Im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse steht es 1:0 für Tecklenburg

Packend, rasant, eigenständig: 1.Freilicht-Inszenierung von „Jekyll & Hyde“ mit einem überragenden Patrick Stanke

Seit der Welturaufführung im Mai 1990 in Houston und dem erst sieben Jahre später folgenden Sprung an den Broadway hat es auch in Europa mitunter recht mittelmäßige Inszenierungen davon gegeben. Die Tecklenburger Ausgabe zeigt jedoch, was man, Ideenreichtum, Kreativität und die Bereitschaft, einmal ausgetretene Pfade zu verlassen, vorausgesetzt, wirklich aus diesem faszinierenden Sujet machen und herausholen kann. Cusch Jung, der im Theater auf der Burg damit nach ”Kiss me , Kate” im Jahre 2004 seine zweite Regiearbeit ablieferte, war Willens und vor allem Manns genug, sich nicht artig an den Produktionen in Bremen, Köln oder Wien orientieren zu wollen, sondern setzte selbstbewusst eigene Akzente. Und das hat dem Stück gut getan. Was dabei herauskam, mag für passionierte J&H-Fans vielleicht zunächst etwas gewöhnungsbedürftig gewesen sein, aber spannend war es allemal. Selbst für jene, die das Ganze, wenn auch nach anderem, konventionellen Muster gestrickt, in der Vergangenheit schon zigmal gesehen haben. Nein, das ist hier kein spröder Aufguss, sondern etwas Neues, Eigenständiges – und Eigenwilliges.

Die ”Wiederholungstäter” inmitten des beeindruckten Publikums registrierten staunend eine gegenüber den bislang bekannten Versionen beachtliche Anzahl offenbarer wie versteckter Änderungen. Das gilt sowohl für den szenischen Ablauf, als auch für die Partitur und das Libretto. Offenbar war den Verantwortlichen seitens der Rechteinhaber dahingehend völlig freie Hand gelassen worden, und das war von Nachteil nicht. Komponist Frank Wildhorn, der den Hörern mit diesem Werk einen ganzen Sack voll unsterblich-schöner Melodien und Ohrwürmer geschenkt hat, ist gespannt, was die Norddeutschen da gebastelt haben. Der Amerikaner hat sich für die nächsten Tage zu einer ”Inspektionsvisite” angesagt. Er dürfte angenehm überrascht werden.

Neue Arrangements

”Jekyll & Hyde” – der Komponist selbst spricht von einer ”Modern Pop Opera” – verfügt ja allein schon durch die packenden Musik über ausreichend Hit-Potential. Nur macht es einen Unterschied, ob diese, wie auch schon passiert (aus Kostengründen) durch eine auf das absolut Notwendigste reduzierte Instrumental-Combo serviert wird, oder eben durch ein großes, klassisch besetztes Orchester, wonach Wildhorns Musik eigentlich schreit. Dahingehend haben sich die Tecklenburger auch diesmal nicht lumpen lassen. Tjaard Kirsch, der Musikalische Leiter der Produktion, schöpft da aus dem Vollen und geleitet mit Verve und großem Einfühlungsvermögen seine 40-köpfige Musiker-Riege durch die komplexe Partitur. Selbige beinhaltet und besticht durch zum Teil völlig überarbeitete Arrangements.

Die den Stoff für zahllose Filme liefernde Story ist ja eigentlich hinlänglich bekannt. Der ambitionierte Arzt Dr. Henry Jekyll tritt an, das Gute vom Bösen im Menschen zu trennen. Dies mit Hilfe des selbst gebrauten und intravenös zu verabreichenden Elixiers ”jh 7”. Die dadurch bewirkte Persönlichkeitsspaltung bringt Mr. Edward Hyde hervor, Jekylls Alter Ego. Der entpuppt sich als Bestie, als Kreatur direkt aus dem Schlund der Hölle, und richtet ein Blutbad nach dem anderen an. Die Verwandlungen von Jekyll in Hyde und umgekehrt lassen sich nicht mehr steuern, das Experiment gerät völlig außer Kontrolle…

