Anything goes, Grazer Oper

Bis Juni 2007 ist der Luxusliner ”MS America” in der Grazer Oper vor Anker gegangen. Mit ”Anything goes” bekommt das Publikum jede Menge Liebes- und Verwechslungsgeschichten serviert und erst am Ende, wenn sich alles in Wohlgefallen aufgelöst hat, erfährt man, wer mit wem schlussendlich zusammenkommt.

Die Texte der Songs werden in englischer Sprache gesungen, für alle, die dieser Sprache nicht mächtig sind, gibt es eine eingeblendete Übersetzung oberhalb der Bühne. Praktisch ist das sicherlich nur für das Publikum in den Rängen, da man im Parterre zu sehr den Kopf nach oben verdrehen müsste, um die Schrift lesen zu können. Leider gab es bei manchen Darstellern wiederholt Mikrofonprobleme, was nicht unbedingt zur Verständlichkeit der Songs beitrug. Das Orchester, unter der Leitung von Michael Brandstätter, war einfach lauter und die Sänger versuchten vergeblich dagegen anzukämpfen. Vor Ablegen des Schiffes ziert eine beeindruckende Außenansicht des Dampfers die Bühne. Während des Stücks werden u.a. der vordere und der hintere Teil des Schiffes mit Seitentreppen und Reling als Spielorte verwendet.

An Bord befinden sich die unterschiedlichsten Charaktere und in den zweieinhalb Stunden wird versucht, dem Publikum soviel wie möglich über sie zu erzählen.

Elisha Whitney alias Götz Zemann, seines Zeichens Börsenmakler, trifft an Bord unverhofft auf seine Jugendfreundin Evangeline Harcourt, bei der er mit oder ohne Brille immer ins Schwitzen gerät. Für einen Lacher sorgt vor allem die Szene, als er mehr oder weniger hilflos unter ihr zu liegen kommt, nachdem sie sich mit ”Let’s do it” auf ihn stürzt.

Evangeline Harcourt wird von Dagmar Hellberg dargestellt. Sie spielt gekonnt eine mittellos gewordene Lady der High Society und hat alle Hände voll zu tun mit den Hochzeitsvorbereitungen ihrer Tochter Hope. Ihr Outfit wird von einem orangefarbenen, um den Hals gelegten Fuchs dominiert. Lediglich der kleine Yorkshire Terrier ”Benjamin Franklin” (für ihn gibt es gleich drei Besetzungen), der gemäß der neuen Mode auf Händen oder in einer Tasche getragen wird, läuft dem Fuchs den Rang ab. Dagmar Hellberg läuft zur Höchstform auf, als sie vor einem Eisberg gewarnt wird und sie in ihrer Panik erst zum Rettungsboot möchte, bevor sie ihren Fuchs, das Schmuckköfferchen und die Schwimmweste geholt hat. Es stellt sich jedoch heraus, dass alles nur ein übler Scherz war. Eine tolle Show liefert sie bei der Bettszene mit Zemann. Ohne viel Federlesen wird dieser auf’s Bett befördert. Schlussendlich sitzt sie auf ihm und glänzt bei ihrem Song ”Let’s do it” mit einem wunderbaren Schlusston.

Die Tochter Hope von Mrs. Harcourt wird von Elisabeth Ebner gespielt. Sie gibt die gelangtweilte Verlobte von Lord Evelyn Oakleigh und sobald das Publikum ihn besser kennt, kann man sie auch verstehen. Erst als sie ihre Liebe Billy Crocker an Bord weiß, taut sie auf und hat mit ihm u.a. das bekannte Duett ”It’s de-lovely”. Ebner hat eine sehr dunkle Stimme, die für diese Rolle fast schon zu erwachsen wirkt, singt aber dennoch mit ”Goodbye, little dream, goodbye” ein schönes Solo.

Daniel Prohaska hat die Rolle des blinden Passagiers Billy Crocker übernommen. Zur Wahrung seiner Tarnung versucht er alles. Er erhält einen neuen Namen, Henry-Charles von Kachelöfen, den Moonface Martin einfach aus dem Telefonbuch entnommen hat, verkleidet sich als Matrose und verbündet sich sogar mit den an Bord befindlichen Gangstern. Prohaska stehen die Nadelstreifanzüge, die er vor und nach seiner Zeit als Möchtegern-Matrose anhat sehr gut und es ist kein Wunder, dass alle von Reno Sweeney bis Hope für ihn schwärmen. Mit ”Friendship” gibt es ein schwungvolles Duett zwischen ihm und Patricia Nessy. Stimmlich gesehen ist er nicht der Stärkste, da ihm die Wandlungsfähigkeit in der Stimme fehlt. Es ist trotzdem ein Vergnügen ihm zuzusehen, wenn er wie ein Gehetzter treppauf und treppab vor den diversen Verfolgen flüchtet.

