Dracula, Kasemattenbühne Graz

Das Musicalfestival in Graz gab es dieses Jahr zum ersten Mal und dürfte, aufgrund des großen Erfolges, nicht zum letzten Mal stattgefunden haben. Von 9.-25.8. stand das Stück ”Dracula” von Frank Wildhorn insgesamt 12x am Spielplan. Eine handvoll Untoter, die Gottseidank auch noch bei der besuchten letzten Vorstellung äußerst lebendig waren, tapfere Gegner, die sich den Bösen in den Weg stellen, tolle Melodien und natürlich jede Menge Blut und knisternde Erotik. Das sind nur einige der Zutaten, die den Abend in der passenden Kulisse – der Kasemattenbühne – zu einem einmaligen Erlebnis machten. Kalte Schauer über den Rücken jagen lassen wollten sich u.a. Pia Douwes, Oliver Mülich, Gordon Bovinet, Colleen Besett, Mari Hanafusa, Wao Youka (bekannte japanische Musicaldarstellerinnen), Marika Lichter, Attila Dolhai, Brandi Burkhardt und Johann Kropfreiter (Intendant des Amstettner Musicalsommers).

Zur Geschichte:

Der englische Anwalt Jonathan Harker (Jesper Tydén) soll Häuser in London an Graf Dracula (Thomas Borchert), der im fernen Transsylvanien wohnt, verkaufen. Harker reist zum Schloss des Grafen und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Unglücklicherweise sieht Dracula ein Bild von Mina (Lyn Liechty) bei Harker und verliebt sich in die Frau (Diese Liebesgeschichte wird im Musical ebenso rätselhaft dargestellt, wie im Roman selbst. Im Film hatte man die Figur der Elisabeta, Draculas Frau, eingeführt, die Mina zum Verwechseln ähnlich sah und Selbstmord beging). In ”Whitby Bay” denken Mina und Jonathan aneinander. Sie sind räumlich getrennt, ihre Gefühle überwinden aber Distanzen. Harker rasiert sich und schneidet sich, da es im Schloss keine Spiegel gibt. ”Hilfsbereit” ist der Graf sofort zur Stelle und leckt verstohlen das Messer ab. Er warnt den Anwalt nirgends als in seinem eigenen Zimmer zu schlafen, da er sonst für nichts garantieren kann. Es wird keine ruhige Nacht für ihn, die Vampiretten (Marion Furtner, Vicky van Zijl, Stephanie Tydén) umgarnen ihn bei ”Für immer jung”. Sie spielen mit dem armen Mann und sogar Geschlechtsverkehr wird simuliert. Dracula gebietet seinen Kreaturen Einhalt. Harker ist nicht für sie bestimmt. Als Entschädigung erhalten sie ein Baby, über das sie gleich im Blutrausch herfallen. Schauplatzwechsel. Renfield (Eric Minsk), Insasse einer Irrenanstalt ernährt sich von Fliegen und Spinnen, da er dadurch Lebenskraft erhält. In ”Das Meisterstück” phantasiert er von seinem angeblichen Herrn. Leider kommt im Musical die Bedeutung Renfields nicht wirklich heraus. Er war auch ein Angestellter in der Anwaltskanzlei von Harker und kehrte nach seinem Besuch in Transsylvanien verrückt zurück. In der einzigen wirklich lustigen Szene fragt sich Lucy (Caroline Vasicek), Mina’s Freundin, ”Wer soll es sein?”. Gleich drei Herren haben um ihre Hand angehalten. Diese, Quincey (Robert D. Marx), Jack (Rory Six) und Arthur (Lucius Wolter) buhlen auch gesanglich um ihre Gunst und sind ein spassiges Trio. Ihre Wahl fällt auf Arthur. Gespenstisch wird es, als Lucy mit einer Augenbinde Fangen spielt und in die Fänge Draculas gerät. Als Werwolf (der im Stück etwas Affenartiges an sich hat) fällt er über die Arme her und beißt sie ein erstes Mal. Es folgt ein stimmgewaltiges Terzett von Dracula, Harker und Mina ”Ich bin da weil du mich liebst”, bei dem Borchert stimmlich alle übertrumpft. Die Hochzeiten von Lucy und Arthur und Jonathan und Mina stehen auf dem Programm. ”Ewig verbunden” heißt es im Song ”Die Trauungen”. Dracula erscheint Lucy. Sie bricht bewusstlos zusammen. Abraham van Helsing (Uwe Kröger), der ehemalige Lehrer von Jack, wurde von diesem kontaktiert und findet zwei Wundmale an Lucy’s Hals. van Helsing