An der Weser wartet die Guillotine auf „Marie-Antoinette“

Das Drama-Musical von Michael Kunze und Sylvester Levay erlebt 2009 in Bremen seine europäische Uraufführung

Nun haben an der Weser, von den Produktionen der jüngeren Zeit einmal abgesehen, in der Vergangenheit ja schon mehrere Musicalinszenierungen gefloppt bzw. ein finanzielles Desaster erlebt. Das soll mit ”Marie-Antoinette” nicht passieren. Die Verantwortlichen sprechen von einem ”der am seriösesten finanzierten Kulturprojekte”, bei dem das Risiko auf ein absolutes Minimum reduziert worden sei. Davon einmal ganz abgesehen bürgen die Namen der Autoren für ein Höchstmaß an Qualität und Anspruch. Die Väter von solch genialen Werken wie ”Elisabeth”, ”Mozart” oder ”Rebecca” können eigentlich auch hier nicht irren, zumal die Feuertaufe auf dem schwierigen japanischen Markt ziemlich erfolgreich verlaufen ist.

Spannende Herausforderung

Den dortigen Regisseur Tamiya Kuryama hat man auch für die deutsche Inszenierung gewinnen können. Dieser habe in Japan den gleichen Stellenwert wie bei uns Peter Zadek und Claus Peymann zusammen, unterstrich Frey im Rahmen einer Pressekonferenz. Für Dr. Michael Kunze ist er schlicht ”einer der genialsten Musiktheaterregisseure der Welt”. Er könne sich eine bessere Umsetzung seines Konzeptes als durch diesen Mann gar nicht vorstellen. Das lässt einiges erwarten.

”Marie-Antoinette” ist streng genommen sogar eine Auftragsarbeit aus Japan und basiert auf dem Buch des japanischen Autors Shusaku Endo. Das Ersuchen der Produktionsgesellschaft Toho, daraus ein Drama-Musical zu entwickeln, empfand Kunze als interessante, spannende Herausforderung. Und es störte in Folge kaum jemanden, dass er im Laufe der Arbeiten immer mehr von der literarischen Vorlage abwich. Von einer Idee des Buchautors indes wollte er unter keinen Umständen lassen, weil gerade die es war, die das Ganze so faszinierend erscheinen ließ: Der Königin wird in der Geschichte ein gleichaltriges Mädchen aus dem Volke gegenüber gestellt.

Zwischen Hochmut, Moral und Gewalt

Während sich Marie-Antoinettes Stern im Sinkflug befindet – das Ende ihres Lebens besiegelte am 16. Oktober 1793 die Guillotine auf dem Place de la Concorde -, steigt das Mädchen Margrid Arnaud in den Revolutionswirren auf. Durch das Aufeinandertreffen der beiden Frauen entwickelt die Story einen Grad an Dramatik, die, so Kunze, in ihrer Intensität weit über die Darstellung der historischen Tatsachen hinausgeht. Gerade in diesem Spannungsfeld konnte Komponist Sylvester Levay dann ein weiteres Mal zeigen, was er drauf hat.

Neben der geschichtlichen Komponente ist der Stoff thematisch aber auch noch ob einer ganz anderen Perspektive interessant. Es geht um Hochmut, eine Charaktereigenschaft, die sowohl bei der Königin, als auch der Revolutionärin recht ausgeprägt ist und die sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht. Die Hochadelige fühlt sich ob ihrer Herkunft und ihrer Stellung als etwas Besseres, während Margrid Arnaud glaubt, sie sei auserwählt, um die Welt zu verbessern. Deshalb hält sie sich für moralisch überlegen. Und die Brücke zum Hier und Jetzt ist schnell geschlagen. Dann nämlich, wenn es um die Frage geht, ob man/frau seine/ihre Vorstellungen von einer idealen Welt mit Gewalt umsetzen darf. Das ist hochaktuell. Die religiösen und politischen Fanatiker liefern uns dazu tagtäglich blutigen, Menschen verachtenden Anschauungsunterricht.
Quelle: Jürgen Heimann

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