Forbidden Ronacher, Museumsquartier, Halle E

Wenn die Vereinigten Bühnen zu einem Stück mit dem Namen ”Forbidden Ronacher” ins Museumsquartier laden, dann lässt sich natürlich auch die Prominenz nicht lange bitten. So ließen sich u.a. Birgit Sarata in Begleitung von ihr Hans Staud, Claudia Stöckl, Heinz Marecek, Krista Stadler, Peter Weck, Robert Meyer, Kurt Sobotka, Lilian Klebow, Nina Proll und Gregor Bloeb, Marika Lichter, Adriana Zartl, Caroline Vasicek, Boris Pfeifer und Neo Musicalstar Vincent Bueno blicken. Die Liste lässt sich noch um etliche Name erweitern, was beweist, dass das Interesse an dieser neuen Eigenproduktion sehr groß war. Kleines Detail am Rande – die letzten Reihen der Halle F waren gesperrt, hatte man vielleicht die Befürchtung, dass man die Halle nicht komplett füllen wird können? Die Premiere war auf jeden Fall bis auf wenige leere Plätze gut besucht und auch die Stimmung wurde während des Abends immer lockerer und ausgelassener. Das lag natürlich an dem Charme und der Energie der Möchtegern-Senioren, die sich auf der Bühne austobten und des öfteren den Lachnerv des Publikums trafen. Vielleicht hatten sich einige im Publikum eine Wiederholung von ”Forbidden Musical”, das seinerzeit im Metropol aufgeführt wurde, erhofft, dem war aber nicht so. Es wurden sehr wohl Seitenhiebe auf einige Musicals ausgeteilt, aber es wurde doch eine eigenständige Geschichte erzählt, die im Mittelpunkt stand. In diese wurden knapp 40 Songs (inkl. diverser Reprisen), die sowohl aus der Musical-, der Pop- und der Schlagerwelt kamen, eingebaut. Die Gesamtleitung dieses schrägen Werks hatte niemand geringerer als Werner Sobotka über. Wer diesen Namen hört, kann sich sicher sein, dass er etwas Lustiges zu sehen und hören bekommen wird. Mit im Boot des Teams waren Hannes Muik, der für das Buch verantwortlich zeichnete, Ramesh Nair, der teilweise im wahrsten Sinn des Wortes die Puppen ordentlich tanzen ließ. Herbert Pichler oblag die musikalische Leitung, das zweckmässige Bühnenbild stammte von Hans Kudlich. Hauptaugenmerk lag natürlich auf den sieben Darstellern, die sich alle, bis auf Kerstin Ibald, in schrullige Alte verwandelten, die Zeit ihres Lebens etwas mit dem Metier Musical zu tun hatten.

Carin Filipcic stellte die 74jährige Norma Dietrich, eine Diva durch und durch dar.

Annette Wimmer war Susanne Bach, 71 Jahre alt und die fortwährende Zweitbesetzung, die immer um Anerkennung kämpfen musste.

Sigrid Hauser, als Liliane (Lili) Wolf, war ob ihres hohen Alters (80) schon sehr vergesslich, konnte aber dennoch ihren Lieblingsbären vom männlichen Geschlecht noch unterscheiden.

Roman Frankl schlüpfte in die Rolle des 84jährigen Harald Bobschinsky, der außer der Oberschwester schon alle Frauen (im Stück) gehabt hatte.

Oliver Mülich mimte den schwulen Kevin (72), dem sein Rollstuhl fast noch lieber ist als echte Männer.

Sascha O. Weis verkörperte den ehemaligen Musicalregisseur Danny Dumbrowsky, der mit seinen 72 Jahren auch noch mit wenig Budget eine tolle Show auf die Beine stellen kann, egal wie lang das Prozedere bis dahin dauert.

Kerstin Ibald spielte die Oberschwester Rebecca Theobald, die mit Leib und Seele für ihre ”Kinder” da ist.