Transparenter und schlüssiger

Die konzeptionellen und inhaltlichen Änderungen und Modifikationen durch Cusch Jung verhelfen dem Ganzen zu mehr Verständlichkeit, was gerade auch unbedarfte Besucher, die das Stück vielleicht zum ersten Male erleben, zu schätzen wissen. So gibt es ganz zu Anfang, wie auch schon in der Broadway-Fassung praktiziert, als Prolog eine kurze Einführung durch John Utterson (Udo Eickelmann) und Sir Danvers Carew (Ansgar Schäfer), ehe die eigentliche Geschichte ihren verhängnisvollen Lauf nimmt. Die Dialog- bzw. kommentierenden Sprechpassagen wurden in dieser deutschsprachigen Fassung von Susanne Dengler gegenüber den bisherigen im deutschsprachigen Raum üblichen Versionen ausgedehnt, wodurch die weitere Entwicklung transparenter und somit schlüssiger wird. Andererseits gab es Streichungen und Kürzungen, über die man durchaus streiten kann.

So fiel die exzessive Passage ”Die Welt ist völlig irr” völlig dem Rotstift zum Opfer, während auch der Hyde’sche Parade-Song ”Welch Gefühl so lebendig zu sein” nur noch rudimentär anklingt, was schade ist. Die Beziehung zwischen dem Killer und der Prostituierten Lucy entwickelt sich erst gar nicht, sondern bleibt eigentlich völlig unklar – und damit mehr oder weniger auf der Strecke. Insofern kommt auch das ”Gefährliche Spiel” völlig unverhofft und wie aus heiterem Himmel.

Die ”Mädchen der Nacht” als Requiem

Andererseits glückte Kusch Jung mit der Verlegung der eigentlich als Duett angelegten ”Mädchen der Nacht” aus dem ersten hin zum Ende des zweiten Teils ein dem Ablauf exzellent zu Gesicht stehender Regieschachzug. Der Song, von Nellie (Bettina Meske – sie verkörpert außerdem in Personalunion auch die Lady Beaconsfield) als Solo interpretiert, war als Requiem und verzweifelte Totenklage für die kurz zuvor von Hyde bestialisch gemeuchelte Lucy konzipiert und erfuhr so eine völlig andere Deutung. Konsequenterweise hätte man dann aber auch den Text noch etwas anpassen müssen. Spider (Joel Kirby), der im Gegensatz zu den früheren Inszenierungen nicht als Chinesen-Loddel, sondern als cooler, Sonnenbrillen-tragender Zuhälter daherkommt, Nellie und die anderen Huren geleiten den auf einer Karre gebetteten Leichnam währenddessen in einem Trauerzug quer über die gesamte Bühne. Eine bewegende Szene, wie sie es in den Vorgänger-Produktionen von J&H nicht gegeben hat.

Wo ”Massenszenen” diesen Namen (noch) verdienen

Die Tecklenburger wären nicht sie selbst, würden Sie nicht auch bei ”Jekyll & Hyde” ihren riesigen Personalfundus als Trumpf ausreizen. Von einem solchen können andere Anbieter nur träumen. Chor und Statisterie mitgezählt, belebten mitunter über 100 Menschen die stattliche Bühnenfläche, was vor allem bei den großen Ensemblenummern wie ”Mörder” und ”Fassade” (die beabsichtigte) Wirkung zeigte. Da kann man wirklich von ”Massenszenen” sprechen. Geschickt nutzten Regie und Choreografie dabei mit viel Bewegung und schnellen Wechseln das ausgedehnte Platzangebot der Freilichtbühne aus.

