„Strike Up the Band“: „Auf Schalke“ fliegen die Löcher aus dem Emmentaler

Aberwitzig, unterhaltsam, frech und pointiert: Gershwins Geniestreich im Revier – Mehr davon!

Man stelle sich vor: ”Dabbel-You” marschiert in der Schweiz ein, angeblich, um die unterdrückte Bevölkerung aus der Knechtschaft der radikalen rätoromanischen Alm-Taliban zu befreien. Das ist die offizielle Lesart. In Wahrheit sind es jedoch die jüngst auf der Rütliwiese entdeckten Ölvorkommen, auf die Präsident ”Schorsch” und sein sich in gleichem Maße dem industriellen Komplex daheim verpflichtet fühlender Verteidigungsminister Donald Duck Dumsfeld scharf sind. Als der Oberbefehlshaber der Invasionstruppen merkt, dass er dem alpinen Reich des Bösen mit seiner Trägerflotte von der Meerseite nicht beikommen kann, bittet er die Bundeswehr um taktische Unterstützung. Jungs germanische Heilsarmee schickt Aufklärungs-Tornados, weil die westliche Freiheit gemäß der Struck-Doktrin nicht nur am Hindukusch, sondern erst recht am Matterhorn verteidigt werden muss. Und am Ende siegen die Guten – und das sind natürlich die Amis. Die paar Hundert Jodel-Terroristen, die in Folge in einem Geheimknast unterm Großglockner-Tunnel interniert werden und unter deren Krachledernen und Dirndln man Massenvernichtungswaffen vermutet, fallen da nicht ins Gewicht.

Das Ganze erscheint auf den ersten Blick ziemlich absurd, doch ganz so abwegig ist dieses Szenario vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeschehens auch wieder nicht. Und als hätten sie die Bush-Regierung damals schon gekannt, haben Autor George Simon Kaufmann und die Gershwin-Brüder diese Entwicklung, wenn auch unter leicht veränderten Vorzeichen, bereits 1927 vorweg genommen. Dabei heraus kam eine freche und respektlose Musical-Satire, deren Parallelen zur heutigen Situation nachgerade verblüffend, ja fast unheimlich sind. Man ersetze Öl durch Käse – und schon wird ein Schuh draus.

Was (schon) vor über 80 Jahren völlig abgedreht anmutete, ist inzwischen, wenn auch nicht unbedingt im Switzerland, so doch, wenn man mit dem Finger auf dem Globus ein paar Zentimeter weiter nach Süd-Ost wandert, von der Realität eingeholt und bestätigt worden. Ihren Geniestreich ”Strike Up the Band”, was auf Deutsch so viel wie ”Hau’ auf die Pauke” bedeutet, haben die Gershwins in den 20-ern des vorigen Jahrhunderts ausgeheckt. Eine brillante, vor Wortwitz und Melodienreichtum nur so sprühende Mischung aus Comedy und harscher Politsatire, die beim amerikanischen Publikum freilich erst in einer zweiten, etwas weichgespülten Fassung ankam. Die ”Schalker” zeigen dieses Meisterwerk aber in seiner ursprünglichen, ”unzensierten” Version – und das in deutscher Erstaufführung. Regisseur Matthias Davids legt damit eine rundherum gelungene, pointen- und temporeichen Inszenierung hin, die dem ”MiR” zu Recht volle Säle beschert.

Gershwin und Bush

Da sind fast drei Stunden prächtige mit beißender Komik gewürzte Unterhaltung auf hohem Niveau garantiert. Und man fragt sich zwangsläufig immer wieder, wer denn Kaufmann damals diese Vorahnungen eingeflüstert haben mag, die ihn kommenden Ereignisse mit verblüffender prophetischer Stichhaltigkeit haben vorweg nehmen lassen. Präsident Laugenbrezel-”W”, obwohl zu dieser Zeit noch nicht einmal eine genetische Idee, muss ihm und den Gershwins im (Alp-)Traum erschienen sein.

Dass sich US-Administrationen vor den Karren industrieller Interessen im eigenen Land spannen lassen, um durch kriegerische Attacken Einfluss und Gewinn zu mehren, ist ja so neu nicht. Auch wenn es zunehmend schwieriger wird, die tatsächlichen Motive zu verschleiern, indem Menschenrechte und Demokratie, die es zu wahren oder wieder her zu stellen gilt, vorgeschoben werden. Als Grund hinzu gekommen ist neuerdings noch die ”Terrorbekämpfung”, mit der sich so gut wie alles und jedes rechtfertigen lässt.

