‘Oh mein Gott, es ist nicht Webber!’…

‘Oh mein Gott, es ist nicht Webber!’…

…das denken immer noch viele Zuschauer, wenn sie dieses Musical zum ersten Mal sehen. Denn leider ist der Titel ”Das Phantom der Oper” sehr eng, wenn nicht sogar zu eng mit Andrew Lloyd Webber verbunden. Doch man solle immer eines bedenken: Nicht überall, wo ”Das Phantom der Oper” draufsteht, ist auch Andrew Lloyd Webber drin. Und das ist auch gut so.

Diese neue Inszenierung von Sahlia Raschen und Ulrich Gerhartz sprüht vor Witz, Charme und Eleganz. Ein wunderbar ausgesuchtes Ensemble, unter anderem mit Axel Oelzinger als Phantom, der wahrlich seinen Spaß an der Rolle hatte und einer bezaubernden Deborah Sasson als Christine, die die Stärken und die Schwächen dieses Charakters sehr gut ausloten und interpretieren konnte.

Thomas Mülner war leider als Raoul de Chagny verhindert, da er absolut Sprech- und Singverbot hatte, doch die Rolle des Grafen wurde mit Arno Maubach adäquat besetzt, obwohl dies erst sein zweiter Auftritt in dieser Rolle war. Er hatte zuvor die Rolle des Kommissars gespielt, die nun von einem Kollegen übernommen wurde. Trotz dieser sehr kurzfristigen Umbesetzung war die Show ein gelungener Abend, den das Publikum in dem ausverkauften Saal sehr genossen hat. Hätte Deborah Sasson es vor der Show nicht angesagt, hätte man nicht gemerkt, daß er diese Rolle erst zum zweiten Mal spielte. Er wurde dafür am Ende der Show mit tosendem Applaus gewürdigt, den er wirklich verdient hatte.

Das Orchester, das übrigens alles live spielte, wurde dirigiert von Peter Moss, der von manchem Darsteller in seiner Rolle mit in das Stück einbezogen. So zum Beispiel von Anne Welte als La Carlotta, als sie ”Faust in einem verwunschenen Saal” sang und ihr dabei ein unglaubliches Mißgeschick widerfuhr, woran natürlich das Phantom schuld war. Zweimal forderte sie Peter Moss auf, ihre Arie erneut zu beginnen, was natürlich jedesmal wieder in demselben Mißgeschick – sehr zur Freude des Publikums – endete. Dafür wurde er am Ende mit einer Rose von ”Carmen”, alias Christine Daeé, alias Deborah Sasson, belohnt.

Bemerkenswert an dieser Musicalfassung ist, daß es hier, wie auch im Musical von Ken Hill klassische Arien gibt, wie zum Beispiel ”L’amour est un oiseau rebelle (Habanera)” aus Bizets ”Carmen” oder ”Libiamo” aus Verdis ”La Traviata”. Somit also wie gemacht für die klassisch ausgebildete Deborah Sasson, die jede dieser Arien mit voller Inbrunst sang, ebenso die Arie des Phantoms, die auch ein klassisches Werk ist.

Die Art wie das Musical endet, ist sehr faszinierend, denn noch nie endete ein Musical so. Man mag versucht sein zu glauben, daß, nachdem Christine Daeé ihre letzte Arie gesungen hat und ihr alle Mitglieder des Opernensembles, inklusive La Carlotta, Au revoir gesagt haben, das Musical nun endet, aber nein… ohne zu viel sagen oder schreiben zu wollen, nur so viel: Die Herren Operndirektoren lassen mit einer fulminanten Überraschung aufwarten.

Eingefleischte ”Phantom der Oper” Fans werden bemerken, daß es in dieser Fassung nun auch endlich zwei sehr wichtige Charaktere gibt, die in anderen Musicals immer weggelassen wurden: der Perser zum einen, und Mama Valérius zum anderen. Der Perser, gespielt von Michael Schüler, der bei Gaston Leroux als ”der unheimliche Perser mit dem bösen Blick” dargestellt wird, ist hier der Gast und Gönner der Opéra Garnier, was seine Präsenz in der Oper und während des Maskenballs erklärt. Auch wird erklärt, warum er am Ende Raoul de Chagny nach unten in die Katakomben begleitet, eine sehr gute Lösung. Mama Valérius, Christines Ziehmutter, wird von Anne Welte, die auch La Carlotta spielt, dargestellt. Für diese Vollblutschauspielerin ist die Gratwanderung zwischen der intriganten Operndiva und der besorgten, altersschwachen Mutter ein Kinderspiel. Bei La Carlotta weint man vor Lachen, bei Mama Valérius vor Rührung.

Das Bühnenbild von Laurentiu Tuturunga mag dem einen oder anderen zu Beginn etwas spartanisch vorkommen, doch man erkennt sehr schnell, wie clever es doch ist, alle Teile in einem großen Bühnenbild zu verbinden und es dann einfach zu drehen, so wie man es braucht. So wird auch Christines Garderobe sehr schnell die Treppe in Mama Valérius Wohnzimmer und daraus wieder die dunklen Katakomben der Pariser Oper. Verbunden mit der Computertechnik, die die Hintergrundbilder auf eine Leinwand projiziert und, bei der Maskenball-Szene, den Kronleuchter hinunterfallen läßt, ergibt sich ein Gesamtbild, was die Zuschauer in die Opéra Garnier entführt.

Jede der Rollen, angefangen von den Hauptrollen, bis hin zum Ensemble wurde mit einem passenden Darsteller besetzt. Die Rolle der Christine Daeé mit Deborah Sasson zu besetzen, war ein Geniestreich, denn so vereinen sich Gesang und Schauspieltalent in einer attraktiven Frau. Wurde die Rolle der Christine oft zu wenig beleuchtet und sie einfach nur als ”die Liebe des Phantoms” dargestellt, so bekommt sie in diesem Musical Tiefgang. Axel Oelzinger als Phantom zu besetzen, war der zweite Geniestreich, da sich in ihm das Herrische des Phantoms und die innere Zerrissenheit dieses Menschen namens Erik, wunderbar vereinen. Auch Anne Welte, die in ihrer Doppelrolle brilliert, ebenso Stefan Schael und Mariano Skroce als die Operndirektoren Firmin und Moncharmin. Auch Michael Schüler, der einerseits den Perser und andererseits auch den Mephisto darstellte, konnte beide seiner Rollen mit Leben füllen. Die drei Ballettmädchen Jammes, Giry und Denise und ihre Ballettlehrerin Madame Sorelli (Iris Kunz, Corinna De Pooter, Joanna Sperska und Elisabeth Wukitsevits), ebenso der Inspektor und sein Assistent (Marcin Drzadzinski, der ebenso noch den Faust gab), runden die Riege der Darsteller ab.

Wenn man nach dieser gelungenen Inszenierung das Theater wieder verläßt, verläßt man es in gelöster Stimmung, vielleicht noch das ein oder andere Lied summend und in dem Wissen, daß es mehr gibt als nur Webber, so war es, so ist es und so wird es immer sein.
Quelle: Christine Daaé

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