Swing Time in Essen: Kein Gute-Laune-Stück aus der Wohlfühl-Schublade

Packendes, ambitioniertes Musiktheater über „Niggermusik“ , Jugend und Unterdrückung im 3. Reich

”Swing Time”, die neue Produktion des Musicalensembles Nordrhein-Westfalen ist kein leichtverdauliches Gute-Laune-Stück aus der schlicht getischlerten Wohlfühl-Schublade. Und eine Happy-End-Garantie gibt’s schon garnicht. Insofern ist der Titel, der pulsierendes Partyfeeling mit einem gehörigen Schuss bes(sch)wingter Leichtigkeit des Seins verheißen mag, auf den ersten Blick auch irreführend. Die pulsierende, rhythmisch-dynamische Musik kann und will den düster-bedrückenden Grundtenor des Sujets nicht übertünchen.

Der Stoff ist dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte entnommen – dem Dritten Reich. Es geht um Jugendliche unterm Hakenkreuz anno 1939 und vor allem um solche, die mit diesem und anderen Nazi-Symbolen nix am breitkrempigen Hut hatten. Die Swing-Kids waren zwar nur eine verschwindend kleine Minderheit unter den von den braunen Schergen ob ihres Nichtangepasstseins verfolgten und gegängelten Abweichlern, aber an ihrem Beispiel bzw. Schicksal läßt sich die ganze menschenverachtende Intoleranz des Systems veranschaulichen.

Großartige Inszenierung mit bescheidenen Mitteln

Eine jener schillernden Hochglanz-Produktionen, wie sie ja heutzutage fast obligatorisch sind, hatten die Macher von Anfang an nicht im Sinn. Dafür fehlt ihnen auch das nötige Kleingeld, was andererseits kein Manko sein muss. Die Inszenierung von Cornelius Knüpffer, die vor wenigen Tagen Welt-Premiere feierte, beweist, dass sich schon mit bescheidenden Mitteln Großes und Eindrucksvolles bewerkstelligen läßt. Und sie entlarvt High-Tech und Bühnenbombast als im Grunde genommen verzichtbar. Alle anderen Zutaten stimmen: Ein gutes Buch (Cornelius Knüpffer, Tonja Wiebracht, Hartmut Schrewe), überzeugende Dialoge (Hartmut Schrewe), eine zündende, energiegeladene Musik (Dietmar Mensinger, Frank Engel, Hanno Beckers), eine furiose, atemberaubende Choreografie (Sven Daum) und vor allem eine ambitionierte, hochmotivierte junge Cast. Musiktheater, wie es eigentlich packender und unmittelbarer nicht sein kann.

Zwischen Werkbank und Count Basie

”Tor 2”, eine ehemalige Montagehalle im Essener Stadtteil Werden, ist kein mit Millionen hochgerüstetes Industriedenkmal. Die Örtlichkeit versprüht den spröden, aber heimeligen Charme des Unvollkommenen. Es scheint, als sei sie in aller Eile mal eben hergerichtet und umfunktioniert worden. Jeden Moment kann die Nachtschicht im Blaumann antreten. Der Publikumsbereich eine nach oben ansteigende Stahlrohrkonstruktion, auf der gerade mal 300 Leute Platz finden, die Bühne ein nur unwesentlich erhöhtes Podest mit sparsamer, aber liebevoll zusammengestellter Möblierung. Hier dreht, hebt und senkt sich nichts. ”Eddy and the Windsors”, die fidele zwölfköpfige Band unter der Leitung von Robert Bonsmann, thronen darüber auf der Empore. Schon nach den ersten Takten wird klar, warum diese ”Swing-Kids” weiland so vehement auf die Musik eines Benny Goodman, Nat Gonella, Tommy Dorsey, Count Basie oder Glenn Miller abgefahren sind und darauf ihr Lebensgefühl gründeten.

