Hinter den Kulissen des “blauen Müllsacks”

Das geheime Innenleben des Kölner Musical Domes

Dass es hinter, unter und über der Bühne mitunter spannender und turbulenter zugeht als auf dieser selbst, war schon immer so und scheint in der Natur der Sache zu liegen. Und der Grad dieser Intensität steigert sich mit dem Einsatz einer immer raffinierteren und komplexer ausgelegten Technik Das lässt sich exemplarisch am Beispiel des Kölner Musical Domes verdeutlichen, im dem seit Dezember 2004 mit großem, anhaltenden Erfolg das Queen-Musical ”We will rock you” aufgeführt wird. Inzwischen gibt es nach London in Zürich einen weiteren kontinental-europäischen Ableger, und in Kürze kommt Wien als dritte Spielstätte auf dem Festland hinzu. Am Rheinufer in Köln feierten die Bohemiens übrigens am 3. Juni Jubiläum und probten zum 1000. Mal den Aufstand gegen Globalsoft.

”Camping” am Rheinufer

Mit 1740 Sitzplätzen (1200 im Parket, 540 auf dem Rang) zählt der ”blaue Müllsack” zu den großen Spielstätten der Republik und nimmt dennoch unter diesen eine Ausnahmestellung ein. Denn: Streng genommen ist er ein mobiles Theater in Gestalt eines Zeltes, das theoretisch jederzeit ab- und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden könnte. So war es ja auch bislang mehrmals vorgesehen, doch der Planen-Palast erwies sich bislang als äußerst standfest und standorttreu. Ursprünglich, anno 1996, war er nur für die Produktion des Eric Woolfson-Stücks ”Gaudi” errichtet worden. Doch danach hielt erst einmal Tony Manero mit den elastischen Beinen Einzug und infizierte die Massen mit dem ”Saturday Night Fever”. Nach dem Abtritt des Tanzboden-Casanovas mixte Dr. Henry Jekyll hier sein teuflisches Elixier und verwandelte sich in das Monster Hyde, ehe die Killerqueen den Ort zu ihrer Dauerresidenz kürte. Bis zum Frühjahr 2008 wird sie hier noch mindestens Hof halten Und danach: Schau’n mer mal.

Wenn die Zeit dann aber einmal tatsächlich reif für einen Tapetenwechsel werden sollte, müssten 35 Trucks herbei, um den gesamte Hausrat fort zu schaffen. Allein die Video-Equipment wiegt vier Tonnen, während das Soundsystem 5 Tonnen auf die Waage bringt. Die Lichtanlage ist sogar doppelt so schwer. Zusammen entwickelt diese Einrichtung einen gewaltigen Energiedurst. Mit der Abend für Abend benötigten Energie ließe sich der Jahresverbrauch eines Einfamilienhauses decken.

Im Saal, und zwar im Rücken des Publikums, sitzen während der Vorstellung nur drei Leute des Technikteams: Ton- und Lichtingenieur und dazwischen, der ”Caller”. Ihr gläserner Arbeitsplatz ähnelt einem mit vielen Monitoren , Schaltern, Tatstaturen und leuchtenden Signalbirnchen ausgestatteten Terrarium. Der Rest der Crew werkelt im Verborgenen, von den beiden Spotlightschwenkern in schwindelnder Höhe hoch über den Brettern, die für manche die Welt bedeuten, und deren ”leuchtenden” Kollegen im rückwärtigen Teil des Saales einmal abgesehen. Hinter der Bühne herrscht, Nomen est omen, der Bühnenmeister. In ”Kölle” sind das im Daniel Schult und Bettina Döhmer. Sie stehen dafür gerade, dass der Laden läuft, sind verantwortlich für Erstellung und Funktionalität der Dekorationen und Aufbauten sowie deren reibungslosen Wechsel zwischen den Aufzügen.

Für die unsichtbaren Helfer wird es nie langweilig

Wenn’s während der Vorstellung in ihrem Revier irgendwo einmal klemmt, sind blitzschnelle Entscheidungen und Improvisationstalent gefragt. Alle Beteiligten können per Funk miteinander kommunizieren. Und es wird ja nicht langweilig, weil jede Show anders ist und überall und jederzeit etwas Unvorhersehbares passieren kann.

Apropos passieren: Der Sicherheitsaspekt ist von immenser Bedeutung und hat vor allen anderen Überlegungen oberste Priorität. Das ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass, je nach Szene, tonnenschwere Lasten innerhalb von Sekunden in vertikaler oder horizontaler Richtung bewegt werden, wobei die Halteseile so ausgelegt sein müssen, dass sie das Zwölffache des tatsächlichen Gewichts tragen.

Die entsprechenden Kulissenteile sind nämlich keineswegs nur aus Pappmaschee. Wenn dann ein Künstler oder Bühnenarbeiter zur falschen Zeit am falschen Ort steht, kann das ziemlich ungesund sein, für diesen selbst, aber auch für andere. Und da bleibt es sich im Ergebnis egal, ob diese Bauteile von oben an Seilzügen herein schweben, von der Seite herangerollt kommen oder aus einem Einlass im Bühnenboden nach oben gefahren werden. Stolpersteine und Fallstricke dieser Art gibt es genug. Und deshalb gilt auch als Imperativ: ”Holzauge sei wachsam!”