trifft, gemeinsam mit den anderen Männern Vorkehrungen. Kruzifixe, Knoblauch und Weihwasser werden im Raum verteilt. Mit Leichtigkeit fegt Lucy all diese Abwehrmittel zur Seite und lädt den Grafen ein. Dracula vollendet sein Werk, das er als Wolf begonnen hat. Lucy ist jetzt eine von seiner Art. Als sie jedoch versucht Arthur zu beißen, ist es mit der Beherrschung van Helsings vorbei. Jede Menge Bannsprüche und die Bibel zwingen den Vampir Lucy nieder. Mit ”Nosferatu” kündigt van Helsing seinen Kampf gegen die Kreaturen an. Dracula hat mit Lucy ”Ein Leben mehr”. Sie erscheint als Teufelsbraut ganz in weiß, beide geben Hand in Hand ein diabolisches Paar ab. Die Jäger begeben sich zu Lucy’s Grab. Es ist leer. Sie erscheint mit einem Kind, das ihr nächstes Mahl werden soll. ”Untote ergib dich” ruft van Helsing und mit Hilfe eines Kreuzes wird sie in die Enge getrieben. Abseits von den Blicken des Publikums wird sie von ihm enthauptet. Nur eine in rotes Licht gehüllte Bühne zeugt vom Geschehen. Mina, innerlich zerrissen, möchte Dracula vor den Plänen der Männer warnen. Einerseits spürt sie seine böse Aura, andererseits seine unwiderstehliche Anziehungskraft. ”Lass mich dich nicht lieben” ist ihr Solo, in dem sie diese Gefühle sehr gut zum Ausdruck bringt. Mina sucht mit van Helsing Renfield auf. Dieser verplappert sich und warnt Mina. Dracula kann dieses Vergehen nicht verzeihen und tötet ihn auf grausame Art und Weise. In ”Sommer geht, Sommer kommt” erinnert sich van Helsing an seine Geliebte Rosanne, die ihm von Dracula genommen wurde. Mina kann sich ihrer Gefühle für den Grafen nicht erwehren und lädt ihn ein. Die Vereinigung der beiden wird mit viel Gestöhne untermalt. van Helsing findet Harker am Boden. Es kommt mit ”Zu Ende” (das von Wildhorn extra für Kröger und Borchert geschrieben wurde) zum Duell der Giganten. Dracula kann entkommen. Da ihn mit Mina ein unsichtbares Band verbindet, wird diese hypnotisiert, um seinen Aufenthaltsort zu finden. Die Helden machen sich auf in den letzten Kampf. Es folgt der Titel ”Eh’ du verloren bist”, indem sie sich Mut zusprechen. Ein toller Song, bei dem auch das restliche Ensemble unterstützt. Um schneller als das Schiff zu sein, auf dem sich der Graf befindet, nehmen sie den Zug. Dracula besingt in ”Je länger ich lebe” sein Schicksal, das ihn bald mit Mina vereinen wird. Borchert gibt den Song mit einer gefühlvollen Stimme und liefert einen tollen Schlusston. Der Graf wurde gefunden. Todesmutig öffnet Quincey seinen Sarg, doch dieser ist leer. Plötzlich wird er von Dracula in Gestalt des Werwolfs von hinten attackiert und niedergestreckt. Mina gesteht Dracula ihre Liebe, sie will mit ihm für ewig vereint sein. Dracula erschrickt ob seiner Gefühle für sie und will nicht, dass sie auch von allen bis in die Ewigkeit verfolgt wird. Er möchte seinem Leben ein Ende setzen und Mina soll ihm dabei helfen. Behutsam führt er ihre Hand zu seinem Herz und sie sticht zu. Der Vorhang färbt sich blutrot, Dracula ist erlöst, es ist vorbei.

Die Musik von Frank Wildhorn wirkte bedrohlich, dramatisch und im richtigen Moment bombastisch. Das Thema rund um Liebe, Lust und Leidenschaft wurde mit jedem Song gut untermalt und auch wenn man sich nicht alle Songs merken konnte, so freut man sich doch auf das im November erscheinende Castalbum. Die Bühne war zweckmässig und wirkte nicht zu überladen. Im geschlossenen Zustand stellten die Kulissen ein Zimmer dar. Dieses konnte in der Mitte geöffnet werden und wurde mit Hilfe verschiedener Requisiten zu den diversen Schauplätzen, wie das Schloss des Grafen oder der Friedhof. Interessant auch die treppenförmigen Elemente, die eine Darstellung einzelner Räume aufgrund verschiedener Ebenen erlaubte.

