Interview Norberto Bertassi

Ursprünglich kommen sie aus Italien. Wann und warum hat es sie nach Österreich verschlagen?

Ich kam bereits mit 12 Jahren mit meiner Mutter und meiner Schwester nach Wien. Da mein Vater, der aus Mailand stammte, unerwartet mit dem Auto tödlich verunglückte, entschied sich meine Mutter für eine Rückkehr mit uns Kindern nach Wien. Da habe ich dann erst Deutsch gelernt. Es war eine große Umstellung für uns.

Sie waren zum letzten Mal in einer Großproduktion der VBW in der Uraufführung von ”Elisabeth” zu sehen. Warum haben sie sich dann von den großen Bühnen zurückgezogen?

Ich musste mich aus gesundheitlichen Gründen von den großen Bühnen zurückziehen. Die Entscheidung fiel mir damals nicht leicht.

Hätte sie irgendeine Rolle nach ihrer Zeit bei ”Elisabeth” gereizt?

Natürlich. Zum Beispiel der Quasimodo in ”Der Glöckner von Notre Dame”. Damals rieten mir aber die Ärzte meine Bühnenkarriere frühzeitig zu beenden.

Wie kam es, dass sie für die Rolle des Ben in ”Rebecca” engagiert wurden, was somit ja einem Comeback für sie auf der Bühne gleichkommt? Kam jemand auf sie zu oder gingen sie ganz normal zu einer Audition?

Ich kann mir ein schöneres Comeback gar nicht vorstellen. Da ich vor ungefähr zwei Jahren anfing mich wieder besser zu fühlen, entschloss ich mich von einem Tag zum anderen beim nächsten Casting, das für mich rollenmäßig in Frage käme, zu bewerben. Ich erfuhr von der Rolle des Ben und nahm mir vor, für diese wunderbare Figur vorzusingen.

Kannten sie den Roman von Daphne du Maurier schon vorher oder war der Stoff vollkommen neu.

Ich kannte weder den Roman noch den Film von Hitchcock, aber die Beschreibung der Figur hatte mich regelrecht gefangen genommen, ich dachte mir sofort: ”Der Ben, das bin ich”.

Haben sie sich irgendwie speziell auf ihre Rolle als Ben vorbereitet? Es handelt sich doch um einen nicht alltäglichen Charakter, da er ein geistig behinderter Mensch ist.

Ich habe im Rahmen meiner Regietätigkeit bereits drei Projekte mit behinderten Menschen gemacht. Sehr bald musste ich feststellen, dass ”Behinderung” eine reine Definitionssache ist. Oft wurde ich von diesen Kindern durch ihre Freude und Lebenslust tief beschämt. Ich hoffe, ich kann bald wieder mit behinderten Kindern ein neues Theaterprojekt starten. Der enge Kontakt mit ihnen hat mich sehr geprägt. Es ist schön die Liebe dieser Kinder durch die Figur des Ben auf der Bühne nochmals zurückgeben zu können.

Eine große Leidenschaft von ihnen dürfte ihr Projekt ”teatro” sein, dass sie 1999 ins Leben gerufen haben. Wie kam es dazu und mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen, bis ein Musical über die Bühne gehen kann?

Ja, teatro ist wirklich eine große Leidenschaft von mir. Dieses Projekt ist eigentlich auf Grund meiner Krankheit entstanden. Ich zog mich bei einem niederösterreichischen Biobauern zurück. Als dieser von meinem Beruf erfuhr, fragte er mich, ob ich mir auf seinem Hof ein Theaterstück mit Kindern vorstellen könnte. Ich antwortete: ”Warum nicht!” Und so begann die Geschichte von teatro.

Ein Musical auf die Bühne zu bringen ist in der Tat mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Man braucht ein Budget, einen geeigneten Spielort, gute Darsteller, eine gute Geschichte und natürlich eine gute Musik. Da ich aber mit dem Projekt eigentlich ganz alleine anfing, bin ich wahrscheinlich mit der Aufgabe gewachsen. Die ersten Jahre waren sehr anstrengend. In einem unbekannten Ort, mehr als eine Stunde von Wien entfernt, fast ohne Budget eine erfolgreiche Produktion hinzulegen, grenzt heute an ein Wunder. Sehr oft wollte ich alles hinschmeißen. Die vielen lachenden Kinder haben aber dies verhindert.

Sie bringen seit einigen Jahren jährlich ein neues Kindermusical auf die Bühne. Sie sind selbst für die Musik, Texte und die Regie verantwortlich. Woher nehmen sie die Inspiration dafür?

Ich mag die Bezeichnung ”Kindermusical” nicht sehr, weil man leider oft an nicht sehr anspruchsvolle Theaterproduktionen denkt. Wir bezeichnen unsere Sommerproduktionen daher schlicht als Musical und sind immer sehr froh, dass nicht nur Kinder kommen.

