Edward mit dem Stasi-Mantel: Hässliche Stahlgerüste und ein weich-gespültes Monster

Jekyll & Hyde in der Bad Hersfelder Stiftsruine: Viel Licht, viel Schatten

Der Regisseur ist ja ein alter J&H-Fuchs. Er war es schließlich, der das Stück und Gut und Böse, Wahn und Wollust, lang, lang ist’s her, seinerzeit als verantwortlicher Produzent in deutschsprachiger Erstaufführung in Bremen auf die Bühne gebracht hatte. Und er stand auch bei der folgenden Kölner Version Pate. Insofern muss der Mann wissen, wo (und wie) die ”Musi” spielt. Nachdem, aus welchen Gründen auch immer, der ursprünglich mit der Regie in Hersfeld betraute Kollege schon früh wieder das Handtuch geworfen hatte – die Hintergründe sind nie so ganz publik geworden – erschien Buecheler der Intendanz als Retter in der Not. Und er bekam alle Freiheiten, eine ganz eigene, neue ”Hersfelder” Version von ”Jekyll & Hyde” zu kreieren. Eine 1:1-Kopie der bisherigen Formate wäre ja auch ziemlich langweilig gewesen, zumal die Konkurrenz in Tecklenburg bereits im Jahr zuvor vorgelegt und mit der weltweit ersten Open-Air-Inszenierung des Grusicals Musical-Geschichte geschrieben hatte. Buecheler nutzte seine Chance weidlich, freilich nicht immer zum Vorteil des ”Produkts”. Möglicherweise spielten dabei aber auch Zwänge eine Rolle, die durch das (begrenzte) Budget diktiert waren. Das kann einiges erklären, aber nicht alles.

Welcher Teufel den Mann geritten haben mag, die grandiose Bühnenlandschaft der Stiftsruine mit potthässlichen Baugerüsten zu verschandeln, wissen die Götter. Die wohl als Kulissenersatz gedachten Konstruktionen, deren Bedeutung sich einem nicht immer erschloss und in deren Gestängen die einzelne Akteure mitunter völlig sinn- und zweckfrei herumturnen mussten, waren während der gesamten Aufführung ein latentes Ärgernis. Nicht nur, dass sie den Blick auf die herrliche Apsis der Ruine verstellten. Man erwartete auch minütlich das Erscheinen der Bau-, Maurer- und Putzerkolonnen, die offenbar bis Vorstellungsbeginn mit ihrer Arbeit nicht ganz fertig geworden waren. Und als Team vom Bau getarnt waren ihrem textilen Äußeren nach denn auch die Kulissenschieber, die, einem unergründlichen, offenbar nur ihnen verständlichen Plan folgend, Teile der Elemente hin und her bewegten oder einfach mal drehten. Man frage nicht nach dem Warum.

Viele Möglichkeiten blieben ungenutzt

Welche Möglichkeiten, gerade bei diesem Stück, hätte die gegebene Architektur da doch geboten! Doch sie blieben ausnahmslos ungenutzt und wurden verschenkt. Die Tiefe des Raums, um die die Hersfelder alle anderen Freilichtbühnen in Europa beneiden, in die Handlung einzubeziehen, wurde sträflich versäumt. Nur ein einziges Mal durfte sich Dr. Jekyll diese beim Showstopper ”Dies ist die Stunde” ansatzweise erschließen. Aber das war der falsche Moment. Hätte Buecheler da mal lieber auf Intendantin Elke Hesse gehört. Gerade diese einem Fanal gleichende Szene gehört nach vorne, dicht ans Publikum und an die Rampe, weil sie die treffliche Gelegenheit bietet, den Zuschauern noch einmal zu verdeutlichen, warum Dr. Jekyll sich die Droge ”jh 7” selbst in die Venen jagen will – eben, um im Selbstversuch das Gute vom Bösen in seiner Seele zu trennen. So verpuffte die Intention völlig. Im vorangegangenen ”Try-Out” war das noch anders gewesen.

Mit dem Gedanken eines solchen Experimentes spielte der Doktor ja schon seit längerem. Nur war es in bislang allen anderen Inszenierungen des Stückes so, dass erst der Tod des geliebten, in völliger geistiger Umnachtung dahin vegetierenden Vaters den Ausschlag gab, den verhängnisvollen Schritt zu wagen. Und zwar mit dem Ziel, ein Mittel zu finden und zu testen, das eventuell anderen Menschen ein Schicksal wie das des Papas erspart. In Bad Hersfeld kommt das nicht so deutlich rüber. Man fragt sich, warum sich der Arzt gegen alle moralischen Prinzipien seines Standes und denen des bigotten Krankenhausvorstandes gerade an dieser, und nicht an einer anderen Stelle der Story entschließt, sich das Teufelszeugs im Selbstversuch zu injizieren.

