Kölner Ensemble machte Musical für Gehörlose erfahr- und erlebbar

Gestenreich die Welt der Stille durchbrochen: Jekyll & Hyde in Gebärdensprache

Vermutlich kann kein Gesunder ermessen und nachvollziehen, was es bedeutet, in einer Welt der Stille leben zu müssen, ohne Geräuschwahrnehmung und vor allem ohne Musik. Um so dankbarer werden dann natürlich Offerten quittiert, die dazu beitragen, dieses Abseitsstehen wenigstens für wenige Stunden zu durchbrechen und vergessen zu lassen. Im Kölner Musical-Dome wollte man dahingehend, Karneval hin, Fasching her, unlängst ein Zeichen setzen.

Im Rahmen einer Sondervorstellung trat das Ensemble von ”Jekyll & Hyde” an, Gehörlosen, Schwerhörigen und Ertaubten die Faszination des Genres Musical näher zu bringen und zu vermitteln. Ähnliches hatte es, als die Kaiserin Elisabeth noch in Essen Hof hielt, weiland schon einmal im Colosseum-Theater gegeben, jedoch nicht in diesem Ausmaß und mit dieser Konsequenz.

Großer technischer Aufwand

Die Idee für dieses ehrgeizige Projekt war von der Pressesprecherin des Musical Domes, Karin Hartig, geboren worden. Mit großem technischem Aufwand und mit noch größerem persönlichen Engagement hatten die Verantwortlichen und Akteure am Kölner Rheinufer die Voraussetzungen dafür geschaffen, damit für ihre Zielgruppe die komplette Inszenierung erfahrbar und erlebbar wurde. Das fing bei der Untertitelprojektion, die das komplette Libretto des Stücks wieder gab, an, und hörte bei der Induktionsschleife für Hörgeräteträger noch lange nicht auf.

Durch die Transkription der Kölner Gebärdendolmetscherin Britta Meinicke, die das Geschehen auf der Bühne in einen fließenden, lyrischen Gebärdentanz umsetzte, der dank eines Video-Beamers überall im Saal sichtbar war, wurden die Eindrücke weiter vertieft.

Für die Künstler eine gewaltige Herausforderung

Für die Darsteller stellte diese außergewöhnliche Show jedoch die größte Herausforderung dar, aber eine, ”die uns riesigen Spaß gemacht hat”, wie Thomas Christ, der ”Jekyll und Hyde” dieses Tages, zusammenfasste. Für die Künstler war das eine ganze neue und ungemein lehrreiche Erfahrung. Sie mussten nicht nur eine weitere ”Fremdsprache” verinnerlichen und lernen, sich durch ein völlig ungewohntes Gesten-Vokabularium verständlich zu machen. sondern sich während der Vorstellung auch synchron in zwei Sprachen gleichzeitig ausdrücken. Das hatten sie unter Anleitung der Essener Gebärdenchoreografin Winny Stenner zuvor wochenlang trainiert, bis es ihnen quasi in Fleisch und Blut übergegangen war. ”Am Anfang war das ein ganz schönes Ducheinander”, erinnern sich Jessie Roggemann alias Lucy Harris und Nicole Seeger (Liasa Carew). Denn: Schon ein kleines unkonzentriertes Abweichen in der Gestik kann dem ”Gesagten” einen ganz andere Bedeutung geben, und eine derartige Sinnentstellung macht ja die ganze Logik (und auch den Zauber) der Storyline zunichte.

Sieben Szenen in Gebärdensprache übersetzt

Die gesamte Inszenierung in Gebärdensprache zu übersetzen und zu präsentieren, wäre natürlich zu viel verlangt gewesen und hätte auch den gutwilligsten und engagiertesten Darsteller überfordert. Aber sieben komplette Szenen bzw. Lieder mussten es schon sein, die durchgehend in und mit der entsprechenden, begleitenden Gestikulation durchgespielt bzw. untermalt wurden Zu den Highlights zählten gleich zu Anfang Dr. Jekylls Solo ”Ich muss erfahren”, das Duett ”Nimm mich wie ich bin” mit seiner Verlobten Lisa, eine Strophe aus ”Mädchen der Nacht” (”Hoch hinauf”) von Lucy, deren Duett ”Nur sein Blick” zusammen mit des Arztes Verlobten und Jekylls ”Angst”.

Für die über 1.200 Besucher, die aus allen Teilen Deutschlands und sogar aus dem europäischen Ausland nach Köln gekommen waren, war es ”ein Fest der Sinne”, wie ein aus Berlin angereister Gast formulierte. Entsprechend enthusiastisch war zuvor der Applaus ausgefallen. Den hatten sich alle an diesem einzigartigen Projekt Beteiligten, ob sie nun vor, oder hinter den Kulissen gewirkt haben, redlich verdient. JÜRGEN HEIMANN
Quelle: Jürgen Heimann

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