Patricia Nessy steht als Reno Sweeney auf der Bühne. Sie ist eine glamouröse Predigerin, die vom Nachtclub ausgezogen ist, um die sieben Weltmeere zu erobern. Begleitet wird sie von ihren vier Engeln (Ariane Swoboda, Katharina Lochmann, Claudia Kraxner, Susanne Seimel). Sie veranstaltet beliebte und möglicherweise auch reinigende Bußandachten und trifft an Bord ihre große Liebe Billy Crocker. Für ihn singt die Nessy auch einen der Cole Porter Songs schlechthin ”I get a kick out of you”. Als ihr Billy jedoch von seinen Gefühlen zu Hope erzählt, steckt sie ihre zurück und tut alles, um die beiden zusammenzuführen. Glücklicherweise gibt es da ja noch Hope’s verschmähten Verlobten Lord Evelyn Oakleigh, der am Ende ihr Auserwählter wird. Bis dahin ist es jedoch ein weiter Weg. Mit ”You’re the top” versucht Reno Billy Mut zu machen und für seine Liebe zu kämpfen. Die Outfits dieses Charakters enttäuschen ein wenig, da man sich von einem Glamourgirl mehr erwartet hätte. Nur bei ”Blow, Gabriel, blow” darf es ein bißchen weniger sein. Die weiblichen Rundungen werden bei Reno und den Engeln betont und auch die Netzstrümpfe erzielen die gewünschte Wirkung. Nur die schwarzen, weiten Shorts sind nicht wirklich sexy. Patricia Nessy darf auch den Titelsong interpretieren, den sie mit Bravour meistert. Vor allem die Steppeinlage vom gesamten Ensemble ist beeindruckend.

Die Rolle des Lord Evelyn Oakleigh hat Christian Stadlhofer übernommen und ist unschlagbar. Egal ob er mit Brechreiz an der Reling steht oder in einer Unterwäsche à la Modell Liebestöter, mit seinem Schwert Excalibur herumspielt, er holt alles aus diesem Charakter heraus. Er hat die Sympathie des Publikums sofort auf seiner Seite, auch wenn letztendlich herauskommt, dass er einen ”Chitty Chitty Bang”-Seitensprung mit einem chinesischen Mädchen, namens Pflaumenblüte hatte.

Den Gangster Moonface Martin spielt Boris Pfeifer. Er stellt einen weiteren Charakter dar, der für Spaß und Spannung sorgt und es gibt so manche Situation, bei denen sich das Publikum vor lauter Lachen nicht mehr halten kann. Boris versteckt sich, um nicht erkannt zu werden, in einem Priestergewand und es ist ein Vergnügen ihm zuzusehen, wenn er mit seiner riesigen Waffe vor den Augen der anderen herumfuchtelt. Mit ”Be like the bluebird” hat Boris einen schönen Song, bei dem er Billy erklärt, dass ihre derzeitige Situation, nämlich in der Gefängniszelle des Schiffes zu sitzen, gar nicht so schlimm ist. Er zeigt allerliebste Vogelbewegungen, die mit ”tweed tweed” Geräuschen untermalt werden. Boris ist auch herrlich genervt, wenn ihn Erma immer wieder ihre Vorzüge präsentieren will und er sich doch nicht für sie begeistern kann.

Die quirrlige Erma, die sich so gut wie nie zwischen den einzelnen Matrosen an Bord entscheiden kann, wird von Isabell Classen gespielt. In grünem Schlangenlederoutfit gibt sie die Gangstergefährtin von Moonface Martin, bis sie jemanden findet, der ihr mehr zugetan ist. Isabell überzeugt in allen Lebenslagen. Egal, ob sie sich für Boris fast nackig macht, einen herrlich hysterischen Lachanfall bekommt oder eine vom Teufel Besessene mimt, sie sorgt immer für gute Laune. Auch bei ihrem Solo ”Buddie, beware” liefert sie eine gute gesangliche Leistung mit einer flotten Steppeinlage, bei der sie von den Matrosen, die ihr zu Füssen liegen, unterstützt wird.

Benjamin Rufin als Steward ist derjenige, der am Ende das große Los mit Erma gezogen hat. Auch hat er viele Lacher auf seiner Seite, wenn er andauernd sämtliche Wörter verwechselt oder mit seinem Schnellredetalent – bei dem er unschlagbar ist – überzeugt.

Als Kapitän des Schiffes steht Previn Moore auf der Bühne. Er hat keine große Rolle, darf aber mit einer Rose in der Hand ein gefühlvolles ”Night and Day”, das aus dem gleichnamigen Stück ausgeborgt wurde, singen.

”Anything goes” ist auf alle Fälle ein Stück, das man sich nicht entgegen lassen sollte, wenn man gerne einen unterhaltsamen Theaterabend erleben möchte, denn der ist, aufgrund des Einsatzes aller Beteiligten auf jeden Fall garantiert.
Quelle: Andrea Martin

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