Das Geschehen konzentriert sich überwiegend auf den vordern und mittleren Teil der nach hinten durch die erwähnten Stahlgerüste begrenzten (und verhunzten) Spielfläche, was den Eindruck der Eindimensionalität noch verstärkte. Um eine solches Ergebnis zu erzielen hätte auch eine Stadttheater-Bühne ausgereicht. Dabei bietet die Hersfelder Stiftsruine von ihrer Architektur her eigentlich doch alle Voraussetzung dafür, (fast) jede Aufführung zu einem unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen. Dieser Trumpf sticht in diesem Falle nur bedingt. Man hätte sich der Vorteile der natürlichen Gegebenheiten etwas mehr bedienen sollen. Bei ”Jesus Christ Superstar” und ”Camelot” beispielsweise hat man ja bewiesen, welch nachhaltige Wirkung sich so erzielen lässt. Und gerade ”Jekyll & Hyde” schreit eigentlich danach, dies hier ebenfalls auszureizen. Es genügt eben nicht, sich allein auf das Ambiente zu verlassen.

Moderne Texte und ein überraschendes Ende

Dass Texte und Dialoge im Vergleich zur Urvorlage etwas verändert und modernisiert wurden, ist der Show durchaus als Plus gut zu schreiben. Sehr einfallsreich gelöst ist auch der Einstieg in die Geschichte. Die Handlung beginnt nicht abrupt, sondern entwickelt sich erst ganz allmählich aus einer fast improvisiert erscheinenden Straßenszene heraus. Noch viel überraschender ist das Ende. Damit hat Frank Alva Buecheler dem Ganzen einen völlig neuen, bestechend-faszinierenden Dreh verpasst. Normalerweise stirbt Hyde/Jekyll während der Hochzeitsfeier durch die Schüsse seines Freundes Utterson in den Armen seiner Noch-Verlobten und Witwe in spe. Er ist zwar tot, aber sein zweites, bitterböses Ich ebenfalls. Tilt, Game over! In Bad Hersfeld aber entwickelt sich aus dem Ende mit Schrecken die Perspektive eines Schreckens ohne Ende. Nach der finalen Sterbeszene ist Henry J. plötzlich wieder da. Und nicht nur er. Gleich drei Hydes flankieren ihn. Das lässt auf eine ebenso fatale Reproduktionsrate des Grauens schließen, wie sie sich weiland bei Audrey im kleinen Horrorladen abzeichnete und eröffnet natürlich ganz neue Deutungen. Dass sich Utterson, nachdem er seinen Freund in Notwehr abgeknallt hatte, selbst richtet, ist ebenfalls eine ganz interessante und neue Variante.

Bei der Auswahl der Cast beweisen die Verantwortlichen seit Jahren Gespür und ein glückliches Händchen. So auch diesmal wieder, wobei im Ergebnis der aktuellen personellen Entscheidungsfindung der größte Druck zwangsläufig auf Jan Ammann lasten musste, der in der anspruchsvollen Doppelmission als philantropischer Dottore und blutrünstiges Monster die Story zu treiben und zu tragen hatte. Und das ist für jeden Darsteller eine hohe Hürde. Ammann sprach denn auch im Vorfeld schon von der ”größten Herausforderung seiner bisherigen Laufbahn”. Doch man machte es ihm schwer, sein Potential voll zu entfalten. Stimmlich zeigte sich der ehemalige Möbeltischler und Walldorf-Schüler in jeder Sekunde über jeden Zweifel erhaben. Als charmanter, eloquenter Arzt Dr. Jekyll machte der Bayernkönig i.R. eine hervorragende Figur; sein Hyde hingegen war weniger glaubwürdig und ausgeprägt. Aber das lag kaum bzw. nicht nur an Ammann selbst. Man musste den Eindruck gewinnen, dass der Künstler nicht so durfte wie er eigentlich gekonnt hätte.

Smartes Ungeheuer

Während die Kostümdesigner um Hannelore Nennecke andererseits in Stoffen, Farben und Phantasie geschwelgt hatten, sparten sie bei der Ausstaffierung der Kreatur auf Weisung am falschen Platz. Ein langer Ledermantel, und das war’s denn auch schon an Verwandlung. Die vermeintliche Bestie sah in ihrem Lackledernen eher aus wie ein Stasi-Agent von der Abteilung Auslandsaufklärung. Und die Personenregie hätte hier durchaus auch etwas akzentuierter sein können. Nicht wirklich zum Fürchten, dieses ”Ungeheuer”. Zu bieder, zu normal, zu smart, zu wenig animalisch. Aber das war vom Chef so gewollt. Und wo das Tier andernorts stets oder doch meistens mit einer strähnigen, langen Zottelmähne daher gekommen und deshalb auch auf den ersten Blick als solches wahrnehmbar war, hier trug es immer noch den modischen, zivilen und gepflegten Haarschnitt seines Alter Ego. Und das zusammen genommen machte es für jene, die das Stück nicht kennen, aus einiger Entfernung schon schwer, zu ermessen, welche Seite der gespaltenen Persönlichkeit denn gerade auf der Bühne das Sagen hatte. Dass die Abgründe der menschlichen Seele sich nicht unbedingt im Äußeren manifestieren (müssen), ist klar. Das Grauen verbirgt sich oft hinter einer ganz normalen, biederen Fassade. Aber in diesem Fall wäre etwas kosmetische, textile und dramaturgische Verstärkung doch angebracht gewesen – und hätte auch der dann doch etwas blass ausgefallenen ”Konfrontation” gut getan.