Wir schreiben das Jahr 2038 und befinden uns im Altersheim ”Künstler helfen Künstlern” im 15. Wiener Bezirk. Die sechs betagten Herrschaften (allen Darstellern wurde eine Facelifting der besonderen Art verpasst) stellen sich mit ”Come look at the freaks” vor und tauen so richtig auf, als die Schwester, während sie ”Guten Morgen Sonnenschein” trällert, die Tagesration an Tabletten austeilt. Norma und Susanne geraten in heftigen Streit, in dem es um die Traumrolle der ”Elisabeth” geht. Beide empfinden sich als die bessere Darstellerin, mit dem Unterschied, dass nur Norma bisher das Vergnügen hatte die Rolle auch wirklich zu spielen. Filipcic und Wimmer erscheinen in übergroßen Elisabethkostümen mit entsprechenden Perücken, werfen sich jede Menge Gemeinheiten an den Kopf und liefern sich eine Fächerschlacht. Rebecca wird das Theater zuviel und sie lässt ihren Gefühlen bei ”I want to break free” freien Lauf. Um die alten Leute zu beschäftigen, hat sie die Idee einer Gala geboren. Die ehemaligen Musicaldarsteller sollen sich einfach vorstellen, dass das Ronacher endlich wiedereröffnet wird und eine Wiedereröffnungsgala einstudieren. In Danny erwacht das Inszenierungsbedürfnis und er macht alle startklar für die Audition. Während es von Annette Wimmer nur ein etwas holpriges ”Maybe this time” gibt, da sie einmal mehr ”Under Pressure” steht und dringend das stille Örtchen aufsuchen muss, macht Roman Frankl auf Roger Cicero bei ”Kein Mann für eine Frau”, obwohl dieser Titel eher zu Kevin passte, der ihn auch beendet. Während Carin Filipcic sich an ”Defying Gravity” versucht, hat Frankl nur böse Kommentare für sie auf der Zunge. Mit ihrem Halstuch versucht sie dann abzuheben und als dies nicht gelingt, hüpft sie was das Zeug hält, was zum schreien komisch aussieht. Auf ihre Körperlichkeit angesprochen, gibt es noch als Draufgabe ”Tanz 10, Typ 3” aus ”A Chorus Line” zu sehen, bei dem sie gekonnt von Annette und Sigrid unterstützt wird. Oliver Mülich’s Auditionsong ist ”Sweet Transvestite”, bei dem er sehr sexy Stretchübungen präsentiert. Einen besonders tollen Auftritt legte Sigrid Hauser hin. Sie mimt die begriffsstutzige alte Dame, die statt Männern nur Teddybären abbekommt. Sie singt aber trotzdem ein Loblied auf die ”Männer” (Herbert Grönemeyer), die ihr allerdings von Carin und Annette schlecht gemacht werden. Obwohl der Regisseur bei der Audition einen Kevin ohne Rollstuhl sehen möchte, gibt es das genaue Gegenteil. Bei ”Er gehört zu mir” fällt er über seinen Liebsten (den Rollstuhl) regelrecht her und dreht eine Runde nach der anderen. Nach einem Tanz mit den Gebissen von Frankl gibt der Regisseur auf, er will niemanden bei der Gala sehen. Aufgeregt rufen alle in Anlehnung an das gleichnamige Musical mit Windmaschine und gespenstischen Tönen nach Rebecca. Um von der Audition und den Männern im allgemeinen abzulenken gibt es einen fulminanten Auftritt von Sigrid, Carin und Annette. Wie wild gewordene Hühner kreischen sie sich bei ”I need a hero” gegenseitig nieder (Hauser kann’s am schrillsten) und auch ihre bunten Outfits mit Federn am Kopf sind ein Hingucker. Nachdem alle Altersheiminsassen der Schwester erklären, dass es keine Gala geben wird, kann diese nur nocheinmal ”I want to break free” singen.

