Vergoldet von der Sonne Nubiens, veredelt von Elton John: Romeo und Julia am Nil

Große Gefühle, Dramatik und eine Brise Komik: „Aida“-Premiere in Essen

Mit dem Disney-Epos, das bis auf den Namen und das Grundmotiv wenig mit der gleichnamigen Verdi-Oper gemein hat, ist es der Deutschen Stage Holding gelungen, ein adäquates Nachfolgestück für ”Elisabeth” zu platzieren, eines, das sich als kaum weniger attraktiv, hochklassig und zugkräftig erweisen dürfte. Der Vorhang hatte sich noch gar nicht gehoben, da hatte ”Aida” bereits einen ersten Zuschauerrekord eingefahren: Über 14 Millionen Menschen sahen zu – allerdings im Fernsehn, bei Gottschalks Thommy. In ”Wetten, dass ….” in Karlsruhe präsentierte das Ensemble am Vorabend der Premiere einige Szenenausschnitte, um unmittelbar danach wieder gen Essen zu eilen. Nach dem offiziellen Startschuss am 5. Oktober steht fest: Die kurzweilige und packende Inszenierung wird im Gegensatz zur ”Titanic” garantiert nicht vorzeitig untergehen und dürfte, wie bereits am Broadway und in den Niederlanden, zum Kassenschlager werden. ”Aida” (Regie: Robert Falls/Keith Batten) muss man erlebt haben!

Optisch und musikalisch ein Hochgenuss

Die stimmige Show ist sowohl optisch als auch musikalisch ein Genuss. Dafür garantieren schon allein die 22 eingängigen Hit-Songs von Sir Elton. ”Sie gehören zu den Besten, die ich je geschrieben habe”, sagt der Komponist selbst. Mal treibend, rockig und fetzig, mal balladenhaft, verhalten, die Melodien gehen unter die Haut – und in die Beine. Aber nicht nur ausgewiesene Fans des geadelten Brillen-Freaks kommen hier auf ihre Kosten. Mag die Story auch uralt sein, die Partitur ist es nicht. Sie besteht aus einer Aneinanderreihung von Ohrwürmern. Selbige, exzellent orchestriert von Paul Bogaev und perfekt umgesetzt von einem bestens aufgelegten Orchester unter der Leitung von Bob Edwards, klingen noch lange nach dem Schlussvorhang nach. Sie dienen in erster Linie dazu, die Handlung voran zu treiben, nicht sie zu ersetzen.

Die modern erzählte Story von Romeo und Julia im Schatten der Pyramiden basiert auf einer Erzählung des französischen Ägyptologen Auguste Mariette Bay. Die beiden Protagonisten durften eigentlich nicht zusammen kommen, taten’s aber dennoch – und erstickten in einem Sandgrab. Aber das war kein Unglücksfall, sondern der Vollzug eines Todesurteils.

Opulent, aber nicht überladen

Die (ziemlich freie) Übersetzung der Originaltexte von Tim Rice ins Deutsche stammt von Michael Kunze. Germaniens erfolgreichster Librettist hat auch dabei wieder ganze Arbeit geleistet. Die Bühnenbilder und Kostüme (Bob Crowley) sind märchenhaft schön und eindrucksvoll, das Lichtdesign (Natascha Katz) stimmungsvoll, atmosphärisch bestechend, aber nie aufdringlich oder gar überladen. Die junge, international besetze Cast (41 Künstler aus acht Nationen) zeigt sich voller Dynamik, was sich vor allem in der Umsetzung der ungemein packenden Choreografie von Wayne Cilento offenbart. ”Aida” beweist, dass es keiner vordergründigen Effekthascherei bedarf, um eine Geschichte wie diese so zu erzählen, dass sie nahe geht und emotional berührt. Die Technik ist hier dezent eingesetztes Mittel zum Zweck und eben nicht Selbstzweck. Dennoch wirkt die Show opulent, ohne andererseits überfrachtet zu erscheinen. Sie nimmt gefangen, hat keine Durchhänger und macht, trotz des tragischen Ausgangs der Geschichte, einfach Spaß. Mehr kann man eigentlich nicht verlangen.

In der altägyptischen Abteilung eines nicht näher beschriebenen Museums der Neuzeit begegnen sich zu Beginn des Stücks zufällig zwei junge Leute. Und sie sehen jenen beiden Liebenden von vor 3000 Jahren, von denen das Stück in Folge erzählt, verblüffend ähnlich . . . Eine Statue erwacht zu Leben und beginnt zu singen: ”Jede Geschichte handelt von der Liebe”. Die Wände des Museums verwandeln sich, simsalabim, in eine Landschaft im Nildelta – und wir befinden uns im Ägypten des Jahres 1550 vor unserer Zeitrechnung, als die Armeen des von Expansionsgelüsten und Eroberungsdrang getrieben Pharao die Völker ringsum unterjochten und ausbeuteten. Die Statue entpuppt sich als Amneris, die Tochter des gottgleichen Herrschers, der ihr Dauer-Verlobter, ein gewisser Radames, einst Hörner aufgesetzt hatte..