Was die Inspiration anbelangt, da kann ich keine genaue Antwort geben. Es ist ein innerer Drang etwas Neues zu schaffen. Die Kombination von Musik, begabten Kollegen, kreativen Kinder und Jugendlichen genügt, um mir neue Ideen kommen zu lassen. Ich muss aber, bevor ich zu schreiben beginne, wissen welche Darsteller mitmachen werden. Daher beginne ich mit dem Schreiben eines neuen Musicals ziemlich spät. Für das kommende Musical habe ich zum Beispiel nur drei Lieder komponiert und die sind noch nicht ganz fertig.

Diesen Juli gibt es im Schloss Katzelsdorf (bei Wiener Neustadt) die Uraufführung von ”Das kleine ich bin ich”) von Mira Lobe. Warum haben sie dieses Werk gewählt, was möchten sie den Besuchern damit sagen? Wie erklären sie sich die immer wachsenden Besucherzahlen, die den Erfolg ihrer Produktionen bestätigen?

Das wunderbare Schloss Katzelsdorf, das der Gemeinde Katzelsdorf gehört, ist ein schwieriger, aber sehr reizvoller Spielort. Wir werden von der Gemeinde Katzelsdorf (vor allem durch die Unterstützung der Frau Bürgermeister Hannelore Handler-Woltran) wesentlich unterstützt. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Der vorjährige Erfolg mit dem Stück ”Die Geggis – reloaded” hat dann auch noch alle Zweifler überzeugt. Wir haben daher ab sofort eine neue feste Spielstätte und können dadurch viel besser planen und produzieren. Wir haben auch vor, uns für das jährliche Theaterfest in NÖ zu bewerben, aber das ist wieder ein anderes Kapitel.

Ich habe mich u.a. für für ”Das Kleine Ich bin Ich” von Mira Lobe entschieden, weil ich soviel Freude mit den ”Geggis” hatte, die ja auch aus ihrer Feder stammen.

Der Erfolg von teatro und die daraus folgenden wachsenden Besucherzahlen haben eigentlich einen einzigen Grund: Qualität. Qualität in allen Bereichen. Eine Qualität, die sich aber in einem finanziellen Rahmen halten muss. Da ich mit vielen begabten Künstlern befreundet bin, schaffe ich es immer wieder einige zu überzeugen, auch für wenig oder zumindest für weniger Geld mit teatro zusammen zu arbeiten. Das geht natürlich nicht für alle Ewigkeit so, aber für die erste Phase von teatro war es wichtig und notwendig. Ich konnte in den letzten Jahren auch das Land NÖ überzeugen, dass wir eine wichtige Aufgabe für NÖ erfüllen und heuer werden wir – so Gott will – auch erstmals finanziell dafür belohnt. Mit dieser finanziellen Besserstellung kann ich mir endlich auch einige Stars leisten. Zum Beispiel Walter Lochmann als musikalischen Leiter, Aris Sas und Andrea Malek in zwei Hauptrollen.

Wir werden heuer auch viel mehr Geld in Kostüme und Licht investieren. Last but not least auch für Marketing und Werbung. Mehr Werbung bedeutet natürlich auch mehr Auslastung, aber nur unter der Voraussetzung, dass die Qualität stimmt. Denn was nützt es, wenn man viel in Werbung investiert und das Publikum von der Produktion nicht begeistert ist. Die kommen nie wieder.

Viele Besucher sind Stammgäste, sind von einer Produktion begeistert und kommen im Folgejahr wieder, weil sie unsere Produktionen mögen. Nicht unwichtig ist sicherlich auch, dass wir nichts nachmachen, sondern jährlich eine Uraufführung auf die Bühne stellen. Wir vermarkten uns sicherlich noch nicht sehr gut, aber das kommt noch, alles braucht Zeit.

Möchten sie nach ”Rebecca” weiterhin auf der Bühne agieren oder bleiben sie lieber als Regisseur, Autor und Komponist im Hintergrund?

Da ich wieder gesund bin, genieße ich es sehr wieder auf der Bühne zu stehen. Der direkte Kontakt mit so vielen begeisterten Zuschauern befriedigt die extrovertierte Seite in mir, die ich in den letzten Jahren sehr zügeln musste. Wenn es in Zukunft wieder eine spannende Aufgabe auf der Bühne gibt, bin ich sicherlich dafür zu haben. Das Projekt teatro werde ich aber auf alle Fälle vorantreiben, da ich eine große Verantwortung spüre, erstens den Nachwuchs zu fördern und zweitens Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben früh mit professionellen Künstlern in einer musikalischen Theaterproduktion zusammenzuarbeiten.

Schließlich ist das Komponieren sicherlich meine wichtigste Berufung, der ich noch viele Jahre weiter nachgehen will. Ich plane für die Zukunft auch ein Musical für Erwachsene: Ein biblisches Thema, aber mehr will ich noch nicht verraten. Ich bin zurzeit auf der Suche nach einem Theater oder nach einem Produzenten, der es uraufführen will. Da werde ich sicherlich noch ein wenig Geduld aufbringen müssen, aber da jedes Stück bis jetzt beim Publikum sehr gut angekommen ist, wird auch dieses Stück seine Geburt erleben.

Vielen Dank, Herr Bertassi für das ausführliche Interview und alles Gute für ihre zukünftigen Projekte.
Quelle: Andrea Martin

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