Stardinner in Dinslaken: Gaumenfreuden zwischen intimen Kerzenschein und leutseligen Musical-Titanen

Yngve Gasoy-Romdal und Andy Bieber wünschten “Guten Appetit”

Experiment gelungen – Patient lebt. Und es geht im prächtig. Natürlich war es ein Wagnis, aber auch hierbei galt: No risk, no fun! Und letzteren, Spaß eben, hatten alle, Publikum wie Künstler. In der Stadthalle von Dinslaken hat Mitte dieses Monats die Geburtsstunde eines neuen Veranstaltungsformats geschlagen: “Star-Dinner”. Wie pflegt sich doch gleich noch mal der gebildete Serbokroate auszudrücken: Nomen est omen! Aber auch der Untertitel hielt, was er versprach: “Das exklusive Abendbrot”. Wobei die Bezeichnung “Abendbrot” leicht untertrieben war. Die Gastgeber hatten den Mund dabei nicht zu voll genommen, allenfalls die Besucher. Und das, wohl bekomm’s, war ja auch mit Sinn der Sache. Eine leckere-sättigende Angelegenheit in jeder Hinsicht. Gaumen- und Ohrenfreuden pur.

Hinter der schmackhaften Operation standen und stehen zwei emsige Herren, auf deren Konto bereits die populäre “Sommernacht des Musicals” und “Musical on Ice” geht: Thomas Bauchrowitz und Bertram Ernst. Was diese Beiden anpacken,. Hat nun mal Hand und Fuß. Mit der neuen Produktion scheint das erfolgreiche Tandem erneut das richtige Gespür bewiesen zu haben, wobei diese nicht als Massen-Event ausgelegt ist, sondern ihre Stärken eher in der Intimität eines kleinen, begrenzten Kreises zur Entfaltung bringen kann.

Nun durften sich die Organisatoren mit der Besetzung von Anfang an auf der sicheren Seite wähnen, doch alles andere war zunächst einmal ungwiss. In Yngve Gasoy-Romdal und Andy Bieber hatten die Veranstalter zwei Titanen und ausgewiesene Sympathieträger des Musical-Genres als “Oberkellner” gewinnen können, die ihren Part mit Liebenswürdigkeit, Inbrunst und lockerer Spontaneität ausfüllten. Zwei geborene Entertainer mit herausragenden stimmlichen Qualitäten. Hätten sie profanen Fischstäbchen aus der Tiefkühlruhe auftischen lassen, es hätte auch keinen gestört..

Nun haben Stadthallen wie auch die von Dinslaken normalerweise ja den heimelnden Charme einer gefliesten Bahnhofshalle aus seligen Wirtschaftswundertagen zwischen Mitternacht und ein Uhr früh. Das Problem der kühlen Tristesse löste man in der Musicalhochburg am Niederrhein durch ein ebenso geschicktes, wie schlichtes Lichtdesign. Gedimmte Beleuchtung, flackernde, gemütliche Kerzenflammen auf den festlich gedeckten Rundtischen, und die Welt sah gleich schon ganz anders aus.

Die personelle Bandbreite des “Orchesters” erschöpfte sich in Bertram Ernst am Flügel und Cornelius Borgholte an der Klarinette/Saxophon. Da war’s auch schon. Mehr wäre aber auch weniger gewesen. Die beiden Musiker brillierten durch einfühlsames und mitreißendes Spiel, und das alles quasi “unplugged”. Der Zauber zweier virtuos beherrschter Instrumente war spür- und greifbar.

Die Auswahl der Songs zeugte von Geschick und Gespür. Klassiker und Hits aus der Musicalwelt, aber auch weniger bekannte Raritäten und Bonbons aus selbiger, gepaart mit etwas Pop, Folk und Stücken, die sich einer eindeutigen Zuordnung entziehen, vermengten sich zu einer exquisiten, spannenden und bekömmlichen Mischung.