”Swing High” statt ”Heil Hitler”

Jazz und Swing waren die Popmusik jener Zeit. Die Nazis bekämpften und unterdrückten sie, und deren Fans natürlich auch. Die waren im Grunde ihres Wesens völlig unpolitisch, lehnten sich halt nur gegen die Uniformität und Gleichschaltung ihrer Umgebung auf. Swing-High statt Heil Hitler! Sie wollten frei sein, Party machen, tanzen, flirten, cool sein, Sex haben – und brachten dies in Gehabe, Sprache und Outfit auch deutlich und provokativ zum Ausdruck.

Und das tun auch Bruno und seine Freunde, bis sich dessen kleiner Bruder Fritz von der Clique absondert und zur HJ überläuft – weil er sich dort ernst genommen und akzeptierter fühlt. Das Ende vom Lied ist zugleich das jähe Ende einer ausgelassenen, ”hotten” Silvesterfete und das Ende des Stücks: Sie alle landen, von den Nazi-Schlägern aufgemischt, im Knast. Was ihnen dort widerfährt, bleibt mehr oder weniger unausgesprochen, läßt sich aber erahnen. Nur Bruno kommt ungeschoren davon, weil der kleine Bruder ein gutes Wort für ihn eingelegt hat. Er spuckt diesem voller Abscheu für den Verrat ins Gesicht.

Mit Hingabe und Intensität

Die Charaktere sind sehr glaubwürdig herausgearbeitet und fein gezeichnet. Mit Ausnahme der stimmstarken Inez Timmer als jüdische Fotografin Greta Fuchs sind die übrigen 14 Darsteller (noch) weitestgehend unbekannt, was sich hoffentlich bald ändert. Tobias Dürr als Bruno, Sven Prüwer als sein jüngerer Bruder, Eric Rentmeister als ”Cool Lord”, Isabell Classen als Brunos Freundin Anna Dörfler oder Lynsey Thurgar als amerikanische Cousine von Bruno und Fritz agieren, wie alle anderen, mit großer Intensität, Ausdruckskraft und Hingabe. Volker Hanisch als intellektuell etwas unterbelichteter SS-Obersturmbannführer Richard König erntet durch sein hölzernes und aufgeplustertes Gehabe die ersten Lacher, doch die bleiben dem Publikum in Folge im Halse stecken.

Prickelnde Partitur

Die Partitur wird, klarer Fall, vom Swing dominiert, macht aber auch Anleihen bei Tango, Charlston und Marsch. Und die ein oder andere balladeske Weise schleicht sich auch ein. Die Musik ist dieser Kombination erfrischend kurzweilig und unterstreicht die Handlung trefflich. Weniger in die Beine, denn ins Ohr und ans Gemüt geht die Hymne an die persönliche Freiheit am Ende des ersten Aktes, in der Greta Fuchs und die Gebrüder Vollmer aus natürlich unterschiedlichen Sichtweisen heraus ihren Träumen Ausdruck verleihen. Überhaupt gibt es keine Hänger, der Spannungsbogen bleibt bis zum Schluss erhalten. Gute, anspruchsvolle Unterhaltung, die sich nicht nur mit einem Kratzen an der Oberfläche begnügt, sondern schon etwas tiefer schürft. Sie wird natürlich kaum jene erreichen, berühren und nachdenklich stimmen, die aus der Geschichte nichts, aber auch gar nichts gelernt haben. Schade. Aber Glatzen und ihre anderen tumben Brüder und Schwestern im Geiste bevorzugen nun mal andere Kost.

Sie tanzen weiter bis zum Jahresende

Dem Untertitel des Stücks soll zunächst bis Ende Dezember entsprochen werden: ”Wir tanzen weiter”. Insgesamt 38 Vorstellungen stehen auf dem Spielplan. Karten zum Preis zwischen 20 und 40 Euro sind unter anderem im Internet unter www.ticketonline.de buchbar. Hingehen! JÜRGEN HEIMANN
Quelle: Jürgen Heimann

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