Doch zu jener Zeit, als die Löcher aus dem Emmentaler flogen, war von Al Kaida und Osama bin (im) Laden noch nicht die Rede. Die Bedrohung des freiheitlichen amerikanischen Kapitalismus hockt bei ”Strike Up the Band” in schwer zugänglichen Gebieten inmitten von 55 Viertausendern zwischen Bodensee und Genfersee, Alpenrhein und Jura. Ein eigenwilliges, wackeres Völkchen, dessen llia Kühe nicht nur die Milch für exzellente Schokolade liefern, sondern das daraus auch den besten Käse der Welt produziert, zumindest einen besseren als ihn die Yankees auf der anderen Seite des großen Teichs hinkriegen. Und genau das wurmt den US-Fabrikanten Horace J. Fletcher mächtig und lässt ihn um seine Vormachtsstellung auf dem Inlandsmarkt fürchten. (Der Mann hat übrigens eine reale Entsprechung in der US-Wirtschaftsgeschichte).

Verrückte Story mit abgedrehten Charakteren

Durch geschickte Lobbyarbeit setzt der Chef der ”American Cheese Company” empfindliche Strafzölle durch, die die Einfuhr des Konkurrenzproduktes aus Helvetica erschweren. Als die Eidgenossen protestieren, und das auch noch auf einer unterfrankierten Depesche, ist dies für die amerikanischen Hurra-Patrioten ein willkommener Anlass, das kleine Alpenreich anzugreifen. Die Invasions-Truppen werden privat finanziert – durch Fletcher. Und damit wäre die kurios-absurde Rahmenhandlung von ”Strike up the Band” schon im Groben skizziert. Ist die Geschichte schon aberwitzig und grotesk, sind es die handelnden Personen zwangsläufig auch. Da tummelt sich ein ganzes Panoptikum abgedrehter, mit spitzem Stift gezeichneter Figuren.

Wie Jahrzehnte später in Vietnam, im Irak oder in Afghanistan, ist es auch hier so einfach nicht, die listigen (in diesem Falle aber äußerst gastfreundlichen) Ureinwohner zu überrumpeln. Vor allem deren aus kehligen Lauten bestehender Jodel-Geheimcode, mittels dessen sich ihre Armee über große Entfernungen hinweg verständigt, stellt die Dechiffrierspezialisten der Angreifer vor immense Probleme.

Es geht drunter und drüber

An Charakteren treffen wir neben dem Käsemagnaten Fletcher (köstlich dargestellt von Joachim Gabriel Maaß) auf den Investigativ-Journalisten Jim Townshend (gespielt von einem gewohnt souveränen Gaines Hall), der ein Auge auf die Fletcher-Tochter Joan (der All- und Vielzweckwaffe der Gelsenkirchener, Anke Sieloff) geworfen hat, zwangsrekrutiert wird und sein Frontdasein mit Kartoffelschälen verbringen muss. Und da wäre Timothy Harper (Phillippe Ducloux), der Vorarbeiter der Käsefabrik, der vielleicht ganz froh ist, dass ihn sein Chef zum Frontkommandeur macht, weil er so erst einmal aus der Schusslinie der hübschen, aber extrem heiratswütigen Anne Draper (überragend: Filipina Henoch) kommt. Deren Mutter (Eva Tamulénas) wiederum hat ein Auge auf den Cheese-Chief geworfen, der, wie auch Präsidentenberater Colonel Holmes (Wolfgang Beigel), ihre Werte aber erst später zu erkennen glaubt, und zwar just in dem Augenblick, in dem bei beiden die irrtümliche Annahme reift, die Dame habe jede Menge Kohle. Die Fletcher-Tochter turtelt nach anfänglicher Abneigung intensivst mit dem als Vaterlandsverräter und Drückeberger gebrandmarkten Zeitungsschreiber, statt die Avancen ihres Verlobten in spe C. Edgar Sloane (Frank Engelhardt) zu erwidern, der, es lebe die fünfte Kolonne, in Wahrheit aber ein ganz anderer ist, als er vorgibt. Alles klar? Macht nix. Das Durcheinander ist Programm – und es geht drunter und drüber.

