramaturgischer Kniff das Porzellankind ins Spiel, Mozarts nur für ihn selbst sichtbares zweites Ich in Gestalt des dauernd präsenten Amadè, in Tecklenburg in unaufdringlicher Zurückhaltung verkörpert durch Laurin Kirsch, den Junior des musikalischen Leiters, Tjaard Kirsch. Amadè symbolisiert Mozarts Genie, ist Schatten und Dämon zugleich, weicht ihm nicht von der Seite, treibt ihn an und saugt in aus. Und tötet ihn schließlich, in dem er ihm die Schreibfeder, mit der er während des gesamten Stücks unablässig Noten zu Papier bringt, ins Herz stößt – bezeichnenderweise beim Komponieren eines Requiems. Mozart und Amadè sind zwei Seiten ein und derselben Medaille und kommunizieren ständig miteinander, für alle anderen Beteiligten unsichtbar. Sie streiten und lachen mitunter sogar zusammen. Der Tod des einen ist auch der des anderen – wie bei Jekyll & Hyde.

In Wien (und später in Hamburg) war es der Norweger Yngve Gasoy-Romdal, der die Titelrolle ausfüllte und damit seine steile Karriere zum gefeierten Musicalstar erst begründete. Der Tecklenburger Mozart kommt aus Wuppertal und spielt bereits in der musical-ischen Champions-League: Patrick Stanke. Nach dem Arzt und Monster im Vorjahr jetzt also eine weitere, riesige Herausforderung für den jungen Überflieger. Stanke erweist sich als hervorragende Wahl und verleiht seiner Figur mit bestechender Intensität Kontur und Profil. Der frühere Chemikant kann das in ihn gesetzte Vertrauen auf ganzer Linie rechtfertigen und zeigt sich sowohl in Spiel und Ausdruck, als auch stimmlich absolut auf der Höhe. Er ist übrigens der Einzige im Ensemble, an dem die Alberti’sche Kostümpracht völlig vorbei gegangen ist.

Patrick Stanke: Überzeugend und brillant

Stanke agiert hinreißend in normaler, moderner Freizeitkleidung, in Jeans und Hemd, womit zugleich auch angedeutet werden soll, dass Mozart damals seiner Zeit und seinen Mitmenschen wohl doch um einiges voraus war. Auch die Rasta-Frisur hat man sich in ”Teck” geschenkt. Der Held braucht keine Perücke. Stankes Mozart ist noch eine Spur burschikoser und in seinem Wesen chaotischer, alberner und überdrehter, aber auch melancholischer, als man dies von Wien und Hamburg (und München) her gewohnt ist. Aber er ist zugleich auch naiv, albern und provozierend. Ein Halbstarker mit Charme, vergeblich bemüht, seinen Schatten los zu werden. Die verzweifelte, an den autoritären Über-Papa gerichtete Frage ”Warum kannst Du mich nicht lieben, wie ich bin”, zählte zweifellos zu den intensivsten Momenten der Aufführung.

Apropos Papa: Getreu der Devise ”Wir holen die Stars”, haben die Tecklenburger auch bei der Besetzung der übrigen Positionen geklotzt und lassen eine erlesene und hochkarätige Cast auflaufen. Allen voran ein gewohnt souveräner Ethan Freeman in der Rolle des Leopold, den er ja bereits in Hamburg verkörpert hatte. Mit großer, geradezu furioser Eindringlichkeit und starker Stimme verpasst der beliebte Künstler dem zwischen dem Prinzip der Disziplin sowie seinem streng hierarchisch strukturierten Weltbild einer- und der der Liebe zum Sohnematz andererseits schwankenden Amadé-Vati Glaubwürdigkeit. Freeman ist immer ein Erlebnis. Genauso passioniert und mit einer ebensolchen leidenschaftlichen Spielfreunde und Nachhaltigkeit tritt ihm und seinem aufmüpfigen Filius in Person von Marc Clear der schließlich vom Zauber der Musik besiegte Fürsterzbischof Hierronymus Colloredo entgegen – wuchtig, zornig, theatralisch und mit ungemeiner Bühnenpräsenz: ”Wie kann es möglich sein?”. Ex-Musketier Clear gehört spätestens, seit er als Inspektor Javert bei Les-Mis eingesprungen war, in Tecklenburg zu den erklärten Publikumslieblingen. Und nicht nur dort wünscht man sich, diesen herausragenden Künstler öfter auf den Bühnen hier zu Lande erleben zu können.