Radames war kein unbedeutendes Kerlchen, sondern der militärische Führer der alles plattwalzenden ägyptischen Kriegsmaschine. Und er war strategisch äußerst geschickt und erfolgreich. Dummerweise verliebt er sich in Aida, eine nubische Prinzessin, von der er aber nicht weiß, dass sie eine solche ist. Er verschleppt sie als Sklavin aus ihrer Heimat und macht sie seiner Verlobten zum Geschenk. Die tiefen Gefühle der beiden zu- und füreinander entwickeln sich erst allmählich, aber dann mit finaler Wucht. Erst fängt es ganz langsam an, aber dann . . .

Der Erwartungs-Druck, der vor allem auf den beiden jungen Protagonisten Florence Kasumba und Mathias Edenborn lastet, ist enorm. Warum sie sich hier und jetzt unbedingt an den großen Broadway-Vorbildern messen lassen sollten, ist nicht ganz verständlich. New York ist weit weg, und unter der deutschen Zielgruppe dürfte das Stück in den USA nur ein verschwindend geringer Prozentsatz gesehen haben. Insofern ist es auch müßig und überflüssig, Parallelen oder personelle Vergleiche zu ziehen. Die Essener Inszenierung soll schließlich dem deutschen Publikum gefallen – und nicht dem Musical-Jet-Set. Und sie wird es.

Maricel macht Amneris zum Star der Show

Trotz des klassischen Liebes-Sujets ist Aida in Essen eher ein Stück über zwei gegensätzliche starke Frauen, die Nubierin auf der einen, und die Pharaonen-Tochter auf der anderen Seite. Es ist aber letztere und weniger die Titelheldin, die am nachhaltigsten abräumt. Durch Maricel gewinnt diese Figur das mit am Abstand stärkste Profil. Stimmlich wie von der Darstellung her ist die Hannoveranerin bestechend und die dominierendste Persönlichkeit auf der Bühne. Maricel macht ihre Amneris zum unbestrittenen Star der Show: verwöhnt, verzogen, selbstverliebt, ein klein wenig unterbelichtet und nur auf modische Äußerlichkeiten fixiert.

Ihre turbulente Modenschau (”Mein Sinn für Stil”/”My strongest suit”) ist einfach zum Brüllen und das urkomischten Element der gesamten Aufführung. Man hätte sich noch mehr von diesen comedyhaften Einfällen gewünscht, ebenso wie von der grandiose Gospel-Hymne zum Finale des erste Aktes, die die Sonne Nubiens aufgehen ließ.

Amneris zeigt sich mal komisch, mal verletzlich, mal arrogant, mal weinerlich und ein klein wenig schwer von Begriff, das aber stets in feinen Dosierungen. Erst ganz allmählich (und zu spät) reift die Erkenntnis, dass es auch jenseits von Schminke und teuren Klamotten noch Bedeutungsvolles und wirklich Wichtiges im Leben gibt. Als sie kurz vor der geplanten Hochzeit dahinter kommt, dass ”ihr” Radames mit der schwarzen Perle angebandelt hat, verurteilt sie die Beiden dazu, gemeinsam zu sterben. Sie schüttet viel Sand in deren Lebensgetriebe. Immerhin erweist sich die Blondine nach der Thronbesteigung – Papi war von Radames Vater Zoser vergiftet worden – als weise Herrscherin, was ihr niemand zugetraut hätte.

Ein Tandem mit viel Potenzial

Die junge Florence Kasumba verleiht der Titelrolle viel Würde und Authentizität, agiert überzeugend und besticht durch eine umwerfende Mimik. Ob als Prinzessin oder Sklavin, sie bewahrt majestätische Haltung. Ihr Bühnen- Boyfriend Radames (Mathias Edenborn) hat viel vokale PS, kämpft aber noch mit der Aussprache. Ob als (sympathischer) Krieger ohne Furcht und Tadel oder als Lover, bei den Dialogen wirkt er noch etwas unsicher, was etwas auf Kosten der Glaubwürdigkeit geht. Doch der Schwede wird sicherlich noch mit dieser schwierigen Aufgabe – es ist seine erste große Hauptrolle in Deutschland – wachsen. Er und seine Partnerin haben viel Potenzial.

Kristian Vetter – ein bärenstarker Bösewicht

Unter den Herren der Schöpfung macht Kristian Vetter die mit Abstand beste Figur, stimmlich wie darstellerisch. Sein ”Zoser”, der Papi von Radames, ist der am stärksten und glaubwürdigsten ausgebildete Charakter. Der auf böse und gemeine Rollen abonnierte dänische Rock-Tenor gibt dem intrigenhaften, skrupellosen Strippenzieher, der seinen Bub (als Marionette) unbedingt auf dem Pharao-Thron sehen möchte und dabei über Leichen geht, ein herrlich fieses, gnadenlos überzeugendes Gesicht. Die anderen Rollen sind weniger entwickelt. So erhalten Lutz Ulrich Flöth (als siechender Pharao), Joel Karie (Radames’ Haus-Faktotum Mereb) und Daniel White (Aidas Vater und König von Nubien) nur wenig Gelegenheit, ihre Begabungen durchscheinen zu lassen.

JÜRGEN HEIMANN
Quelle: Jürgen Heimann

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