Hydes Selbstmord

Und wenn sich, wie bei der ”Fassade”, strikt getrennt Upper-Class auf der rechten und Halbwelt auf der linken Seite gegenüber stehen, kann man die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen beiden Lagern nicht treffender offenbaren. Sehr schön gelöst auch die Zug-Szene. Eine Freilichtbühne kann halt nicht auf das High-Tech-Equipment eines festen Hauses zurückgreifen. Aber schlicht und einfacher tut’s auch. Der hereinfahrende Zug wird in Tecklenburg durch ein Spalier aufgespannter Regenschirme symbolisiert. Dass der pädophile Bischof von Basingstoke auf kleine Mädels, statt auf Knaben steht, ist gegenüber den früheren Versionen nur eine marginale Abweichung. Stärker fällt da schon Hyde/Jekylls Ende ins Gewicht Er wird nicht von seinem Freund Utterson erlöst und in vermeintlicher ”Notwehr” erschossen, sondern stürzt sich selbst in die ihm von diesem entgegen gestreckte Degenklinge. Das gibt dem Ende einen ganz anderen Dreh und öffnet weitergehenden Interpretationsmodellen die Tür.

Bei der Auswahl des Ensembles, das sich als homogenes, geschlossenes Ganzes präsentiert, bewiesen die Verantwortlichen der Freilichtspiele erneut ein glückliches Händchen – und zugleich Mut zum Risiko. Man hätte es sich ja auch einfach machen und auf Künstler zurückgreifen können, die in dieser oder jener J&H-Inszenierung schon an exponierter Stelle ihren Mann bzw. Frau gestanden haben. Doch wäre das nicht langweilig gewesen? Deshalb versprach die Wahl Patrick Stankes für die duale Titelrolle von Anfang an ein spannendes Experiment zu werden. Und der gebürtige Wuppertaler wuchs an dieser anspruchsvollen Aufgabe. Man kann es drehen und wenden wie man will, eingedenk der spätpubertären Diskussionen, die sich in Folge in den einschlägigen Internetforen über dessen Leistung entspannen: Für den Musketier außer Dienst dürfte ”Jekyll & Hyde” zum größten Triumph in seiner kurzen, aber steilen und intensiven Karriere als Musicaldarsteller gereichen.

Dies war Stankes Stunde

Stimmlich sowieso über jeden Zweifel erhaben, ließ sich Stanke auch von den großen Fußstapfen, die seine prominenten Vorgänger in dieser Doppelrolle hinterlassen haben, nicht einschüchtern, sondern drückte dem Arzt und Monster selbstbewusst seine eigene Handschrift auf. Sowohl als smarter Dottore, als auch als blutrünstiger Killer agiert der Künstler absolut glaubwürdig, mit enormer Intensität und Energie geladener Spielfreude. Vor allem die Konfrontation, die er in diffuses Licht getaucht an der äußersten Bühnenspitze zelebriert, gerät dem Protagonisten zum Abräumer und Showstopper. Spätestens bei dieser weit hinten angesiedelten Schlüsselszene trennt sich in der Regel die Spreu vom Weizen. Stanke fuhr hier minutenlangen Szenenapplaus ein – und das völlig zu Recht. Auch beim ultimativen J&H-Hit ”Dies ist die Stunde” konnte er sein vokales Potential voll ausspielen. Der gelernte Chemielaborant, der es erst auf dem ”zweiten Bildungsweg” zum diplomierten Musicaldarsteller brachte, dürfte sich damit sicherlich für weitere, große Aufgaben empfohlen haben.

Karin Seyfried verleiht der ”Lisa” Konturen

Auch die übrige Cast ist, von einigen Ausnahmen vielleicht einmal abgesehen, exzellent, mitunter prominent, aber allemal rollendeckend besetzt. Dabei sticht vor allem Karin Seyfried hervor, die die eigentlich etwas unterentwickelte Rolle der Jekyll-Verlobten ”Lisa” (die in der Broadway-Version ja ”Emma” heißt) bestreitet. Ein Part, der scriptbedingt nicht viel Entfaltungsmöglichkeiten bietet, von der charmanten Österreicherin aber mit viel Hingabe und Ausdruck ausgefüllt wird. Mit schöner, klarer Stimme und viel Ausdruckskraft gelingt es ihr, der Persönlichkeit der Jekyll’schen Fast-Ehefrau doch noch Konturen zu geben. Das Publikum darf sich freuen, der Künstlerin auch in der diesjährigen Tecklenburger Zweit-Inszenierung, ”Miami Nights” zu begegnen. Dort will die vielseitige Künstlerin als Salsa-Queen Laura Gomez an der Seite ihres Ehemanns Sean Gerard einen heißen Tanz hinlegen. Premiere war übrigens am 28. Juli.