Als dritte Vokalkraft hatten sich die beiden Stars des Candlelight Dinners eine junge, talentierte Kollegin mit ins klangvolle Boot geholt: Katja Uhlig hat das Zeug zu einer großen Karriere.Und noch eine weitere Künstlerin, wenn auch eine mit einer ganz anders gestrickten Mission, stand ihnen zur Seite: die Schauspielerin Luzy Muhr, ein Dinslakener Urgewächs. Sie ergänzte den abwechslungsreichen Reigen durch ausdrucksstarke Rezitation ausgesuchter Texte. Die bange Frage, wie ein ausgewiesenes, passioniertes Musical(fan)publikum, und mit einem solchen hatte man es hier zweifelos zu tun, auf ein derartiges, eher artfremdes Element reagieren würde, beantwortete sich in dessen zustimmenden Reaktionen quasi von selbst. Eine echte Bereicherung, wobei diese rezitativen Blöcke weit mehr als Lückenfüller oder Überleitung waren.

King Arthurs gefährliches Spiel

Zwischen dem gemeinsamen “On Broadway” (Smokey Joes Cafè) am Anfang und Ende der Setlist wartete auf die Zuhörer eine abwechslungsreiche Entdeckungsreise, wobei sich auch scheinbar bekannte Etappenziele in neuer, ungewohnter Architektur offenbarten. Das fing bei dem eher unbekannten “Perhaps Love” von John Denver oder “Wicked” aus “Hedwig and the angry Inch” in stimmigen und außergewöhnlichen Interpretation von Andy Bieber an und hörte bei “Listen to my Song” oder “Take the moment” des sympathischen norwegischen Überfliegers noch lange nicht auf. Mit “Lily’s Eyes” aus Lucy Simons “Secret Garden” glückte den Herrn der Schöpfung ein fulminantes, zugabetaugliches Highlight des Abends. Als ein solches kam auch ihr Duett “You walk with me” aus “The Full Monty” daher.

Dass der smarte und scheinbar ewig junge Ex-Joseph mit (einer deutsch-englischen Version von) “Close every door” an seine große, unvergessene Zeit als Gastarbeiter am Hof des rockenden Pharao erinnerte, war einfach Pflicht. Den bunten Träumermantel hatte Bieber freilich zu Hause gelassen. Ebenso wenig kam der Kollege aus Skandinavien um “This ist the moment”/”Dies ist die Stunde” aus Jekyll & Hyde, eine seiner vielen Paraderollen, herum. Aber auch an der Seite der reizenden Katja Uhlig, die sich zuvor an das schwierige “Ich gehör’ nur mir” aus “Elisabeth” gewagt hatte, schien sich “King Arthur” in spe sichtlich wohl zu fühlen. Das fand seinen furiosen Ausdruck im “Gefährlichen Spiel”, während die beiden auch mit dem “Phantom der Oper” ein ausnehmend brillantes Paar abgaben. Yngve als maskierter Operngeist, das wär’s!

Flotte Sohle mit der Dame aus Reihe 1

Im Rahmen des, die Schlacht am erlesenen, gar nicht kalten Büffett mit gerechnet, mehr dreistündigen Programms blieb genügend Raum für Spontaneität und Improvisation. So wagte Charmebolzen Andy Bieber ein Tänzchen mit einer Besucherin, während sich der Musical-Caruso der Neuzeit nach seinem von sintflutartigen Regenfällen begleiteten Dinslaken-Debüt vor einem Jahr wunderte, dass diesmal alles trocken blieb. Sie, wie ihre Mitstreiter, waren und blieben an diesem Abend hautnah am Mann bzw. der Frau, erwiesen sich als Stars zum Anfassen, agierten blendend aufgeräumt und leutselig zwischen den Tischreihen oder auf dem nur wenige Zentimeter erhöhten Bühnenpodest. So wurde der Eindruck einer Distanz zwischen Akteuren und Publikum schon im Keim erstickt.

Es gibt natürlich einen Nachschlag

Und nebenbei bemerkt: Was die Gaumenfreuden anbelangt, blieben ebenfalls keine Wünschen offen.Es müssen, wie sich schmackhaft zeigte, ja nicht immer irgendwelche prominente Sterneköche aus dem Fernsehen sein, die hinter den Kulissen mit Pfannen und Töpfen jongliert. Wer da die Löffel schwingt, ist den Leuten egal, Hauptsache, er/sie versteht sein/ihr Fach und es mundet. Und das tat’s! Und es wird auch einen Nachschlag geben. Versprochen. Im nächsten Jahr, gleiche Welle, gleiche Stelle. Dann natürlich, der Abwechslung wegen, in anderer Besetzung.

Quelle: Jürgen Heimann

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