Schikaneders große Nummer

Noch in Hamburg bis zur Unkenntlichkeit zusammen gestutzt, feiert Theaterdirektor Emanuel Schikaneder in der Wiener/Tecklenburger Mozart-Version (wieder) fröhliche Urständ. Und mit Adrian Becker war dieser Part optimal besetzt. Als windiger Hallodri und mit viel Wiener Schmäh gab der Paradiesvogel aus Saarlouis dem Publikum, wonach es verlangte, nämlich ”a bisserl (was) für’s Hirn, a bissler (was) für’s Herz, a bisserl Krawall und Spektakel”. Die Nummer geriet zum Showstopper.

Starke Damenriege

Treffend und mit sicherem Gespür waren auch die weiblichen Rollen gecastet. Das gilt für die zauberhafte Karin Seyfried als an ihren Träumen zerbrechende und sich als Spielball zwischen Vater und Sohn aufreibende Mozart-Schwester ”Nannerl” (”Der Prinz ist fort”) ebenso wie für die souveräne Jana Werner als Mozart-Mentorin ”Baronin von Waldstätten” (”Gold von den Sternen) oder Simone Geyer als des Komponisten Muse und spätere Ehefrau ”Constanze” (”Irgendwo wird immer getanzt”). Deren ”ehrenwerte” Familie ist eine Klasse für sich. Wenn Anne Welte als resolutes Familienoberhaupt Cäcilia und ihre Mädels (dazu zählen noch Aloysia/ Michaela Schober, Josepha/Lillemor Spitzer und Sophie/Daniela Römer) so mitreißend über die Bühne wirbeln, blieb kein Auge trocken. Aber deren Komik ist fein dosiert, mit dezenter Ironie gezeichnet und wirkt so nie zu dick aufgetragen. Die Raffgier des Clans, der Mozart über Jahre ausnimmt wie eine Weihnachtsgans, ist allgegenwärtig.

In weiteren Rollen ein starker Wolfgang Höltzel als Graf Arco, Michael Schüler als Fridolin Weber und Lebensgefährte Cäcilias Johann Thorwart in Personalunion sowie Joel Kirby als Dr. Anton Mesmer (und künstlerischer Assistent).

Masse und Klasse

Spannend und packend wird es immer dann, wenn die Tecklenburger die Trumpfkarte ihrer imposanten Statisterie und ihres großen Chores ausspielen. Wenn über 130 Menschen auf der Bühne agieren, kann sich kaum einer der Magie eines solchen Augenblicks entziehen. Da richten sich dann die berühmten Nackenhärchen auf. Und so geraten die großen Ensembleszenen zu einem wuchtigen, intensiven, berauschenden Erlebnis. Das ist in größter Nachhaltigkeit vor allem zum Ende hin so, wenn die Massen das Wunder Mozart noch einmal besingen und dazu überdimensionale Mozart-Kugeln schwenken.

Im ”Graben” leisten Tjaard Kirsch und sein großes symphonisches, durch eine fetzig aufspielende Rocksektion verstärktes Orchester ganze Arbeit und bewegen sich mit viel Drive und Einfühlungsvermögen durch die vielschichtige Partitur bewegt. Da gab und gibt es nichts zu Meckern und zu Mäkeln.

Komplimente von Levay und Kunze

Nun mögen sich ja nicht wenige Rezensenten bemüht fühlen, das berühmte Haar (oder deren mehrere) in der Suppe zu suchen – und zu finden. Die Tecklenburger machen es diesen Damen und Herren aus den Elfenbeintürmen der Hochkultur in dieser Hinsicht diesmal verdammt schwer. Die Inszenierung ist rund, schlüssig und nachgerade perfekt! Hier passt einfach alles zusammen.

An der dramaturgischen und musikalischen Umsetzung hatten auch Sylvester Levay und Dr. Michael Kunze für alle sichtbar ihre helle Freude. Die Väter des Stücks hatten sich gespannt unter die Premierengäste gemischt. Beide genossen später beeindruckt den Minuten langen Schlussapplaus von der Bühne hinab. Und der galt auch ihnen. Ihr Urteil: ”Volle Punktzahl für eine gelungene Inszenierung auf allerhöchstem Niveau”. Dem ist eigentlich nichts hinzu zu fügen!

Mozart steht noch bis 30. August auf dem Sommer-Spielplan.

Quelle: Jürgen Heimann

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