Annika Bruhns ist als zweite Elisabeth keine zweite Wahl, sondern eine echte Trumpf-Karte

Für viele mag es nur sehr schwer vorstellbar, ja sogar ausgeschlossen sein, dass es jemanden geben könnte, der Pia Douwes in ihrer Lebensrolle als Kaiserin Elisabeth auch nur annähernd Adäquates entgegensetzen könnte. Der niederländische Top-Star hat die Latte da verdammt hochgehängt, und bekräftigt dies seit Mitte März Abend für Abend im Essener Colosseum-Theater aufs Neue. Die künstlerischen Fußstapfen, die diese außergewöhnliche Frau setzt, sind groß, vielleicht zu groß, als dass andere da hineintreten könnten.

Klar, wollen die meisten, die nach Essen kommen, möglichst die Wiener Ur-Sissi (und ihr tödlichen Liebhaber Uwe Kröger) auf der Bühne sehen. Weist die Castliste andere Namen auf, gibt es hier und da lange Gesichter. Angesichts dieser Erwartungshaltung hat die alternierende Erstbesetzung einen schweren Stand. Aber es ist eine Joop van den Ende-Produktion. Allein schon dieses Güte-Siegel garantiert, dass selbst die winzigsten Parts hochkarätig bestückt sind und es personell keine Qualitätsabstriche gibt. Und das gilt natürlich erst recht für die Hauptrollen.

Die Frau, die die Douwes vertritt, heisst Annika Bruhns. Und sie ist phantastisch! An diesem Freitag, dem 25. Mai, soll sie das 15. Mal die Kaiserin verkörpern. Ansonsten gibt sie sich in dieser Inszenierung fünfmal die Woche verrucht – als Freudenhausbesitzerin Frau Wolf. Parallel dazu spielt sie Elisabeths Mutter Ludovika.

Der Druck ist groß

Die Hamburgerin, seit 17 Jahren im Geschäft und in unzähligen Musical-Schlachten erprobt, ist aufgeregt wie ein Teenager vor dem ersten Rendezvous. Der Druck ist übermächtig, die erwartungsvolle Menge im vollbesetzten Auditorium muss ihr wie ein gesichtsloses, gefährliches Tier erscheinen, das nur darauf wartet, dass sie einen Fehler macht. Aber sie macht keinen.

Annika Bruhns weiß natürlich um die Skepsis und gewisse Vorbehalte ihr gegenüber. Passionierte ”Elisabethianer”, die die Show möglicherweise schon in Wien (ob mit Pia oder Maja Hakvoort in der Titelrolle) oder zuletzt Scheveningen gesehen haben, mögen ihr trotz aller Reputation, die sie in der Szene genießt, nicht zutrauen, diese anspruchsvolle Rolle aus- und mit Leben füllen zu können. Sie müssen sich eines Besseren belehren lassen.

Glaubwürdig, souverän, mitreißend

Respekt! Diese Kaiserin ist majestätisch, stark und authentisch im Ausdruck, stimmlich bestens disponiert – und nebenbei bildhübsch. Spätestens bei ”Ich gehör’ nur mir” , wo sich zwangsläufig die Spreu vom Weizen trennen muss, wird offenkundig, dass diese Frau mitnichten zweite Wahl ist. Der tosende Applaus, die Welle der Sympathie, die ihr, nachdem der Damm einmal gebrochen, entgegenschlägt, verleiht der Künstlerin zusätzliche Sicherheit. Souverän und selbstbewusst und in ihrem mitreißenden Spiel immer flüssiger werdend, formt sie die ambivalenten Charakterzüge der österreichischen Märchenprinzessin aus. Mühelos und glaubwürdig verkörpert sie die jugendlich unbekümmerte 16-Jährige, ebenso wie die verbitterte, aller ihrer Illusionen beraubte 60-jährige am Ende eines verkorksten Lebens.

Majestätisch und atemberaubend

Ein atemberaubender Anblick, als diese Frau vor der Show im Kaiserinnenkleid die Stufen im Foyer des Closseums hinunterschreitet, um sich den Fragen der wartenden Journalisten zu stellen. Sie sei total nervös, verrät sie. Aber man sieht es ihr nicht an. Unlängst hat sie ein Kritiker übelst niedergemacht. Daran hat sie immer noch zu kauen, gesteht der sympathische Blondschopf. Als solcher ist die Bruhns unter der kunstvollen Schwarzhaar-Perücke allerdings nicht auszumachen. George Bernhard Shaws weise Worte, Kritiker seien wie Hennen, die gackern, wenn andere Eier legen, mögen ihr über diesen selbstherrlichen, unfairen Verriss hinweghelfen. Trotzdem tut so etwas natürlich ziemlich weh.

”Die absolute Herausforderung”

Elisabeth sei eine absolute, totale Herausforderung für sie. Nur die Option, diese charismatische Figur darstellen zu dürfen, habe sie bewogen, sich von ”Falco meets Amadeus” in Berlin, wo sie als Tod/Kommissar reüssierte, zu verabschieden. Bereut hat sie diesen Entschluss nicht. In dieser Joop van den Ende-Produktion mitzuwirken, sei für Musical-Darsteller so etwas wie ein Ritterschlag. Und es gibt momentan darüber hinaus keine Traumrolle, die da Hier und Jetzt toppen könnte. Welche Musik sie in ihrer Freizeit hört? Alles quer durch den Garten, von Klassik bis Pop, nur kein Techno oder Dancefloor. Lieblingsmusicals: Momentan laufen Frank Wildhorns (Jekyll & Hyde) Scarlet Pimpernel, Secret Garden und Aida auf dem CD-Player heiss.

Starke Frauen

Mit Pia Douwes verbindet die Bruhns eine langjährige, herzliche Freundschaft. Beide haben sich in früheren Jahren sogar schon die Wohnung geteilt. ”Sie ist eine wunderbare Freundin und eine Traumkollegin. Sie hat mich als Elisabeth, die ja eigentlich irgendwie ihr Baby ist, an die Hand genommen. Sie reisst mich als solche mit. An ihrer Darstellung kann ich selbst wachsen und reifen. Und ich freue mich riesig, dass wir endlich gemeinsam etwas machen können”.

Ein ehrliches, offenes Bekenntnis. So etwas wie Konkurrenzdenken oder Missgünstigkeit gibt es weder zwischen diesen beiden starken Frauen, noch zwischen den anderen Mitgliedern des herausragenden Ensembles. Die Hamonie ausserhalb des Scheinwerferlichtes strahlt schließlich auch auf das, was das Publikum zu sehen bekommt, ab. Selbiges tobt mit schöner Regelmässigkeit Abend für Abend in der ehemaligen, zum Musical-Palast umgebauten Krupp’schen Fabrikhalle an der Altendorfer Strasse.

Trumpfkarte

Elisabeth gilt ja nach nur wenigen Monaten Laufzeit bereits als der musical-ische Mega-Hit der Saison, bei dem von der Partitur und dem Libretto angefangen, über die Regie und die Choreografie bis zum Bühnenbild einfach alles stimmen. Und da sind die Künstler, die dieses geniale Gesamtkunstwerk erst abrunden und perfektionieren. In diesem Top-Aufgebot zählt eine Annika Bruhns zweifelos zu den Trümpfen.
Quelle: Jürgen Heimann

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