Etwas blass wirkt hingegen über weite Strecken dieser Inszenierung die Prostituierte Lucy (Simone Geyer), die normalerweise stärkste Frauenpersönlichkeit dieses Stücks. Verletzlichkeit aber auch Behauptungswillen dieser geschundenen Existenz und ihre unerfüllten Träume von einem besseren Leben sind in dieser Umsetzung wenig ausgeprägt, was aber durchaus auch an der Regieführung liegen kann. Man leidet und fühlt nicht wirklich mit dieser Frau, während auch das turbulente ”Komm, schafft die Männer ran” nicht wirklich mitreißend, sondern eher etwas müde daher kommt. Da hätten auch Tjaard Kirsch und sein Orchester ruhig etwas mehr Gas geben können. Ansonsten aber liefern die Instrumentalisten einen soliden (und auch gut ausgesteuerten) Sound. An der Umsetzung der Wildhorn’schen Partitur mit ihren opulent orchestrierten Kompositionen, die Stilelemente von Pop, Oper, Soul und Broadwaysound zitiert, gibt es nichts zu meckern.

Das gesamte Ensemble, Statisterie inklusive, agiert stimmig und mit viel Drive. Zu den exponierteren Handlungsfiguren zählen ferner Carsten Klages (Bischof von Basingstoke), Marc Schlapp (Lord Savage), Michael Wallfass (Glossop), Wolfgang Höltzel (Proops) und der letztjährige ”Seymour” Norbert Kohler. Ganze Arbeit geleistet haben, wie in den vielen Jahren zuvor, wieder Karin Alberti und ihr Team, die die Akteure mit wunderschönen, von viel Detailliebe zeugenden Kostümen ausgestattet haben. Beim Bühnenbild müssen die Tecklenburger gegenüber festen Häusern natürlich immer ein paar Abstriche machen, weil eine Freilichtfläche, auf der pro Saison zudem im Wechsel drei verschiedene Stücke gespielt werden, nun mal nicht die Möglichkeiten eines En-Suite-Theaters bietet. Aber das schmälert das Vergnügen in keiner Weise. Im Gegenteil: Die Kunst, schon mit wenigen und spärlichen Kulissenelementen und dem sensibel darauf abgestimmten Lichtdesign eine passende und stimmige Atmosphäre zu zaubern, beherrschen die Münstlerländer in Perfektion. Hier zeigt sich: Weniger ist oft wirklich mehr! Dr. Jekylls Labor ist naturalistisch gestrickt , verbirgt sich im Paterre des mittleren Bühnenhauses und wird bei Bedarf aus dem Hintergrund nach vorne gefahren. Das ist aber schon das einzige Zugeständnis an das, was man gemeinhin mit Bühnen- und Kulissentechnik zu umschreiben pflegt. Hier ist stets noch echte Handarbeit gefragt.

Und das Publikum sang ”Oh, wie ist das schön….”

Wo viel Licht, da auch viel Schatten. Und ein dickes Lob würde ohne Tadel auf der anderen Seite ja nur halb so viel wiegen. Das ist auch hier so. Ein Projekt wie dieses ruft natürlich die Kritiker auf den Plan, die tatsächlichen wie die selbst ernannten, die wohlmeinenden wie die boshaften. Dazu gibt es gerade im Internet, wo sich auch (wenn auch nicht nur) besserwisserische Neunmalkluge nach Herzenlust austoben, plastischen Anschauungsunterricht. Und das Premierenpublikum? Hat es offenbar ganz anders gesehen und honorierte die Show mit neun Minuten langen ”Standing Ovations”. ”Oh wie ist das schön” tönte es lautstark von den Rängen. Fußballstadion-Atmosphäre! Kann es eine schönere Bestätigung geben?

”Jekyll & Hyde” ist in Tecklenburg noch bis zum 31. August zu erleben. Ein Schluck aus der ”jh 7”-Pulle lohnt sich. Prost!
Quelle: Jürgen Heimann

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