Brillante Maaike Schuurmans

Das eigentliche Salz in der osthessischen J&H-Suppe waren die beiden Frauen an der Seite des Protagonisten: Zwei überragende, brillant operierende Meisjes. Wobei Annemieke van Dam, die künftige Berliner Kaiserin, ob des nicht sonderlich ausgeprägten Rollenprofils der Jekyll-Verlobten ”Lisa” von vornherein natürlich etwas im Nachteil war. Aber die junge Niederländerin glich dies mühelos durch ihr mitreißendes, dichtes Spiel und ihre herrlich klare Stimme wieder aus. Ihre Landsmännin Maaike Schuurmans ist seit vielen Jahren eine feste Größe im europäischen Musical-Business. Aber man hat den Eindruck, dass diese überragende Aktrice meist unter Wert gehandelt wird. Dabei ist diese Frau ein Ereignis! Sie hat Gold in der Kehle. Sie besitzt eine ungeheure Bühnenpräsenz. Sie ist der eigentliche Spielmacher in der Ruine! Der Prostituierten Lucy Harris verlieh Maaike Schuurmans unübertroffen Tiefe, Dynamik, Tragik, Sinnlichkeit und Emotion. Schade, dass das ”Gefährliche Spiel” mit Hyde an Zauber einbüßte, weil beide Künstler sich dabei wieder in eine Zelle dieses unsäglichen Stahlgerüstes zwängen mussten.

In weiteren Rollen waren unter anderem Rory Six als John Utterson, Mathias Degen als Lisa-Papa Sir Danvers, Tom Tucker als Archibald Proops und Svenja Kühl als zickige Lady Beaconsfield zu sehen. Köstlich überdreht agierte deren Lover Lord ”Herbert” Savage (Olaf Meyer). Puffmutter und ”Rote-Ratte”-Chefin Nellie (Silke Dubilier) überlebte das Hyd’sche Gemetzel entgegen üblicher Gepflogenheiten nicht, sondern durfte sich gezwungenermaßen schließlich auch in den Kreis seiner Opfer einreihen. Til Schuberts ”Simon Stride” war herrlich schmierig, während nicht nicht nur das Outfit von ”Spider”, dem in Hersfeld etwas weich gespülten Zuhälter (Sören Kruse), gewöhnungsbedürftig war. Er sah aus wie der Vize-Direktor des Circus Sarasani, und in der Rollenauslegung vermisste man etwas das brutale, gewissenlose Element dieses Typen.

Ein Wiedersehen gab’s mit dem Bischof-Routinier Mathias Schiemann, der den pädophilen Kirchenmann schon in Bremen und Köln verkörpert hatte. Butler Poole (Sven Prüwer) wirkte (und war) hingegen eine Spur zu jünglingshaft und ließ die gewohnte Distinguiertheit des väterlich-vornehmen Hausdieners vermissen. Rüdiger Reschke hatte man als General Lord Glossop in eine Uniform gezwängt, in der er auch auf der Brücke des ZDF-Traumschiffs als Kapitän durchgegangen wäre.

Eindrucksstarke Ensembleszenen

Egal bei welchem Stück, mit ihren Pfründen können die Bad Hersfelder immer dann wuchern, wenn das jeweilige Buch nach Massenszenen verlangt. Da schöpfen sie aus dem großen personellen Fundus von Chorverein und Statisterie. Und so gerieten auch die ”Fassade” oder ”Mörder” zu wuchtigen, klanggewaltigen Aufmärschen. Aber auch die Beerdigungs-Szene, in der der massakrierte fromme Kinderfreund zu Grabe getragen wurde, passt in diese eindrucksstarke Linie.

Nichts zu Mäkeln und zu Meckern gibt es, was die Umsetzung der komplexen, opulenten und vielschichtigen Partitur anbelangt. Frank Wildhorn würde seine helle Freude daran haben. Christoph Wohlleben und die Seinen leisten da im Orchestergraben mit viel Drive, Dynamik und Einfühlungsvermögen ganze Arbeit.

Fazit: Eine trotz diverser Schwächen und Regie-Schnitzer sehens- und vor allem hörenswerte Inszenierung. Und man darf gespannt sein, welche Musical-Produktion die scheidende Intendantin 2009 in ihrem letzten Jahr präsentiert. Nach dem inzwischen gängigen Hersfelder-Tecklenburger Hase- und Igel-Wettlauf müsste das dann ja Mozart sein. Dass Elke Hesses designierter Nachfolger bereits angekündigt hat, in seinem ersten Amtsjahr 2010 mit ”My Fairlady” eine Uralt-Kamelle präsentieren zu wollen, nährt freilich ernsthafte Zweifel an der Innovationsfähigkeit der Hessischen Vorzeige-Festspiele.
Quelle: Jürgen Heimann

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