Ein früher Jerry Lewis als Retter in der Not

Der Feind lässt sich nicht blicken, die Angreifer schieben in der Etappe einen schlauen Lenz und lassen sich von den Einheimischen verwöhnen. Ein mysteriöser Saboteur schneidet ihnen die Knöpfe von den Uniformen, der Kriegstourismus, durch den Fletcher seinen Feldzug refinanzieren möchte, lahmt. Da entpuppt sich der zum ”General für einen Tag” ernannte George Spelvin (Daniel Drewes), der irgendwie an Jerry Lewis erinnert, als Retter in der Not. Drewes, mit einem urkomödiantischen Talent gesegnet, ist der heimliche Star und personelle Trumpf der Inszenierung. Er sorgt u.a. auch als Telefontechniker, Telegrammbote oder verkleideter Alm-Sepp für Schenkelklopfer und Lachtränen und avanciert so schnell zum Liebling des Publikums. Einen hervorragenden Job liefert Philippe Ducloux ab, der sich die Rolle des Fabrik-Capos und patriotischen Kämpfers in nur zehn Tagen hatte aneignen müssen, weil der ursprünglich dafür vorgesehene Kollege kurz vor der Premiere erkrankt war. Sein leidenschaftliches, energiegeladenes Spiel ist symptomatisch für das des gesamten Ensembles, das sich sowohl aus externen Kräften, als auch aus dem Fundus des eigenen Hauses speist. Und da kann das ”MiR” ja aus dem Vollen schöpfen und wirft seine Statisterie, seinen Opernchor und das Ballett Schindowski in die glorreiche Schlacht. Eine exquisite Mischung, die in eine homogene Gesamtleistung mündet.

Großartige Steppszenen

Melissa Kings ideenreiche und spritzige Choreografie setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf. Die Tanz- und Steppszenen sind einfach großartig, das Bühnenbild (Knut Hetzer) farbenfroh-vielfältig und die Kostüme (Judith Peter) passend, schrill und originell.

Und von wegen ”olle Kamelle”: Dieses intelligent-absurde Gershwin-Juwel ist zeitlos-modern – nicht nur inhaltlich. Und wenn die Partitur dann so dynamisch, hingebungsvoll und mit so viel Drive umgesetzt wird, wie es die neue Philharmonie Westfalen unter Kai Tietje vermag, bleiben keine, oder zumindest fast keine Wünsche offen. Selbst die genialen Wortspiele in den Songtexten von Ira Gershwin, die ja erst in der perfekten Verbandelung mit der brüderlichen Komposition ihre eigentliche Brillanz entfalten, verlieren in der Übersetzung von Roman Hinze kaum etwas von ihrer Kraft. Obgleich: Sie sind akustisch nicht immer gut zu verstehen. Die Einblendungen auf einer hoch über der Bühne angebrachten Projektionsfläche helfen in diesem Falle nur bedingt weiter, weil sie ob des Lichteinfalls der Scheinwerfer meist unleserlich sind. Aber das ist auch schon das einzige Manko, das den Genuss nur unwesentlich trübt. Gemessen an der Bedeutung der Figur ist die Rolle des Timothy Harper auch vielleicht etwas zu breit angelegt, was zu Lasten des für die Handlung doch eigentlich viel ”wichtigeren” Enthüllungs-Journalisten Townsend geht. Deshalb muss sich Gaines Hall in dieser Rolle (leider) auch ziemlich zurück nehmen.

Regisseur Davids gelingt der Balanceakt, nie ins Alberne abzugleiten, was ob der abgedrehten-wahnwitzigen und absurden Storyline nicht immer ganz einfach ist. Er nutzt die Steilvorlagen des Buchs nicht nur dazu, treffsicher, wohldosiert und punktgenau jede Menge Situationskomik zu platzieren, sondern trifft auch genau die Intention der Autoren, den ”American Way of (Wirtschafts-) Life” so zu persiflieren, dass die Tünche bröckelt. Dahinter kommt als Grundierung überhöhter, von keinem Selbstzweifel beeinträchtigter Nationalstolz zum Vorschein, der mit Raffgier, Geltungssucht und Imperialismus vermengt, das Image der Weltmacht USA bestimmt – damals wie heute. Man könnte (und muss), so wie er hier vorgeführt wird, drüber lachen, wenn die Realität auch traurig ist. Trotzdem ist ”Strike Up the Band” kein politisches, sondern in erster Linie ein unterhaltsames Stück. Mehr davon! Musiktheater wie es sein sollte. Deshalb auch die volle Punktzahl.
Quelle: Jürgen Heimann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!