Die Darsteller hatten zum Teil schon ”Dracula” oder zumindest ”Tanz der Vampire” Erfahrung (oder beides) und vor allem die Hauptrollen wurden von namhaften Größen bekleidet.

Allen voran stach als Dracula Thomas Borchert heraus. Bereits 2005 verkörperte er diese Rolle in St. Gallen. In der Zwischenzeit konnte er als Graf Krolock weiter seine Beißerchen schärfen. Zu Anfang spielte er einen alten, gebrechlichen Vampir, erst nachdem er sich genährt hatte, wirkte seine Haut nicht mehr wie Pergament. Stimmlich war Borchert einmalig und vermochte auch die teilweise zu lauten E-Gitarren zu übertönen. Als Herrscher über Leben und Tod zeigte er eine enorme Bühnenpräsenz, lediglich längere Haare hätten vielleicht bei der Version des verjüngten Vampirs besser gewirkt.

Als Gegenspieler van Helsing trat Uwe Kröger erst relativ spät in Erscheinung. Auf den ersten Blick wirkte er wie Indianer Jones. Warum man ihn allerdings so geschminkt hatte, als ob er selbst schon mehr tot als lebendig wäre, bleibt ein Rätsel. Blutrote Augen, 3 Tage Bart, strähnige Haare, Borchert dagegen wirkte wie das blühende Leben. Vielleicht sollte van Helsing überarbeitet und übernächtigt wirken, das hätte aber nicht so drastisch ausfallen müssen. Kröger gab ein wehmütiges ”Sommer geht, Sommer kommt”, blühte aber erst so richtig beim Konfrontationsduett mit Borchert auf.

Caroline Vasicek als Lucy war die erste, die daran glauben musste. Vor allem die Darstellung der Höllenqualen, die sie als Vampir erleiden musste, bevor ihr der Garaus gemacht wurde, war einmalig. Man litt richtig mit ihr, als sie wie verrückt geworden schrie und sich am Boden wälzte. Vasicek hatte somit auch bewiesen, dass ihr nicht nur die braven Rollen gut stehen, sondern auch das Dasein als Untote.

Mina war die zweite weibliche Hauptrolle und wurde von Lyn Liechty dargestellt. Die hübsche Darstellerin hat eine kraftvolle und schöne Stimme, die besonders bei ihrem Solo ”Lass mich dich nicht lieben” gut zur Geltung kam. Leider verschluckte sie manche Silben und Wörter und auch der amerikanische Akzent trug zu einer teilweisen Unverständlichkeit des Gesprochenen bei.

Jesper Tydén als Jonathan Harker spielte gemeinsam mit Robert D. Marx, Rory Six und Lucius Wolter ein jagdfreudiges Quartett, das etliche Hürden bewältigen musste, bis die Vampire vernichtet waren.

Der nach einer Begegnung mit dem Vampir wahnsinnig gewordene Renfield wurde von Eric Minsk verkörpert. Er lieferte eine ausdrucksstarke Leistung, vor allem, als er andeutete Fliegen, Spinnen und anderes Ungeziefer zu essen. Ein wenig Mitleid hatte man mit ihm jedoch, als er mit einem Kübel Wasser zur Vernunft gebracht wurde. Wie ein Irrer tobte er in seiner Zelle und wartete auf das ewige Leben, das ihm versprochen wurde. Auch seine schrillen Lacher kamen nicht zu kurz. Leider durfte Minsk nicht bis zum Schluss dabei sein, da er schon vorher getötet wurde. Das Böse trat nicht nur in Form von Dracula auf, sondern auch in Form der drei Vampiretten alias Marion Furtner, Vicky van Zijl und Stefanie Tydén. Diese drei stellten die Brut des bösen in weißen Gewändern dar, die allerdings nicht lange einfärbig blieben, sondern bald blutbefleckt waren. Weiters im Ensemble: Lisa Antoni, Oliver Frischknecht, Titus Hoffmann, Martin Markert, Susanne Seimel und Rita Sereinig. Mit großen Tanzszenen konnte das Stück nicht aufwarten, aber es mussten doch alle zum richtigen Zeitpunkt am rechten Ort sein und dafür war Michael Paul Reardon verantwortlich.

Da viele Produzenten aus aller Herren Länder vor Ort waren, um sich die Show anzusehen, kann man sicher sein, diese Produktion auch an anderen Orten wiedersehen zu dürfen, wo sie sicher auch so erfolgreich laufen wird, wie in Graz.

Quelle: Andrea Martin

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