Blinde Künstler

Der Bühnenmeister muss dies alles im Blick haben und bei den Abläufen berücksichtigen. Hinzu kommt, dass die Künstler, wenn sie nach ihrer Szene wieder in den Kulissen verschwinden, blind wie die Maulwürfe sind. Geblendet durch das grelle Scheinwerferlicht, vermögen sie im diffusen Halbdunkel des hinteren Bühnenbereichs zunächst kaum etwas zu erkennen. Sie müssen deshalb auch an der Hand geführt werden, bis sie aus der Gefahrenzone heraus sind. Mit Taschenlampen bewaffnete Helfer, die den Weg ausleuchten, besorgen dies.

Nicht nur der vom Publikum einzusehende Teil der Musicaldome-Bühne hat beeindruckende Ausmaße. Die Portalhöhe beträgt zehn Meter. In der Breite bringt es das ”Podest” auf 16 Meter, in der Tiefe sogar auf 20 Meter. Man schaut nach oben wie in den offenen Turm einer Kathedrale. Der höchste Punkt des ”Domes” misst gar 40 Meter! Auch der hintere Bereich ist riesig, in seiner Tiefe und Breite ebenso wie in der Höhe. Trotzdem wird es hier eng, weil die Kulissenteile, die momentan nicht, aber später wieder gebraucht werden, ja irgendwie geparkt werden müssen. Das rotierende Schwebepodest der Killer-Queen, der Kleinbus, in dem Scaramouche und Galileo ihr erstes Schäferstündchen abhalten, die Fassade des Heartbreak-Hotels, BAP’s kleine Kneipe der Vergessenheit, das ”Seven Seas of Rhye samt Mobilar oder eben die Ruinen von Wembley, in dem die Buben von Queen auf der Flucht vor den Häschern vor langer Zeit ihre Instrumente versteckt hatten, auf dass sie ein Würdiger dermaleinst entdecke, all diese Sachen haben ihren festen Platz und dazwischen bleibt dann nicht mehr viel von selbigem. Der Backstagebereich gleicht einem Labyrinth, das sich dem Uneingeweihten von außerhalb nicht beim ersten Mal erschließt. Da gibt es unterschiedliche Ebenen, Halbetagen, und Galerien, scheinbar ins Nichts führende Einlässe und viele dunkle Ecken und Nieschen. Eine Welt für sich.

107 Mitarbeiter sind pro Abend im Einsatz

In Relation zur Gesamtzahl der Mitarbeiter gesetzt, die Abend für Abend auf der Matte stehen, um einen geordneten Veranstaltungsbetrieb zu gewährleisten, nimmt sich das Häuflein der 16 Bühnentechniker vergleichsweise bescheiden aus. Insgesamt sind im Dome vis-a-vis der gleichnamigen ”kleinen Kirche” Abend für Abend 107 Bedienstete im Einsatz, das Vorderhauspersonal und den Toilettenmann/-frau mitgerechnet.

Nun ist, entgegen der weit verbreiteten Ansicht, auch in einem Theater wie dem Musicaldome immer noch sehr Vieles Handarbeit, aller Computer gestützter Abläufe zum Trotz. Dem Grad der Automatisierung sind natürliche, durch den Faktor Mensch bedingte Grenzen gesetzt. Anders formuliert: Es ist nicht so, dass ein Druck auf den Startknopf genügt, und alles läuft (wie) von selbst. Das richtige Timing ist wie im wirklichen Leben entscheidend und es wird von unterschiedlichen Parametern beeinflusst. Das Textbuch oder der Klavierauszug der Partitur ist, vereinfacht ausgedrückt, das Kursbuch für den Abend. Dort sind alle auf die Note bzw. das Stichwort genau geplanten Lichtwechsel, Ton- und/oder Videoeinspielungen sowie szenischen Verwandlungen, Öffnen und Schließen des Vorhangs inklusive, vermerkt. Wann die zu erfolgen haben, signalisiert der eingangs erwähnte ”Caller” bzw. der Inspizient der jeweiligen Stelle (Beleuchtung, Tontechnik, Kulissentechnik usw.), die dieses Kommando dann umsetzt.

Jede Show ist anders

Dass solches nicht nach ”Schema F” erfolgen kann, ergibt sich schon allein aus der Tatsache, dass auf der Bühne keine programmierten Roboter agieren, sondern Künstler, Menschen. Deren Aktionen und Interaktionen sind, obwohl genau einstudiert und einem exakt festgelegten Ablauf folgend, individuell unterschiedlich. Der eine hält vielleicht den Ton etwas länger, die andere spricht oder bewegt sich schneller. In der Summe aller Unterschiedlichkeiten ergibt sich so ein jeweils einmaliges und nicht reproduzierbares Ganzes, auf das jeweils, Abend für Abend, neu reagiert werden muss. Schon allein deshalb ist keine Vorstellung wie die andere, wie auch kein Ei dem anderen gleicht. Insofern wird es, sagt Daniel Schult, allen Beteiligten auch nie langweilig, auch wenn sich im Laufe der Zeit eine gewisse Routine einstellt. Er selbst macht diesen Job in wechselnden Verantwortlichkeiten seit 15 Jahren. Für ihn und die Seinen ist aber jeder Abend aufs Neue eine Herausforderung. The show must go on!
Quelle: Jürgen Heimann

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