Nach der Pause überbringt die Oberschwester freudenstrahlend die Nachricht, dass es eine tatsächliche Wiedereröffnung des Ronachers geben wird und die Verantwortlichen gerne ein paar Auftritte der Altstars sehen würden. Diese geraten in Verzückung und brauchen vor lauter Freude gleich wieder ihre Medikamente. Rebecca möchte einen Probendurchlauf starten und mimt gleich den ersten Zuseher. Bi ”Mein Sinn für Stil” muss sie sich einer Verwandlung unterziehen, da man so wie sie aussieht nicht ins Theater gehen kann. Ganz glücklich ist sie mit dem Resultat nicht, löst aber dennoch bei einer äußerst verwirrten Kassenaushilfskraft (Hauser) ein Ticket für die erste Reihe. Dann hätten die mehr oder weniger gut einstudierten Songs vorgetragen werden sollen, doch was folgt ist das totale Chaos. Norma, die nach einem Facelifting wie eine Mumie aussieht, möchte nicht mit ”Mondlicht” auftreten, statt dessen sing sie ”Beautiful” (Christina Aguilera). Susanne und Lili wollen sie unterstützen, ziehen jedoch ihre eigene Show ab. Susanne, die ewige Zweitbesetzung kann auch nicht singen, da sie schon wieder ”Under Pressure” steht. Rebecca versucht ihr bei ”Probier’s mal mit Gemütlichkeit” Durchhalteübungen beizubringen. Lili als Notnagel hat natürlich vergessen, was sie singen soll, brüllt dann aber doch bei ”Csardas-Komm schon” wie wild herum und legt mit Danny eine flotte Sohle auf’s Parkett. Norma hat endlich erkannt, dass sie ”I am what I am” ist und liefert auf dem Klavier tanzend eine tolle Showeinlage. Mülich erscheint im silbernen Glitzeroutfit samt geliebtem Rollstuhl, der Regisseur reagiert daraufhin nur mit einer Reaktion – er befördert ihn durch die Tür, sodass man nur mehr Fallgeräusche hört. Danach braucht er den Stuhl wirklich, da er sich den Fuss verstaucht hat. Lili, die Zeit ihres Lebens männerlos war, gesteht Harald, dass sie sich in ihn verliebt hat, beide singen entzückend das Duett ”Ein Traum wird wahr” aus ”Aladdin” und beschließen zu heiraten, was auch sogleich auf der Bühne zelebriert wird. Susanne und Norma regen sich über diese Situation furchtbar auf und reagieren sich in ”Der Mann” (in Anlehnung an ”Der Hass” aus ”Romeo & Julia”) ab. Hier wird vor allem die abgehakte Choreographie aus dem Musical auf’s Korn genommen. Im Endeffekt entschließen sie sich doch keine Gala aufzuführen, da sie einfach zu unvorbereitet und unkoordiniert sind. Ibald singt ein berührendes ”These are my children”. Doch dann kommt alles ganz anders. Rebecca hatte den Brief nicht ganz durchgelesen, nicht das Theater mit dem Namen Ronacher soll eröffnet werden, sondern ein gleichnamiges Altersheim. Die sechs müssen nicht lange nachdenken und packen ihre Sachen, für gleichaltrige Fans sind ihre (verborgenen) Talente noch immer gut genug. Die Klamotten werden vom Leib gerissen und plötzlich stehen alle in Lack- und Lederoutfits vor dem Publikum und rocken mit ”My Generation” von ”The Who” den Saal. Mit dieser Einlage hat das Ensemble einmal mehr die Lacher auf seiner Seite.

Es war sicher nicht immer leicht, die Charaktere unter einen Hut zu bringen, vor allem weil jeder seine eigene Geschichte zu erzählen hatte und niemand zu kurz kommen sollte. Kompliment auch an Ramesh Nair, der die Darsteller, die in ihren Stücken sonst nicht soviel action zeigen müssen, choreographietechnisch gut beraten hatte und gute Einfälle, die aber nicht zu übertrieben wirkten, in die Tat umsetzte. Auch das Team Sobotka und Muik hatten ganze Arbeit geleistet, wichtig an der Show ist einfach der Unterhaltungswert und der war wirklich gegeben.
Quelle: Andrea Martin

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