Patrick Stanke & Friends sorgten für einen be-s(ch)wingten Saisonausklang

Die Tecklenburger Freilichtspiele zählten in der Spielzeit 2007 fast 95.000 Besucher – Mozart läuft sich warm

Im Gegensatz zur Eröffnungs-Veranstaltung zu Pfingsten, bei der Pop und Musical dominierten, liefen nun Shuffle, Off-Beat und Backbeat um die Wette. Und die Protagonisten blieben ihrer Losung den ganzen Abend über treu: ”Musical goes Swing!” Nichts für jene Puristen, die ausschließlich und einzig auf die klassischen (und schon tausende Male abgenudelten) Hits aus dem unerschöpflichen Melodien-Fundus des Musiktheaters abonniert sind. Für die gerät die Welt ja schon ins Wanken, wenn einmal nicht ”Memory” oder ”Das Phantom der Oper” auf der Set-List auftaucht. Aber auf Dauer wäre und ist das doch ziemlich langweilig und fade. Insofern war die ”experimentelle” stilistische Gewichtung der saisonalen Kehraus-Show zwar ein durchaus mutiger, aber vor allem auch richtiger Schritt in die richtige Richtung.

”In jedem von uns gibt es zwei Wesen…

Die Stimme aus dem ”Off” gehörte dem Gastgeber: ”In jedem von uns gibt es zwei Wesen: Musical und Jazz. (…) Wenn wir nun die Möglichkeit besitzen, diese beiden Naturen völlig in ihrer Vollkommenheit zu vereinen…”…..! Das haben wird doch, wenn auch wohl in einem ganz anderen Zusammenhang, zumindest so ähnlich schon mal irgendwo gehört. Patrick Stanke war der Ideengeber und Zeremonienmeister an diesem etwas unterkühlten, frühherbstlichen Abend. Folgerichtig firmierte das Ganze auch unter ”Patrick & Friends”. Und die, also die ”Friends”, konnten sich hören und sehen lassen.

Der gefeierte ”Jekyll und Hyde”-Darsteller der abgelaufenen Saison hatte sich der Mitwirkung von fünf hochkarätigen Kollegen/-innen versichern können, und bei denen handelte es sich bis auf eine ”schrille” Ausnahme ausnahmslos um Tecklenburg-Debütanten. Stanke proudly presents: Sabrina Weckerlin, Wietske van Tongeren, Maike Boerdam-Strobel (mit sicht-/unsichtbarem Anhang) und Martin Pasching. Und als ”Special Guest” zauberte der Wuppertaler ”Mr. Roy Fire” aus Miami -alias Adrian Becker aus dem Zylinder – und der ist ja bekannt dafür, dass er jedes Theater in Nullkommanix in ein Tollhaus verwandelt. Da bleibt kein Auge trocken – und niemand auf den Sitzen hocken. Der Künstler, ein Entertainer par excellence, begnügte sich zwar mit nur zwei Titeln (”New York, New York” und ”Ich bin, was ich bin”), aber das reichte völlig aus, die Zuhörer (wieder) auf seine Seite zu ziehen.

Eigenwillige Interpretationen

Die Teils recht eigenwilligen Interpretationen des bekannten und weniger bekannten Songmaterials zeugten von hoher Musikalität und Professionalität, woran auch die fünfköpfige Band unter der Leitung von Stefan Hüfner einen gerüttelten Anteil hatte. Die Instrumentalisten hielten sich mit ihrem virtuosen Spiel stets dezent im Hintergrund, wodurch die packende vokale Umsetzung des be-swingten ”Liedgutes” noch stärker zur Geltung kam. Ein paar Musicalsongs mehr hätten es vielleicht sein können, aber das ist Ansichts- und Geschmackssache und wäre andererseits auch der ursprünglichen Konzeption zuwider gelaufen. Stattdessen überwog das Triolen-Feeling.

Die Bandbreite der 17 Stücke umfassenden Set-List reichte von ”Foggy Day” über ”Sunny” und ”The Lady is a Tramp” bis hin zu ”Mack the Knife”, ”The Shadow of your Smile” oder ”I’ve got you under my skin”, das ein packendes Cole-Porter-Medley einleitete. Unterstützt wurden die Künstler, die sich mal solo, mal im Duett oder als geschlossenes Sextett an die anspruchsvollen Stücke heranwagten, von einem gut eingestimmten, vierköpfigen Backgroundchor. Und zwischendurch streuten sie dann immer wieder die ein oder andere unsterbliche, oder auch verschüttet geglaubte Musicalperle ein, sei es nun ”Over the Rainbow” aus ”The Wizard of Oz” (Sabrina Weckerlin), ”Seasons of Love” (Rent) oder auch ”On Broadway”.

Spannende Momente

Die drei Damen punkteten dabei vor allem mit dem herrlich intonierten Gershwin-Klassiker ”Summertime” aus ”Porgy and Bess”, während Wietske van Tongeren und der überragende Martin Pasching ein packendes ”Last Night of the World” aus ”Miss Saigon” präsentierten. ”Bring on the Men” (”Schafft die Männer ran”) aus ”Jekyll & Hyde” hat man auf der Tecklenburger Bühne noch nie so treibend und pulsierend gehört wie in der Interpretation der stimmstarken, blonden Niederländerin, die ja derzeit an der Seite Uwe Krögers in ”Rebecca” in Wien als ”Mrs. de Winter” beeindruckt. Aber vor allem auch Stankes ”Letzter Tanz” sowie ”Ich gehör nur mir” als Duett der beiden ”Maisjes” Maike Boerdam-Strobel und Wietske van Tongeren angelegt, zählten zu den spannenden Momenten des außergewöhnlichen von ”Don’t worry, be happy” beschlossenen Abends.

Nix von der Stange

Dass der Gastgeber und Sabrina Weckerlin nicht nur privat harmonieren, wurde bei ”Night and Day”/”Still of the Night” offenkundig. Stanke hat mit der Konzeption und Umsetzung dieses außergewöhnlichen Formats nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Kollegen und vor allem den Zuhörern einen Gefallen getan. Für ihn und seine Freunde war es natürlich eine treffliche Gelegenheit, vor einem großen Publikum ihre künstlerische Vielseitigkeit zu beweisen. Die Veranstaltung entpuppte sich als gefälliger Kontrast zur inflationären Massenware von der Musical-Gala-Stange. Und in Tecklenburg gibt es Überlegungen, ob man dieser Form des Saison-Abschlusses nicht einen festen Platz im Jahresprogramm einräumen soll.

Die Ruhe vor dem Sturm

Doch jetzt kehrt hier erst einmal (kurz) Ruhe ein. Möglicherweise ist es aber die vor dem Sturm. Mit fast 95.000 Besuchern liegt hinter der Freilichtbühne wieder eine überaus erfolgreiche Sommerspielzeit. Und die Saison 2008 kommt bestimmt und will rechtzeitig geplant sein. Intendant Radulf Beuleke sprach von ”einer kleinen Sensation”: Im nächsten Jahr wollen die Münsterländer, wie berichtet, nämlich erneut mit einer Weltpremiere reüssieren: ”Mozart” soll erstmals unter freiem Himmel in die Tasten hauen. Das Meisterwerk von Silvester Levay und Dr. Michael Kunze ”open air” zu inszenieren, ist ein ehrgeiziges Unterfangen und eine echte Herausforderung. Da darf man echt wieder gespannt sein.
Quelle: Jürgen Heimann

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